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noch ans der Besetzung der Brücke von Versailles kennen." wieder zu den Waffen greisen, dann werden wir mit Gottes Hilfe wieder siegen in gerechter Sache. Durch den Saal weht der Atem der Geschichte. Es ist als ob der deutsche Genius selbst spreche, tapfer und ehrlich, furchtlos und gerecht. Die Herzen der Hörer schlagen, und selbst der. der sich in falschem Stolze vaterlandslos nennte fühlt sich jetzt mit echtem Stolze als Deutscher. Und nun schließt der Kanzler seine Rede mit einein Kernworte. Furcht kennen wir nicht. Wir Deutschen fürchten Gott und sonst nichts auf der Welt!" ruft er hell und stark in den Saal, in die Welt.

Einen Augenblick Schweigen. Dann löst sich der Bann und ein Jubel bricht los. wie ihn der deutsche Reichstag noch nicht ge­sehen. Immer von neuem braust der Sturm der Begeisterung aus, die Tribünen stimmen ein, in unbeschreiblicher Erregung schütteln sich die Männer die Hände und brechen dann von neuem in Jubel aus. In wenigen Minuten ist die Vorlage angenommen, erregt strömen die Abgeordneten auf die Straße. dort pflanzen sie die Erregung, die Begeisterung weiter. ..Was ist geschehen?"Großes. Herrliches?" Und wie ein Blitzstrahl fliegt das Wort durch die Menge: «Wir Deutschen fürchten Gott und sonst nichts auf der Welt?" Die Menac braust, und wie nun der Kanzler aus dem Hause tritt, da tobt ihm die Begmfterung entgegen. Ter Verkehr stockt, die Straße bebt, Tausende von Armen strecken sich ityin ent­gegen. Tausende von Herzen schlagen ihm zu. So begleitet ihn der Jubelschrei auf Schritt und Tritt den ganzen Weg bis zu seinem Hause, nur zuweilen übertönt ihn die mächtige Weise eines Vater- landsliedes.

Und der Telegraph trägt die Kunde in alle Welten, und Fürsten und Völler und Diplomaten denken über den furor teutonieus nach und die Nation, die Gott fürchtet und sonst nichts auf der Welt.

Im Charlottenburger Mausoleum.

(87. März 1888).

Der Vorfrühlingstag neigte sich seinem Ende zu und über das Charlottenburger Kvnigsschloß, in dem 'Kaiser Friedrich die Augen «schlossen und Kaiser Wilhelm seine letzte Ruhestätte gefunden hatte, senkte sich schnell,der Abend herab Da fuhr vor dem Seiten­eingang des Palastes ein Wagen vor und ihm entstieg die noch immer mächtige Gestalt des Reichskanzlers. Nein des ge­wesenen Reichskanzlers, des Gefallenen, dessen Entlassung vor einer Wock>e die Welt in eine ungeheure Erregung, in eine Art atemloser Beklemmung, Deutschland aber in eine schmerzliche Er­starrung versetzt hatte. Kaum hatten die Wenigen, die hier einen einsamen Abendspaziergang machten, den Fürsten benierkt, da war er schon in dem Portale verschwunden und schritt durch den schönen Park dahin, dem Wege folgend, der ihm an der Orangerie vorüber führte.

Stiller und ernster wurde eS um ihn. Tie lustigen Bild- »verke, mit denen die Vergangenheit die Alleen geschmückt hatte, tagen hinter ihm. eine feierliche Fichtenallee nahm ihn in ihr Dunkel auf, und jetzt stand er vor seinem Ziele: dem Mauso­leum.

Abschied wollte er nehmen, Abschied von seinem teuren und treuen alten Herrn, Deutschlands ersten Heldenkaiser, der da unten den ewigen Schlaf schlief. Der Mann von Blut und Eisen wer bätte ihn heute und hier wohl wiedererkannt, wie er zu der weihevollen Stätte der Erinnerung pilaerte, wie er seinem Gefühle -anz sich hingab. wie er kaum die in seinem Antlitze zuckende /Be­wegung beherrschte! Morgen sollte er die Stadt verlassen, die er zur Hauptstadt des mächtigsten Reiches der Welt gemacht: würde er sie wohl je Wiedersehen? Dunkel war die Zukunft, und ohne Abschied mochte er von Kaiser Wilhelm I. nicht Weggehen.

