jurfidf. Er Hai es später gesagt, daß er einen unglücklichen AuS- gang des Krieges nicht überlebt hätte, und daß es ihm bitterer Ernst mit diesem Worte mar, das darf man einem Bismarck wobl glauben. So schweifen mitten in dem Donner der Geschütze die Gedanken des Staatsmannes auch zu den Seinen herüber, denen er vielleicht zum letzten Male einen stillen Gruß sendet. Tenn tetzt, um die Mittagszeit, steht die Schlacht sehr ungünstig für die Preußen. Ter König hat die letzten Reserven hcranziehen müssen, die sicher gezielten Geschosse der 500 österreichischen Kanonen haben die preußischen Reihen furchtbar gelichtet, die wichtige Stellung des Generals Fransecki im Swapwalde wird von den Oesterreichern schwer erschüttert, und mit verzweifeltem Todesmatte ruft der General seinen Soldaten zu: „Hier sterben wir." Plötzlich erhellen sich Bismarcks ernste Züge. Sein scharfes Auge erkennt in der Ferne lange, sich vorwärts bewegende Linien. Zn seiner Umgebung zweifelt man daran, ob er richtig gesehen hat: man hält diese Linien für Ackerfurchen. Da sprengt der General von Voigt-Rheetz heran und meldet, daß der preußische Kronprinz, dessen Ankunft man selmsüchtia erwartet hat, im Gefecht steht. Bismarck atmet auf; jetzt ist der Sieg ge'ichert. Stundenlang tobt zwar noch der Kampf, und Bismarck, der seinen König als treuer Vasall überall hin begleitet, kommt bei dem großen Kavallerieangrifs in das dichteste Feuer der österreichischen Granaten, aber was will ihm die Gefahr besagen gegenüber den furchtbaren Stunden, die er in banger Erwartung hat durcÄeben müssen?
^ Es ist Abend geworden, die Truppen umjubeln den königlichen Sieger, Bismarck aber zieht sich todmüde zurück und bereitet sich auf dem Straßenpflaster von Horsitz mit Hilfe eines Wagenkissens ein ärmlrches Nachtlager. Man sagt, daß Kriegsjahre doppelt zählen, die fünf Stunden aber vom Morgen des 3. Juli bis tzu der Mittagsstunde, die die Wendung des Kampfes brachte, können für Bismarck als ebenso viele Jahre angerechnet werden. In seinem von den gewaltigsten Ereignissen erfüllten Leben hat er vor Königgrätz und hat er nachher gar manche Stunde der gewaltigsten Erregung durchleben müssen, aber nie wurde seine Seele durch die Bedeutung des Moments so furchtbar erschüttert, wie au jener Höhe von Dub. Daß er bei dem furchtbaren Kampfe in seinem Inneren äußerlich in keinem Momente seine ruhige Gelassenheit einbüßte, das kennzeichnet am besten seine wahrhaft antike Charattergröße.
In der Galerie des Glaces.
„Nun danket alle Gott. . ."
