Ausgabe 
22.4.1915
 
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treibe so schnell tote MiöaÜch vor den in aroßer Zahl an rückenden Russen in Sicherheit dringen. Und seit TageSgvauen nrühte sich alt und jung, daS Vieh von der Weide einzutreiben und alle Wagen zu beladen.

Ties alles hörte sich nun die Mutter Meike Timoreit mit einemdlck Göttchen,.) Göttchen, wat soll dat bloß wäre!" an, und ihre zitternden Knie konnten die Schüssel mit den zu schälen­den Kartoffeln kaum noch aus dem Sck>otze halten.

Ta klangen draußen auf dem mtt roten Ziegeln gepflasterten Hlur stampfende Männerschritte, die Tür wurde ausgerissen, und eme Männerstimme schrie in die Stube:Tat Schwien mutt wej." Meike Tiinoreit sprang aus, die Kartoffeln kollerten auf dem mtt weißem Sand bestreuten Fußboden herum, und Grita wandte sich jäh um und rief erschrocken,Aber Batchen, ivat fall dat hete?"

Micks Timvrett, der Ehemann der Meike und der Vater der Grita, stand in der Stube. ,Loa, Watt füll dat hete?" höhnte er nach.Ick segg, dat Schwien mutt wej!"

Als sich dann die Familie Timor eit von dem ersten Schrecken erholt hatte, ging sie sinnierend und überlegend herum.Wo sull dat Schwien bliewe?!" Doch was kein Verstand der Verständigen sieht, das fand der jüngste Tinwrett, der zwölfjährige Wilhelm beim Abendbrot.

Mi schaffe es bove ov dem Bodden", meinte er und schob den Svirkeln ein Stück Schwarzbrot nach in den Mund, den immer hungrigen.

Donnaschlack!" sagte der LZater erleuchtet,kiek de Jung!"

*

Es war eine wider haarige Arbett, daS ungebärdige Schwein über die steile Leiter, die mtt aufgenagelten Brettern für das Tier gangbar gemacht war. in den Bodenraum zu bringen. Aber eS ging. Wie das vierbeinige Berntogen der Familie Timoreit in dem dunklen Giebelraum fürsorglich in einem Verschlag unterge­bracht war. da griente Micks in sich hinein:Nu kenne fo koame, de Deesbartels."

Tie Russen kamen auch, zwar nicht gleich, eS ging noch über eine Woche ins Land, und die Wannaguppchener, die nicht geflohen waren, hofften schon, sie kämen überhauvt nicht mehr. Aber an einem späten Nachmittag meldete sich das Verhängnis in Gestalt zweier Reiter, die wie verrückt durchs das Dorf galoppierten. Bier andere folgten langsam und vorsichtig nach. Dann kam eine grö­ßere Abteilung Infanterie, die sichs im Dorfe bequem machte und dort Quartier bezog. Timoreits versteckt liegendes Häuschen hatten sie anscheinend zuerst gar nicht bemerkt, urch die Bier saßen den ganzen Abend in banger, spannender Erwartung im dunklen Zim­mer Wilhelm lauerte vor dem Guckloch an der Türe, die beiden Frauen beteten leise murmelnd, angstvoll auf jedes Geräusch hor­chend, und der Vater lehnte nachdenklich an der Kachelofen ecke, die Hände in den Hosentaschen und den Priem aufgeregt im Munde hin und her schiebend. Da grunzte mrd guiekte oben das Schwein auf, stieß polternd an seinen Verschlag und warf irgend etwas um. Den TimoreitS fuhr ein gewaltiger Schrecken durch die Glieder. Wenn das Schwein sich so unvorsichtig aussübrte, sobald Russen im Hause waren, dann war's aus mit der Sckiweineherrlichkeit.

Wat satte wie bloß dohn?" jamnterte die Mutter. Ta hatte lviedn Wilhelm den erlösenden Gedanken:De Grita jeiht rop tour Schwien, op di hört'S dat meiste." Da fiel der Mittler ein Stein vom Herzen, denn Um die Grita hatte sie im geheimen mehr Angst als um das Familienvermögen, das Schwein. Schnell wurden die Belten der Grita inrd diese selbst raufgeschafft. Jetzt wareit beide in Sicherhett. Denn unter dem kleinen Dach, »u dem kern Aufgang führte, wenn stmn die Leiter wegnahm. würde nie­mand lebende Wesen vermutett. An diesem Abend blieben Timo­reits von den Russen unbehelligt.

