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Nordsee saß ihnen, beiden im Mut. Nun inarschiertei: sie über Frankreichs Gefilde. Ihnen -Ur Seite schritt der Sieg.
Wenn daS taktmäßige Singen sich unterwegs' von Kolonne »u Kolonne fortpslanzte, dann stimmte der blonde Hamburger, Fritz Steffens, mit seinem kräftigen Baß immer »uallererst an, Und der dunkelhaarige, schlanke, zartgebaute Doktor Drewing, der -neben ihm Schritt hielt, fiel dann summend ein. Wie zuversichtlich, wie froh daS klang!
,i$n der Heimat — in der Heimat,
Da gibt's ein Wiedersehn . .
Ja, die Heimat! Wenn Doktor Drewing seine Augen schloß, dann träumte er sich mit wachen Sinnen gedankenschnell in seine aeliebte Vaterstadt zurück — dann stand sein Elternhaus vor seinem inneren Blick. Am Fenster im Lehnstuhl mit dem verblichenen Bezug aus geblümten: Damast saß seine Mutter und schaute sehn- Nchtig in den kleiner: Spions der die Strahenzeile widerspiegelte. Kam denn der Briefträger noch immer n:cht? Sie wartete ja voller Sehnsucht auf die Feldpost, auf eine Kunde vom Sohn, vom Einzigen . . .
Seit die Frau Bau rat Witwe geworden, war er allein ihres Lebens Inhalt. Und auch ihm war keine Menschenseele auf der weiten Welt teurer und heiliger als seine alte Mutter. Bei jeder Rast auf dem Marsch hatte er an sie geschrieben — aus eroberten Festungen hatte er :hr siegessttahlende Grüße gesandt, vor dem Gefecht — in einem französisck)en Obstgarten — hatte er eilig ein paar Grußworte auf eine Karte hingcworfen — ..vielleicht ist's die letzte, die ich an die alte, geliebte Frau schreioe," hatte er dabei gedacht. Und dann nach gewonnener Schlacht — noch hatte alles in ihm gezittert vor hoher seelischer Erregung: „Sieg! Sieg! Mutter — ich bin unverwundet: Mutter, sorge dicht nicht um mich, Dein Gebet hat mich beschützt!"
Er sah im Geist seine Mittler beim Lesen dieser Zeilen, sah Tränen der Freude über ihre Wangen herabrinnen. Er kannte seine Mutter: sie zagte nicht, wenn sie sich auch grämte. Wenn sie anstatt des einen zehn Söhne besessen hätte — alle hätte sie freu- dig dahiuaegebeu zu Deutschlands Wehr, und doch zitterte ihr daS Herz in bangen Stunden, und jede Feldpostkarte ihres Jungen war ibr eine Erlösung.
Gestern erst hatte Doktor Tretving eine Antwort seiner Mutter auf seinen letzten Feldpostbrief gehabt. Er kannte die lieben Zeilen 'aft auswendig. Ganz so, nne sie sich im mündlichen Verkehr gab, chrieb sie auch — trotz allen Ernstes — mit einem erquickenden lnterton von Frische, ja, mit einem leisen Hauch von Schalkhaftigkeit.
„Von meiner Mutter Hab' ich die Frohuatur und die Lust zum Fabulieren," pflegte Doktor Drewing oft zu sagen. Er wußte es selber gar nicht, daß er eigentlich ein Dichter war. Dazu lag auch die Tapferkeit und Zähigkeit in der Natur seiner Mutter ib:n im Blut —- sie war eines Pfarrers Tochter von den friesischen Inseln. „Wer ftäubia das Wattenmeer um sich rauschen hört, fernab von allen: lauten Weltaettiebe, der lernt Menschen und Dinge mit anderen Augen anschauen" — diesen Ausspruch hatte der Sohn oft von der alten Frau veruourmen.
Ja, er träumte nun auf dem Marsch so oft — so oft vom grauen Wattenmeer, über das dann plötzlich die Sonnenblitze dahinliefen und alles in Blau und Gold tauchten. Das »var ein anderes Blau, als der Himmel hier! Die Sonne Frankreichs' brannte, die Straße, aui der das Regiment dahinzog, tvar in eine Staubwolke gehüllt, und des Doktors Nebenmann. Fritz Steffens, fragte beflissen: „Soll ich Ihnen mal den Tornister 'n büschcn! abnehmen, Herr Doktor?"
