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Es war schon Nacht, als sie in Köln emzvgen, ohne die Regimenter, die weit draußen tm Lande Quartier bezogen hatten. Nur Griet war bei Jan und Fos6 Maria, ^n der Gereonsgasse war ihnen vom Kölner Rat das Haus bereitet. Als Jan in den niedrigen Stuben stand, inmitten der lastenden Stille einer sriedlichen Nacht, meinte er zu ersticken. Er war der Ruhe ungewohnt geworden.
An einem Tage ging Jan mit Jose Maria nach dem Rhein zu. Als sie :n die Nähe des Bollwerks kamen, wurde ihr Schritt langsamer, und Plötzlich sahen sie sich an und lächelten. „ ^ .
„Wollen wir?" fragte Jos6 Maria.
„Komm, Herzbruder. Erneuern wir die Tage unserer Jugend! Laß uns von alten Zeiten reden."
Es stand wirklich noch, das Wirtshaus „Zum blauen
Hecht". „ t t „ .
Sie tauchten nachsichtig lächelnd und ein wenig zögernd in den schwarzen Schlund ein. der wie in alten Zeiten nach Wein roch. Aber als ein alter, grauhaariger Kerl sie begrüßte, der nicht gerade aussah, als hielte er seine Gäste ungefälschten Weins für würdig, und als sie in das enge, dumpfe Gastzimmer traten und die Füße unter den schweren Eichentisch streckten, kam ihnen beiden das Gesühl: Was
wollen wir hier?
Jan wurde zuerst wieder munter.
„Schafs Wein her, alter Schleicher!" rief er und schlug auf den Tisch. „Elfer Wein, von dem noch ein Faß im Keller liegen muß! Ein dicker Engel ist auf das Faß gemalt und hat eine Traube in der Hand. Und sck>aff die Witwe Schmitz her, Tugendjosepha, sie soll an meiner Seite sitzen!"
Ehedem Witwe Schmitz, gnädiger Herr, wvhlgemerkt, ehedem. Jetzt meine Hausfrau, wenn Ihr mich um Auskunft fragt!"
„Siehst du, Jose Maria," sagte Jan, als der Alte gegangen war. „Auch Tugendjosepha ist dahin!"
Sie kam unsicher und zögernd und blinzelte in die Dämmerung. Jan konnte nicht finden, daß sie magerer geworden war all die Jahre. Sie mußte es gut abpassen!, um durch die Türöffnung zu kommen.
Sie erkannte ihn sofort und blieb stehen, die Hände über dem Leib gefaltet.
„Herr Jan!" sagte sie, und die Tränen liefen ihr über die fetten Backen. „Herr Jan!"
Und sie trat zu ihm und tätschelte seinen Kopf wie!
einem Kinde.
„Seid Ihr es denn wirklich, von dem die Buben singen? Auf dem Bollwerk spielen sie „Jan von Werth"; ich Hab' ihnen manchen lieben Tag zugeschaut. O Herr Jan!"
„Ja, Herrn von Werths Exzellenz, Frau Josepha; macht einen Knicks," sagte Joss Maria.
„Nein, Herr Abbe oder Herr Feldpropst, für mich ist es Jan, der kleine Jan. Es war sicher nicht edel von Euch — damals — an ihm und mir so zu handeln. Denn wäret Ihr nicht gewesen, Jan säße heute hier — und nicht ein anderer."
„Zackerbombenundflöh," rief Jan und lachte, „flößt Euch der General keine Achtung ein?"
„Ach, Herr Jan, General hin, General her. Als General habt Ihr ein Habit und als Schenkwirt auch. Zieht Jhr's Habit aus, seid Ihr der Fan. Und um keinen ander:: sollte es mir zu tun seiw"
Sie saßen still beisammen. Josephas Ehemann schlurfte hin und her und sah grämlich aus.
Jan sah an den braunen Holzwänden empor und hörte die alte Aposteluhr schlagen.
„Ist alles wie sonst," sagte er und trank.
Zum erstenmal in seinem Leben hörte er das dumpfe Rauschen der Zeit, die von ihm wegsloß. Wo war der rosige Jan von früher mit dem weißblonden Haar? Wo die Torheit und brausende Sehnsucht des jungen Lebens? Hatte er wirklich hier gelebt und davon geträumt, ein Dragoner zu werden, der nachts am zusammensinkenden Feuer lag?
„Jos6 Maria," sagte er, „ich habe mein Leben ausgeben wollen, wie die Quelle ihr Wasser. Und bin in eine ängstliche Welt gekommen, wo man sich nicht ausgeben Vars. Man sagt Exzellenz zu mir, und ich wollte, wir wären wieder jung, und du lehrtest mich den Apfelstich."
„Unser Herz ist unruhig," sprach der Abb6 vor sich bin. „Unruhig und sehnt sich. Ist es zufrieden, wenn es das Ziel seiner Sehnsucht erreicht hat? Neue Fernen tun sich Auf, Jan, und darüber vergeht das Leben."
„Da sitzt mir nun ein liebes Weib zu Hause. Ich h<Ae lange um sie grient. Aber sie ist eS nicht meyri, umr die! ich geworben."
