246
Sie ritten in der beginnenden Dunkelheit eng umschlungen nach Paris zu. Sie waren sorglos und glücklich: Was konnte ihnen nun geschehen? Als sie gegen Mitternacht in Bincennes ankamen, sagte Jan lachend zu Meilleraye:
„Ihr hattet wirklich recht, als Ihr meintet, ich ritte zur Hochzeit. Und dies ist mein Weib. Bis ich den König um eine neue Wohnung gebeten habe, will sie mein Gefängnis mit mir teilen. Ist der Abb6 zurück?"
„Eben angekommen."
Der Kommandant half Marie-Anne aus denr Sattel. Jan lachte.
„Ich erzähl' Euch den Scherz. Denn ich darf doch hoffen, daß Ihr die Einladung', mit uns zu speisen, annehmt ?"
Und sie hielten zu viert königliche Tafel, und Jan machte mit Meilleraye Brüderschaft, und Marie-Anne drückte unzähligemal Jose Maria die Hand. —
Freilich war die zlveite Höchzeitsnacht Jans nicht weniger ungestört als seine erste. Denn noch lange vorm Morgengrauen erschienen Soldaten vor dem Schloß und verlangten die Herausgabe der Frau de Jussac. Meilleraye lachte sie ans. Man sagte ihm, daß man bestimmt wisse, die Dame sei im Schlosse.
„Schert euch zu allen Teufeln," rief er, „die Dame, die im Schlosse ist, heißt Frau von Werth."
Aber die Soldaten lagerten sich unter vielem Lärm, und sie lagerten noch, als der Tag anbrach. Sie begnügten sich damit, einfach da zu sein, und hatten in: übrigen weitere Befehle des Kardinals eingeholt. Am Nachmittag forderte Richelieu Jan auf, zu ihm zu kommen, und Jarl machte sich fertig, denn er glaubte, daß ihm nichts geschehen könnte.
„Bleib hier," sagte er zu Marie-Anne. „Vor Abend bin ich wieder zurück."
„Hievblciben? Nein, ich geh' mit. Wenn du bei mir bist, habe ich Mut wie ein Wachtmeister. Also reiten wir."
„Reiten?" sagte Jan und nahm sie in den Arm. „Die Karosse soll angespannt werden?"
„Jan! Jan! Eines Reiters Weib, und soll gefahren werden?"
„Kenn' dich gar nicht so? Was ist in dich gefahren?"
„Das Leben, Jan!"
Als sie zum Kardinal kamen, sah er böse aus. Jan sagte resolut:
„Ta sind wir gleich beide, Eminenz."
Und als Richelieu ihre lebensprühenden, hellen Gesichter sah, diese beiben Menschen, die dicht und fest beieinander standen, schwieg er lange. Endlich zog ein Lächeln über seine Mienen. Er drohte Jan mit dem Finger.
„Werth! Teuselswerth! Ich konzedier' — Ihr habt die Parne gewonnen! Aber Ihr bürgt mir für Eure Gemahlin fortan!"
„Mit meinem Leben, Eminenz!"
„Aber die Sache hätte bös auslaufen können, Werth. Die von Corbeil hätten Euch fangen können, ehe Ihr in Vin- cennes wart!"
„Fangen? Ich hatte den Degen mit."
,>So, so. Und wenn einer meiner Leute zu Schaden gekommen wäre?"
-- - "5^ jyürb e schnurstracks zu Euer Eminenz gegangen
sein: Die Kerls haben mein ehelich Weib antasten wollen. Und Ich bin gewiß, daß Ihr gesagt hättet: Ihr tatet recht, Euer Weib zu schützen."
o c. "M^iU Ihr? Ich finde, Ihr spielt ein wenig mit mir?
r 2hr wißt, ich bin Euch gegenüber schwach. — Aber Hort, Eure Affäre geht zu Ende. Ihr habt einen vor- ttesflichen Anwalt bei dem Kurfürsten gewonnen, den jungen Kaijer von Oesterreich, Ferdinand den Dritten. Der setzt dem Max wacker zu, Horn herauszugeben — und ich denke, mit Erfolg."
Jan mußte an sich halten, um nicht laut zu jubeln. Aber seine Stimme zitterte vor Glück, als er sagte:
„Sieh da, der junge Kaiser! Habe mich also nicht in ihm getauscht!"
^hr reist, sehe ich Euch noch — Euch und Euer Gemahl. Uber Ihr müßt mir jetzt schon versprechen, später ein wenig an mich zu denken. Wollt Ihr?"
sagten beide wie aus einem Munde, denn im Glück vergißt man leicht alles Leid, das einem angetan ward.
™ März 1642 kam auf der Brücke von Dum- * in £a» • Breisach die Auswechslung zustande, nachdem Jan und Marie-Anne von der gefangenen Königin-Mutter Marie
in Saint-Germain in Ergriffenheit und von Paris mit lauten Feierlichkeiten Abschied genommen hatten. Mitten auf der Brücke trafen Horn und Werth mit ihren beiden Gefolgen zusanimen, sie sprangen vom Pferd und umarmten sich, nach guter, alter Kriegersitte. Dann bliesen endlich wieder einmal deutsche Trompeten zum Aufsitzen, und Jan und Marie-Anne atmeten wieder deutsche Lust.
