Ausgabe 
10.4.1915
 
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Und mährend die Musiker gehorsam wieder ansingen ml siedeln und zu blasen, begann Jans Gesicht zu strahlen. Und zu dem Takte des Schleifers Humtata-Humtata h- tanzte er, wohlbeleibt, wie er war, langsam mit stamm­enden Stiefeln um seinen Gegner herum, zwang ihn m i>er lächerlichsten Weise sich zu drehen und zu wenden, o daß sich die Gäste mitBravos^ die Kehlen heiser chrien, und walzte und stampfte bis zu dem letzten Takt >es Schleifers: da hatte Fürstenberg den tödlichen Stich und Jan wischte sich mit dem Rockärmel den Schweiß vom Gesicht.

Indessen standen zwei Mägde ratlos neben der wim­mernden Griet, die heimlich, um ihren Jan gefeiert zu sehen, auf die Galerie geschlichen war, und die der Schreck, als die Degen aus den Scheiden zischten, zu Boden ge­worfen hatte.

Mitten in den Schmerzen, unter denen ein junges Leben sich vorzeitig in ihr zum Lichte drängte, keuchte sie unaufhörlich, wie wahnwitzig, immer das eine:

Ist er tot? Ist er tot?"

Und als Jan verstört und stumm an das Lager trat, auf das man sie gebettet hatte, erkannte sie ihn nicht mehr. Der Jan, der Tausende hatte sterben sehen, wurde zum hilflosen Kinde, als er das lange, qualvolle Sterben seines Weibes sah. Als sie mit verzerrtem Munde endlich still lag, schlich er scheu aus dem Gemach wie ein Mörder, und als Jose Maria ihn umarmen wollte:Armer Jan? Weib und Kind zugleich," sah er ihn fremd an und lächelte ver­legen.

Am nächsten Tage war er aus Köln verschwunden.

*

Freund und Feind fragte:

Ist das der Werth, der gefährlich und verderblich, wie Satan selbst, in Hessen, Schwaben, am Rhein umher­rast und an zwei, drei Orten zu gleicher Zeit ist? Werth? Wir glaubten Werth zu kennen, aber jener fürchterliche, kleine, beleibte Mann mit versteinertem Gesicht, der mit wenig tausend Mann allerorts durch dampfendes Blut jagt, ist nicht der Wertb den wir kennen. Trunk und Kampf, Kampf und Trunk ist sein Metier. Man sagt, er schläft im Sattel. Hinler ihm sinken erschöpfte Soldaten vom Gaul: er vnckt sich nicht um. Der ewig ruhelose Satan ist in ihn gefahren, das ist's!"

Bernhard von Weimar, der Söldling Frankreichs, überschritt den Rhein. Jan ließ ihn nicht weiter. Seine Leute standen einer gegen vier. Er stieß unaufhörlich wochenlang wie ein Stier gegen die sechsfachen Schanzen von Wittenweier. Wenn Bernhard ihn verblutet glauvte, war er in der nächsten Nacht wieder da, wilder als sonst. Der Weimeraner, ungeduldig, daß das Jahr sich nicht neigte, schickte ihm einen schmeichelhaften Brief:Komm zu mir herüber." Er erhielt seinen Brief wieder, in Fetzen zerrissen, mit Kot besudelt.An den deutschen Fürsten, der sein Land verrät." Jan aber erneuerte seine rasenden Angriffe gegen die Schanzen und ließ ganze Kompagnien tot vor den feuerspeienden Erdwällen.

Hier komme ich nicht herüber, dachte Bernhard, und die Wut über Diefe Schmach nagte an seinem Herzen. Er zog ab, und sofort war Jan wieder an den Schanzen, geschüttelt und zerrissen von dem unsinnigen Verlangen, zu tüten oder getötet zu werden. Nacheinander stürmte er die sechs Sck)an- zen, und was überlebte, jagte er mit Schimps und Schande, weiße Stecken in der Hand, von dannen.

Bernhard eilte nach Süden und bedrohte von Rhein- felden her Bayern.

Jan war mit rasender Eile unten, ehe der Weimaraner weiter vorrücken konnte.Gebt mir Truppen, gebt mir den Oberbefehl!" ließ er in München bitten. Maximilian schickte keine Truppen, dafür aber einen neuen Oberbefehls­haber, den glatten Jesuitenfreund Duca di Savelli.Darf den Werth nicht zu mächtig werden lassen. Macht's sonst wie Wallenstein," sagte Maximilian.

