Säff
Montzscheinfahrt.
Skizze von Curt Kühns.
In blassem Mondlicht lag das Weite Ueberschwemmüngs- aebiet Zerrissenes Gewölk flog auf den Schwingen des stürmischen Nordwest am Himmel, oft die Mondscheibe bedeckend, sodaß tiefe Finsternis ans Augenblicke mit dem ungewissen Mondlicht abwechselte.
Einen der Feldwege, der zu einem kleinen Gehöft führte, watete in dem immer nässer werdenden Gelände eine Matrosenpatrouille entlang. Mit jedem' Schritt sank man tiefer. Zu beiden Seiten dehnte sich unabsehbar die seichte Wasserfläche.
Klaas Behrend, der Führer, blieb stehen. „Dat kömmt mir vor, wie in den Lagunen bei Venedig," sagte er.
„Bloh ein bißchen tiefer ist's hier," bemerkte Fritz Snut. „Mir läuft das all von oben in die Stiewel. Aber bis wohin gehen wir eigentlich, Klaas?"
Na, noch bis an das Gehöft," entgegnete Klaas, „bloß um zu sehen, ob keine Englishmen drin sind."
Vorsichtig wateten die beiden weiter. In einiger Entfernung folgte ihnen noch ein dritter Mann.
Nichts rührte sich. Das Gehöft war verlassen. Eine Granate hatte Stall und Scheune in Trümmer gelegt, mit ausgebrannten Sparren starrte das Dach in die Luft.
„Trüben am Fluß sollen die verfluchten Tommys stehen," sagte Klaas wieder und deutete mit der Hand hinüber, wo jenseits der überschwemmten Wiesen dunkle Banmgrnppen das eigentliche Flußtal bezeichneten. „Wie soll inian aber dahin kommen? Hier ist's zu End."
Fritz Snut spähte scharf aus. „Zu End?" wiederholte er. „Nee, Klaas, für soebefahrne Leute fängt das hier erst an. Ich seh' so was wie 'ne Strömung! Das heißt, hier fließt ein Graben, und der Graben mündet in den Fluß oder kommt auS dem Fluß. Wir werden uns ein Fahrzeug bauen, und wenn wir jeder in einem Waschfaß lossegeln sollten."
Alle lachten, am meisten der dritte, Peter Hanns, ein junger Matrose, der Verbindungsmann, der indes herangekommen.
„Halt!" sagte Klaas Behrend, „das Fahrzeug bauen, das verstehe ich am besten, als Zimmermann. In deinem Waschfaß fahre man auf dem nächsten Korso mtt Lampions und Bordmusik, da kannst du Ehre einlegen. Hier müssen wir eine andre Art Kriegsschiff haben. Kiek mal, da liegt eine Erle im Wasser, die machen lvir ftott, setzen uns in ihr Geäst und sck)wimmen ganz sachte ftußabwärts, immer vorbei an den Herren Engländern."
„Das ist ein Gedanke!" rief Klaas. Der Stamm, wohl von einer Granate getroffen, hing nur noch schwach an seinen Wurzeln. Eine Axt, die Peter Harms gefunden, ließ ihn vollends ins Wasser gleiten. Klaas hieb mit seinem Seitengelvehr indes einige Flößerstaugen und Ruder zurecht, dann kletterten alle in das Gezweig des Baumes, der stark genug war, sie ztu tragen, und stießen ab.
„Wie die Wilden!" sagte Fritz Snut. „Häng' die Beine nicht zu weit raus, Peter. Sie stippen sonst ins Wasser."
Von geübten Händen in die SttöMung gedreht, glitt der Stamm langsam vom Land. Der Graben führte richtig auf den Fluß zu. Unter hohen Erlen sttömte dieser dahiu. Der Mond hatte sich versteckt, es war ganz dunkel, als sie die Mündung erreichten. Sie konnten von ihren Flößerstangen ungesehen Gebrauch machen und brachten ihr Floß glatt in den Strom.