Drei Rosen trug der einsame Mann in der Hand, wre er in das Mausoleum eintrat. Matt freien noch ein blauer Strahl des iveichenden Tageslichts durch die hohen Fenster, während er einen Augenblick an den Särgen Friedrich Wilhelms III. und der Köni­gin Luise verweilte. Dann schied sich der Fürst vom Tage und stieg hinab in die Kaisergruft und blieb allein.

Allein Mit dem Gckste des teuren Toten und einer Welt von sorgenvollen und bitteren Gedanken, von Erinnerungen und Be­fürchtungen Vor ihm stieg die Gestalt Kaiser Wilhelms auf. treu und schlicht, kernig Und gesund, vornehm und stolz und doch so tief bescheiden »rnd so gerächt gegen jedes wahres Verdienst, so dankbar für jedes Er sah ihn vor sich in seiner jungen Ritter­lichkeit, wie er dermaleinst auf dem Hofball über seine Länge ge­scherzt und das Gardemaß der Frau Juftitta bewundert hatte: er sah ihn als den rüstigen Siegergreis und als den nnermük- lich tätigen verehrten Patriarchen. Er dachte an so manche ernste Stunde, in der er mit ihm hatte ringen müssen um das Gescknck der Zukunft, und an die beinahe zärtliche Huld, mit der er ihn endlich überhäuft. Und er dackche. was der stille Schläfer da wohl gesagt hätte, lvenn er diese bittere Stunde hätte ahnen können und welche Sorgen er sich daun um das geliebte deutsche Land ge­macht hätte.

Am ersten April 189 5.

Es summt und rauscht tausendsälttg auf den sonst so stillen Wegen des alten Sackpenwaldes Fahnen flattern, bunte Ge­wänder blitzen in der Sonne, Lieder erklingen, und alles über­

tönt der Marschtritt von Tausenden. Die deutschen Studenten, des Vaterlandes Blüte und Hoffnung, sind eS. die hcrbeigeeilt sind, um Iden Gründer des Reiches an dem Tage, an dem er sei» 80. Lebensjahr vollendet, zu huldigen.

Und nun öffnen sich die Flügeltüren, und er tritt heraus in den jungen Frühling, ein Greis, den das Alter gebeugt, aber nicht gebrock>en hat, gewalttg noch immer in seiner Kürassier»« uniform. Leben in jedem New. Schritt für Schritt tritt er lang­sam. bis zum Terrassenrande heran, und nimmt den blinkenden Stahlhelm ab und grüßt.

Grüßt mit einem langen tiefen Blicke seiner leuchtenden große« Augen, der den ihm so wohl vertrauten Schloßpark. und den rau­schenden. frisch ergrünenden Sachsemvald und die unübersehbare Menge umfaßt, die Kops an Kopf sich da unten vor ihm drängt weiter, als sein Auge sehen kann, bis tief in die Waldeseinsomkeit hinein. Grüßt die deutsche Juqend, der die Zukunft gehört und die sich heut zu ihm bekennt, die ihm heut huldigt, als ihrem Ideale, die ihn mehr als veredrt die ihn liebt. Sagen das nicht die strahlenden Blicke, die ihn grüßen? Nicht die klirrenden Sperre, die sich senkenden Fahnen? Nicht der brausende Jubel, wie ein Sturm zu ihm hinaufrauscht, und drüben über dem kleinen See ein Riesen­echo findet bei einer vieltausendköpfigen Menge? Der Fürst grüßt und winkt und lächelt: er fühlt, dieser Tag krönt sein Wert, die Zukunft erklärt sich für ihn.

