Ausgabe 
15.4.1915
 
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Wir reiten auch nach Corbeil. Nach der Stadt Corbeil."

Werden,ja sehen, was es gibt, dachte Jan und kitzelte seine Stute ein wenig mit den Sporeil. Es ging in ruhigem, befreiendem Galopp durch die Felder. Dann tauchten dicht an dem silbcrgrauen Strom die Türme der Stadt auf. Jan spähte nach links, aber ein gewisses Schloß, das er suchte, war wohl durch jene Hügellehne verdeckt. Gott ja, als er hier einmal nachts ritt, da lvußte er auch nicht, was ihm bevor­stand daß er ©riet sehen würde Griet. Die arme Griet.

Aus dem Weg, ihr Hamster!" schrie er wütend und jagte in einen Trupp Bauern hinein.

So etwas lebt," knurrte er,und sie!"

Es war eine nette, saubere Stadt, dieses Corbeil. Alle Häuser standen in Reih' und Glied, weiß und rosa, und keins war zerschossen und schwarz.

So," sagte Jose Maria und hielt.Wir wollen unsere Pferde einstellen, denn in den nächsten zwei Stunden brauchen wir sie nicht."

Ein guter, kühler Trunk würde mir nicht schadeil," meinte Jan und stieg ab.So gerade aus dem Keller in einer Tonkanlle! Holla," ries er plötzlich,was ist das?"

Er sah gerade über sich ein neues Wirtshausschild, frisch in Gold und Blau und Rot gemalt. Ta sprengte ein dicker Gaul mit gebogenem Hals und einem Schweif, der wie ein Wimpel flatterte, und auf dem Gaul saß ein großmächtiger Kavalier mit feuerrotem Gesicht, kohlschwar­zen Augen, groß wie Wagenräder, und einem Schnauzbart, der wie eine Feuersbrnnst leuchtete. Und der Reiter hatte Zwischen den Zähnen einen krummen Säbel uild in jeder Faust eine ellenlange Pistole. Ueber dem Bilde stand in verschnörkelten Buchstaben zu lesen:Au Jean de Werth".

holla," sagte Jan noch einmal und stieß den Abb6 in die Seite.Sieh dort."

Jos6 Maria verzog keine Miene.

Sollte man den Kerl nicht aufhängen, Jose Maria, daß er eine so greuliche Kreatur aus inir gemacht hat?"

Ich finde, er hat dich gut getroffen, Jan. Von den Augen abgesehen. Besonders die Gesichtsfarbe ist, wenn ich sie so vergleiche, erstaunlich natürlich."

Der Krug war noch halb voll, als sich ein dumpfes Glockengeläut eintönig und langsam über die Stadt zu schwingen begann. Der Abbs stand auf. Er sagte feierlich:

Mein lieber Jan, komm. Ich weiß hier eine alte Kirche, Saint-Spire, in die wollen wir gehen und zusam­men beten. Komm!"

Die Sache begann rätselhaft zu werden. Beten?

Wenn es einem Christenmenschen nicht übel stände, würde ich sagen, daß ich gerade jetzt wenig Lust zum Beten habe."

Du wirst beten, glaube mir," sagte der Abb6 nach­drücklich.

Der eintönige Glockenklang kam von Saint-Spire. Sie traten ein. Die düsteren gotischen Schisse waren leer. Josä Maria führte Jan in eine Seitenkapelle, da sah Jan die Platten des Fußbodens fortgenommcn; eine Gruft gähnte.

Ueber Jan stürzten schwere Gedanken. Er packte des Freundes Arm und raunte:

-,Was geschieht hier? Sprich! Was"

Die Gruft wartet aus einen Bewohner, Jan."

Er ^og in mit sich in das Mittelschiff.

Und für die Seele jenes armen Toten, Jan, wollen wir beten."

Jan packte ihn an beiden Schultern.

Jos6 Maria? Du? Rede! Was soll das alles! Treibst du ein ruchlos Spiel mit mir? Jener Tote du ist eS ein Weib? Ist es ?"

-,Nein. Ihr Gatte."

Jan ließ die Arme sinken und stöhnte befreit auf. Dann rieb er sich die Hände und sagte:

Ein rücksichtsvoller Kavalier, der Herr Jussac. Ab­zugehen ! Er war ein häßlicher alter Kerl im Leben aber nun er tot ist wohlan!"

Er kniete nieder.

Siehst du," flüsterte der Abb6,ich wußte es."

Und ich werde sie sehen?"

Der Freund nickte nur.

