Ausgabe 
25.3.1915
 
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jjln .^rteS Schußfeld, wenn «S jemand wagte, dort Wasser -U

Nur um die erste und die -weite Mittagsstunde, wenn die Sonne den Wald vergoldete, war strengste Waffenruhe. war d,e Wasserpause: Freund und Feind holten sich dann Wasser, wir Unten, die Gegner mehr oben am Bach, oft nur einige hundert Meter voneinaiider getrennt. Je ein Schützengraben des FerndeL und der Unsrigen lagen auf dem aiideren Bachuser. Endlich war cS uns geglückt, die letzte Annäherung mrd Vorbereitung zum Sturm zu trefsen. Im Schatten der Nacht und der Bcnime nxrren die beideii äußersten Enden der dem Feinde am nächsten liegen/, den-Gräben über eine Hügelkuppe so gezogen morden, dah sie fast rechtwinklig von beherrschender Löhe aus die feindlichen Gräben bestreichen konnten. Doch waren den Tag vorher sehr starke Reserven in denr unglaublich dichten Wald im Rücken des Feindes zusammeiigezogen worden. Die Flügelhänge wimmelten davon. Eine Bestürmung von vorne, vom Bache hügelan. war fast unmöglich. Unglaubliche Drahtverl-aue und Flatterminen hin­derten jeden Zugang. Den Morgen über hatte eben aufgesahrene Artillerie hinter unseren Berghängen vorgearbeitet. Immer in den prachtvollen Wald hinein, m dem sich der Feind eurgebissen hatte wie eine hartnäckige Meute.

Da kam uns die willkommene Meldung: Ter Gegner ist halb umgangen. Neue Infanterie ist eingetrosfen und greift gm Nach­mittag von hinten an. über den Waldhügel kommend, und treibt den Feind aus dem Wald und den Gräben hinaus in seine eigenen Minen und über den Bach auf unsere Gräben dort und in unter Frontfeuer hineiir. Herrlich! Unsere Hoffnung aus Unterstützuiig war nicht zu Schanden geworden und eine freie fröhliche Jagd auf den zähen Feind stand in Aussicht!

Schul ich st lauerten nur aus die Stunde, hunderte Augen und ilupackende Hände, hunderte Gewehr!äufe und blitzende Bajonette und die Maschinengewehre, die gedeckt und gesickiert in den neu geschaffenen Endpunkten der Gräben der Arbeit harrten. Ein prachtvoller Tag, voll der Herbe und der Süßigkeit des späten Herbstes. Ruhe und Heiterkeit zitterte in der Lust, unter dem stahlsarbenen Gewölbe des Himmels. Rot wie Blut und golden hing's an den Bäumen herab. Es war, als ob die Erde das, schwergeprüfte Land versöhnen wolle mit der ganzen verschwende- rischen Pracht eines letzten Glanzes. Wie unruhig war es aber in uns! Augen und Nerven zitterten vor Erreguirg. Wir bohrten uns mit dem Blick hinein in den verhängnisvollen Wald und stierten gierig nach roten und blauen Tuchsetzen, nach dein Glühen feindlicher Augen. Scknvang nicht auch von drüben der Hatz m unsere Höhlen und fegte durch unsere Reihen hinaus und hinab?

Du? Tu! Zwei Augenpaare hatten sich festgebissen und heiß jagten die Kugeln von hüben und drüben.

Doch blieb's bei uns nur vereinzelt mit den Schüssen. Mehr knatterte, knackte und prasselte es in den hinteren Teilen des Waldes hinter den feindlichen Gräben.

Ich blickte aus und sah eine große Herrlichkeit. Sonne und Erde schenkten sich wie zwei Schwestern, was sie Liebes hatten. Gold und Glanz sckstmmerten über die Bäume im Purpurgewand Mit weichen Händen wurden die Tore der Seele geöffnet, und weit, weit träumten sie versonnen sich aus.

Ist's Wirklichkeit? Kurz ehe das grimmige Morden anhob, traten zwei Rehe aus dem Waldesdunkel von drüben in den freien Raum zwischen Graben und Waldrand und äugten suck>end himinter.