Am andern Tag in aller Frühe wurde eine riesige Portion Schweinefutter eingerührt, auch Grita reichlich mit Essen und Trinken versorgt, uud kaum war alles raufgeschafft, da meldete Wilhelm vom Guckloch:De Rufs' koame!" Richttg. Unten auf dem Landweg, der von Wannaguvvchen nach Almedien führte, zog eine Jnsanterioabteilung mit Furagewage» dahin. Als die Sicherungsspitze auf linker Seite das versteckte Häuschen sah, blieb sie stehen, schien zu überlegen, und als die Kolonne herankam, lösten sich fünf Mann ab und ntarschierten auf die Kate zu.

Grita, sei still! de Rufs' koame!" Grita klappte oben die Falltür zu, der Vater stellte die Leiter in eine andere Ecke und setzte die dümmste Miene auf. über die er verfügte. Inzwischen warm die Fünf heran ge kommen. Zwei postierten sich vor die Türe, drei ttaten ein. Der Unteroffizier redete den Micks auf russisch an:Gdjä vrußia wüßtawil tschißawusch?" Die Timoreits

machten dumme Gesichter, und da übersetzte einer der anderen Russen die Fragen des Unteroffiziers in stolverndes Deutsch. Micks konnte von preußischen Soldaten nichts erzählen. Tann durch­suchten sie das Haus, fede Kammer, guckten in jeden Winkel. Timoreit mußte in den Keller voranssmchten Und dann ginq's in den Stall der Stall war leer.Gdjä ßwinia?" schrie der Russe den Timoreit an. und der Meike. die hinterher gekommen war. zitterten die Ktrie. Sie glaubte vom Tack>e her das Schwein ausguieken zu hören. Aber die .Russen hörten nichts, und Micks log etxrxiS vonSchweineseuche" undkrepiert", und dann fluch­ten die Russen fürchterlich und zogen mißttauisch und langsam ab.

Denn hier kein Schwein im HauS, wv jeder mindeste ts eine- hatte, das war seltsam.

Während nun die Russen im Hause herumrumorten, kauerte oben zitternd die Grtta neben dem Schwein und kratzte es mit einem Stück Holz im Genick, daß es behaglich schnaufte. Dem Schwein wurde es unter der liebevollen Behandlung rmmer wohl er, und Grita mußte alle möglichen Künste amvenden, unt ihren Pfleg­ling von lautem Freuden quieken abzuhvlten. Dabei lauschte sie aimstvolttitternd nach unten, auf das Stimmengewirr. Aber end­lich wurde eS still, und nach geraunter Zeit klopfte der Vater, und Grita konnte aus ihrer Schweinewarte herabklettern. Doch nicht für lange.

Wilhelm saß hinterm Haus auf dem Sandhügcl, von dem aus er das ganze Dorf überschauen konnte, auf dem Auslug. Zur Besperzeit rückten von unten her wieder einige Russen an. Mit ein paar gewaltigen Sätzen war Wilhelm zur Hintertüre herein: ,,De Rufs'! Grita! Dat Schwien!" Wie der Blitz huschte Grita die Leiter hinauf und schloß die Klappe. Während der Junge die Leiter hinten hinaus schleppte, donnerten vorn schon die Kolben an die Türe:Atwarjati paßtoj! kwartiera!" Diesmal war's schlimmer. Vier Mann kamen inS Quartier. Micks Timoreit wurde eS recht flau um den Magen, als er sah, wie die Russen es sich in seiner Stttbe bequem macksten, nachdem sie wieder das ganze Haus durchsttcht hatten. Wer er^ätte kein Litauer sein müssen, wenn es ihm nicht gelänge, die Russen Über den Löffel zu bar­bieren. Wenn nur Grita mit dem Schwein serttg würde: für da- übrige würde er schon sorgen. Nachdem er die ungebetene Gesellschaft ordentlich abgefüttert hatte, holte er d^e Kruke mit dem Wacholderschnaps aus dent Keller, und nachdem er selbst einen Ordentlichen hinter die Binde gegossen hatte, bot er den Russen an. Dann holte er die Ziehharmonika aus dem Schass und spielte alles, was ihm bekannt war. Es dauerte gar nicht lange, da waren die vier Russen sehr vergnügt; sie sangen, zwar nicht dasselbe, was Micks spielte, aber dafür laut, tranken und tanzten und nann­ten MicksBrrudderberz" unddaitsches Fraind". So gemütlich war's schon lange nicht bei Timoreits.

