Ausgabe 
25.3.1915
 
Einzelbild herunterladen

190

V

nand, Mantua und das mantuanische Gebiet zu räumen. Gonzagas Verwandtschaft hatte wohl in Wien wacker gearbc,- tet, oder irgendwelche dunklen Mächte waren am Werke ge­wesen, denn das Ende aller dieser mühevollen und blutigen Kämpfe, dieser Pest, dieser Plünderung war, das; der Herzog nun doch mit Mantua belehnt wurde. Er kam sofort ans seiner Zuflucht Gouo heraus und ritt erhobenen Kopses ge­rade in das zurückflutende Heer hinein, als regierender Herr mit allen Zeichen kriegerischer Ehren begrüßt. An ihm vorbei rollten auch die zweihundertsicbenundachtzig Lastwagen voll mantuanischer Beute. Er sah über sie hinweg.

Jan führte das letzte Regiment. Er hockte mißmutig und grübcliid auf seinem Gaul. .

Hör', Jose Maria," sagte er,kann jemand, der sein Vaterland verrät, selig werden?"

Wenn er bereut und wieder gutmacht"

Aber wenn er in seinen Sünden dahinfährt?"

Daiili steht seine Sache schlecht. Immerhin Gott ist barmherzig."

Jan rief den Wachtmeister Schulte zu sich heran und sprach leise mit ihm.

Schulte rutschte im Sattel hin und her, als wäre ihm ein wenig unbehaglich.

Ist Order?"

Ja," sagte Jan.

Order muß pariert werden."

Er ritt im schlaiiken Trabe am Regiment entlang zu­rück, bis zum letzten Kornett, vor dem Bolini ritt.

Order von; Obristen: das zwölfte Kornett bleibt eine Viertelstunde halten."

Das Kornett hielt. Schulte drängte sich zwischen die Dragoner. Wo er sprach, hellten finstere Gesichter sich auf.

Kornett marsch," schrie Bolini und ritt voran.

Die Dragoner schwenkten plötzlich ohne Kommando in Linie, der Wachtmeister zog den Degen.

Was gibt's?" rief Bolini und nahm sein Pferd herum. Da hoben sich hundert Musketen, Schulte ries:Feuer!", und in einem krachenden Wetter von Kugeln stürzte Bolini, zusammen mit seinein Gaul.

Jan hörte die Schüsse. Er drehte sich im Sattel herum und schrie:

Dragoner-Musketiers! Der Verräter Bolini ist tot. Regiment ist wieder ehrlich!"

Und die Soldaten riesen mit ihren rauhen Stimmen:

Vivat, Jan de Werth! Vivat!"

Als Jan vor Aldrinahen hielt und seine Meldung machte:Der Rittmeister Bolinihielt sich der General die Obren zu und rief:

Schweig mir von dem! Ju zehn Tagen sind wir in Wien, ich nehme dich in mein Quartier."

Joss Maria ritt, als er von dem Geschehenen hörte, zurück Die Soldaten hatten den Toten schon vergraben und einen Steinhaufen über die Stätte getürmt. Der Abbs murmelte:

Jan hätte mir seine Absicht sagen sollen. Einen Men­schen ohne Absolution in den Tod zu schicken."

Er stieg ab. suchte zwei Hölzer, und da er nichts hatte, womit er sie zum Kreuz binden konnte, nahm er seine Feldbinde. Das Kreitz steckte er zwischen die Steine, kniete nieder und betete für die arme Seele des Gerichteten. Der Gaul schnoberte an dem Zkreuz und blies in die Fransen der Seidenbinde.

. . . . und das ewige Licht leuchte ihm. Amen."

*

Jan wartete auf die ersehnte Nachricht von Durante, der in Mantua zurückgeblieben war. bei Galeazzo, der dem Herzog als Geisel für den vollzogenen Frieden ge­stellt war.

Während des Marsches kam keine Nachricht. Auch in Wien vergingen noch drei Wochen.

Dann hielt Jan eines Abends einen schmalen Streifen Papier in der Hand und las:

Dem Herrn Obristen Werth. Zu wissen, daß ich nach Paris abaereist bin. Aber es steht dem Herrn Obristen frei, mir dorthin zu folgen. Durante."

Was gibt es?" fragte Joss Maria, als Jan mit den Zähnen knirschte.

Ich werde ihm folgen, so wahr ich Jan heiße, Zacker- bombenundflE"

8. Kapitel.

Nördlinaen! Viktoria!

