Ausgabe 
3.4.1915
 
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es nicht ansah, daß die tausend kleinen und großer: Sorgen und Tücken, die eine überreiche FanMe bei knappen Geldmitteln mit sich bringt, sich auch an ihn heranwagten. Er liebte seine Mädels und war Irolz auf sie; sie würden schon ihren Platz im Leben fin­den, denn sie hatten natürlichen Verstand und gute Anpassungs­fähigkeit.

Marianne war achtzehn Jahre alt geworden, und sie war ,ehr nach dem Vater geraten, hatte seine schöne, stolze Gestalt und das leuchtende Antlitz und hatte vor allem, das heitere, sonnige und dabei selbstbewußte Wesen des Vaters geerbt.

Ein einziges Mal war sie zum Ball gegangen, und dort hatte sie einen Verehrer gefunden, um den die ganze, kleine Stadt sie beneidete: denn es war der flotteste Kavallerieoffizier aus dem! Regiment, der die junge Pfarrestochter auszeichncte.

Die ängstliche Mutter zitterte, als sie davon hörte. Solche Herren spielen natürlich nur mit den einfachen Bürgerstöchtern, bringen sie rücksichtslos ins Gerede der Leute und lassen sie dann wieder fahren.

Sie ging weinend zu ihrem Mann und teilte ihm ihre Angst mit, aber der lächelte und tröstete sie.

Unsere Marianne ist ein hübsches kluges Mädchen? Warum soll der junge Mensch nicht ehrliche AMichten haben?" sagte er in seinem frohen Optimismus aber die Frau rief ganz ent­setzt aus:

Das kannst du doch selbst nicht glauben, daß ein adeliger Tragoneroffizicr eine Pfarrerstochter heiraten wird, die so arm ist, daß sie ihn: nicht einmal eine Llussteuer milbringen kam:?"

Der Pfarrer zuckte die Achseln.

Es hat schon Fürsten gegeben, die Bürgerstöchter heirate­ten!" erwiderte er, nahm sich jedock) vor, Mit dem Mädchen zu sprechen, damit sie sich keine dumMei: Gedanken in den Kopf setzte.

Merkwürdig, er, dem sonst eine so große Rednergabe zu Ge­bote stand, konnte für diese einfache Sache nicht die reckften Worte finden, und so unterließ ers, Mit seiner Marianne zu sprechen und gestattete trotz der Einwendungen seiner Frau, daß sie mit dem nmgen Menschen bisweilen zusammen traf.

Tie junge, heitere Marianne ging in dieser Zeit wie auf Wolken: ihre Augen leuchteten in einem fast überirdischen Glanz. Sie fühlte sich geliebt und hatte eine grenzenlose Ehrfurcht vor sich selbst bekommen. Wie etwas Geheiligtes, Geweihtes erschien sie sich, und der. Alltag, her sich um sie her abspielte, berührte sie überhaupt nicht mehr.

Sie fragte sich nicht, wie andere Mädchen das vielleicht getan haben würden:Wird er :mch heiraten?" Nein, sie wollte nicksts weiter als diese tiefe Verehrung, diese süße, beglückende An- betung. s

Der Winter verging und die Mutter fing ganz leise an, sich an den Gedanken zu gewöhnen, daß ihr schönes Kind doch viel­leicht ein ganz besonderes Glück haben konnte.

Vorsichtig und diplomattsch, wie jede Mutter es in diesem Falle zu sein pflegt, suchte sie die Tochter auszusorschen, ohne» zu irgend einem Resultat zu kommen. Ihre Marianne ivar von Kind auf ein seltsames Geschöpf gewesen, mit dem eine klare Aus­sprache nicht gut möglichivar; jetzt aber war sie durch eine tiefe Kluft von b*:r Mutter getrennt, und die ängstliche kleine Frau! geriet in schivtere, tiefe Erregung, denn die Liebe zu ihren Kindern war echt und groß, und sie wollte nicht, daß mit den Herzen der armen Mädchen gespielt würde.