Die Gewehre umgehängt, in der Hand ihre Floßstange, so trifteten sie ein Weilchen dahin. Dritben auf kaum 30 Meter Entkernung lag das feindliche Ufer. Hohe, dunkle Erlen begleiteten! dasselbe, ihre Wurzeln verschlangen sich zu einem undurchdringlichen Gewirr.
Wieder brach der Mond durch. An einen Stamm gelehnt, stand eine dunkle Gestalt. Tie im Gezweig Verborgenen Matrosen erkannten deutlich die Form der schottischen Mütze und das matte Blinken der Gewehrschloßteile. Qtin englischer Posten!
Die drei hielten fast den Atem an. Der Posten driiben klopfte seine Pfeife aus und ließ ein lautes Gähnen hören. Den treibenden Stamm beockitete er nickst.
Ter Fluß machte jetzt eine starke Biegung: vorsichtig steckten die Drei ihre Stangen heraus und hielten den Stamm in der Sttömung. Man höre jetzt von drüben, ohne etwas zu sehen, ein undeutliches Stimmengewirr. Am Ufer zogen sich Schützengräben bin, man erkannte die gerade geschnittenen Erdschüttungen.
„Wie die Kerls quaken!" flüsterte Fritz Snrtt. „Wenn ein Engländer spricht, hört sich das immer an, als wenn einer sich mtt Wasser und Kieselsteinen den Mund ausspült."
Hin und wieder sah ein Posten über die Brüstung. Keiner nahm an dem langsam stromab treibenden Baumstamm Anstoß. So ging eS wieder eine ganze Zeit dabin. Immer, wenn kein Posten zu sehen war, tauchten die drei Flößerstangen fast gleichzeitig tnS Wasser, timt dem eigenartigen Fahrzeug frisck^n Antrieb zu gel>en.
Da kam eine Brücke in Gickst: sie war gesprengt, aber daS V'ahlwerk der Pfeiler stand noch. „Pfui Deubel!" knurrte KlaaS Und svie seinen Prüem ans, .,da werden wir kaum durchkommen Mtt unserer Baumkrone!" Eine Feldwache stand außerdem dicht
am Brückenkopf: man sah den Doppelposten über den Rand der Böschung gucken.
Richtig! Das Gezweig stieß an den Pfosten, sie kamen fest! Zugleich drückte die Strömung das untere Ende des Stammes gegen das feindliche Ufer. Angesichts der feindlichen Posten konnten die Mattosen auch von ihren Stangen keinen Gebrauch machen.
Die Posten riefen jetzt etwas rüchvärts, und daraufhin kam ein Mann zum Vorschein, ünbewasfnet, mir mit einem Beil in der Hand.
„Aha!" bnkmmte Fritz Snut, „die wollen uns zu Kleinholz verarbeiten."
Ter Engländer maß die Entfernung und trat mit einem langen Schritt auf das untere Ende des Stammes. Borsichttg das Gleichgewicht haltend, tänzelte er den kahlen Stamm entlang, um zur Krone zu gelangen.
„Mal ein büschen schuckeln!" ftüsterte Maas, „so ists recht! Der kippelt schon!" Der Engländer schlvankte allerdings bedenklich, als der glatte, nasse Stamm unter ihm sich zu drehen begann.
„Noch ein büschen!" trieb Klaas. Der Engländer warf die Arme wie die Windmühlenflügel. Plumps! lag er bis unter die ArMe im Wasser. Fluchend kletterte er an Land unter dem lauten, schadenfrohen Gelächter seiner Kameraden.
Mer Glück im Unglück! Er hatte beim Falk denk' Stamm einen solchen Stoß gegeben, daß das untere Ende vom Ufer frei kam. Schnell die Lage erfassend, stieß Fritz Snut und Klaas, während die Engländer ihrem ins Wasser gefallenen Kameraden an Land halfen, vom Brückenpfostcn ab und stakten glücklich durch die Brücke.
„Das war ja ein doUes Abenteuer!" lachte Fritz Snut. „Da konnte man ja ordentlich Herzklopfen kriegen."
