Ausgabe 
1.4.1915
 
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Der tolle Bismarck.

Die Nebel eines grauen Herbstmorgens brauen um Kniephos. Unruhig und erregt eilt im Herrenhause die Dienerschaft durck>- einander.Noch nicht zu Lause? Die ganze Nacht iwu er wieder fort!" Und die treuen alten Diener des Laufes sckchtteln besorgt ihre Köpfe; was sollte aus dem einst so fröhlichen Junker Otto werden?

Die ganze Nachbarschaft schüttelte mit ihnen die Köpfe. Furcht­bares erzählt sie sich von dem Kniephoser Lause. Wilde Gelage wurden dort gefeiert, in den Zimmern selbst knallten Pistolen­schüsse, und im Keller habe man ein Rasseln und Dröhnen gehört: es sei keine Frage, das; der alte Ahne Bismarck, der Leld von Czaslau, der Erbauer des Laufes, empört über seinen Nach­kommen dort spukte.

Bismarck weist, dast sie so reden, weist, dast sie sich über ihn entsetzen, weist, dast in ihren Phantasien ein Stück Wahrheit liegt, und lebt weiter, wie er gelebt hat. Er kann sich um die Leute nicht kümmern, er hat zu viel mit sich zu hm. Wie er jetzt an diesem Lerbstmorgen auf seinem ermüdetenKaleb" end­lich heimkehrt, steht cs auf seinem Gesichte geschrieben, dast er eine wilde Nacht hinter sich hat. Eine wilde Nacht beim Zech­gelage der Kameraden vom Regimcnte und dann beim scharfen nächtlichen Ritt, der ihn stundenlang durch Wald und Leide führte. Ja, es ist wahr, er führt ein tolles Leben; und doch deckt xs nur die schweren inneren Kämpfe, die in ihm toben.

Eine tiefe Melancholie ist über ihn gekommen. Ist es eine Nachwirkung der lustigen, aber zügellosen Aachener Zeit? Ist es der Kak-enjammer von den wenigen Jahren, die er dem juristi­schen Dienste gelvidmot hat. und die doch genügt haben, um ihn die Schalheit des bureaukratischen Lebens gründlich kennen zu lehren? Oder vor allen«: ist es das Gären der überschüssigen, noch unverwandten .Kraft? Er ringt schwer mit sich, er springt von einem zum andern Jetzt ist er aus dem Rücken des Rosses, jetzt sitzt er tief versenkt über Spinozas Philosophie: bald heißt es. dast Kniephos eine Lerrin zu erwarten l>al>e. bald werden die Koffer gepackt und man nrunkelt, Bismarck wolle nach Indien gehen Mit landwirtschaftlichen Sorgen, nrit wilden Vergnügungen ausgesüllt ist sein Leden doch leer: er sehnt sich nach innerem Mieden. nach erlösender Arbeit, nach dem Glücke des häuslick)en LerdcS

Er politisiert. Unerhört dazumal in Kniephos und viele Mei­len im Umkreise. Unter den weinheisten Genossen beginnt er Plötzlich den Erstaunten von Preustens Größe und Berus, von Deutschlands Zukunst und Einheit zu erzählen Die Genossen beschränken sich meist aufs Zuhören. Sind sie dann, Heist von den Feuerworten Bismarcks und von seinen Weinen, zu Bette gegangen, dann setzt er sich noch rauchend an den Schreibtisch und schreibt einen Brief, einen Lerzensergnst an seine geliebte Sck,wester. seineArminen", seineMaldewine".

. So treibt es derTolle Bismarck" Und auf allen Edelsitzen weit in der Runde ist sein übler Ruf verbreitet. So treibt er es.

kr von dort, wo sein Name am allerschwärzesten angeschri''ben ist. sich die Gefährtin des Lebcms holt, bi? er das häuslickx- Glück stndet, nach dem er sich so gelehnt hat. Da macht er seinen Frieden nnt der Welt, da findet er sich selbst Aus demtoUen Bismarck", deni ri'belasen, seine Kraft zwecklos verbeugenden, unbefriedigten, ist der rnte Mann geworden, der sich und die Welt kennt, seine Lebens- anschanung s,ch selbst gebildet hat. und seine Kraft gesammelt zu venoerten weist. Aus jenev tollen Jahren des Sturmes und Dranges geht der fertige Bismarck der Geschichte hervor.

Am deutschen Bunde.

Im Parterre des Tarisschen Palais zu Frankfurt a M. in der Ikscheiibnmer Gasst Und ftc um einen kreisrunden Tisch ve-sam- melt, die Herren Bundestaasgesandten. alle von ihrer Würde und von der Bedmtung ihrer Stellung tief durchdrungen. Nur einer £ / btc* Gefühl bundestägllcher Würde nicht, der neue vreustjsche Gesandte, der Herr von Bismarck. Er stößt ihnen Anast ein, dieser vreiistische Junker. Unter seinem Vorgänger, dem schlichten beschei­denen Herrn von Rochow. waren sie gewohnt gewesen, in Ocster- re,ch alles in Prensten nichts zu sebcn. Der weiste Rock war in der Mainstadt beliebt und respektiert, der blaue galt wenig Jetzt aber es war wunderlich, aber den neuen prenstischen Gesandten konnte man schlechterdings nicht ignorieren und ironisieren Mit welchem stolze trug er sein Prenstentnm iind seinen Preußenrock' Wie zwang er mit Wort und Blick die Widerwilligen zur Achtung, wie {TT!! Hinreistender Liebenswürdigkeit die Schwankenden

für sich! Und was das schlimmste »var: sie alle, vom Grasen Sr, OefferrcitftÄ, bis »um SPertrctrr von

r w /ühlten. dast der Mann doch über ihnen stehe, ia sich über ste und ,brenbnndestäglichen Pli" lustig mgche. Was hätten sie wobl gesagt. diese selbstbewnstten Lalbgötter der deutschen Bundes- po.rhk, wenn sie hätten lesen können, was der vrenstische Gesandte sckrreb. ..Schickt den Schulzen R oder Lerrn von Mmm? b ÄM k f bfr .^bausteestraße her. wenn sie gewaschen und ge- rammt Und, so will ich in der Diplomatie Staat mit ihnen Machen?"

bundestägliche Salbaderei, in das höfliche Verhüllen tia brnterli'Iige Scharwenzeln. wie es im Palais Taris üb- lich ist, fahren Bismarcks Erklärungen wie Blitze hinein.

Unerhört ist es, mit welcher Gleichmütigkeit er Seiner k. k. Majestät Bundestagsgesandten betrachtet und behandelt. Or­dentlich wie einen Gleichberechtigten? Hat er nicht den Mut ge­habt, in feierlick)er Bundestagssitzung sich die Zigarre zu erlauben, die bisher besagtem k. k. Gesandten gewohnheitsgemäst allein zu­gestanden hatte? Lat er nicht dadurch allen Kollegen große poli­tische und physiscl-e Beschrverden geschaffen, weil sie sich nun alle moralisch verpfliclstet glaubten, ihre resp. Vaterländer rauchend zu vertreten? Lat er sich nicht sogar geweigert, den österreichischen Premier bei seiner Durchreise durch Frankfurtzufällig" zu be- sucksen und ihn ruhig zu sich kommen lassen? Was gab ihm nur den Mut zu solchen in dieser bis in die Knochen schwarz-gelben Stadt nicht erhörten Kühnheiten?

Den Mut gab ihm, daß er von niemandem etwas brauchte, und von niemcuidcm etwas wollte. Den Mut gab ihm, dast er gleich am ersten Tage erkannt l>atte, daß er in Frankfurtvorm Feinde" stehe, auf dem Kampfplatze stehe, auf dem Preustens und Deutschlands Wiedergeburt errungen werden müsse.

II. Auf der Höhe.

Die Stunde der Entscheidung. "

(20. September 1862.)