Im Frühling kan: Marianne zu einer Verwandten in die Stadt, und das geschah auf den Wille:: des Pfarrers selbst.Eine Trennung," sagte er sich,wird beiden Teile:: vielleicht mehr Klarheit verschaffen!"

Der junge Tragonerofsizier tvar bestürzt, als er von Marian­nes Reise erfuhr: er erbat sich vom Vater die Adresse und schrieb lange Briese, schrieb Briese, die das Gemüt des Mädchens 1:ef er­regten (aber von einem Zukunftsgedanken war nichts darin zu lesen. l

In: Juli kam Marianne zurück, sah sehr zart und darum vielleicht noch schöner aus als früher, und der junge Mann mit dem stolzen Namen war hingerissen von ihrer Schönheit.

Sie sahen sich auf einem Gartenfest; sie gerieten auf eine dunklen Weg, itrtb er küßte sie und sagte:Ich liebe dich übetz alles in der Welt!"

Bon da an wußte Marianne, daß ihr Leben für ewig mit dem des jungen Offiziers vereint sein würde. Sie dachite weder an eine Berlobirng noch an eine Heirat... nur, daß er ewig lieben würde, dachte sie und v.rsank in eine:: Rausch von Seligkeit, aus den: sie erst erwachte, als das Große, Gewalttge in d:e Welt kam, als jeder sein eigenes Sicksal vergaß, und sich nur noch als ein Wied in der großen Allgemeinheit fühlte.

Ter junge Tragoneroffizier zog als einer der erste:: in der: Krieg; er hatte das Mädchen, das er liebte, gar nicht ivieder ge­sehen, so schnell war alles in diesen zwei Tagen, die dein AM- rücken vorangingen, an ihm vorbeigerast.

Mer soivie er im Zag saß. kam daS heiße Erinnern über ihn, und auf einer Karte schrieb er ibr den dlbschiedsgrnß.Vergiß mich nicht. ES gibt ein Wiedersehen für Uns: vielleicht bald, vielleicht in langer Zeit, dlbcr einnval wird eS sein . . . Hoffe:: wir im Frühling!"

Bevor diese Karts in Marianne- Besitz gelangte, ging fte erst

durch des Pfarrers und dann durch der Mutter Hand, und eine ängstliche Beratung fand statt.

Sollte man dem Kinde nicht besser diese .Unruhe ersparen? Sollte man eine Hoffnung in ihr wacherhalten, die so wenig Aus­sicht auf Erfüllung hatte?"

Die Mutter wollte die Karte verschließen, der Vater aber rief sich Mariannen herbei.

Da nimm imd lieS u:vd sei stark niemand hat jetzt das Recht, allzuviel aus eigene Schicksal *u denken. Ich kenne ihn nicht genügend, un: zu wissen, ob seine Liebe wahr und tief ist. .Auch kann ja der Fall eintreten, daß er nicht wiederkehrt. Ich bitte dich also sei gwß und stark und suche mit dir selbst'fertig zu werden, ohne deine Umgebung unter jdem, was in dir vorgeht, leiden zu lassen!" i

Marianne beugte sich über des Vaters Hand, und der küßte ihr die Stirn.Mein gutes, liebes Kind!" sagte er weich u:ib Marianne ging in ihr Zimmer, weinte lang und schmerzlich: aber damit war denn auch ihre Fassungslosigkeit vorüber, und sie blieb das liebe, sonnige Glied der Fam:l:e, das sie immer gewesen.

Im Frühling!" Das.Wort lebte in ihr. Ost in :hren Träumen hörte sie die Osterglocken läuten, sah blaue Veilchen in ihres Vaters Garten sah und fühlte die Sonne, die warm und mild auf die kleine versteckte Gartenveranda schien und in einem Winkel der Veranda sah sie ihn sitzen und hörte jihn sprechen, und ein goldener Ring blitzte an ihren: Finger.

Bis zum Frühling das war eine lange, schwere Wartezeit, in der d:e langen grausige:: Verlustlisten Angst und Hoffnung brachten. Hier u:ll> oa flatterte ein liebes Kärtchen zu ihr ins Haus. Aber die Grüße wurden seltener, und schließlich blieben sie ganz aus. ' .