Als vom Eingang her das Geräusch von Schritten laut wurde, begann Jans Herz zu klopfen. Die Orgel begann m brummen. Schwer und taktmäßig dröhnte der Schritt der Träaer. denen die Bohre mit dem toten Jussac auf

den Schultern schwankte. Sie gingen an den Freunden vorüber. Und in dem Gefolge von zwölf, vierzehn Personen ;ing Eine, ttef verschleiert, aber aufrecht: Marie-Anne. Jan ah von der Seite die zarte Linie ihres Profils. Er mußte ich bezwingen, sonst wäre er aufgesprungen.

Die dumpfen Klänge der Totengebete schollen aus der Kapelle. Die Glocke läutete noch immer. Endlich hörte man den schweren Schlag der Grabplatte. Gebet und Glocke schwieg.

Und nun kam das Trauergesolge zurück. Merkwürdig viele Kavaliere, die nach Offizieren aussahen! Sie gingen in weitem Abstand vor Marie-Anne, die am Arme einer grauhaarigen Dame schritt. Jan sah jetzt ihr Gesicht. Es war ruhig und kühl. Ein weher Zug lag um ihren Mund', aber der schien nicht von dem Leid um Herrn von Jussac gezogen zu sein, den hatten Jahre gegraben. Ihre Augen waren leblos und verschleiert. In Jan kam' ein großes Mitleid empor, wie er sie so daherkommen sah, so-i seltsam, so abgestorben gleichsam. Mitleid und noch etwas anderes, dessen Bedeutung er jetzt noch nicht ahnte. Er begann unruhig zu werden. Jose Maria bemerkte es und sagte:

Vorsicht, Jan!"

Ich halt's nicht atls!"

Denk an sie. Sie wird beobachtet."

Aber plötzlich, gerade, als Marie-Anne drei Schritte von ihm -entfernt war, erhob er sich, so, als wäre sein Gebet eben beendet, erhob sich und machte Front, als wollte er sie vorüberlassen.

Da sah sie ihn.

Ihre Augen taten sich auf, wie Wetterleuchten in dunkler Nacht. Ihre Hände wuroen emporgezogen wie von fremder Gewalt, und um ihren Mund blüh-te ein zögerndes Lächeln auf, das Jan die Augen feuchtete.

Dann neigte sie fast unmerklich den Kopf und war vorbei.

Jan stand noch lange und schluckte an seiner Erregung.

Und als sie wieder auf dem freien Platz standen in der Hellen, lebendigen Sonne, preßte er Jos6 Marias Arm an sich und sagte:

Herzbruder! Alter Herzbruder! Ich bin kein Phi­losoph. Llber wer mir sagt, daß das Leben e.in Dreck ist, den will ich mit so guten Gründen abführen, wie meine Klinge je gesprochen hat. Sag', wachsen nicht Flügel auf meinem Rücken? Nein? Mir ist's, als könnte ich geradeswegs davonfliegen."

Jos6 Maria sagte lächelnd:

Uebrigens würde mir ein guter, kühler Trunk nicht schaden. Weißt du, so gerade aus dem Keller in einer Twnkanne!"

,Lmmer mit deinen irdischen Genüssen!"

Muß wohl, da du davonfliegen willst." Er klopfte ihn aus das wohlgerundete Bäuchlein.Uebrigens nimm dich in acht, daß du damit nicht an der Turmspitze hängen bleibst!" , j

(Fortsetzung folgt.)

Ludwig Nüdling.

Wenn sich mancher Leser sagen muß, daß ihm der Träger dieses Namens bezw. der Name selbst noch nicht begegnet sind, dann ist es nicht allein des Lesers, sondern zum Teil auch Nüdlings eigene Schuld: Ter Dichter Ludwig Nüdling, eine der vielseitigsten und tiefsten Erscheinungen in der katholisch n Literaten- welt, hat bisheran fast alles das unterlassen, was die Mitwelt von einem Poeten, den sie beachten und schätzen will, leider ge­meinhin erwartet: Er hat keine Reklame gemacht. Seine Lieder, verstreut auf losen Blättern, sind in alle Winde gegangen, undi im Buchhandel geben nur ein paar schmale Bändck)en von hem «rcich- quellenden Schaffen dieses echt deutschen Tichtergemüts Kunde. Ich singe, wie der Vogel singt.. ." undDas Lied, das aus der Kehle dringt, ist Lohn, der reichlich lohnet." Das Goethesche Charakteristikum des Sängers paßt in dieser Beziehung genau auf Nüdlings Sängertum.Frag' auch den Reif, warum er fiel, frag' jeden Stern, warum er sinkt" so antwortet er in seinem Tagebuch auf die Frage nach den Ursachen und Quellen seines Dichtens.

Nüdling ist in Gießen gleichwohl nicht ganz fremd. Mehrmals hat er in hiesigen Lazaretten den Verwundeten mit Proben seiner Kunst und seines Bottragstalents eine wertvolle Stunde geschenkt; und jüngst noch hatte in Frankfurt sein txitriotisches Märcheir-