Mächtig brauste der alte treue deutsche Choral durch die prunkvolle Halle des französischen Königsschlosses, in der der siegestrunkene Sonnenkönig „toutes les gloires de la France" verherrlicht hatte. Fürsten und Füsiliere, Generäle und Diplomaten sangen ihn, und aus tiefstem Herzen sang ihn der Graf Bismarck mit, der rechts vor dem ttefbeweqten greisen Könige — baldigem Kaiser — Stellung genommen hatte. „Schau mal. wie der Bismarck singt," sagte ein dein Kanzler gegenüber stehender bayerischer Jäger zu seinem neben ihm stehenden Landsmanne, einem bayerischen Chevauleger. „Na, wenn der einmal zu singen anfängt." antwortete der Chevauleger, „wird zweifellos bald Friede." Ja. Friede und Reiches Herrlichkeit und erreicht, was Geschlechter ersehnten, — also jubelte es in Bismarcks Brust, und laut erhob er seine Stimme zu Ehren Gottes: „Der große Wunder tut An uns und allen Enden." Vieler Blicke aus der glänzenden Versammlung flogen zu ihm herüber. Er war eben erst vom Krankenbette aufgestanden und noch zeigte die erschreckende Blässe seines Gesichtes die Spuren des Leidens. Aber hochaufgericAet stand er dennoch da, eine Hand fest auf den Degenknopf gelegt, die mächtige Brust in den blauen Waffenrock der Magdeburger Kürassiere gehüllt („eigentlich hätte er den Koller anlegen müssen: der blaue Waffenrock war inkorrekt," bemerkte später der Kaiser) und mit den Abzeichen der ihm am selben Tage verliehenen Generalleutnantswürde geschmückt. Das Oranqeband des Schwarzen Adlers glänzte aus der Uniform, 'die Beine steckten in hohen Reiterstiefeln. Von Zeit zu Zeit streifte sein Blick seinen könialichen Herrn, oft aber den in männlicher Schönheit prangenden Kronprinzen, den Erben der Krone, den Träger der Zukunft. Denn schon schweifte sein sorgender Geist wieder hinaus zu den Tagen, die dem jungen Reiche bevorstanden und zu den Gefahren, denen es zu stehen haben würde. ,
Tie Versammlung hatte sich neugeordnet. Umringt von den deutschen Fürsten, umrauscht von den Fahnen des siegreichen Heeres stand König Wilhelm aus dem Hochtritt, ihm gegenüber an der Spitze der Minister und der höchsten Würdenträger der Kanzler. Dort las der Monarch seine Proklamation an die deutschen Fürsten por und forderte dann den Grasen Bismarck auf. sie an das deutsche Volk zu verkünden. Und der Mann von Eisen tritt vor. mit der Linken umfaßt er die Spitze seines Helmes, mit der Rechten die urkunde, die er nach einer tiefen Verbeugung aeaen den König ent- roUt Tann tönt seine Stimme durch das lautlose Schweigen in dein welschen Ruhmessaale, jene Stimme, die nie vergißt, wer sie einmal hörte: dünn und doch markig, ruhig und doch voll leidenschaftlicher Kraft.
Parlamentarischer Frühschoppen.
In das alte stille Palais in der Wilhelmstraße zu Berlin, in dem der Kanzler des Deutschen Reiches wohnt, treten nach*
einander zahlreiche Männer ein. Sie tragen alle schwarze Gesellschaftskleider und hohe Hüte, und aller Gesichter zeigen den Ausdruck gespannter Erwartung. Parlamentarischer Frühschoppen bei Bismarck — jeder loeiß, daß ihn da Hochinteressantes erwartet. Der Bismarck der parlamentarischen Tribüne und der des parlamentarischen Frühschoppens — das sind zwei ganz verschiedene Menschen. Der kampfbereite Löwe stellt sich hier als liebenswürdiger Wirt dar, der darauf Bedacht nimmt, daß seine Gäste sich in seinem Hause wohl fühlen, und selbst für die Anord-, nungen sorat. Hier scheinen die politischen Gegensätze verschwunden: dem Zentrumsmann und dem Fortschrittler, dem Konservativen und dem Nattonalliberalen kommt der Kanzler mit der gleichen Freundlichkeit entgegen, für jeden hat er eine Liebenswürdigkeit und ist mit seiner sprudelnden Frische überall. Tie Speisen im Bismarckschen Hause sind gut und die Weine nicht minder: das Bier schäumt und die Zigarren glimmen und bald herrscht überall die lebhafteste und heiterste Stimmung, die nuv Tyras, der Reichshund, dem man nachsagt, daß er eine Antipathie gegen die .Feinde der Regierung habe, nicht immer zu teilen scheint.
Und was für jeden Besucher immer von neuem bei diesen Unterhaltungen überraschend und interessant war, war die Offenheit, mit der fick) hier die Weltgeschichte im Negligs präsentterte. In diesem H<ruse, wo die Fäden der europäischen Politik zusammenliefen, hier, wo der epochemachende. über Völkergeschicke entscheidende Berliner Kongreß getagt hatte, hier plauderte der Kanzler über seine politisckien Erlebnisse, seine Ansichten und Gedanken mit einer Offenheit, die aUen diplomatischen Tradi- ttonen Mwiderläust: er nennt feine Feinde Feinde und den Dummen einen Dummen und heftet ihm noch ein tteffendes Witz- N«rt an: er gibt Enthüllungen aus der großen Geschichte der jüngsten Vergangenheit und spricht über seine Beziehamgen zu Fürsten und Politikern, wie im engsten Familienkreise.