13. Kapitel.
Am Scheidewege.
Auch Jose Maria atmete wieder deutsche Lust. Als Marie-Anne ihn aus ihrem Vermögen freigekauft hatte, war der Abbe von diesem Beweis der Freundschaft sehr gerührt. Ueberhaupt verband ihn mit Jans Weib ein starkes Band der Zuneigung; er wünschte sich nichts, als in ihrer Nähe sein Leben verbringen zu können, und da er fühlte, daß das unruhige Leben Jans ihn allmählich weniger anzog, nicht zum wenigsten, da Gelegenheit zu vertraulichen Gesprächen in den Kriegsläusten sich selten fand, so hatte er heimlich davon geträumt, daß er fortan im Hause Marie-Annes oder in ihrer Nähe, in irgendeiner vom Kriege schwer erreichbaren Stadt, leben könne. Aber er mußte sehen, daß. Jans Weib wenig Neigung zeigte, ruhig im Frieden ihres Hauses von den Gefahren und Siegen ihres Gemahls zu träumen. Es schien, als rvenn sie lange Jahre ein starkes, lachendes Leben in sich niedergezwungen hätte, das sich nun in einem prächtigen Mut entlud. Sie bestand darauf, Jan zu folgen, wohin es auch immer sei. Und Josä Maria sah einen holden Traum verblassen und schwinden, und er verstand sich, schmerzlich lächelnd, dazu, das alte Leben der Unruhe wieder auszunehmen.
■ Denn sie ritt mit, an der Seite Jans, zum Jubel der Soldaten, rittlings im Sattel, wie eine Amazone. Die Woge des Krieges schwemmte sie von Bayern nach Böhmen, von Sachsen an den Rhein, nach Köln, Niedersachsen, über Ströme und Bäche, durch verbrannte Fluren und schwarze Wälder, ^-ie schlief in Zelten uiib in Schlössern, in Schenken und unter dem Dache des gestirnten Himmels, immer mutig und srisch, heiter und stott. Sie sah die Flammen brennender Feindeslager, die ihr Jan übersiel, atmete den Pulverdampf der Schlacht, der ihn umwölkte, und grüßte die Kugeln wie Freunde, die um sie kraftlos niederfielen, nachdem sie in ihrer sausenden Wucht ihren Jan verschont. Sie empfing ihren Jan mit dem Rausche der Küsse und Umarmungen, wenn er ins Lager kam, versengt und geschwärzt, das Glück des Sieges ans der geröteten Stirn, und Jan ritt am Morgen nie aus, ohne daß ihr Mund dem stampfenden Pferd einen Segenswunsch in das Ohr geflüstert hätte.
Es war kein Wunder, daß Jan behauptete, jetzt doppelt zu leben. Zackerbombenundflöh! Und er schwor Jose Maria, daß er nie so gute Pläne gemacht habe, wie in den Armen seines Weibes. Sie war der Genius des Sieges für das ganze .Heer; die verrohten Veteranen wie die großmäuligen Neulinge schwuren bei „Frau Jan", und wenn sie etwas besonders Hübsches und Nettes erbeutet hatten, brachten sie es (sofern es nicht gar zu kostbar war, selbstverständlich) Frau Jan, und der ärgste Sündcnlümmel errötete wie ein Kind, wenn sie ihm zum Tank lachend einen wohlwollenden Schlag aus den verstruppten Kops gab. Als bei Jankau, wo der Schwede Torstenson den Kaiserlichen böse zusetzte, Marie- Anne ins Getümmel kam und so drei baumlange Schweden ihre Tatzen schon nach Frau Jan ausstreckten, befreite sie ein Trupp Reiter, die in ihrer Wut wie wilde Tiere heulten und die Schweden zerhackten, daß an ihren Leichen nichts Menschliches mehr war.
(Fortsetzung folgt.)
zeldpost.
Skizze von H edda von Schmid.
Seit jener Stunde, in welcher die beiden Scliulter an Schulter im Bajonettkampf mit dem Feinde gestanden hatten, seit jener heißen, furchtbaren, aber unvergeßlich siegreichen Stunde, waren \\c doppelt so sehr als vorher getreue Waffenbrüder: der junge Gymnairal-Oberlehrcr, der seinen friedlich,! Berus stolz und freudig mit dem ungewohnten Krieyslxmdwerk vertauscht halte, nild der Schlosser, ein Hamburger Kind, ein junger Hüne, der drein- schlug wie kein zweiter in der Kompagnie.
Doktor Trewing »var in Husum zu Hause. „Wir sind ja Nachbarn', hatte er seinen: Nebenmann gesagt. Die Liebe zur