Weniger gemütlich freilich fand es die Grita bei ihrem vier­beinigen Schutzbefohlenen. Das Schwein war sicher musikalisch, und wenn Micks unten immer wieder in sein LteblingsliedLott is tot, Lott is tot" einfiel, da guiekte es fröhlich mit, und Grita stand eine Todesangst atcs, das man das unten höre. Sie strei­chelte, fütterte und kraute das Schwein abwechselnd. Redete ihm) zu, wie man sonst nur einem kranken Schwein zuredet, und schließlich schien es beariffen zu haben, daß eS sein Leben für die Familie Timoreit und das deutsche Reich erhalten müsse, denn so erzählte Grita sie brauchte ihm schließlich nur ms Ohr zu flüstern:Still, sonst holt dich de Rufs'!" da lag es ganz ruhig und muckste nickst.

yweiundeinenhalben Tag blieben die Russen in Wannagupp- chen. Dann schien es ihnen nickst mehr geheuer in der Gegend. Sie zogen ab, rückwärts und so schnell, daß sie sogar vergaßen, Micks Timoreits Kate anzuzünden. Tenn preußische Gardereserve pfefferte blaue Bohnen hinter ihnen her, und Hindenburg besorgte» ihnen etwas später bei Ortelsburg und Tannenberg den Rest. MickS Timoreit aber opferte sein vor den Russen gerettetes Schwein, das letzte von Wannaauppchen, als Siegesmahl für die preußisck^n Soldaten gegen blanke Taler ans der Kompagniekasse natüi> lich. Das war oas fröhlichste Schlachtfest bei Timoreits.

Permi

* Ein neues Verfahren der Daktyloskopie. Eine der schwierigsten Ausgaben der Polizeitechnik aus dem (Gebiete der Identifizierung der Verbrecher ist die, ein einheitliches Jden- tisizierungsverfahren zu schaffen, das gleichzeitig ein einheitliches Registrierversahren gestattet. Wie Oberpolizeiinspektor Weiß in einem Aussatz der Deutschen Strafrechts-Zeitung aussührt. scheint die Lösung dieses Problems nunmehr gelungen zu sein. Gleichzeitig haben zwei erfahrene Kriminalisten, der Direktor des argentinischen Erkennungsdienstes Juan Bucetich und der Kopenhagener Polizei­kommissar Dr. Hakon Jürgensen, ein Verfahren ausgearbettet, das auf denselben Prinzipien beruht und allen Altforderungen end­spricht. Während Bucetich seine Methode noch nicht genauer mit- geteilt hat, machte Dr. Jürgensen die seine aus dem Inter­nationalen Polizeikongreß der Oeffentlichk.it bekannt. Seine Me­thode weist neben anderen Vorteilen besonders den auf, daß jeder e i n z e l it c Abdruck der zehn Finger besonders registriert tvird, während früher alle zehn Finger gemeinsam auf ein und derselben Abdruckkarte registriert tvurdett. Dies neue monodaktylo- skopische Registrierversahren ermöglicht also, jeden einzelnen Finger besonders zu registtieren und ihm eine besondere Formel zu geben. Dadurch werden zehnmal soviel Karten und Formeln er­halten, als dies bei dent bisherigen Zehnsingerregistrierverfabren der Fall war. Den bisherigen Fingerabdruck-Methoden ha^ete sodann der Mangel an, daß die obersten Fingerglieder der Ver­brecher nicht abciedrückt. sondern gerollt wurden. Da aber der Verbrecher am Tatort keine gerollten, sondern stur abgedrückte Fingerspitzen hinterläßt, so gingen für den Erkennungsdienst die wertvollstett Bestandteile verloren, dettn die äußersten Fingerspitzen kamen mit ihren Mustern nicht mehr so genau auf den Kopier*