Neben Siegesjubel aing schweres Leid einher, alle Werte waren verschoben, umgeschaltet, die Welt schien auS ihren Angeln gehoben.
Der Feind war von den Grenzen des Reiches verdrängt und Aon weit im eigenen Lande bedroht. G-kockentöne und flatternde Fahnen hatten die großen, berauschenden Siege des ersten drauf- gehenden Anstürmens verkündet. Hoch brandete die Begeisterung, jeder wuchs über sich selbst hinaus und die hochgespannte Erwartung glaubte das Unmöglichste erreichbar.
Wie Mehltau legte es lich deshalb auf die erregten Gemüter als die Zeitungen spärlicher von stürmenden Siegen, desto mehr^ aber von der unritterlichen Kampsesart der Gegner und ihren verruchten Plänen berichteten.
Die vorbereitende Ruhe draußen legte sich als beklemmende Angst auf alles pulsierende Leben, die Weltgeschichte hielt den Atem an.
Nun hatte der Schleier der Nacht sich über alles Auf und Nieder der Gefühle gebreitet und erlösender Schlummer das Bewußtsein von Freude und Leid ausgelöscht.
Nur in dem Stübchen einer einsamen Frau leuchtete noch milder Lampenschimmer auf ein tränenschweres Antlitz hernieder. Sie schrieb an ihr Kind, das draußen vor dem Feinde stand.
Fast noch ein Knabe, hatte seine leidenschaftliche Begeisterung sich den Eintritt in das Heer erzwungen. Mit den herrlichen Siegesnachrichten waren auch seine jubelnden Briefe gekommen, durchglüht von der Freude des großen Erlebens und Mütterchens Antworten spiegelten die gleiche Freude wieder.
Der Wandel draußen gab sich mm auch in den Briefen des Sohnes kund, sie waren ruhiger, reifer, abgeklärter geworden. Der knabenhafte Ueberschwang war dem Ernste der schicksalsschweren Zeit gewichen. Zwar sprachen sie von zielbennißtem Hoffen, aber auch von Anstrengungen, Entbehrungen. Kälte und körperlick^em Unbehagen — Grund genug, ein Mutterherz erzittern zu lasten.
Seit Wochen waren die Nachrichten dann ganz ausgeblieben, und nun schlug unbezwingliche Angst ihre Geierkrallen in die treue Mutterbrust.
Die Tage wurden ihr zu einer Kette sehnender Erwartung, wohl noch gezügelt von ruhiger Erwägung, aber die Nächte waren erfüllt von schreckhaften Vorstellungen und scheuchten den Schlaf von den tränenfeuchten Lidern.
Heute litt es sie nicht länger auf ihrem ruhelosen Lager und trieb sie ihren schweren Kummer in Worte ausströmen zu lassen. So schrieb sie in dieser stillen, vorgerückten Nachtstunde:
,Mein heißgeliebter Einziger! Tödliche Angst führt meine Feder. Lebst Du noch, oder hat die fremde Erde schon Dein teures Blut getrunken- Ich trüge es nicht. Tie Tage seit Deinem letzten Briefe haben sich mir zu Jahren gedehnt, meinen Scheitel gebleicht und meinen Nacken gebeugt. Der Schlaf flieht meine Augen und der Kummer ist mein steter Begleiter. Täglich biete ich auf den Knien dem lieben Gott mein Leben für das Deine an. denn! ohne Dich ist es doch wertlos für mich. Die heiße Mutterangst hat alle andern Gefühle in mir erstickt, ich kenne nur noch den einen Wunsch. Dich wieder in meine Arme schließen zu dürfen.-
£>ier hatte der Schmerz sie übermannt, schluchzend sank ihr Haupt in die auf^dem Tisckie verschlungenen Arme.
Aus leisen Sohlen kam der Schlummer herbei und führte ihre Seele ins Land der Träume.