Mit unwiderstehlicher Gewalt zieht mein Inneres heimwärts. Kampf und Tod und Tränen und Not sinken unter, tief unter des Bewußtseins Schwelle. Es raunt der Bach, klingt der Wald, singt die Wiese ihr Morgenlled mir zu, und am Wicsenbord liege ich still in wartender GLnlld, ob die Rehe austreten und äsen.

O Heimat! Bist du da, mich zu umgarnen, hier im fernen Land? O Heimat, o Erde! Das Paar steht noch. Allgemach ver- schweben seine Umrisse, wie die Flieger, wenn sie früh am Morgen wie mit Geierflügeln in die Lüste sich erheben.

Hah! Mir zur Seite wird furchckbar deutlich das Rasseln und Prasseln. Es stutzen die Tiere, und jäh wie ein elektrischer Funken stieben sie zur Seite in den Busch zurück, wo auch ihrer das töd­liche Blei wartet. Weg ist das Sinnen und Träumen, weggepeitstht von dem Feind, der aus dem Walde bricht und den Tod in die Mitte ninrmt zwischen uns und ihnen.

Da, die Unsrigen müssen durch sein durch den Wald. Un­beschreiblich heftig wirst sich der Feind vor den Waldrand den Kameraden entgegen. Zum letzten Stoß setzen seine ruckweise ab­gegebenen Salven ein.

Da heben unsere Salven an, einfach hinein in die hinaus­gewirbelten roten, blauen Knäuel.

Zum Sturm!

Es rasseln die Trommeln, platzen die Hurra! Die Wut, die Verzweiflung fängt an zu sieden beim Feind. In den Gräben bricht er aus Mer wohin? Vorne die eigenen Verhaue und Minen, im Rücken der nahende Gegner.

Tack, tack, tack tack rackrack rack rack. Die Maschinengewehre sind in Tätigkeit. Die Rothosen flüchten in den Graben zurück, werden aber von den nachstürzenden Ihrigen in drangvoller Enge zusammengepreßt urrd eingekeilt.

Rack knack tack tack es ist das Maschinengewehr vom jenseitigen Bachufer. Das goldene Licht, der weiche blutfarbige

Teppich am Boden breiten bit Stirne auS und nehmen die ersten Toten auf.

Mit blutiger Peitsche treibt's da weiter aus dem Wald. ES ist der Tod, der uns zürnst und rvinkt und schreit. Mehr, mehr Franzosenblut! Und es rieselt das Mut in das Scharlachkleid des Hangs. Es hebt sich schwingend auf und ab in der Luft vom Regen der Geschosse. Die Spitzkugeln sausen van dem Hang und dem Tal, von den Gräben und über den Bach.

Das Wasser trägt das Blattgold leise und zart auf der schim­mernden Fläche. Wie Blutflecken schauen die vielen müden Blätter drein. Es ist, als ob der Bach den Todesopfern zuliebe sich ge­schmückt habe, daß sie sich hineinbctten. , . c _.,

Da, das Maschinengeniehr von drüben hat die feindlichen Gräben dort mürbe gemacht. In fliehender Flut wogt es über den Bach auf die Kameraden zu, die den einzigen Skisweg noch er­streben, an dem Wasser die Schneise entlang über die brennend« Kuppe hinwegzuslüchken. Nur heraus aus dem fürchterlichen Kessel­treiben! Doch o Graus! Sie verfangen sich in den eigenen Drahtverhauen und drängen einige auf die eigenen Flatterminen hin. an denen sie so ängstlich vorbei wollen. Wie starkes Raketen- aeräusch fliegt cs auf, hier, da, "vorn, hinten, dann auf einmal zu­sammen. Menschenklumpen fliegen hock) und klatschen schlver nieder. Ganze Züge fliegen in vie Luft, und bald ist's ein Wall, verkettet mit Blut und Tränen.

Das Leben bleibt, fliegt die rettende Gasse hinauf, am Wasser entlang. Ta entsetzlich fliegt's auch von der Höhe hier herab. Tie äußeren Ketten der durch den Wald treibenden Unsri­gen sind's. Nun ist der Todesring geschlossen.