Tie wenigsten in der Kompagnie wußten, daß per Musketier Kurt Drewing im Frieden Dr. phtt und wohlbestallter Gymnasialoberlehrer war.
„Kamerad sollen Sie mich nennen, Stessens!"
„Jawoll, Herr Dok—, Herr Kamerad — also nicht, Sie wollen den Tornister selber wcitertragen, ein büschen schwer loirb er am Ende doch auf die Dauer. Unsereiner, der auf den Hamburgers Werften gearbeitet hat, der merkt die doppelte Last so gut ivie gar nicht. Es marschiert sich ja soweit ganz vergnügt. Herr Dok— Herr Kamerad, bloß, »venn die Feldpost doch bald wieder käme —" fügte Steffens seufzend hinzu.
Am nächsten Rasttag des Regiments kam endlich die ersehnte Feldpost, ratterte im Auto heran. Geduldig und so schnell wie möglich tvar sie den in Eismärschen dahinziehenden langen Kolonnen nachgeeilt. Nun hatte sie glücklich ihr Ziel erreicht und ward jubelnd empfangen.
Die sonnverbrannten Gesichter der Soldaten erglänzten, die Müden vergaßen, daß ihre Füße wundgelaufen waren: die, welche gegen Ende des langen Marschtages der Hunger geplagt hatte, dachten jetzt, n» sie die heißcrsehnten Nachrichten aus der Heimat in Händen hielten, nicht an Essen und Trinken.
Me waren mit einem Schlage satt — und frisch und aufs neue marschlustig:, denn die Heimat war ihnen plötzlich nahe, ganz nahe gerückt, sie stand mit einemmal mitten unter ihnen — die teure Heimat, ihr Heiligstes, um dessen Ehre sie ihr Blut nick) ihr Leben freudig in die Schanze schlugen.
Ja. die Heimat lachte ihnen entgegen auS dem Inhalt der vielen, vielen Feldpostpakete. denen man oft den weiten Weg bis hierher mit Pulver und Blei hatte bahnen müssen.
„Du^" lagt ein Reservist zun: anderen, und fein Gesicht, das
vvm Staub der Landstraße fast unkenntlich «worden ist tagsüber, erstrahlt bei seinen Worten, „Großmutter schreibt mir, ich hätte den zweiten Jungen beklommen, und meine Frau hat selber einen Gruß an den Rand des Briefes hingemalt. Kriegsjungen können wir brauchen!"
Die Kameraden gratulieren und schütteln dem jungen Vater die Hand. Lauter frohe, helle Mienen rin^herum.
„Wenn ich heimkomme, wird mein kleines Mädelchen sä-on laufen können," sagt ein junger Musketter, „sie soll immer nach meinem Bilde langen, das auf dem Tisch in unserer Wohnstube steht, und soll versuchen, am Tisch bvchzuklettern."
„Und wenn ich heimkomme", fällt ein anderer ein, „können meine Braut und ich endlich heiraten. Es langte ja immer nicht dazu, wir haben beide nichts»- fic und ich, und meine reiche Patentante wollte, ich solle mir auch eine Reiche ausfurben. Nun aber, seit .der Krieg da ist, soll sie, wie meine Grete mir schreibt, wie umgewandelt sein. Sie hat ihr Testament gemach und mich zu ihrem Erben eingesetzt. Bei Kriegszeiten muß man an alles denken, hat sie gesagt, und für mich sei ihr jetzt nichts zu schade. Ich fofl bloß heil nach Hause kommen, sagt sie, dann will sie uns die Hochzeit einrichten. Ich l<che euch allesamt ein, den ganzen Zug!"
Doktor Drewing saß auf einem Erdhüael abseits von den anderen. Er las bewegt den Brief seiner Mutter. Es waren warme, tapfere, gute Worte, wie eine echte deutsche Frau sie in den Zeiten der Not ftndet. Er bettachtete voller Rührung das Paar selbstgestrickter wollener Strümpfe, das seine Mutter dem Feldpostbrief beigefügt hatte.