Sie sah, wie die Feldpost rm Lager chres Kindes verteilt wurde. Jubelnd nahm ihr lieber Junge ihren Brief entgegen, bedeckte ihn mit Küssen und kauerte sich in einem Winkel nieder, um ihn ungestört zu genießen.
Nun sah sie aber auch, wie das von Anstrengungen und Entbehrungen sännal gewordene Antlitz beim Lesen länger wurde, ein schmerzlicher Zug sich um den Mund eingrub, aller Glanz aus den leuchtenden Augen verschwand und schwere Tropfen auf das Blatt in seinen zitternden Händen niederfielen.
Tann trieb's ihn in banger Hast zum Vorgesetzten, einen kurzen Urlaub zu erbetteln, der ihm naturgemäß abgeschlagen werden mußte.
Gebeugt, wie unter der Last von Jahren, schlich er davon, mechanisch dem Zwange seiner Pflicht bis zum Dunkelwerden sol- gend Dann hielt's ihn nicht mehr..Leicht und behutsam entledigte er sich seines Gepäcks und seiner Waffen, und begünstigt von der schwarzen Mitternacht, kroch er davon, bis bergendes Gestrüpp ihn aufnahm. In der unbegrenzten Möglichkeit des Traumes gelang die unselige Flucht. Immer noch im Traume, glaubte die Schlummernde ein leises Klopfen zu vernehmen. Zögernd öffnet sie die Tür und vor ihr steht ein beschmutzter, zerlumpter Mann mit den irren, scheuen Blicken eines Verfolgten und stürzt mit dem Aufschrei „Mutter" tn ihre zitternden Arme.
Keine Freude lag über diesem Wiedersehen, keine Frage wagte sich über die bebendeil Lippen der bestürzten Frau. E^chütterk und wortlos hielten sie sich umschlungen. Mit durch Angst verdoppelter Kraft bettete sie den Ersck>öpften und ließ sich wie in der Kindheit Tagen an seinem Lager nieder, indem sie ihre Hand aus seine glühende Sttrn legte.
War das ihr lieber sonniger Junge, der strahlend vor Stolz Und Gluck hinausgezogen- Was hatte in der kurzer! Frist aus dem halben Krnde einen müden, gebrochenen Mann machen können, so fragte sie sich beim Anblick der starren, vergrämten Züge und der scheuen Micke, die Pen ihren nicht zu begegnen wagten.
Unter dem magischen Drucke der güttgen Hand löste sich da» dumpfe Schweigen und keuchend brach es von seinen Lippen:
Mutter — Dein Brief — Deine Tränen — sie löschten alles in mir aus — nur ein unbezwingliches Heimweh nach Dir lösten sie. —
Ich sah sich die Türe dieses Häuschens öffnen — man trug einen schmalen Sorg heraus, dem mitterdige Nachbarn das letzte Geleite zum einsamen Grabe gaben — man ttug mir mein Mütterchen hinaus und sie starb um mich. Da hielt mich nichts mehr und äls mir der erbetene Urlaub verweigert wurde, vergaß ich Cid und Pflicht in dem einen brennenden Wimsche, an Deinem Herzen, in Deinen Armen zu sterben, denn diese 'Schuld — diese Schmach — ich überlebe sic nicht.
Kranipfhaft umschlossen seine Arme die von Entsetzen Gelähmte.
Tann schüttelten wilde Fieberpbantasien den erschöpften Körper des armen Jüyglings — vergessen war alle Not, mit Hurra und Siegesjubel gings wieder zum Sturmangriff, daß ihre Anne den Tobenden kaum im Bette halten konnten.
Plötzlich, mitten in diesem Toben, ein angstvolles Lauschen, stier heften sich die aus den Höhlen quellenden Augen auf di« Tür — dann ein qualvolles Flüstern:
„Mutter, sie kommen, sie holen den Fahnenflüchtigen —■ morgen werde ich erschossen."
