, Jan von Werth.
Dtontan aus dem Dreißigjährigen KoieM von Franz Herwig.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Von der Fortezza kam der Zug des abziehenden Herzogs Carlo von Mantua mit der Besatzung der Fortezza und seiner Familie. Dem winzigen Haufen der tapferen Verteidiger war zugestanden worden, in Ehren zu kapitulieren. Sie zogen finster dahin, mit fliegenden Fahnen, Ober- und Untergewehr, ftugcfit im Mund, brennenden Lunten, nur ohne Geschütz. Sie umschlossen die verhängten Kaleschen, in denen Maria Gonzaga mit ihren Kindern fuhr, indessen der Herzog mit seinem Sohn und Pompes Strozzi gelassen hinritt, in gleichgültigem Gespräch, eisern lächelnd, als wenn die Greuel der Verwüstung umher nicht bis zu seiner Hohe reichten. Jan senkte den Degen. Der Herzog sah ihn erstaunt an und griff verbindlich an seinen Federhut.
Dann durchschritt Jan die endlose Flucht der Gemächer des Reggiopalastes. Hier wütete die geordnete Plünderung, ruhiger, aber desto schrecklicher. Die flanbrifcf>en Teppiche waren von den Minden gerissen, die Gemälde mit dem Degen aus ihren Rahmen geschnitten und zusammengerollt. Man hatte die Marmorstatuen aus ihren Nischen gehoben. Einige waren gestürzt und zerschlagen. Ihre leuchtenden Glieder lagen auf dem zerschmetterten Mosaik des Fußbodens; lächelnde Köpfe von Göttinnen waren bis in die Ecken gerollt. Des Herzogs kostbare Steinsammlung lag in Haufen umher. Wo es blitzte, griffen Soldatenhande zu, warfen die Smaragde, Amethyste, Rrrbine und Diamanten in Truhen. Zwei Herren in schwarzen Habiten Machten dabei. Jan fand Aldringhen in einem hallenden Saal, breitbeinig im Lehnstuhl inmitten einer glänzenden Versammlung von Göttern, die an die Wände gemalt waren.
In einem Nebenzimmer, dessen Tonnengewölbe in Ultramarin und Gold schimmerte, saß inmitten hoher Berge von Folianten Jos6 Maria.
wr „Ich bitte um die Gnade —" sagte Jan, als er vor dem General stand.
„Komm, Oberst, setz' dich zu mir!"
„— um die Gnade, ein anderes Regiment befehlen zu dürfen, als das, in dem Bolini dient."
„Verdirb mir die Laune nicht, Werth. Order ist Order."
„Ich spreche nur für Bolini. Dieser wackere Staats- dlrnec scheint von schwacher Gesundheit zu sein. Er wird nicht vrel vertragen: es ist besser, wenn er zu einem anderen Obersten kommt."
„Wenn er auf der Strecke bleibt, tut er mir einen Drenst."
„Wirklich?"
„Ohne Zweifel. — Herr Abb6, hier ist Hans."
Jose Maria rührte sich nicht von seinen Büchern. Er winkte gnädig mit der Hand.
„Sieh da, der Jan. Und heil und wohl, wie ich sehe, Gott sei gelobt! Aber ich bin beschäftigt."
„Höre, Werth," sagte Aldringhen und stieß Jan vertraulich in die Seite, „er würde — aber trink doch — er würde einen tüchtigen Abt abgeben. Iß bei mir, Werth. Hast du brav Beute gemacht? Die Bücher sind für meinen Bruder, den Bischof, aber dein Freund — hört Ihr, Herr Abbö? — kann sich aussuchen, was ihm gefällt."
„Seht, Exzellenz," sagte Jos6 Maria und kam langsam herein, vor sich einen aufgeschlagenen Band, „seht Exzellenz, und auch du, Jan, sieh, obgleich du von solchen Dingen wenig verstehst, hier ist ein „Plautus"; man muß wissen, daß zur Zeit der erlauchten Herzogin Jsabella d'Este dieses herzhaften Römers Komödien in den Palastgärten auf^eführt wurden. Und hier sind Bemerkungen, zierlich geschrieben, ich denke, von der Hand der Fürstin selbst, Bemerkungen für die Spieler. — Dort drüben ist ihr Zimmer, das Zimmer dieser himmlischen Frau. Dort hat sie mit ihrem Steinschneider gesessen, der Anichini hieß, und zwischen ihren weißen Fingern hielt sie eins jener kleinen Kunstwerke, deren Symbol sie selbst ersann. Und wenn sie aufblickte, sah sie in ihre Gärten, über den barkenbedeckten Mincio."
„Schenk' ein. Jan, ich bin durstig," sagte Aldringhen.
„Vielleicht war auch Beata Osanna bei ihr," fuhr Jos6 Maria fort, die Augen ins Leere gerichtet, „jene kluge und große Nonne. Und Mantegna hat sie gekannt." Er seufzte. „Und den heiteren, lebensfrohen Pico della Mirandola hat sie gekannt, den wilden Valentino und den Calandra — übrigens ein Sckiriststeller, Jan, den du nicht lesen darfst."
Er setzte sich.
„Das alles hatten die Menschen jener Zeit. Und was haben sie heute? Mord, Brand, Gier."
Aldringhen lachte.
„Eure Fastenpredigt kommt zu spät."
„Versteht man heute noch, sich recht zu unterhalten?"
„Wollt Ihr bessere Unterhaltung, als mit wackeren Genossen den Becher aufstoßen?"
„Nein," sagte Jose Maria ernüchtert und trank. Jan sah von sich nieder und schwieg.
„Lichter herein!" rief der General, „und laßt uns fröhlich sein."—-
Am dritten Tage nach der Einnahme von Mantua, marschierten, als die Kirchen der Stadt aus ihren bronzenen Mündern Mittag riefen, sechsunddreißig Trornmler durch die Gassen. An jeder Ecke schlugen sie einen sechsfachen Wirbel, und ein Herold verkündete mit schallender Stimme das Ende der Plündcrungsfreiheit. Wer von diesem Augenblicke an noch beim Plündern betroffen würde, Offizier oder Soldat, sollte gehängt werden. Dieses Geschick traf nur wenige. Das Heer war satt. Es lag dick und faul wie ein vollgefressenes Raubtier und verdaute.
Aber erst viel später kam der Befehl des Kaisers Ferdi-


