Ausgabe 
12.4.1915
 
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gesehen, ohne zum Teufel zu fahren. Plötzlich rief aus einem Fenster eine Stimme, eine seltsam bekannte Stimme:Jan! Jan!" Er fuhr hoch. Da oben an jenem Fenster war Bal­gerei; vier, fünf Gelbröcke suchten einen Schwarzrock vom Fenster fortzuziehen. War das nicht ?

Jos6 Maria!" schrie Jan und:Halt! Halt!"

Er hatte im Nu den Schlag aufgerissen und sprang mitten unter die Eskorte. Herr Meilleraye galoppierte herbei.

Mein Herr," rief Jan,in jenem Haus halt man nieinen Herzbruder gefangen. Laßt ihn zu inir! Uebrigens ist er geistlich und darf nicht gehalten werden!"

Ter?" sagte der Franzose,der gestern, Degen in der Faust, der Erste war, als man uns angriff?"

Jan kehrte seine Taschen um.

Nehmt alles, was ich habe! Ich geb' Euch Wechsel, mein Herr, in jeder Höbe aber gebt mir den Abbs."

Der Franzose überlegte.

Vorerst steigt ein. llnd was das Geld anlangt, reden wir nachher dariwer."

Wenig später laß Joi6 Maria in Jans Armer?, und Enckesc-rt stieg in die iräcyste Kutsche.

Fortan gab es stille und warme Wende in den Nacht­quartieren, besinnliche Frühlingsabende, wo man zu zweit am Kaminfeuer saß. wie Götter auf Wolken tyronend, Wolken von Tabaksrauch, und langsam den rubinfarbenen Wein in die Kristallgläser laufen ließ.

Nur einmal, als Josä Maria von Griet, der toten Griet, zu sprechen begann, stand Jan verlegen aus und sagte:

..Ich will schlafen gehen."

Und als Jose Maria wenig später an Fans Tür kam, fand er sie verriegelt, und kein Jan antwortete auf sein Klopfen.

Da stellte der Abbs die Weinkannen beiseite und ging auf den Zehen zum Fenster, das er öffnete. Er sah lange in die Nacht hinaus, die von dem Schimmer der Sterne matt erhellt tmir, und schließlich kniete er nieder, den Kopf aus die Brüstung gelegt, und betete für die arme Seele von Jans totem Weib.

Jenseits der Grenze war Jans Eskorte vermindert worden. Von Ueberfällen war nun nichts mehr zu fürchten. Aber als der Zug in die Nähe von Nancy kam, wurde es auf dem Wege seltsam unruhig. Bauern liefen unter Geswrei quer über die Felder herbei; wenn man durch en, Dorf kam. ging es nur im Schritt vorwärts.

So wahr ick, Jan heiße, da rotten sich einige tausend Bauern zusammen!"

Jose Maria toandte den Kopf hin und her, um zwi­schen den Lücken der Begleitung etwas zu sehen. Er wurde unruhig Jan süylte den Grund.

Wär's nicht hübsch, Herzbruder, wenn sie deinen Jan mit Bauernknütteln totschlügen? Denn die Handvoll milch- artiger Franzosen, die mich schlitzen soll, ist ein Treck gegen solche Haufen."

Man hörte bereits die Hufschläge der Soldatenpferde nicht mehr und das Rollen der Räder. Ein unbestimmtes Brausen war laut und der Lärm erregter Stimmen. Ein- jkefne Rufe, die man nicht verstand, schwangen sich hoch Der Wagen hielt. Die beiden Freunde sahen, wie die franzö­sischen Soldaten ihre Tiere in die andrängenden Menschen­massen trieben, die nicht wichen. Und da wurden zum ersten- mal die Rufe deutlich:Werth! Jean de Werth!"

Jan biß sich auf die Lippen:

Ein sauberes Ende für einen Reitersmann. Ich habe nicht umsonst die Franzosen gehaßt von je!"

Er stand auf uird schrie:

Schießt doch! Und drein? Gebt mir meinen Degen!"

Wer da erschien das lachende Gesicht Meillerayes am Kutschenschlag, und lachend rief er:

Exzellenz, wollt Ihr Eure Bewunderer töten?"

Da durchbrach die Volksmenge den Kordon der Sol­daten. Gerötete Gesichter, fuchtelnde Arme.Das ist er!" Mrw es.Jean de Werth! Der Werth von Corbeil! Der Paris geschreckt hat!"

Mütter hielten ihre rosigen Kinder mit ausgestreckten Armen hoch über ihre Köpfe und riefen:

Sieh! Sieh! Das ist Jean de Werth!"

kletterten über die Köpfe der Minner, schwenkten bebänderte Stecken und rie cif

Bive Jean de Werth!"