Aber nicht der Savelli gewann die Schlacht gegen Bernhard, sondern Jan. Aber Savelli und nicht Jan war's, der mit prahlerischen BriefenViktoria" durch Deutsch­land schrie, und der sich aufs Lotterbett legte, und dem es die Soldaten auch nachtaten. Und als Plötzlich Bernhard umkehrte, war nicht der Savelli auf dem Posten, sondern Jan. Mer es nutzte nichts. Die einzeln eintrefsenden kaiser­lichen Regimenter wurden mühelos niedergemacht. Jan sah

das weite Feld zwischen dem grünen Rhein und den blauen Schwarzwaldbergen von Fliehenden bedeckt. Es war kein Halten mehr, im Rolling r Walde war noch wütender Widerstand; dort stand das ^-chultesche Regiment, d-as der frühere Wachtmeister Jans, Jochen Schulte, kommandierte. Dahin schlug sich Jan.

Komm, Schulte," rief er,laß uns zusammen ster­ben. Die Hundsfötterei siegt!"

Sein Pferd Überschlag sich, von einer Kanonenkugel getroffen. Jan nahm eine Muskete auf und war wieder der gemeine Mann, Jan Werth, der verbissen lud und schoß, und Schulte war wieder der alte Wachtmeier Schulte, der ihm zuries:Brav, Jan!"

Jan lud und schoß. Der Laus brannte in seiner Hand; er fühlte es nicht. Um ihn war Schreien und Aeckizen. Das Schultesche Regiment, Fahnen hoch, verblutete um ihn.

Ja, Griet," flüsterte er,hält' doch so nicht mehr leben mögen!"

Jan," rief Schulte neben ihm und fiel aufs Gesicht.

Fahr wohl, Kamerad! Mach' mir Quartier aus!"

Und lud und schoß. Das Rollen des Musketenfeuers um ihn wurde ein zögerndes Knattern. Jan ließ die Muskete sinken und sah sich betäubt um. Die letzte Kugel war ver­schossen, und da vorn! Schwedische Kürassiere ritten an. Jan packte den Degen. Fünf, sechs baumlange Kerle von Reitern hieben aus ihn ein. Jetzt war's aus.

Da ries ein junger Musketier, verwundet, unter den Füßen der Gäule:

Quartier für den General!"

Jan stach den nächsten Reiter vom Gaul. Ein hoher Offizier sprang airs dem Sattel:Rendiert Euch, Werth!" und nahm ihm den sinkenden Degen aus der erlahmten Faust. Er war gefangen.

Ueber das Schlachtfeld brauste der alte Choral:Ein feste Burg ist unser Gott", als Jan ins schwedische Lager kam. Dort war schon der Duca di Savelli und lachte, als er Jahn sah:

Hat's Euch auch erwischt, Herr Bruder?"

Mit Eurer Hilfe!" schrie Jan.Hättet Ihr aus den Krieg aufgepaßt anstatt aufs Vergnügen, ich stünd' nicht hier."

Ihr hättet warten sollen, bis ich heran war!"

Jan brach in ein wildes Gelächter aus.

Warten? Ja, warten! Das alte Lied! Ihr habt immer gewartet, alle miteinander, Ihr Herren, gewartet, sech­zehn Jahre gewartet!"

Bravo!" rief plötzlich eine laute Stimme. Bernhard von Weimar war herangetreten.Bravo, Herren! Macht's doch mit den Würfeln aus, wer im Rechte ist!"

Zum Feigling der Verräter!" sagte Jan und fuhr herum.Läg' ich bei meinen braven Soldaten, daß ich Euch nicht zu sehen brauchte." ,

Bernhard wurde aschfahl.

Hat noch immer nicht Manieren erlernt, der Aben­teurer!"

Ja, ein Menteurer, der seinem Vaterlande dient! Mer wem dient Ihr, der Ihr nicht mehr seid als ein Menteurer? Erst den Schweden, nun den Franzosen! Gäb's ein Recht in der Welt Ihr müßtet hängen!"

Werth!"

So ist mein ehrlicher Name. Gott Dank, daß ich nicht Weimar heiße!"

Einer der Begleiter des Herzogs sagte laut:

Der Schenkknecht kann Euch nicht beleidigen."

Nein," sagte Bernhard, und seine Lippen bebten vor Zorn,ich werde ihn nach Paris schicken, damit er Umgang lernt."

^,Nach Paris?" rief Jan,das dürft Ihr nicht. Meinen Degen hat der Graf von Nassau? Ich bin sein Gefangener, nicht den Franzosen habe ich mich übergeben!"

Was ich darf, kümmert Euch nicht. Ich will den Pa- risern eine Freude machen."

Er wandte sich zu seiner Umgebung:

Bringt ihn nach dem Schloß Benheim. Und dann nach Paris mit einem Gruß von mir!"

Jan ballte die Fäuste. Seine Zähne knirschten. Aber Bernhard warf den Mantel um und ging lachend davon.

(Fortsetzung folgt.)