Ausgabe 
29.3.1915
 
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wenn weniger kommandiert als gehandelt würde. Und we­niger geiauoert als dreingeritUri.

Ist nicht Eure Sach, darüber zu befinden! Meldet Euch beim Generalissimus und nehmt Eure Stellung ein.

Ich mein freilich," setzte er mit einem Schritt auf sein Gefolge hinzu,wir könnten allesamt heimmarschieren. Zur Bataille kommt's doch nicht. Wallenstein hat keine Lust sich zu rühren."

' Jan lächelte, denn er hatte die letzten Worte noch ge­hört. An der Tür wendete er sich um.

Kurfürstliche Gnaden meinen vielleicht, er könnt' etwas mehr riskieren? Ist auch meine Meinung, aber ich sag sie nicht. Kurfürstliche Gnaden sind mir übers salva venia

Maul gefahren."

General Aldringhen ist auch hier. Ihr seid Kameraden von Mantua her. Sagt dem, was Ihr aus dem Herzen habt Und seid bedankt, Werth für dies hier."

Und er stieß mit dem Fuß an die beschmutzten, zersetz­ten, versengten Fahnen.

(Fortsetzung folgt.)

Der Napolconswagei,.

Eine Kindheitserinnerung von ResiLanger.

Liebes Fräulein! Ich bin bei meinem Großvater aus Schloß Krieblowitz; daselbst ist auch ein Napoleonswagen in den Ferien." So begann mein erster Brief an meine damalige Lehrerin, die mich im späteren Leben, gut Freund mit mir geworden, noch immer mitmcrnem kurzen, knappen Briefstil" aufzog.

Ich verbrachte meine Sckwlserien in der letzten Hälfte der neunziger Jahre stets auf dem Dominium K^ieblonntz, das

einer der schleusen Fideikommistl^errschaften gehörte, die Friedrich Wilhelm III. demMarschatl Vorwärts^ in An­betracht seiner Vndienste um das Vaterlai,o" -um Geschenk gemacht hatte. Mein Großvater stand in den Diensten zuerst des Enkels, und dann des Urenkels des Feldmars<I)alls. Er lvar aus der Domäne, nne er selbst zu sagen liebte.Bogt über Knecht-, Magd- und Viehzeug". Er war ans einer der sieben österreichischen Besitztümer der Blüch'r von Wahlstatt gern in das Preußi,'ck>- schlesifche hinübergegangen, um feines nicht immer ganz leichten Amtes zu malten; denn der jetzige Herr, Fürst Gebhard von Blück>er. war nur selten, man kann sagen, tz^ast auf der schönen Besitzung, da er ein Sonderling und Prenßenfeind ist. Er lebt, glaube ich, sogar jetzt noch aus der Insel Ferm, die zu England gehört.

Tie Herrschaft Krieblowitz tmirde vomMarfchall Vorwärts" so geliebt, daß er sie sich als ewigen Ruhesitz auserkor. ?Iber nicht im kühlen Park hinter dem schönen großen alten Schlosse wollte er ausruhen von Krieg und Sieg, sonderndort, wo die drei Linden stehen", mitten aus dem Kornacler, am Rande der Chaussee, die. von Canth kommend, an dieser Stelle in die Dor^- straße mündet,will ich begraben sein," hatte er gesagt. Mir klingt das Gedicht, in dem diese Worte stehen, ans meiner ersten Fibel der noch in den Ohren; denn die Schlesier sirrd stolz auf ihren Fcldmarschall, und die Kinder lernen diesen Stolz.