Dort, wo Pont Neus zu seinen graziösen Sprüngen über den rechten Seinearm ansetzt, ging in das Innere der Insel eine Gasse, dieZun; Himmelreich" hieß. Wer in diese Gasse einoog, der mochte denken, daß er wirklich aus der rechten Straße zum Himmlreich ginge. Denn sie war eng, gewunden und schlecht gepflastert, gerade so, wie es in der Heiligen Schrift steht, und daß man an einem MuttergotteSvild in einer Nisck)e, an den duftenden Läden von Wachsziehern und Wcihrauchhändlerinnen vorbeikam, an dem NonnenklosterZur Auferstehung", von dem nur eine schwere Eichentür mit einem Guckloch und hoch oben in schwin­delnder Höhe einige vergitterte Fenster zu sehen waren, an einem Gewölbe mit Heiligenfiguren und Kruzifixen, über dem in großen BuchstabenZum heiligen Alphonsus" geschrieben stand: das alles mochte zu einer richtigen Himmelreichstraße gehören. Aber wer in Vertrauen und gutem Glauben weiter­ging, stand plötzlich vor einem gewaltigen und finsteren Tor­bogen, und das Haus, zu dem er gehörte, ein verlassenes und zerfallenes Haus schloß die Gasse ab. Unter dem Torbogen hausten Bettler und Bettlerinnen, Hunde und Katzen, und wer nicht eine offene Hand hatte, mußte vor geworfenen Knüppeln, lästerlichen Schimpsreden, und dem Gekläff räu­diger Köter eiligst umkehren, indem er in seinen Gedanken erwog, daß. w5e es so oft im Leben vorkommt, er auf dein richtigen Wege zum Himmelreich zu sein meinte und in eine Sackgasse geraten war. Nur dem Aufmerksamen öffnete sich nach zwanzig Schritten zurück links ein spaltbreites Gäßchen, das geradeswcgs auf Notre-Dame zurücksührte, so daß, wenn man zugibt, daß die Mutterkirche von Frankreich wenigstens ein Vorhos zum Himmel ist, die Gasse ihren Namen doch nicht ganz zu Unrecht führte.

Diese Gasse warsehr still. Nur klang zu allen Tageszei­ten in ihr das Geläut von Notre-Dame, von der heiligen Ka­pelle und vom Auserstehungskloster, dessen winziges Kirchlein jenseits der schwarzen und kalten Gassensrönt lag, in einem reizenden, schattigen Garten, der sich bis zum Seinearm her­abzog. Auf der Wassermauer saßen noch zwei reizende Pa­villons, und die Nonnen, die abends für ein Plauderstünd­chen an den Fenstern dieser Pavillons Kolloauium hielten, blickten über den flutenden Strom hinweg auf die Nordstadt von Paris, über schmale Giebelhäuser auf die ragenden Dächer und Kamine des Hotels de Sens, Clisson, und mehr rechts des Hotels S6vigu6, in Baumwipsel gebettet.

Dieses freundlichen Blickes erfreuten sich die Nonnen an jedem Tatze, eine Stunde vor Sonnenuntergang bis zum Ave-Maria-Läuten, und es gab manche unter ihnen, die in ihrem guten Herzen jene zwei bedauerten, die drüben hoch über der Gasse zlvei winzige Zellen bewohnten, mit Eisen­stäben vor den Fenstern, und die in den acht Monaten ihres Lebens im Kloster noch keinen Fuß in den Garten oder gar auf die schmalen Steinstufen zu den Pavillons gesetzt hatten. Aber was hals das Bedauern? Der Herr Kardinal Richelieu hatte besohlen nun also, er mußte seine Gründe haben.

Wer wußte überhaupt etwas Sicheres über die zwei? Eigentlich niemand. Sie wurden dreimal des Tages von zwei alten Nommen durch einen verdeckten Gang in die Kapelle geführt, in der sie ihren verschlossenen Betstuhl hatten. Man ahnte also ihre Gegenwart nur. Einmal aller­dings, als die große Kastanie blühte und mit ihren ae- schwungenen, kerzenbedeckten Zweigen im Maiwinde an die hohen Kapellenfenster geklopft hatte, war mitten in die Stille der Wandlung ein haltloses kindliches Weinen aus dem Betstuhl gedrungen, 2lbcr dann hatte die Orgel ein- gesetzt, und man hatte nur noch diese Stimme gehört.

Jene zwei aber, die das hilflose Mitleid der Nonnen erregten, waren Marie-Anne und Griet.

(Fortsetzung folgt.)

Der Waldbach.

Nach den Aufzeichnungen eines Gefallenen erzählt.

Don H. A l. S t e l z m a n n. »

Zweimal hatte sich eine Woche vollendet. Und noch immer lagen wir in den kühlen nassen Abgrüwven des Schützengraben-. Drei große Gräben bildeten die drei Seilen eines unregelmäßigen Fünfeckes. Die beiden übrigen waren noch vom Feind besetzt, der recht zäh standhielt. Das Gelände tvar recht uneben, dicht be­waldet und von einein stattlichen Back>e durchströmt. j>er zog in breiter Bahn durch die Waldungen in einer Art Schneise und bot