Jön von Werth.
Roman aus dem Dreißigjährigen Kriegs von Franz Herwig.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Nach zwei Stunden war das Lager erreicht. Jose Maria gao die beiden zusammen, vor einem Altar, der aus drei aufeinander gestellten Trommeln bestand, getränt von einem Kruzifix. In weitem Kreis herum standen dreitausend Dragoner, Kroaten und Ungarn. Uni) indessen draußen am finstern Horizont der Schein brennender Dörfer zuckte und das ganze Lager singend und schreiend um offene Weinfässer lagerte, in die man bis zu den Ellenbogen tauchte, wem: man schöpfte, feierte Jan seine Hochzeit mit Griet.
„Ja," sagte Joso Maria und suchte ein einsames Feuer auf, „das Leben ist seltsam und wunderlich. Ich wollte, ich wäre Jan; aber ich will ihm sein Glück nicht miH^ gönnen. Ich werde ein paar Seiten in La Boothie lesen wie einst im „Blauen Hecht" zu Köln. Waren doch schöne Zeiten."
Aber er holte das Buch nicht, sondern saß und starrte inS Feuer, bis der Morgen dämmerte.
Um diese Zeit, als sich der Jubel im Lager schon zu legen begann, galoppierten zwei spanische Offiziere herein.
„Wo ist der General? Der General von Werth?"
Vor Jans Zelt stand in gebührender Entfernung der Doppelposten bei den Fahnen.
„Er darf nicht gestört werden. Nein, wir wollen unfern Kopf behalten."
Die Offiziere schimpften und drohten, aber die Posten schüttelten eigensinnig den Kopf.
Da öffnete sich der Spalt in der Zeltwand des Generals, und Jan steckte seinen Kops hindurch.
„Zackerbombenundflöh! Ist man nicht in der Hochzeitsnacht ungestört?!"
„Pressante Order, Ecceltenza."
„Her den Wisch!"
Jan zog sich zurück.
„Mein Jan," rief Griet verträumt.
„Gleich, gleich, süße Katze," sagte er und entfaltete den Brief. Aber er mußte erst Licht machen. Dicht an die Flamme hielt er das Papier. Daraus stand:
„Liebwerter Herr von Werth, Euer Excellenz haben mich in schwere Unruhe versetzt. Euer lästerliches Draufgehen hat die ganze politische Lage kompliziert. Bei meiner Ungnade befehle ich Euch, sofort hinter die Somme Euch zu ziehen und das nächstemal die Order Eures Kriegsherr?! abzuwarten, als welcher ich bin, Euer Excellenz, Maximilian, Kurfürst von Bayern."
„Zackerbombenundflöh!"
..Mein Jan!"
„Da hast du den Wisch, der Max hat mich wieder am Bande!"
10. Kapitel.
Der Gefangene.
Jans Wut über den Befehl Maximilans kannte keine Grenzen.
Er rückte von Paris ab, nickt wie sonst auf dem Gaul, seinen Regimentern voraus, sondern inmitten der Nachhut, in Kalesche mit Griet. Es konnte so aussehen, als erlaube ihm sein junges Liebesglück nicht, Griet zu verlassen, aber was er während der Fahrt sprach, sah wenig nach zärtlichen Liebesworten aus. Er schlug sich mit dem Kürfürsten herum, warf ihm vor, die große gemeinsame Sache zu verraten, nur um im Notfälle an Richelieu einen Beistand zu haben, so daß Griet mit nicht eben sanften Worten ihn beschuldigte, überhaupt keine Liebe für sie zu empfinden. Er ließ sie reden und tauchte aus seinen Grübeleien erst auf, als seine junge Gattin in Tränen ausbrach und sich verschwor, nach Corbeil zu Marie-Anne zurückzukehren. Sie erhielt einen Bundesgenossen in Jos6 Maria, der neben dem Kutschenschlag ritt und Jan die Nähe französischer Regimenter anzeigte.
„Steig aufs Pferd," rief er, „schlag ihre Quartiere aus wie sonst, und wenn du nachts zurückkehrst, trunken von Sieg, freust du dich deines jungen Gemahls doppelt/*
„Ich reit' nicht wieder aus."
„Wir wollen einen Becher zusammen leeren."
Konzediert. Aber ich quittier' den Dienst. Dieser Krieg geht nie zu Eirde. Die Fürsten sind's schuldig, mit ihrer Aengstlichkeit, ihrem Zögern, ihrer Feigheit. Mir in den Arm zu fallen, wo ich Paris sicher hatte!"
Mein Jan," sagte Griet, „laß uns nach Köln gehen. Der Winter kommt."
„Ich werde ein Haus kaufen, ja, und wie ein Bürger leben, Fett ansetzen und schimpfen auf den Lauf der Wel.t"
Jos 6 Maria lachte.
„Meinst du, daß du es könntest?"
Jan knurrte nur. Aber er ließ wirklich nach München melden, daß er Winterquartiere um Köln nehmen wolle.
Sie zogen langsam durch Flandern, über Jülich auf den Rhein zu. Jan war besinnlicher, als es sonst seine Art war. Nicht mehr im Rausch des Kampfes sah er zum erstenmal das Land, das er blühend gekannt, als Einöde, über der ein häßlicher, unsicherer Dunst lag, der nach Brand und Leichen roch.
„Ist alles der Fürsten Schuld," sagte er leise.
Als ihm nach langer Zeit wieder in dem toten Däm- mergrau eines frühen Novemberabends das Baugerüst des Kölner Doms wie ein ungeheurer Galgen am Horizont erschien, überfiel ihn ein seltsames Frösteln. Auch Griet umr nickt mehr die alte. Sie war bleich und still. Ist doch sonst nicht ihre Art, dachte Jan: aber er schwieg, denn eines Weibes Seele zu erforschen siel ihm nicht bei.


