Jön von Werth.
Roman aus dem Dreißigjährigen Kriage von Franz Herwig.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Jan fand Jose Maria im Gespräch mit dem Abbe de Saint Cyran, im Gespräch über die Gewalt des Papstes, die ihrer Meinung nach dadurch behindert würde, daß er sich bald diesem, bald jenem König in die Arme werfen inüsse. Diesen durch äußere Umstände bestimmten Wechsel der Politik des Papstes beklagten sie laut. Jan verehrte den französischen Geistlichen über die Maßen, heute aber wäre es ihm lieber gewesen, wenn er bald gegangen wäre. Als er sich endlich mit seinem gütigen Lächeln empfahl, hatte bei Jan die Erregung sich so aufgestaut, daß er Jbse Maria mit einer Sturzflut leidenschaftlicher Worte übergoß und den zögernden Freund nicht eher freigab, bis er ihm gelobt hatte, nach Corbeil zu reiten und sich dort ein wenig umzusehen, was er als Geistlicher, ohne anfzufallen, tun könne. Der Abbe ritt nun oft hinüber, mit Erlaubnis des Kommandanten von Vincennes; was er in Corbeil wirkte, verriet er Jan nicht. Uebrigens hatte dieser nichts dagegen, zuweilen ganze Tage allein zu sein, denn neuerdings fanden die vornehmen Pariser Damen an einer beson- derert Nachmittagsbelustigung Gefallen: sie kamen nach Vin- cennes und besuchten Jan. In der Tat, sie besuchten Jan. Es begann zum guten Ton zu gehören, mit Herrn von Werth ein Stündchen zu verplaudern, und wenn sie zuerst schüchtern waren, vielleicht auch sogar ein wenig Angst vor dem berühmten Kriegsmann zeigten, so wurden sie doch bald zutraulich und fanden altes, was Jan tat, hübsch, sogar das Rauchen. Da war es gut, daß Jos6 Maria nicht zugegen war; der hatte dann eine geradezu verdaininte Art zu lächeln, die Jan nicht wenig anfbrachte.
Er war lieber ungestört, gänzlich ungestört mit den Damen. Er erzählte ihnen Dinge, die sie mit süßem Gruseln erfüllten, und wenn die Wirklichkeit, die er erlebt hatte, tlicht ausreichte, nun wohl: wozu war er ein rheinischer Jung, dem das Fabulieren im Blute steckte? Nickten sich die Damen dabei hochrot und begeistert zu, so nahm er befriedigt einen herzhaften Schluck. Wenn er dann gar die bebänderte Laute nahm, sich auf die Tischkante setzte, ein Bein hochgezogen und mit seiner Hellen Stimme, die im Laufe der Jahre nur in den höheren Lagen etwas angerostet war, ein Reiter- und Schelmenlied sang, klatschten ihm zier1ick)e weiße Damenhände Beifall, und sein Ruhm wurde laut in ganz Paris. Es gab eine regelrechte Mode „Jan de Werth". Wer dieser Mode huldigte, durste sich sogar der Notwendigkeit nicht entziehen, mit spitzem Munde „Zackerbombennndflöh" zu sagen, und wenn die Damen auch nicht genrde Pfeife rauchten, so schmlpften sie doch
aus winzigen goldenen Döschen mit Emailledeckeln, schnupf ten, denn sie gaben Jan recht, der sagte: Tabak sei Tabah Das, was die Damen an Jan nickst nachmachen fomttert zum Beispiel die Art, den Schnurrbart zu tragen, mußte,, wohl oder übel die Herren Gemahls nachmachen, und st. sah man die Kavaliere herumlaufen, den Schnurrbart gestutzt „ä la Jan de Werth".
Und immer gab es üppige Essen und reizende Feste, bei denen der kleine Jan der Kirchturm war, um den die Tauben und Falken, die Dohlen und Sperlinge kreisten. -
Kein Wunder, daß Jan unter diesen Umständen in sonniger Heiterkeit strahlte, das; ein gewisses Lebcnssattes, Mürrisches, Jähzorniges, das in letzter Zeit ihm angeflogen war, abstänbtc wie die Asche, wenn Aschermittwoch vorbei.
Es paßte Jan auch so gar nicht, daß Jose Maria eines Morgens zu ihm sagte:
„Höre, Jan, ich denke, wir machen einen kleinen Spazierritt von fünf, sechs Stunden."
Dein! gerade heute war ein Maskenfest angesagt im .Bincenner Wäldchen, und Jan hatte der Marquise de Rossignol und der Frau de Guebriant, und wenn er sich recht entsann, auch der Frau de Gassion versprochen, zu foimiieit.
„Die Erlaubnis vom Kommandanten habe ich für dich ansgewirkt," sagte der Abb6.
„Aber wohin, und weshalb gerade heute?"
„Komm und frage nicht."
Jos6 Maria sah ungewöhnlich ernst aus, und Jan kannte den Freund zu gut, uni nickst zu wissen, daß dann auch etwas Ernstech im Gange lvar.
„Uebrigens," setzte der Abbe hinzu, „wird es dir guttun, einmal dem heiteren, leeren Geplapper der Pariser Damen ein wenig zu entsliehen imb dem bitteren Leben in die Augen zu sehen."
Sie ritten in schlankem Trabe um die Mauern von Paris und die Seine auswärts, immer durch ein weites, besonntes Land, aus dem die Weizenernte im Sommerwinde lvogte. Es war lange her, daß Jan solche blühende Felder gesehen hatte. Daheun in Deutschland, lieber Gott, da wuchs und stand das Unkraut aus zerstampften Breiten, lind lvo hier Helle Bauernhäuser lustig rauchten, dampften dort schlvarze Ruinen, aus denen verwilderte Hunde mit bösem Gebell flohen.
„Hier könnte eine ganze Armee sechs Wochen lagern und litte nicht Not," sagte Jan und lachte.
„Kannst dein scheußliches Metier nicht vergessen?"
„Doch. So sehr vergessen, daß ich Lust hätte, abzusteigen und inici) eine Stunde oder zwei auf den Hang zu strecken. — Uebrigens, wohin reiten wir?"
„Die Seine hinauf!"
„Tie Seine hinaus, Jose Maria ?" Jan blinzelte. „Doch nicht nach — nach einem gewissen Schloß?"
„Nein."
„Aber es ist die Richtllilg nach Corbeil, wenn ich nicht ganz ttntauglich für einen Soldaten bin."