Ein schlichter, grauer, turmartiger Rundbau, für den das Wort Mauselcnm zu prächtig ist, birgt die sterblickxm Reste des Feldherrn. Oben beinahe am Rande des Dacl-es. blickt aus einer runden Luke des Marsckialls steinernes Antlitz über Kornfelder und Kleewie^en hinüber zum Vater Zobten", denr Wahrzeick-en des schlesischen Landes. Zwei Riesen Aug' in Aug'. Die drei Linden sind inzwisck^en auch zu mächtigen Bäumen emvorgeschossen und bilden eine riesige Laube von drei Seiten um den Steinban herum. Nur der Eingang ist sonnenbeschienen und die Düste und di? Bärentatze, die gewaltig aus der Luke herniederhängt. Von sym- bolisck>er Kraft tund Stärke batte ich damals rech.' wenig Ahnung, und ich nahm an. der Marsckxckl habe in der Tat solch eine Bären­tatze besessen, nrit der er die Feinde schreckte. Trotzdem mir der stürmische Mann da oben mit deni wind^ er zausten Haar etwas unheimlich vorkam. schmückte ich doch die Eingangsttlv mit frisck>en Kleekränzen, bis es mir der Denkmalswächter verbot; denn er mußte die von der Sonne ausgedörrtenDeubündel" andern Tags wieder entfernen, und das machte seinen kriegslahmen Beinen arge Mühe.

Eines Tages wurde angespannt und in die Stadt Canth ge- fabren Da waren viele Flaggen aus halbmast, und es hieß, der Bismarck' sei gestorben. Das klang so traurig. Ich fragte inernen Großvater, ob das auch ein Feldherr gewesen seiJa, aber mehr mit dem Kopfe. Er habe das vollendet, »vas der Blückrer begann. Er sei des Deutschen Reiches Schmied Er sei tn seinem Alter gewesen " Und min kam der alte Mann ins Er­zählen und kramte Jugerrderinnernngen aus Wie's gehaust hatte 1805 und 6. und auch noch anno 13. Und wie da derMai-sck>aN Vorwärts" seinSach" gemacht und die Franzosen arg vertobakt hätte. Und er sprach von 71. wie da wieder der Bismarck alles in bte Rech' gebracht hält'. Er war ein großer Mann, der Bis­

marck. Und ich wollte meinfm Blücher nicht wehe tun und sagte? Ter Vorwärts auch."

Tann führte er mich durch den Park am Schloß und zu einer riesigen Linde, die vierausgewachseite Männer mit ausgebreite* ten Armen", heißt eS wörtlich, kaum umfassen können. Die sei vom alten Blück-er eigenhäitdig gepflanzt. Sie sei nochrüstig", wenn auch der Blitz sie sck>on einmalvorgehabt" hatte. In dem Parke seien viclL Soldaten begraben, noch vom Alten Fritzen der. weil die ganze Gegend ein großes Schlachtfeld gelvesen sei. In der Fasanerie fände man beim Bäumeausroden noch öfters Schädel.

Mer dort drüben im Marstallgebäude stehe derNapoleons­wagen", der Reisen»agen des großen Franzosenkaisers, der auf seinen Feldzügen so spartanisch zu leben verstand. Der Wagen sei in der Sckiilacht bei BelleaUiance von den Blück>ersck)en Truppen erbeutet Wochen und als^jviegestrophäe in den Besitz des Feld- marschaUs gekommen. Nachdem dann im Berliner Palais am Pariser Platz kein Raum mehr dafür gelvesen sei, habe man ihn in das stille Krieblowitz transportiert und dabei schloß der Großvater eine riesige Tür aus, und ein balddunkler großer Raum tat sich aus. tn dem Fliegen summten. Neben einigen Galawagen stand er^ mm. der ein sack* Reisewagen des großen Korsen. Hohe feine Räder. nwrsck>es Lederzeug. Die Plane war hochgeschlagen. Polstersitze. Ich wollte urich bineiiisetzeir. durfte es aber nicht, da der Wagen morsch sei. dlber aus den Tritt habe ich mich dock) gesetzt, und da ging es wie ein Zittern durch den Wagen, und ich stellte mir den Korsen vor. wie er mit seinem 'finsteren Gesicht da drinnen gesessen haben mochte; denn ich kannte ein Bild:Napoleon aus der Flucht." Und nrein Großvater erzählte von der Schlacht bei Bellealliance, und da sah ich auch denMarschall ^rwärts", dcm ich mir nur ohne Hut. mit lvehendem Haar und flatterndem Mantel, in der reckten Hand den Degen, sin der Pose des Bres­lauer Blück-erdenkmals'', vorstelleu konnte, wie er zu seinen Soldaten sagt:Kinder, das hat gegangen!" Dann mahnte Großvater zum Ausbruch. ES sei Abendbrotzeit, die Mägde gingen schon zum Melken. ,

Auf der Jahrhundert-Misstcllung in Breslau tm Vvv-- vergangeneu Sonmner habe ich ihn wiedergesehen, den Napoleons- Wagen. Da kam er mir fremd vor. Er stand ztvischen so vielenj Dingen.

