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„Te deum lau —-*
Summ! Der erste Kanonenschuß verschlang, als könnte er die Zeit nicht erwarten, das Wort. Sofort stürzten die jubelnden Gesänge der Glocken ans den Türmen» t>ie Orgel setzte mit nrweltlichem Grollen ein und schwang sich in jubelnder Kadenz zu den Wölbungen, und die von Pulverqualm und Siegesgeschrei heiseren Kriegerkehlen sielen ein:
„Te dominum confitemur,
Te aeternum Patrem Omnis terra veneratur!“
Und wenn zwischen den einzelnen Versen für einen Augenblick der Gesang schwieg, schlugen die Stiinmen der Glocken hinein und das Donnern der Kanonen.
„Gib Heil deinem Volk und segne dein Erbe.
Und regiere sie und erhöhe sie in Ewigkeit!"
Jan hatte seinen Schnurrbart zwischen den Zähnen, und er sah starr mit feuchten Augen geradeaus, auf Jose Maria, der am Altar kniete.
9. Kapitel.
„Es flimmern dieLampen im Hochzeitsschlo ß".
Von dem Donnerschlag des Sieges bei Nördlingen, der in ganz Europa widerhallte, drang kein Laut in die tote Einsamkeit des Klosters in der Himmelreichgasse zu Paris. Es gelang Griet nicht mehr, mit ihrer Heiterkeit und Zuversicht ein Lächeln auf das stets tränenfeuchte Gesicht Marie-Annes zu locken und Durante, der die Mädchen jetzt häufiger als früher heimsuchte, fand ein seltsames Wohlgefallen daran, durch hämische und boshafte Worte das Herz der jnngen Gräfin Spanre noch mehr zu verletzen. Er saß dann lächelnd und sah auf die großen Tropfen, die unaufhörlich den Augen Marie-Annes entfielen. Er wünschte sich die Möglichkeit, dieses reine und leidende Geschöpf noch tiefer zu verletzen, und dieser Wunsch wurde schließlich so stark in ihm, daß er kühl und mit Offenheit von der Liebe zu sprechen begann, die er für sie zu empfinden vorgab. Er hatte die Genugtuung, daß Marie-Anne zu beben begann; es schien ihm, daß er ein Vögelchen in der Hand halte und langsam und fest die Finger um den wehrlosen, zuckenden Körper schlösse.
So trat er plötzlich hinter sie, packte mit wildem Griff ihre Arme und sagte mit heiserer Stimme:
„Du erregst mein Blut. Ich will dich in meinen Armen haben. Niemand kann dich retten aus diesen Mauern und vor den kalten und feuchten Armen des alten Jufsac als ich. Hörst du? Niemand. Komm mit."
Griet warf sich mit einem Schrei auf ihn; er stieß sie mit dem Fuße fort-und zog Marie-Anne fester an sich. Die wußte nichts mehr von sich. Ein ungeheuerliches Entsetzen lähmte sie. Sein heißer Atem stach wie eine Flamme in ihren Nacken.
„Ich will dich retten," keuchte Durante. „Ich nehme dich mit mir, irgendwohin auf ein Schloß — tief in der Einsamkeit bretonischer Heiden. Hörst du? Niemand hindert mich. Um den Kardinal ist Sturm. Heute hat man ihm die Kutschensenster mit Knütteln zerschlagen."
„Herr Durante, habt Erbarmen," ries Griet, „oder — ich ziehe die Klingel!"
„Nur zu, gnädige Frau Werth, und ich lasse dich von den Nonnen einfperren, Katze, verdammte!"
Marie-Anne sank von seiner Brust weg zu Boden. Er zog sie an den Armen zum Bett.
„Angefaßt!" rief er Griet zu, und als der leichte, ohnmächtige Leib auf den Decken lag, trat er dicht an Griet heran und sagte: „Morgen und den nächsten Tag ordne ich meine Geschäfte. Sag' es ihr. Aber am dritten Tage, in der Dämmerung, muß sie bereit sein: ich hole sie. Du wirst ihr das sagen!"
Damit ging er.
Am Mend hörten die Mädck)en das Stimmenarollen erregter Menscheiihaufen, das bis in die stille Himmel- reichgasse drang. Einzelne Rufe schlugen gegen ihre Fenster: ,,Tod dem Kardinal!" Man hörte Schüsse fallen. Was geschah? Was wollte man vom Kardinal? Empörte sich das Volk? Zerbrach man die Klöster? Wurden sie befreit?
Aber die Oberin, die noch spät am Abend in der Zelle der Mädchen erschien, berichtete, daß es sich nur um eine der häufigen Zusammenrottungen des Pöbels handele, und die Mädchen ivaren zu sehr mit ihrem eigenen Geschick be
schäftigt, so daß sie das Zittern in der Stimme der alten Nonne nicht wahrnahmen.