Sie trifteten indes weiter. Tie Bäume hörten auf: der Fluß strömte hier zwischen völlig unter Wasser gesetzten Wiesen dahin. Damit hörten auch die feindlichen Schützengräben auf, die in einem Bogen abschwenkten und in einiger Entfernung, trocknere Stellen ausnutzend, hier und da wie kleine Forts die Wasserfläche beherrschten.
Die Drei stakten munter drauf los. „Die Geschichte wird hier uninteressant!" sagte Fritz Snut. „Wir wollen an den Rückzug denken."
„Das ist auch leichter gesagt als getan," versetzte Peter Harms. „Stromab triftet der Baum wohl, aber nicht stromauf."
„Sehr richtig!" bemerkte Fritz Snut. „Wir müssen eine Landungsgelegenheit suchen, irgend einen Damm."
So sehr die Matrosen aber auch ausspähten, es zeigte sich kein festes Land in dem weiten Ueberschivemmungsgebiet.
Indes wurde die schmale Mondscheibe blasser und blasser, mtt fahlem Ton setzte ein mattes Zwielickst ein, über dem Wasser aber, und das 'ivar ihre Rettung, begann in dicken, grauen Schwaden der Morgennebel zu dampfen.
Eilig stießen die Drei ihren Baumstamm. Da tönte durch den Dunst ein Helles, gleichmäßiges Keuchen: pickepacke, pickepackc!
„Ein Motorboot!" flüsterte Klaas. „Das müssen wir uns näher ansehen!" / i i
Die Drei hielten ihren Stamm mitten in der Strömung: ihre breite Krone sperrte jene zum größeren Teile, und auf den überschwemmten Wiesen konnte das Motorboot nicht fahren.
Pickepacke, pickepacke! klang es immer deutlicher durch den Nebel: auch das Motorboot ging langsame Fahrt. Jetzt tauchte der schlanke, stahlgraue Bug auf, mtt einem feinen Ornament verziert, — aha! eine vornehme Jacht vom Königlichen Motor- bootklnb! — Und die Drei lenkten ihr ungefüges Fahrzeug dem Boot quer in den Weg.
„vtzuee take it!" fluchte der Bootsmann im Ausguck, dem das Gezweig ins Gesicht und die Mütze vom Kopf stieß.
Der Steuermann stoppte schnell den Motor ab.
„Ueberentern!" befahl Klaas. Wie die Katzen sprangen die Drei über, Klas als erster txickte den Bootsmann an der Brust und stieß ihn über Bord, seiner Mütze nach.
Ueber das Bord dSr kleinen Kommandobrücke guckte der Steuermann: die Hand vor den Augen in dem ungewissen Zwielicht rief er: „What’s that there?"
,Föi köpen de Katt ehr Smeer!" lachte Fritz Snut und legte an, — blitzschnell sich duckend, verschwand der Steuermann in der Versenkung.
Ihre Gewehre schußbereit, sprangen Klaas und Fritz zur Achterkabine, während Peter schnell dem über Bord gegangenen! Mann den Rettungsring zuwarf und dann den Steuermann im Schach hielt.
Klaas und Fritz rissen die Tür zur Kabine auf: ein breiter Lichtschein flutete ihnen entgegen. Drinnen sah'S ganz gemütlich ans. Der allerdings nur schmale Tisch, den die Lampe erhellte, war einladend znm „Breakfast", dem höchst üplügen englisckien Frühstück, aedeckt: die blitzende Teekanne, eine Schüssel mit gebratenem Fisch, Eier. ''Mrnneladen, 'Butter ließen das Kriegs!eben an Bord ganz angenehm erscheinen, und in den weichen Polstern, die denn Tisch umzogen, saßen der Besitzer des Bootes, ein alter Herr mit kinnfreiem Bart, eine große FledermauSmÜw ine über die Obren gezogen, sein Solm. ein langer echt enalisäxn Laban, im blauen Bordiackett. endlich zwei Tommys, die Bedienung des im Bug ausgestellten Maschinengewehrs. Aus allen