„Liebt Ihr sie nicht?" — fragte Frau Josephe
Er liebt sie wie am ersten Tag," sagte Joss Mckria rasch, „aber nach den langen Zeiten des Wartens, der Unruhe und des Sehnens wird sie nun still, und ihr Herzj altert."
Jan sprang aus und ries:
„Eine saubere Stunde, um sich aufzuhängen? Hätte ich erst den Gaul wieder zwischen den Beinen, und es wäre Mitternacht, und es ginge los! Stillsitzen ist kein Geschäft für mich. Laß uns gehen."
„Aber Ihr kommt wieder?" fragte Frau Josepha.
„Ich seh' Gräber nicht gern!" ries er und reckte sich. „Komm, Herzbruder!" ^
Eines Nachts schreckte er aus dem Schlafe aus.
„Hier!" ries er und „ja, ich komme."
Griet fuhr empor und umhalste ihn.
„Mein Jan! Was ist dir?"
Er sah sie an und strich sich langsam und gleichmäßig die Stirn.
„Eine Trompete blies," sagte er leise. „Eine kaiserliche Trompete ries mich. Hast du die Trompete nicht gehört?"
„Nein, nein! Wir sind in Köln, in unserm friedlichen Hause, Jan."
Da ließ er sich schwer zurücksallen und seufzte. Er merkte nicht, daß neben ihm sein Weib feinen erregten Atem belauschte und — wernte. Denn in rhr war das deutliche und schmerzliche Bewußtsein: er sehnt sich fort von mir.
Jan hatte im Hause >und in den Gassen keine Ruhe mehr. Er wurde reizbar wie ein Stier. Er ritt vor die Tore und jagte durch die winterlichen Felder, aber plötzlich hielt er mit einem gewaltsamen Ruck sein Pferd an, denn es schien ihm lächerlich, so ohne Ziel und Zweck herumzureiten wie ern Narr.
(Fortsetzung folgt.)
Line ungefährliche Geistesstörung.
Humoreske von Adolf Thiele.
„Ta Sie gerade von Sinnestäuschungen sprechen." sagte der Kaufmann Neuert, ein älterer Herr, als er am Stammtische saß. „kleine Sinnestäuschungen hat wohl jeder von uns schon erlebt, zum Beispiel daß er einmal geglaubt hat, einen Ruf oder Musik hu hören, oder daß es ihmeinmal sästen, als sei soeben etwas an ihm vorübergehuscht. Selten sind dagegen wohl die Fälle, in denen jemand glaubt, er habe einmal eine Geistesstörung erlitten.
Natürlich meine ich nicht die Fälle, wo man einmal eine Dummheit macht — wer machte die nicht? und hinterher sagt: Ta muß ick) doch verrückt gewesen sein! Nein, ich meine wirkliche Störung des Gehirns, die einen: etwas .vorspiegelt, das nicht existiert. Da fällt mir ein spaßiger .Fall dieser Art ein. Sie fragen: Kann denn eine Geistesstörung spaßig sein? Nun, im vorliegenden Falle schon. Ich soll erzählen? Nun gut!
Es ist nun schon eine Reihe von Jahren her, da fuhr ich auf der Eisenbahn eine längere Strecke m§t einem .Herrn zusammen. Er war ebenfalls Kaufmann, und so fanden wir denn in unserem Gespräch zahlreiche Anknüpfungspunkte. Da wir auch in unseren Ansichten „konform gingen", so entwickelte sich schließlich eine Vertraulichkeit, ja eine Art von Freundschaft zwisck>en uns, es war, als kannten wir uns schon seit Jahren.
Unter anderem kamen wir auch auf das Gebiet der geistigen Fähigkeiten zu sprechen; soviel ich mich erinnere, sprachen wir davon, daß durch starke Ermüdung die geistige Kraft abnehme.
Eine trübe Erinnerung schien plötzlich in meinem Reisegefährten aufzusteigen, seine Züge drückten eine Art beklemmeiwe Traurigkeit aus und seine Stimme klang gedrückt.
Teilnehmend erkundigte ich mich nach der Ursache seines Kummers.
„Es ist allerdings eine sehr fatale Sache, die mir gerade in den Sinn kommt," sagte er zögernd. „Sie sind ja ein vernünftiges und teilnehmender Mann, Ihnen kann ich es schließlich mitteilcn. Ich bin, wie ich sonst wohl annehmen darf, geistig völlig klar, ich denke logisch und kenne auch keine Ermüdungszustände. Und doch ist mir, vor ein paar Jahre:: war es, ein Fall passiert, der mich schon manchmal bedrückt hat, eine wirklich Geistesstörung. Hören Sie, bitte, einmal zu! Ich fuhr eines Nachmittags in einem Schnellzuge von Bielefeld nach Magdeburg, das heißt, ich wollte dorthin fahren.
Es toar ein warmer Tag, ich nahm mir daher vor, in Hannover, wo fünf Minuten Aufenthalt lvaren, auszusteigen und im Bahnhofrestaurant ein Glas Bier zu trinken. Ich fuhr allein in