Lachende Männer riefen's nach, und Mädchen klatsch­ten in die Hände. Plötzlich tauchte vor Jans verdutztem Gesicht ein schwarzhaarig Ding aus, mit großen, lachen­den Augen und die Röte der Aufregung auf den Wangen. Sie hielt mit ihren ruuden, weißen Armen einen Krug mit Wein hoch und ries:

Trink, Jean de Werth, trink! Willkommen in Frank­reich!" Da schlug sich Jan aus die Schenkel und brach in ein unbändiges Gelächter ans, und mit der Linken nahm er den Weinkrug und mit der Rechten das Mädel uird hob es empor und drückte ihm einen herzhaften Kuß auf die ge­öffneten, tvarmen Lippen.

Während er dann die glänzende Nase in die duftende Finsternis des Kruges tauchte, hörte er das rasende Ge­schrei:

Vive Jean de Werth! Vive Jean de Werth!"

Herr de Meilleraye, gebt mir ein Pferd! Das sind reizende Menschen hierzulande, besonders die Mädchen. Nicht wahr, Jos6 Maria? Und habt keine Furcht, mein Herp, daß ich fliehe. Das wäre Sünde uird Verrat an diesen lieben Menschen."

Man gab ihm ein Soldatenvferd. Er brauchte nicht in den Sattes zu steigen, man hob ihn hinauf. Und er ritt weiter, umjubelt wie ein Held, wie ein geliebter König oder wie ein Heiliger. Viele trabten mit bis zum nächsten Dorf. Manche liefen voraus und riesen:

Er kommt! Jean de Werth kommt!"

Und vor Nancy und vor Bar und vor Vitry, vor Chalons, Espernay vor jeder Stadt kamen ihm die Bürgermeister entgegen und das entflammte Volk und die erregten, rotwangigen Mädck)en, ja vor allem die Mädchen, und überall gab's Ehrungen und königliche Essen, und Jan ließ sich nicht nötigen. In La Fere war, als Jan einritt, die ganze Garnison in Spalier aufgestellt, und der Kommandant, Graf Soissons, dem Jan dainals an der Somme das Heer gesprengt batte, umarmte ihn auf offe­nem Markt. Sie saßen während des Gelages auf dem Rathaus nebeneinander wie zwei Waffenbrüder, und als man endlich in der Morgenfrühe auseinanderging, brachte Soissons wankend und gerührt Jan, der mit starren, weit aufgerrssenen Augen auf seine Füße sah, daß sie sich auck gerade und würdevoll setzten, bis an sein Schlafgemach, uird Jan brachte ihn wieder bis an das Rathaustor, vor dem biss Fackeln der Lakaien in der grauen Morgenluft dunkel flackerten, und dann kehrten sie wieder zusammen um und standen balancierend vor Jans Tür, indem sie mit großen Armbewegungen die politische und kriegerisch Lage lösten. Zwischndurch so oft sie eines Sinnes waren, küßten sie sich.

Jos6 Maria," sagte Jan danach zum Abb6 und be­mühte sich, wichtig auszusehen wie ein Kanzler,Jos6 Marra, sag' einer noch etwas gegen Soissons! Er ist mein Freund. Zackerbombcnundflöh! Wir werden uns nie mehr trennen, und ich werde ihm die Augen zudrücken, und er wird mir diesen Liebesdienst tun. Hörst du? Er ist ein goldener Mensch!"

Aber am nächsten Mittag, als Jan seine Reise fort- setzte, war der Graf noch nicht anfgestanden, und übrigens war Jan schlechter Laune. Kein Wunder, denn er hatte so viel getrunken wie der selige Dragoner von Breda. Und seine Laune wurde nicht besser, als man ihm sagte, daß die Reise nicht durch Paris, sondern um Paris hi> umginge nach Vincennes. Er hatte nicht wenig von dem Einzug in Paris erwartet und hatte sich schon eine nette und kurze Rede ansgedackft, die er am Tor halten wollte

So kam ihni die Rolle des Gefangenen, die er fpielen mußte wieder recht zum Bewußtsein, als man ihn in dem alten Donjon des Schlosses von Vincennes einqnar- tierte, zwischen fünf Meter dicken Mauern, mit der Aus­sicht durch Gitterfenster auf Wälle und Kanonen und einen tiefen Graben, in dem schwarz das Wasser stand.

(Fortsetzung folgt.)

vtx orief.

Seit Monden schon tobte der große Weltenbranb, aus dem eine neue Zukunft erblühen soll.

Mit ehernen Füßen schritt die Krieasfurie über hoffnungsvolle Menschenleben, blühende Städte und Lander Tod und Vernichtung: tm Gefolge.