Und heute ziehen wieder Soldaten aus Blüchers Spuren, und in kurzem ist unsere Zeit historisch.

Vas Zrühlingslied.

Die ersten Vögel, die in den Städten oder Vorstädten ihr Frühlingslied ersckxcklen lassen, sind die Amseln. So wenig die Dichter die Anrsel zu rühmen pflegen Nachtigall und Lerche ziehen sie gewöhnlich vor, so gehört sie doch zu unseren besten Sängern, darüber sind alle Vogelkenner und Voaelsreunde einig. Da sitzt sie auf dem Wipfel der noch kahlen Linde im letzwn Strahl der sinkenden Sonne, und westwärts gewandt sendet sie dem scheidenden Tagesgestirn ihren Gutenachtgruß nach", so sagt der gemütvolle Zoologe Marshall vom Amselgesange.Wie weich und reich legt sich der volle Ton an Ohr und Herz des Lauschers? Ist es nicht, als ob der Vogel in seinen melodischen Tönen spräche init der ihr inugebenden abendlichen Frühlingsnatur? Bon Liebe singt er, von Liebe. Lust und Leben! Abends ist er fast der letzte mit seinem Lied und morgens sicher der erste. So sitzt er da und flötet seine Strophe, dann macht er eine Pause und lausckit. Und wir wir lauschen mit ihm und hören von fern gedämpft und undeutlich den Gesang einer anderen Amsel herüberdringen. So sitzen ihrer viele und spinnen ein Tonnetz um die Promenade, die äußere Stadt und die umgebenden Gärten, ein Tonnetz, in dem sie mit ihrem, Liederhort der Knotenpunkt sind."

Die Männchen singen übrigens nicht überall gleich gut: am besten sollen die von Bellagio am Comer-See. am schlechtesten die skandinavischen singen, und jung aus dem Neste genommene und aufgezogene, die keinen guten Gesangslehrer in ihrer Umge­bung hatten, sind zeitlebens stümperhaft. Auf den kanarischen In­seln, wo die Amseln sehr häufig sind, wurden früher massenhafte Hähne eingefangen, um nach Habanna verschickt zu werden: die Einwohner von Habanna schätzten den Gesang der Amsel früher vielleicht übrigens noch heute so hoch, daß hervorragende» Sänger mit Gold ausgewogen wurden. Die Amsel verfügt, nne männiglich bekannt, noch über andere Töne als ihr wohllautendes Flötenlied: wenn sie ärgerlich oder erschreckt ist, gibt sie eigentüm­lich schnalzende, aufgeregte Töne von sich, die von anderen Tieren sicher als Warnungslaute aufgefaßt werden. In settenen Fällen ist auch beobachtet worden, daß Amseln, ähnlich den Staren, Töne nachahmen, die sie in ihrer Umgebung hören. Im vergangenen Jahre beobachtete man auf dem Bahnhofe in Basel beim Ran­gieren. daß die Psei^ensignale der Bahnbeamten sehr geschickt nachgeahmt wurden. Man vermutete irgend eine Bosheit, bis sich herausstellte, daß der Pfeiskünstler eine Amsel war, die die Pfeif­töne der Bahnbeamten gelernt und in ihren Gesang ausgenommen hatte!

Eine Beschreibuna der Amsel ist wohl unnötig, denn seder- burnn in Stadt und Land hat Gelegenheit, sie zu sehen. Aus eine Einzelheit sei aber dennoch aufmerksam gemacht, nämlich aus die