Ausgabe 
28.4.1915
 
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Lred w. Taylor +.

' Der Begründer derwissenschaftlichen ! Betriebs führ ung.

Aus Amerika kommt die Nachricht, daß Fred W. Taylor, der Erfinder des sogenanntenTaylor-Systems", gestorben ist. Er selbst hatte seinein Systeme das KennwortScientific Mauaae- ment" gegeben, ein Ausdruck, den man etwa alsw i s se n s ch a f d- licheBetriebsführu n g" verdeutschen kann. Der Kern dieses Systems besteht darin, daß Taylor auf das bisher fast ganz ver­nachlässigte Studium der menschlichen Arbeitsleistung, soweit sie lei d<nn im Dienste der Technik tätigen Arbeiter in Frage kommt, -um ersten Male die Methoden streng wissenschaftlicher Beobach­tung anwandte. Seit Leitgedanke war der, den Arbeiter selbst und die von ihm betriebene Arbeitstätigkeit bis zum kleinsten Bruch­teste dieser Arbeit zum Objekte strengster wissenfchastlicher Unter­suchung zu machen. Was bis dahin in dieser Hinsicht geschehen! ävar, darf ats völlig unzulänglich bezeichnet werden. Tapüir. der ülrigens auch als Erfinder des Schnelldrehstahles sich bekannt

Ö hat, schlug nun einen Lwllig eigenen Weg ein. ^Als ersten and seiner Untersuchung wählte er sich einen kräftigen Arbeiter, der bei der bekannten Stahlgesellschaft in Bethlehem Roheisenbarren zu verladen hatte. Ter Mann verlud, bevor Taylor seine Versuche mit ihm begann, etwa 121/3 Tons Eisen am Tag, eine Leistung, die etwa dem Durchschnitte der Tagesarbeit der dort beschäftigten Männer entsprach. Taylor begann nun »vir folgen! hierbei im wesentlichen der sehr klaren Darstellung seiner Versuche, die Ingenieur Fritz Röll vor einiger Zeit in denNaturwissen­schaften" veröffentlicht hat den Arbeitsvorgang von dem Augen­blick, in dem der Arbeiter sich niederbeugte, um den Barren zu! erfassen, bis zu jenem, in dem das Eisenstückl seinen Platz im Wagen gefunden hatte und der Arbeiter zu seiner Anfangsstellung zurück- gekehrt war, mit Hilfe der Stoppuhr oder Stechuhr in seine Zeit- und Bcwegungselemente zu zerlegen. So gewann er dieZeit­studie", die die Grundlage für die weitere Untersuchung abgab. Die Elemente dieser Zeitstudie wurden nun auf ihren Wirkungsgrad einzeln geprüft, d. h. es wurde jetzt jeder überflüssigen Bewegung! und jeder Kraftvergeudung, mochte sie noch so klein und unerheblich) erscheinen, nachgespürt, und auf Grund dieser Beobachtungen wurde nunmehr eine Formel für die höchstmöglichste Arbeitsleistung ge­funden. In derselben sinngemäßen Weise wie Bewegung und Kraftaufwand wurden die Ruhepausen verteilt, um eine Er­schlaffung des Arbeitenden zu vermeiden.

Hatte Taylor auf diese Weise eine genaue Feststellung der tat­sächlichen sowie der ideal möglichen Arbeitsleistung gewonnen, so begann jetzt erst der schwerste Teil seiner Arbeit: den Arbeiten dazu anzuleiten, daß er seinen Arbeitsvorgang nach dem vorge­dachten rationellen Arbeitspläne durchzuführcn lerne. Die man­gelnde Einsicht des Arbeiters, die natürliche Neigung zur Be­harrung auf überlieferter Arbeitsweise und manche andere ernste Schwierigkeit stellte sich bei diesem Versuche Taylor entgegen, und er mußte natürlich unter dem Arbeitsmatcrial eine Auslese vornehmen. Es gelang ihm aber schließlich doch, eine größere An­zahl Arbeiter in der gewünschten Weise auszubildcn, und der Er­folg, der hierbei erreicht wurde, lohnte allerdings die aufgewandte Mühe reichlich. Dieselben Arbeiter, deren Höchstleistung bisher etwa 12Vr Tons am Tage war, verluden nunmehr in derselben Arbeits­zeit ca. 47 Tons, ohne daß eine größere Ermüdung als früher festgestellt werden konnte. Damit erhöhte sich ihr Arbeitslohn von Mk. 4.60 auf Mk. 7.60, also um ettoa 60 v. H. und dieser gelvaltige Fortschritt war allein dadurch erreicht worden, daß ein bisher nutzlos verpuffter Kraftaufwand in produktive Kraftans- nützung Übergeleitet worden war. Als weitere Beispiele des Tay- lorschen Verfahrens mögen einige Ergebnisse angeführt sein, die ein Schüler Taylors: Gilbreth, erzielt hat. Gilbreth wandte das Verfahren auf die Tätigkeit des Mauerns an und es zeigte sich, daß auch bei diesem uralt überlieferten Handwerke eine schier un­glaubliche Vergeudung menschlicher Arbeitskraft getrieben »vird. Nachdem die Maurer umgelernt hatten, konnten sie statt, wie zuvor, 120 Steine in der Stunde etwa das dreifache Arbeitspensum' leisten. Auf der englisch-japanischen Ausstellung in London leitete Gilbreth eine kleine Japanerin, die im Zeitraum von 40 Sekun-^ den 24 Streichholzschachteln mit Firmenschildern beklebte, durch die Anwendung der Taylorschen Methode so lveit an, daß sie für die Beklebuny dieser 24 Schachteln nur noch 20 Sekunden, also die Hälfte der bisher benötigten Zeit, gebrauchte und damit ihre Arbeitskraft verdoppelte.