So kam eine neue Qual für Marianne. Die Wochen schllchen dahin unter den enttäuschten, schmerzlichen Augen der Mutter, und in Mariannens Kopf jagten sich wehe, schmerzliche Gedan­ken. Am Abend, wenn sie zu Bett ging, war ihr, als sei es eine Sünde, in warmen Kissen zu liegen, und oft in oer Nacht sprang sie auf holte seine Briefe, sah auf das Bild, das er ihr geschenkt, uub ihre Hände falteten sich und ihre Lippen be­teten :Lieber Gott laß das Entsetzliche nicht eintreffen. Erhalte ihn mir laß ihn mir. Ich kam: nicht ohne lihn leben!"

Sie hatte gar nicht gewußt, wie tief, wie unsagbar heiß sie ihn liebte: erst jetzt, da die große Angst um ihn wach igeworden, fühlte sie, daß ihr Leben nutzlos werden würde, loenn er nick>t zurückkehrte.

Im Garten begannen die ersten Veilchen zu blühen: milde Lüfte gingen durchs Land. Noch konnte man auf keinen Frieden hoffen, aber eine frohe Frühlingsahnung zog doch in die Herzen der Menschen ein. 1

Still und ernst schritt Marianne durch de:: Garten, bückte sich hin und wieder oder blieb sinnend stehen und schaute ins Weite.

Da kamen Schritte hinter ihr schnelle Schritte. Sie wandte sich um.

Vater, du?" und das Herz begann heiß zu klopfen. Ter Vater hatte etwas für sie; in des Vaters Gesicht lag eine große Neuigkeit.

Marianne, mein Kind!" und seine Auaen leuchteten, und um seinen Mund spielte ein halb ftohes, halb schmerzliches Lächeln.

Er trug einen Brief in der Hand einen mit Bleistift ge­schriebenen Brief, und als Marianne die Schriftzüge erkannte, mußte sie sich an des Vaters Schulter lehnen.

Er ist krank sehr krank?"

Der Vater schlang den Arm um sie.

Ja krank Kind. Und müd und schwach und troftbedürftig und möchte ein wenig Sonne um sich habe::. Und um diese Sonne bittet er mich. In meiner Hand soll es liegen, ihm diese Sonne zu geben!"

Sie las, und die Tränen strömte:: ihr heiß aus den Augen.

Vater und Du erlaubst es? Du läßt mich zu ihm fahren?"

Der Pfarrer lächelte.Soll ichs nicht tun?"

Trotz der Einwendungen der besorgte:: Mutter saßen sie dre: Tage später im Zug. Jrgerllrwo an: Rhein lag er in einem Lazarett und sah sehr Meid), sehr ernst nick» leidend aus. Aber die matte:: Augen strahlten auf, und ins weiße Gesickst stieg eine heiße Blut­welle, als das liebe Mädchen, das ihn während all dieser schn»ecen Monate begleitet hatte, ins Zimmer ttat, vor dem Bett niedersank :md das lveinende Gesicht an seine Brust scknniegte.

Auf den Frühling wollten lvir hoffen, Marianne!" sagte er leise:aber noch ist es nicht Frühling!"

Nein, es war noch nicht Frühling, und sowohl draußen in der Natur wie drin in: stillen Lazarettzimmer folgten schlimme. bange Tage. Aber wenn es mul) noch nicht Frühling :var, so batte der Winter doch seine Macht verloren, und seit bei De::: armen Kranken bestätig die liebe Sonne wellte, konnten Fieber und Sch:::crzen nicht mehr verheerend wirke::.

Hast du an :nich geglaubt bist du nie irre an mir ge­worden, Marianne?" fragte er, als er fühlte, daß die Genesung nabe war. und sie barg den Kopf an seiner Schulter und sagte leise:Die Mutter war so lleiumütig!"

Da erst erinnerte er sich der armen kleinen Frau, die so gar nicht der schönen stolzen Tochter glich, und er lächelte.

Ostern steht vor der Tür. Marianne, und ich glaube, der Arzt würde die Reise erlauben!" Da jübelte sie aus und schlang ihn: