Ausgabe 
1.4.1915
 
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M5 - Nr. 52

Bilder aus dem Leben Bismarcks.

I. fugend und Werden.

Daheim.

Daheim? Es ist, als ob Junker Otto sich an diesen Gedanken gar mcht ersättigen könnte. Immer wieder durcheilt er das Daus, den Garten, die $telt>er, die Ställe, immer wieder sucht er die statten seiner Spiele, die Gefährten seiner Kindertage aus. Da­heim ? Hier allein ist er ganz er selbst!

Vier allein in seinem Elemente. Ge- witz! Er hat es ja recht gut in Ber­lin bei seinem freundlichen Direktor Bonnell, und die vielbändige Welt- gesckxichte in des Dire'tors Arbeits­zimmer bildet sogar eine ernste An­ziehung für ihn. Aber er ist nun ein­mal kein Stadtmensch. all' die Prachtbauten der Hauptstadt sind ihm wenig neben dem schlichten Fachwerkbau des Kniepho'er Herren­hauses: die Spree weckt in ihm nur wehmütige Erinnerungen an die her- matlichen Fluten der Zampel, und »mvei en ergreift den Jungen ein solches Heinvveh, daß ihm die Trä­nen ins Auge steigen, wenn er ein­mal bei der großen Stadt eine Pflugschar gehen siebt.

So ist und bleibt has Sckwnfte an dem Berliner Aufenthalte immer der Abend, wenn er die Schnellpost be­steigt. um die Nacht hindurch nach Stettin zu fahren. Dort findet er dann den ersten Gruß der Heimat:

Kniephofer Pferde, die er jubelnd als alte Bekannte begrüßt. Und nun wird die Gegend bekannter und be­kannter. Gollnow, wo er übernach­tet, ist seines Großvaters Geburts­stadt und seines Urgroßvaters Gar­nison. Hier ist auch schon Naugard: mit jeder Viertelstunde werden Wie­sen und Büsche vertrauter, und eird- lich liegt das alte Herrenhaus vor ihm, und Junker Otto springt ju­belnd den Eltern entgegen.

Sie halten ihn in den Armen, der joviale, kräftige Vater und die

seine ästhetische Mutter, und freuen sich des blühenden Sohnes. Wohl können sie sich seiner freuen. Gesund an Leib und Seele blickt er aus blanken Augen fröhlich in die Welt, ein liebens­würdiger Junge, der aber doch schon zeitig ein Gefühl für seine Würde und einen starken Willen bekundet. Tie Mutter möchte gern einen Diplomaten aus ihm machen. Ob das wohl sein eigenes Ideal ist? Ob ihn sein Herz nicht eigentlich zum Land­leben zieht? Man sollte es glauben, wenn man die jubelnde Freud« sieht, nnt der Junker Otto das heimatliche Kniephof genießt.

Achilleus.

Wenn die Mutter ihn säl>e! Sie denkt, er siht zu Füßen des großen Juristen Hugo, schreibt eifrig seine Worte nach und füllt sich mit juristischer Weisheit bis znm Rand«. Er aber denkt, der berühmte Hugo habe gewiß soviel Zuhörer, daß er nicht auch noch hinzugehen brauche, läßt Kolleg Kolleg sein und siht^ hier zu Haus in seiner GöttingerBude" im grvßgeblümten Schlafrock»

die mächtige Pfeife im Munde, die

_ Riefendogge neben sich, und liest,

von dichten Rauchwolken schier ver­hüllt.

Es ist alles groß an diesem jun­gen Studenten. Pfeife, D-oage, Ta- baksaualm und er selbst. Rich­tiges Gardemaß. und die Studenten folgten darum einem ganz natür­lichen Gefühl, als sie den mecklen­burgischen KommilitonenAchil- leus" tauften. Freilich verdankt er diesen Namen wohl auch der guten Klinge, die er schlägt 27 Men­suren focht er in Göttingen siegreich aus und dem Selbstbewußtsein, mit dem er sich in allen Lebenslagen benimmt Wie der junge Fuchs in den ersten Tagen seines Göttinger Aufenthaltes vier Hannoveraner ankontrahierte", wie er dem Uni­versitätsrichter mit dem Tintenfaß vor^emonstrieren wollte, auf welche Weise er eine Flasckre aus dem Fen­ster geworfen habe, wie er bei den Kommilitonen in Jena Besuch machte, vom ehrsamen Rektor und Senate ausgewiesen wurde und in feierlick)em Trauerzuge aus dem Städtchen hinausfuhr das uird so mancher andere Streich hat sich bei den Göttinger Musensöhnen schnell herumgesprochen, und stolz nennen ihn seine Kuleurbrüder von der Hannovcra" ihrenAchilleus".

Ja, er ist der Korpsstudent, wie er im Buche steht. Schneidig und elegant, tadellos in der Gesellschaft, ein flotter Tänzer, ein vorzüglicher Fechter so steht er seinen Mann. Freilich die Kollegien! Aber so ganz untätig ist der junge Bismarck doch nicht: nur daß er sich seine Belehrung auf eigenen Wegen sucht, nicht von Professoren darrcick>en läßt. Stunden und Stunden lang sitzt er rauchend daheim

und liest: die Lesewut hat ihn aus seiner Schulzeit

auch in das Studententum begleitet. Eine Fülle der

mannigfachsten Kenntnisse und Anregungen sammelt sich

bei ihm an, und sckwn beginnen sich bestimmtere

Ansichten bei- ihm zu bilden.