Taylor ist nun nicht bei der verhältnismäßig einfachen Me­thode stehen geblieben, die im obigen kurz beschrieben worden ist. Die Stoppuhr genügte nur bei jenen größeren Arbeiten, bei denen, wie beim Mauern oder beim Verladen, die einzelnen Bewegungs- und Arbeitselemente noch mit Hilfe der menschlichen Sinne von! einander getrennt »verden können. Dagegen hat er zur wissen­schaftlichen Untersuchung jener Arbeiten, ber denen die Bewegungs­folge eine raschere ist, die einzelnen Bcweguugen schneller inein­ander übergehen rmd der erforderliche Kraftanflvand nicht mehr mit Hilfe der Wage bestimmbar ist, neue, sehr sinnreiche, zum Teil freilich auch recht komplizierte Meßwerkzeuge konstruiert, die eigens dem jeweiligen Arbeitsvorgänge genau augepaßt sind. Solcl-e We rkzeuge hat er z. B. für die Untersuchung der Arbeitsleistung

beim Befeilen eines Etsenstückes ersonnen, währsch bei solchen Arbeiten, bei denen, wie z. B. beiin Drehen von Zigaretten, dev Kraftauflvand hinter der manuellen Fertigkeit zurücktritt, die rinematographische Methode mit Vorteil herangezogen wurde. Diese Andeutungen werden genügen, um eine Vorstellung davon

? u vermitteln, wie bahnbrechend Tavlors Leistung zu bcmteUeii ft. Er hat den Weg gewiesen, um die Uebertragung der Geschick­lichkeit auf alle Tätigkeiten der Industrie in bewußter Weise durchznführen. Schon ist in den Bereinigten Staaten eine Reihe großer nnd einflußreicher Unternehmungen nach dem Taylorsystem organisiert mrd anch deutsche GroßunternehMnngen, wie z. B. die Auergefellschaft in Berlin und die Optische Werkstätte von Carl Zeiß in Jena, tzrben die Einführung des Taylorsystems in ihren Betrieben vorbereitet.

Beliebte und unbeliebte Schulfächer.

Einen tiefen Einblick in die Seele der Schulkinder gewährt eine groß angelegte Untersuchung an über 2000 Schulkindern, die Dr. Georg Brandell ausgesührt hat, und deren Ergebnisse der Verlag von Johann Ambrosirrs Barth in Leipzig jetzt unter denr TitelDas Interesse der Schulkinder an den Unterrichtsfächern" als Beiheft der Zeitschrift für angcnoandte Psychologie und psycho­logische Sammelforschung veröffentlicht. Die Arbeit, die für Lehrer und Psychologen berechnet ist, dürfte fitr die Eltern von Schul­kindern nicht weniger anziehend sein. Die Untersuchung ist an schwedischen Schulkindern ausgeführt worden, doch hat der deut­sche Herausgeber entsprecherche Untersuchungen an deutschen Schul­kindern mitherangezogen. Es waren den Schulkindern eine Reihe von Fragen über ihr Interesse an den einzelnen Unterrichtsfächern vorgelcgt worden, nnd zu jeder Antwort sollte auch eine Begrün­dung gegeben werden; die Llllgemeinheit wird die Frage nach den beliebtesten und unbeliebtesten Schulfächern wohl besonders auzieben. Vollständige Klarheit hierüber läßt sich nicht erzielen. Bei Knaben sind Geschichte und Rechnen sicherlich besonders be­liebt, bei Mädchen Geschichte und Lesen; vielleicht beliebt sind bei den Knaben hierzu noch fremde Sprachen, Handarbeiten tu Holz und Metall. Unbeliebt sind bei den Knaben Sprachlehre, Gesang nnd Schönschreiben, wozu als unsicheres Fach Linearzeichen hin- zukommt; bei den Mädchen: Sprachlehre (unsicher: fremde Spra­chen), Rechnen, Rechtschreiben, Gesang, Schonschreiben und Turnen. An den einzelnen Unterrichtsanstalten und natürlich anch je nach dem Alter der Kinder »wechseln Beliebtheit und Unbeliebtheit der einzelnen Fächer. Zahlenmäßig gibt die folgende Aufstellung eine Uebersicht über durchschnittliche Beliebtheit oder Unbeliebt­heit der einzelnen Fäck)er; bei der Frage nach Beliebtheit einzel­nen Fächer entschieden sich unter den Knaben in Prozenten aus- gedrückt, für fremde Sprachen 17,8 (unbeliebt tvar dieses Fach bei 1,1), Geschichte .17,4 (1,1), Handarbeit in Holz 15,6 (2,9), Naturkunde 1o,1 (2,2), Linearzeichen 11,9 (1,1), Rechnen 8,4