Dichter haben sich die blauen Rauchwolken ziisammengezogen^ ein Teil der Besucher hat das Palais bereits verlassen, und ma noch ein kleines Häuslein Getreuer umringt den Fürsten, der unermüdlich im Gespräche ist. Da lebt der Göttinger Student in ihm auf und freut sich des Frühschoppens und der Gemütlichkeit, und erst, wenn der letzte Gast sich verabschiedet hat. denkt mich der Fürst an den Schluß, leert noch einen Schoppen, ttttr einen Seufzer und kehrt zurück unter die Herrschaft SchweningerL und der strengen Arbeit.
III. Der Lebensabend.
Wir Deutsche fürchten G " tt und sonst nichts auf
der W elt!
Das ist ein Stürmen und Drängen auf der Leivziaer Straße. Der Teil der Straße vom Herrenhause bis zum Reichstaas- qebäude ist von einer dichten Menschenmenge besetzt, die nicht vom Platze weicht. Tansende erwarten hier der, Reichskanzler. Man wriß. daß der. der nur noch bei außerordentlichen Gelegenheiten selbst im Parlamente erscheint, heute sprechen wird: man weiß, daß er anläßlich der großen Militärvorlage sich über die ganze politische Lage äußern wird, die durch die Veröffentlichung des deutsch-österreichischen Vertrages eine völlig neue Signatur erhalten hat.
Ta ist er! Wohler und stattlicher, als man ihn erwartet Graf Herbert ist bei ihm und ist ihm behilflich. Schon ist Bismarcks Stellung zu seinem Zeitgenossen eine andere oeworden Er ist nicht mehr der Mitstrebende, der Geawffe in Reih und Glied: er ist bereits über alle hinausgewachsen, eine historische Gestalt geworden, zu der man mit ttefer Ehrfurcht emvorblickt. Und wie er sich nun erbebt und sein Ange die B-rkaminlung ü^erfTicrrt, da legt ftdft ein ticseS Schweigen Über den dicht gefüUten Saal. In diesem Augenblick ft'iblt jeder ganz, was Bismarck aus Deutschland gemacht hat: lauscht doch die ganze Welt gespannt auf jedes der leisen Worte dieses alten Mannes!
Er spricht vom Ernste der Situation, von ihren Gefahren, von der delikaten Lage. Vorsichtig und doch offen, schonend und doch ohne Rückhalt. Er hebt die Besserung der politischen Verhältnisse bervor. Erinnerungen und Enthüllungen, Scherze, Pointen- reiche Worte und tieft Gedanker jagen einander, beleben seine Rede, die einen caewissen Grundton b-lkercr Seelenruhe zeiat. ?lber allmählich ward er ernster und ernster. Er kommt zu feinem Hauptpunkte: er rechnet einmal ganz mit Rußland ah. Ein Jahrh"ndert zurück führt er affe Posten auf und -zeiat, daß das „S"ldo der Dankbarkeit" durch Deutschland reichlich beglichen ist. W'r wollen m,t Freund mit den Russen bleiben, aber wir laufen niemand nach. Jedes Wort ein Licht, ein Helles Licht für Freund und Fründ. und atemlos hängen die Hörer an des Redners Livven: kaum daß sie hier und da einmal Beifall raffen Der alte Mann ist müde g-wor- den, er netzt leine Limaen und setzt sich nieder: doch ununterbrochen strömt fn n e Rede weiter. Jetzt wird seme Sffman-' st^enaer schärfer: wie Waffenklirren tönt es in ihr. Nie wird Deutschland einen- Anariffskrieq führen, verkündet er feierlich werden wir aber her- aaisgesordert. „dann wird das ganze Deutschland von der Memel bis rum Bodensee wie eine Pnlvearmine auffvringen," dann nn'rd der „feste Mann, der Familienvater, diese Hünengestalt, die wie