Sprung aus! Marsch, marsch! Heraus aus denr Grabenloch, ihnen den Rest zu geben mit Kolben und Stahl!

Fast unerklinrmbar wird die Wegsperre vor uns.

Tack tacktack tack zschsch bum! z-schscb bum!.. Schon rötet sich der Bach und flutet über Franzosenleick,n Noch stehen die Augen der Toten auf und trinken in sich hinein dre Schöne des scheidenden Tages. Die Sonne spendet das letzte Gold, und Sonnengold in Augen und Seelen, so fielen sie nieder in di« lohende Pracht. Mitleid haben die Bäume, Mitleid der Bach. Der Wind fährt aus und schüttelt die Blätter und Wellen, daß sie wie goldene Flocken kommen und die bergende Hülle legen über den unsäglick>en Jammer, der hier ausgerungen . . . Zwei Ba­taillone sind nicht mehr. Das dritte wirst alles lveg, läßt ab von der wahnwitzigen Flucht den Bachweg hinauf und kniet vor der Leichenmauer oben, flehentlich die Hände hebend.

Tie Trompete bläßt: Das Ganze halt! Nun begegnen sich die Kameraden, die von oben, die vom Wald und dre aus den Gräben. Dach will kein frohes Wort über die Lippen. Zu grausig ist die Ernte, die wir eingebracht, und manck)er Helm löst srch vom Kopfe, die Majestät des Todes zu begrüßen . , .

Bismarck-Anekdoten.

In Stuttgart erscheint bei denr Verleger Robert Lutz eine rasch sich eriveiternde, schon auf 18 Bände angewachsene Anekdoten- Bibliothek, deren erster Band eine Samnllung von Bis­marck-Anekdoten*) enthält. Aus dieser Fülle heilerer kleiner Bismarck-Erinnerungen, die für jeden Deutschen von großen! In­teresse sind und uns den Kanzler nrenschlich nahe rücken, bringen wir nachstehende Auszüge mit Erlaubnis des Verlegers -um Abdrucks und wünsck>en, daß recht Viele nach dem netten Büchlein selbst greisen werden.

Eine historische Depesche.

Während des Einzuges der Truppen in Berlin rm Jahre 1671 trat ein hock>ernster Moment ein, dessen Tragweite von folgen- sckiwerer Bedeutung sein konnte. Bor dein Standbilde Blücher­hatte der Kaiser seinen Platz genommen. Tie Truppen defilierten, unter diesen auch Fürst Bismarck. Als dieser in die Nähe des Kaisers kam. ritt er heran und machte eine kurze Meldung, die ebenso kurz erledigt wurde. Darauf ritt der Kanzler unter das Gefolge, ivelches hinter dem Kaiser Stellung genommen hatte, und rückte, sich umsehend. unruhig im Sattel hin und her. Ein Be­kannter näherte sich ihm und fragte:Durchlaucht wünschen? Bleistift und Papier!" Ein in der Nähe stehender Schutzmann diente damit. Ter Fürst legte das erhaltene Blatt Papier auf den rechten Schenkel und schrieb einige Worte darauf, dann sagte er, das Papier in die Höhe haltend:Eine Depesche! Wer beför­dern?"Ich," erwiderte der Frager.Tanke," sagte der Fürst. Sie dürfen sie auch lesen." Diese lautete: An den deutschen Vor­postenkommandeur vor Paris.Wenn die stanzösischen Vorposten weiter vergeben, greifen Sie an." Mitten aus dem Truppen- einzugs-Jubel gingen diese inhaltsschweren Worte hinaus nach Frankreich, um im gegebenen Falle den Krieg wieder auszunehmen. Aber der Geschicklichkeit des damaligen Militärbevollmächtigten Grafen von Waldersee war es zu danken, daß die französischen Vorposten, welche die Demarkationslinie nicht respektiert hatten, zurückgezogen wurden. So nabe lag damals der Krieg wieder, ohne daß das jubelnde Volk und Militär eine Ahnung davon hatten.

*) Preis M. 2.50 geh., M. 3.50 in Lwd. geh. Bereits 8 Auf­lagen.