(3.3) , Freihandzeichnen 8,1 (4,5), Lesen 6,v (4,3), Turnen 5

(2.4) , Handarbeit in Metall 4,8 (3,9), Geographie 4,7 (5), Buch­führung 3,6 (0,9), Katechismus 2,7 (2,7). Biblische Geschichte 2,4 (3,3), Aufsatzschreiben 0,8 (5,7), Schönschreiben 1.6 (6,4), Rccht- schreiben 1,4 (9), Sprachlehre 0,3 (16,4), Gesang 2,6 (16,8), Geo­metrie 0,7 (18,1). Für die Mädchen lautet die entsprechende Auf­stellung: Handarbeit 25 (1,2), Geschichte 21,2 (1,1), Hanshaltnngs- lehre 15,1 (3), fremde Sprachen 9,4 (0), Lesen 0.4 (1,8), Frei­handzeichnen 9,2 (6,1), Rechnen 6,9 (5,5), Turnen 5,4 (4,7), Geo­graphie 5,2 (5,1), Naturkunde 3,9 (4,1), Biblische Geschichte 2,1 (0,8), Buchführung 1,9 (2,0), Katechismus 1,7 (0,2), Aufsatzschrei- oen 2,1 (6,3), Schönschreiben 1,1 (8,5), Gesang 1,7 (15,6), Recht­schreiben 1.5 (15,6) und Sprachlehre 0,4 (22,1). Bel der Be»ver- ttlng nach dem Nutzen, die übrigens in zunehmendem vllter immer mehr in den Vordergrund ttitt, stellten Knaben wie Mädchen

. Rechnen, Schreiben nnd Lesen in dieser Reihenfolge an die Spitze. Was die Begründung angeht, die die Schulkinder für ihre Ent­scheidung angaben, so läßt slch feststeUen, daß sie sie bei unbelieb­ten Fächern häufiger »veglassen, als bei beliebten und mit dieser Rücksicht darum handelt es sich offenbar gingen die Mädchen weiter als die Knaben. Die Begründungen für Beliebtheit oder Unbeliebtheit einzelner Fächer sind besonders lehrreiche. Das Lob, das der Lehrer gespendet l)attc, hatte 6 Mädchen veranlaßt, ein Fach als das beliebteste zu bezeichnen; keiner der Knaben hatte so etwas als Begründung angegeben. Religion lieben die Knaben der Kleinkinderschnle am meisten,»veil ich ein guter Knabe wer­den will und dort (in der biblischen Geschichte) steht cs, »me ,ch das werde." Andere Knaben begründen die Beliebtheit der bib­lischen Geschichte damit, daß esinteressant sei zu lesen, wie die Menschen vor unserer Zeit lebten", oder daß esnützlich sei, zu »vissen, wie Gott von uns denkt". Lesen ist beit Mädchen der Kleinkinderschule unangenehm, weil sie Kopfweh bekommen, »venu sie so lange ins Buch gucken, oder »veil ihnen die Augen schmerzen, und ein Knabe gibt an:Es ist langweilig, wenn dasselbe mehr­mals besprocl)eu wird." Aussatzschreibeu ist bei den Mädchen be­liebter als bei den Knaben. Ein Mädchen liebt dieses Fach ant meisten:Da darf man Personen darstellen, »vie man selbst will, und in verschiedenen Dingen seine eigene Meinung zum Ausdruck bringen . . ." Sprachlehre lehnt ein Mädchen als unbeliebt ab, »veil ich glaube, daß die wichtigsten Teile der Sprache auch ohne