Später sprach Griet auf ihre Gefährtin ein, fest und zuversichtlich, wie es nach vorübergehender Entmutigung immer ihre Art war.
Sie sagte ihr, daß sie die Zurückkunft Durantes nicht abwarten dürfe und jetzt gleich einen Brief an den Kardinal schreiben müsse, in dem sie seine Werbung für Jussac annehme. Und sie redete ihr zu wie eine kluge Mutter, Jussac sei alt. Ihm liege es sicher nicht an ihrer Person, sondern nur an ihren Gütern. Sie werde standhast genug, sein, Zudringlichkeiten abzuwehrcn. Nur frei sein, die Arme regen dürfen, die unsichtbaren Ketten nicht mehr klirren hören! Wie leicht vermöchte man später sich Geldmittel zu verschaffen, um aus Frankreich zu fliehen. Das alles wäre möglich, wenn sie sich entschließen könnte — und das müßte sie — ein wenig Unterwerfung zu heucheln. Denn dann oürfte sie, Griet, bei ihr bleiben und raten, während Durante, wenn er sie entführte, nicht auch die Dienerin mitnehmen würde.
„Bist du erst frei, dann schicken wir Nachricht an Jan, und wenn er weiß, wo wir sind, rettet er uns ganz, glaube mir! Also frisch! Schreibe den Brief an den Walfisch, und ich nehm's aüf mich, ihn sicher zu befördern!"
Marie-Anne schrieb den Brief. Griet gab ihn in der Frühe des nächsten Morgens offen der Aebtissin, indem sie ihr nicht verhehlte, welche Anträge Durante der Gräfin gestellt hatte. Die Nonne fand Gelegenheit, den Brief sofort bestellen zu lassen, und nun wartete man. Ter Tag verging, ohne daß eine Antwort kam. Der Tag erschien, an dem Durante mii Abend Marie-Anne entführen wollte. Und je mehr dieser Tag vorrückte desto höher stieg die Angst der Mädchen. Gegen Mittag setzte der Lärm des aufgeregten Volkes wieder ein. Ein starker Brandgeruch lag in der Luft, und man hörte in der Richtung der Tuilerien Salven fallen.
Hatte der Kardinal unter solchen Umständen Zeit, an die Gräfin zu denken?
Es wurde drei Uhr, vier Uhr, fünf Uhr. Die Mädchen lagen auf den Knien, und was sie beteten, war inbrünstiges Gestammel. Da hörten sie das Rollen eines Wagens in der Gasse. Er hielt vor dem Kloster. War's Durante oder Jussac, Verderben oder Rettung? Sie wagten nicht, sich von den Knien zu erheben. Ihre Glieder wurden fühllos und starr in der stundenlangen qualvollen Erwartung. Endlich hörten sie Schritte. Die Aebtissin trat herein, schneller als sonst, und ries:
„Kommt, meine Kinder, schnell!"
„Jussac?" fragte Griet.
„Ja, Jussac! Kommt in die Kapelle, es ist altes bereit!"
Die Aebtissin und Griet führten die bebende Marie- Anne die Treppen herab.
Sie sah den nicht, dem sie angetrant wurde; sie gewahrte von der kurzen Zeremonie nichts. Sie saß plötzlich im Magen und wußte nur dies eine: Ich bin frei!
Am Ausgange der Gasse kam ihnen ein anderer Wagen entgegen, fast berührten sich die Räder. Marie-Anne 'sah einen Augenblick lang in Durantes fahles, wütendes Gesicht, dann waren Menschenmassen.um sie, die schrieen und sangen; sie hörten die Schüsse deutlicher.
Jussac sagte leise zu ihr:
„Furchtet Euch nicht, wir kommen hindurch."
Nach einer Weile strich Waldluft kühl und stark durch die offenen Wagenfenster. Sie richtete zum erstenmal das Wort an ihren Begleiter, der ihr Gatte war:
„Wo sind wir?" .
„Im Walde von Bincennes. Wenn der Morgen graut, seid ihr auf eigenem Boden." '
Da sagte sie aus tiefstem Herzen:
„Gott sei Dank."
(Fortsetzung folgt.)
Selige Gftern.
Skizze von H. v. Mühlenfels.
Sie war die älteste von sechs Töchtern des Pfarrers Helm> schild; sie lebten froh und friedlich« aber ein wenig armselig in der kleinen Garnisonstadt, in der Pfarrer Helmschild seit einem Tutzeird Jahren angestellt loar.
Die Mutter war eine verbrauchte kleine Frau, die sich vont stuurpfen Alltag deS Lebens hatte brechen lassen, aber der Pfarrer selbst war ein starker,- sonniger, selbstbewußter Mann, dem man