Doch diese letzte Schmach blieb ihm erspart, sie fühlte, wie feine sie mnklammernden Arme sich lockerten, ein Strecken ging durch die Gestalt, der Kopf sank hintenüber — wie er ersehnt — an ihrem Herzen hauchte er seine Seele aus. Ter von äußerer! Not entkräftete Körper hatte dieser Seelennot nicht Stand gehalten.
Entgeistert starrte sie auf ihr Kind, dessen hoffnungsreiches Leben ihr Kleinmut in Schmach zugrunde gerichtet.
Für diesen großen Schmerz gab es keine erlösenden Tränen. Wie ein schwarzer Abgrund tat er sich vor ihr auf, in dem sie haltlos versank.
In dem Schreck des Bersinkens erwachte sie und umklammerte Hilfe suchend den Tisch.
Da knisterte es unter ihren Fingern und in dem langsamen Erwachen des Bewußtseins starrte sre fassungslos auf das vor ihr liegende Blatt.
Da — was ist das— da liegt er ja. der Brief, von dem das Unheil ausgegangen. Ein befreiendes „Gott sei Dank" löst sich von ihren Livven. Noch ist das Unglück nicht geschehen: aller Kleinmut, alle Verzagtheit ist wie weggewischt. In tausend Feyen zerrissen fliegt das Unglücksblatt in den Ofen.
Nun aber soll ihr lieber Junge seinen Brief haben, wie ihn nur selbstloseste, aufopfernde Mutterliebe schreiben kann.
Beschwingt eilt die Feder mit allen Ausdrücken innigster Liebe und felsenfesten Gottvertrauens über das Papier, sie soll Trost und Stärkung und Aufmunterung in den Stunden der Uebermüdung und Anstrengung bringen und plaudert von dem Stolze der Mutter über ihren heldenmütigen Sohn und von allem Lieben, das die Seele desselben hell und froh macht
Noch in der Nacht trägt sie den Brief selbst in den Kasten, befreit und froh, daß es ihr vergönnt gewesen, solch schweres Unheil abzuwenden. —■
Viel große Siege werden draußen errungen und die Helden mit Ehrenzeichen geschmückt, kein Lorbeer aber und kein Ehrenkreuz krönt das stille Heldentum dieser Mutterliebe, die sich selbst! bezwang. F. S.
Der Klub-Stratege.
Die „Times", die sich in diesen schweren Zeiten so recht als Lehrerin und Erzieherin der Engländer fühlt, hält ihren Landleuten in satirischen Bildern bisweilen ihre Untugenden vor, so wie es in alter Zeit -lddison in seinem berühmten Spectator getan. entwirft sie eine Porträtzeichnung von einem in England jetzt sehr häufigen Typus, dem Klub-Strategen. „Jeder würde ihn gern fliehen, wenn er nur könnte. Aber man kann ihm nicht entrinnen, denn er geht um "ne ein brüllender Löwe und suchet, wen er ver- chlänge. Verkrieche dich in das entfernteste Schreibzimmer, vertiefe dich in die wichtigsten Schriftstücke, du mußt den lauten Baß seiner Stimme hören, mußt ersaufen in der trüben Flut seiner Reden. „Ah, Burgfey!" ruft er schon von weitem. „Nun, was habe ich Ihnen das letzte Mat ge- agt? Jeder Narr konnte sehen, tvie die Sachen gehen mußten. Aber niemand glaubte mir. Ich hatte es aus einer ganz sicheren Quelle, schon vor Wockien, erinnern Sie ick?" Bingley, der durchaus ein paar wichtige Geschäfte erledigen muß, sagte, er erinnere sich ganz genau, -wer wenn er hofft, damit los zu kommen, so täuscht er sich. Unser Stratege fyat ihn am Westen knöpf und redet, lvas das Zeug halten will. Nie ist er ohne Zuhörer, und wenn er einern ettvas auseinandersetzt, bildet sich baw ein Kreis um ihn. Das Geheimnis seiner Anziehungskraft ist schtver zu entdecken. Man glaubt, dnß einer, der soviel redet, doch