In dem Arbeitszimmer des lieblichen Schlosses zu Babels­berg standen zwei stattliche Männer einander gegenüber, deren straffe Haltung die prenstisckz-soldatische 'Zucht verriet, deren Haupt­haar schon den Reif des Alters zeiate. Es war König Wilhelm und sein zeitiger Gesandter in Paris, der Wirkt. Geh. Rat von Bismarck-Sck>önhausen. Beide waren tief ernst, doch sehr verschieden war ihre Stimmung in diesem dlugenblicke. Der König war gebeugt, sorgenschwer, trübe: Bismarck fest, sicher, kampsesfrisch und kamp- fessroh. Einst in Frankfurt a. M. liatte der damalige Prinz von Preußen gesunden, daß der Herr von Bismarck doch zu jung zum preußischen Gesandten am Bundestage sei; heilt sah der König seinen setzten, einzigen Ausweg aus dem schweren Kampfe mit seiner Volksvertretung in den Diensten des Mannes, dern er eben die schicksalsschwere Frage vorlegte, ob er sein erster Minister, ob er der Atlas sein wolle, der die Militärreoraanisation aus starken Schultern halte und trage, einer Welt von Stürmen und Wider­sachern zum Trotze.

Ob Bismarck wollte? Es war noch nicht lange her, daß er nach Paris versetzt worden war, und er hatte die Umzüge von Frankfurt nach Petersburg, von Petersburg an die Seine, hatte die langen Trennungen von Weib und Kindern gründlich satt. Auch fühlte er sich in Paris wohl; der Weltmann in ihm. «der geistreiche Plauderer, der große Menschenkenner, der in seiner mächtigen Ueberlegcnheit die klugen und selbstbewußten Französ­in so sicher zu führen verstand, kamen da gut auf ihre.Rechnung. Als aber in die majestätische Einsamkeit der Pyrenäen, in der er seine Erholung suchte, das Telegramm des getreuen Roon ge­drungen war, der in Berlin Bismarcks Namen immer und immer wieder als den des Retters dem Könige wiederholte und jetzt dem Freunde meldete, es sei Zeit da hatte er doch keineii Augenblick gezögert, dem Rufe zu folgen. UndJa!" antwortete er auch letzt dem Könige: und so fest und hell, so schneidig und so schwerteö- scharf klang dies Ja. daß es ein Echo in des Königs Brusthervor- nef und neue Hoffnung in ihm erweckte. Schnell stellte er Bis­marck Frage auf Frage. Die Heeresreoraanisation? Sie soll und must gerettet werden. Die Opposition? Must überwunden werden. Als der König mit Bismarck in den in allen Farben des Herbstes prangenden Park binausritt. scheint er ein anderer, Jüngerer ge­worden zu sein. Noch trägt er ein Dokument in der Land, das Preußens und Deutschlands Geschichte von Grund aus verändern konnte: seine Abdankung zugunsten des Kronprinzen. Schließlich gerade schreiten die beiden über eine Brücke zerreißt er änit KtinfUcT Bewegung die verhängnisvolle Urkunde und wirst sie fort. Bismarck aber sammelt sorgsam die Reste und vertraut sio dem eilenden Wasser an. >

Als die beiden voneinander schieden, haben sie sich für immer Minden. Bismarck, derJunker" von 1848, war preußischer

u c l i) U HC von ÜUD,

Gm kühler, trüber, regnerischer Sommertag. Auf einer Löhe von der man einen weiten Blick über das Tal der Bistritz bat, halt neben dem Könige auf einem großen Fnchshengst Gras Bis­marck Leute. ,vo der Donner der Geschütze, das Krachen der Ge­wehrsalven ihn umtönt, trägt der Staatsmann das Gewand deS £. ST?' ^ ne Stimmung liegt über dem Könige und seinen drei Paladinen. Bismarck, Moltke und Roon. aber sckuverer noch als aui dem Könige und ans den beiden Generalen lastet der Ernst ^eser Stunde auf dem Staatsmanne. Fst er es doch, der für den Kneg, den er seit langen Jahren für unausbleiblich gehalten und A",,'emem Könige angeraten bat. die volle Verantwortung tragt Und er suhlt es. daß diese Shinden nicht nur über seinen Ruhm sondern über sein Leben entscheiden. Denn wenn diese Schlacht unglücklich verlauft, so ist auch do< unglückliche Ausgang des ganzen Krieges gewiß, und wenn der Krieg gegen Oesterreich verloren wird, so kehrt Bismarck nicht lebend 7n sein Vaterland