„Mir hat sie wieder nichts gebracht, die Feldpost", sagte eine Sttmme hinter Doktor Drewing. Fritz SteftenS stand da, lang, breft. Miars höbe:: sich die Umrisse seiner Gestalt gegen den Abendhimmel ab. „Und ich warte doch so sehr, sehr auf eine Zeile von dabeim — aus Hamburg."
„Sie haben wohl eine Braut dort, SteffenS?"
Der blonde Hamburger lächelte verlegen. „Das nun gerade nicht — so weit waren wir noch nicht; aber sie meinte, als ich ihr Lebewohl sagte, doch, daß es mal etwas werden könne mit uns zweien, wenn ich wiederkomme. Sie ist solch eine Feine, Scheue, Herr Doktor, solch eine, die man immer ans Händen ttagen möchte, der man nie gut genug sein femitJ'
„Hat sie Ihnen denn noch kein einziges Mal geschrieben, seit Sie im Felde sind, Steffens?" ftagte Doktor Drewing.
Stessens schüttelte ihm sein Herz aus. Das Mädchen, das er lieb hatte, wolmte bei einer entfernten alten Verwandten von ihm zur Miete. Sie nähte für Geld außer dem Hause. Sie gönnte sich nie etwas, war immer fleißig. Ein paarmal am Sonntag war sie mft ihm spazieren gegangen, oder sie waren die Alster hinuntcrgefahrcn bis nach Winterhude. Das war aUes. Dann war der Krieg gekommen und der schnelle Abschied. „Schöne Worte habe ich nie machen kömren, aoer sie weiß eS, daß ich sie lieb habe; ich habe ihr auch noch extra geschrieben von hier aus
— aus Frankreich. Wenn bloß mein Feldpostbrief nicht verloren ist! Ganz genau Hab' ich ihr aufgeschrieben, wie meine Adresse im Felde ist. Wenn sie die nun am Ende nicht bekommen hat? WaS meinen Sie, Herr Doktor? Warum antwortet sie mir nicht? Ich begreif's nicht! Sie muß doch ivissen, wie sehr ich auf eiw liebes Wort von ihr ivarte."
Doktor Drewing sagte etwas Tröstendes. Der Brief würde ganz bestimmt bald kommen.
„Ach, meinen Sie wirklich. Herr Doktor? Ja, wenn die Hoffnung nicht ivär'! Mir ists immer, als stünde mein Herz still, wenn ich die Feldpost ankommen sehe, urtt> dann — ists wieder nichts."
„Habe,: Sie nur Geduld, Stessens, auch Ihnen wird die Feldpost bald etwas bringen."
,Hch Hab' auch von niemand anderem etwas zu erwarten, als von ihr —' der kleinen Lene. Meine Eltern sind lang' tot. Ich bin im Waisenhause groß geworden. Meine Verwandten sind drüben in Amerika. Ich bin allein, Herr Doktor, aber bisher hats mich nie gedrückt, — bloß jetzt, wo ich so sehe, wie die anderen alle sich über ihre Briefe und Karten fteuen, und an mich schreibt niemand — niemand —!"
Noch so manches Mal ratterte die Feldpost heran — aber Fritz Steffens ging immer leer aus. Er sagte schon kein Dort mehr darüber. Wenn der Doktor ihm mit einem Scherz oder einem herzlichen Zuspruch über seine Enttäuschungen hinüberhelfen nwllte. so nickte er nur stumm dazu. Er ließ den Kopf hängen und schaute nicht nach rechts, noch nach links. Wenns aber hieß: „Ter Feind!", dann spannten sich alle Muskeln in ihm, dann vergaß er die Feldpost und die vielen Enttäuschungen, die ihr Kommen ihm bereitet hatte, dann stürntte er vor une ein Wilder. Und eines Tages, nach einem Waldgesecht. suchte und fand ihn sein Kampfgerwsse halb bewußtlos, aus schurren Wunden blutend, im Unterholz, wohin er sich mit letzter Kraft geschleppt hatte.
Tann lag er auf dem Verbandplatz die ganze lange Nacht hindurch. Der Morgen jedoch, der dem Sciiwerverwuiidrten in das blasse, schmerzverzerrte Antlitz schaute, .var heU und strahlend.
Dicht neben SteffenS lag Doktor Drewing. Er hatte einen Schuß durch die linke Hand erhalten, als er seinen Kamrradcn «us dem Bereich des feindlichen Feuers, das noch immer hin uuv