Von der Zukunft spricht er nun auch zu ihnen. Von dem. was errungen ist und was sie halten sollen: von dem Guten, das sie nicht preisgeben sollen für ein vermeintliches Bessere. Durch die ttese Stille, die nur ab und zu ein Rauschen der Banner, ein Knarren der Fichten im Winde unterbricht oder das ierne Jubel­geschrei derer, die noch hinten weit im Wald stel>en. durch die Stille ziehen seine schlichten Worte, durchtränkt von der köstlickxn Weisheit der Erfahrung eines wohlangewandten Lebens, durch­leuchtet von der Milde eines abgeklärten Alters. Und den Jüng­lingen ist es wie ein Traum, daß hier in der deutschen Waldeinsam­keit ihre verkörperte Geschichte selbst zu ihnen spricht und ihren Blick auf die Höhen hebt, auf denen bas Alltägliche verschwindet und nur noch das Große und Ewige sichtbar bleibt. Märchenhaft, ttne das ganze Leben des Gewalttgen. ist es. daß er hier im ehr­würdigsten Greisenalter der blühenden Jugend seinen letzten Willen sagen und tief ins Herz prägen kann.

Und nun ziehen sie an ihm vorbei. Ein endlos langer Zug und immer mehr noch strömen vom dunklen Waldrande her. Aufmerksam blickt der greise Fürst auf sie herab und auf ihre Banner: Bayern und Holsteiner, Schlesier und Elsässer ja. sie sind noch alle beieinander und Werdens bleiben: denn die Kette, die der Meister Schmied gearbeitet, ist gut. Und in der Freude seines Herzens er­greift er ein paar Rosen und wirft sie den Jünglingen hinab. Arme Rosen? Hundert Arme strecken sich ihnen entgegen, kämpfen um sie, zerpflücken sie. und wer nur ein Blatt erobert hat. ist Jubels voll.

Der Einsiedler im Sachsenwalde.

Auf einer Bank im Schloßparke sitzt der Greis von Fried­richsruh. freut sich der wohligen Sonne und zeichnet mit seinem Stocke Figuren in den Sand.

Wie schwach ward sein Fuß und wie eng sein Kreis. Er. der einst rastlos Europa vom Süoen zum Norden und von Ost nach West durchflog, ist jetzt zufrieden, wenn er zur nahen Bank fahren und die Sonne genießen kann.

Was rauscht der Wald dem Einsiedler von Friedrichsruh zu?

Er flüstert ihm die leisen Grüße der Abgeschiedenen zu. die ihn rufen: der teuren Gattin, des unvergeßlichen königlichen Herrn, des heldenhaften Kronprinzen. der großen Mitvaladine. Sie mahnen ihn und rufen ihn zu sich, und er ist bereit und Harri der Sttmde...

Er trägt ihm Nachricht zu von dem brausenden Leben da hinter dem Walde, und manche Botschaft, daß er sich noch einmal gürten und auf die Walstatt treten möge. Doch der Greis schüttelt lächelnd das Haupt und horcht weiter...

Er bringt ihm die Grüße seines Volkes. Er bringt die Män­ner zu ihm, alte und junge, Handwerker und Gelehrte. Männer von den Alpenbergen und vom Bernsteinstrande, die ihm künden, daß der greise Einsiedler nicht einsam ist. daß ein ganzes, großes, freies und dankbares Volk mit ihm lebt, fühlt, bei ihm weilt und für jede Stunde seines Lebens in tiefer Freude dankbar ist Daß im einsamen Sachsenwalde Deutschlands Herz und Liebe woh­nen: daß seine Volksgenossen zu einem stillen Heim pilgern, um sich durch einen Blick in seine treuen Augen Trost zu holen in trüben Zeiten und Zuversicht in des deutschen Volkes Bestimmung und Zukunft: daß Deuttckiland sich zu einem großen Sohne ge­sunden hat lrrtb nie wieder von ihm lassen wird....

Rauschet leise, ihr Bäume des Sachs emoaldes, rvehe sacht, linde Sommerluft: stört den stillen Mann, der nach jahrzehnte- langer schwerer Fahrt zu seiner Waldeinsamkeit zurückgekebrt ist, nicht in seinen Gedanken. Denn jeder seiner Gedanken ist eine Sorge für das Deutsche Reich und ein Segen für sein Volk, das über alles geliebte.

Kchriktleittmg: Äug. Goetz. - Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen UniversitäkS-Buch- und Cteindrnckerei. R Lange. Gießen