Ausgabe 
22.3.1915
 
Einzelbild herunterladen

in unserer Borzeit heidnische Feste, die im innigsten Zusammen-- Hang mit der unS umgebenden Nattir standen, und das Christen­tum konnte gar nichts besseres tun, als die kirchlichen Feste mit den alten heidnischen Feiern zu einer Einheit zu verschmelzen deren Ergebnis wir heute noch haben. Das Christentum hätte vhne Anlehnung an drese alten geheiligten Gewohnheiten unseres Volkes niemals, sicherlich aber nicht so rasch und freudig, die Ber breitung gefunden, die es tatsächlich erlangt hat. Es bewies sich tolerant zum bewachten Zweck seines Erfolges und verlieh den Erinnerungen an die alten Götter die Nameni seiner Heiligen; dadurch wurden die germanischen Gottheiten ins Christliche über tragen. Frühlingsglaube und Frühlingsbräuche stehen also im engsten Zusammenhang mit der alten deutschen Mythologie, und es bestehen daher heute noch Erinnerungen und Zusammenhänge mit Mythologischen Erscheinungen vergangener Jahrtausende.

Die germanischen Gottheiten, die mit dem Frühling, dein erwachenden Leben in der Natur, der Sonne, dem Licht Be ' Ziehungen haben, sind Holda, Freir,. Basder, Donar. Holda, mit der wohl gleichbedeutend die Göttin Ostara, ist die Göttin des Lichts und des Frühlings. Freir oder Fro ist der Sonnengott. Ihm ist ja vor allem das Weihnachtsfest als altes Julfest heilig, aber auch mit Frühlingsbräuchen steht der Sonnengott im Zu sammenhang. Dre Sonne wird symbolisiert durch das Rad, und das ans Stroh geflochtene brennende Rad, das den Berghang hinabgerollt wird, spielt eine grosse Rolle in den Frühlings oräuchm. Bekannter ist ja wohl dieser Brauch am Johannistag, zur Mittsommerzeit, aber er findet sich auch zur Wtntersonnm- wende, und, was uns hier mehr interessiert, zu Beginn des Früh­lings, an Fastnacht ich erinnere an den alten, heute noch ge­übten BraiÄ voll Langental ttn Ulfmbackstal, sowie an Ostern. Verschieden von den: Sonnengott Fro ist wieder Balder, der Gott des Lichts, des Tages. Auf Baldur, den nordischen Frühlingsgott, ist letzten Endes die Sage vom Helden Siegfried, der die schla­fende Walküre erlöst uitb wachküstt, zurückzuführen, und die letzte Modifikation dieser Mythe ist das herrliche Märchen vom Dorn­röschen, das dicrch beit Küß des Prii^m vom hundertjährigen Schlaf erweckt wird. .Die Bedeutung dieser Mären ist klar: der belebende Küß der Sonne erweckt die Erde vom langen Winter­schlaf.

Wenden wir uns nun zu einzelnen V o l k s b r ä u ch e n. Da­bei behalten wir die Reihenfolge des Kalenders bei. Die erste Ahnung des Frühlings fällt in den Februar, wenn auch oft genug der grimmige Nachwinter alle Hoffnungen wieder zerstört. Am 2. Februar feiert die katholische Kirche, in der sich, wie wir sehen werdm, Frühlingsbräuche noch in reichem Maße erhalten haben, den Lichtmeßtag; da werden in der Kirche die für den Gottes­dienst bestimmten Kerzen und die aus den Häusern gebrachten Lichter geweiht; letztere werden dann zu Hause aufgehoben, um bei Gewitter und in Krankbeitsfällm angezündet zu werden. Dann folgt die Fastnacht, die Faselnacht, eine Verbindung verschieden­artiger Elemente, denn im christlichen Karneval leben noch Erinne­rungen an die altgermanischen Feste der Erdgöttin und an die alt­römischen Saturnalien und Luperkalien. Fastnachtsbräuche des Volks sind natürlich völlig verschieden vom Mummenschanz und den Maskenbällen des städtischen Faschings. Da wird ein Drache, der die Nackt, die Kälte bedeutet, in feierlichem Umzug herum- getragen und schließlich erschlagen, damit er nicht länger mehr die Menschheit mit der Winterkälte quäle. Weit verbreitet war auch das Herumziehen eines mit ausgelassenen und verkleideten Menschen besetzten Schiffes auf einem Wagen Our navalis genannt; ob davon aber das Wort Karneval abzuleiten ist, scheint fraglich. Auch wird ein Pflug, der die Hoffnung auf den nun bald wieder beginnenden Anbau des Ackers bedeutet, von Frauen und Mädchen gezogen; bisweilen' ging es durch einen Bach und dabei wurden die alten Jungfern verspottet, die jungen Mädchen aber geneckt und

C " mgen. Des Brauches des Fastnachtsfeuerrades wurde schon ge­lt. Kommt nun aber der Frühling wirklich, so wird der Bote der schönen Jahreszeit, Freund Adebar, überall vom Volk freudig begrüßt: der Storch erfreute sich von Alters wie kaum ein anderes Tier der allgemeinsten Sympathie des Volkes. Das Kind, das ihn im Frühling zuerst erscl)aut, erhielt eine Belohnung; sein Nest auf dem Kirchdach oder Turni wurde als heilig gehalten und aegen jede Verletzung geschirmt. Das war einmal heute ist der Lieblingsvogcl des Volkes strichweise ganz ausgerottct.

Den Palmsonntag feiert die katholische Bevölkerung mit der Weihe der Palmen, an deren Stelle bei uns die Blütenkätzchen der Weide treten, oder auch mit Blumen und Bändern gezierte Stangen. An manchen Orten würde am Sonntag vor Ostern auch ein Palnvesel ans Holz hermn geführt. Am Gr ün donnerslag würden die Erstlinge der Frückste in der Kirche dargebracht. Be­kannt ist, daß ümn an diesem Tage auch ettvas grünes in Suppe oder Pfannkuck-en essen mich. Am Karfreitag besnckien die Katholiken das Heilige Grab in der Kirche; am K a r s a m s 1 a g wird oit Stelle der ausgelöscksten Feuer durch Reiben von Hölzern neues Feuer entzündet, ein Brauch, der sich übrigens bei vielen Völkern der.Erde rm Frühling findet. Katholisch ist endlich auch der Glaube, dcch die Glocken der Kirche am Gründonnerstag nach Rom zun« Papst fliegen, um von ihm gesegnet zu werden; am Karfreitag werden sie ersetzt durch Holzklappern, uitb am Kar- samstag kommen sie zurück von ihrer Romfahrt. Vor Ostern Mtch Ml ptzulchen Orteg h« Walz der Som in er tag gefeiert.

wobei ein Zug von Kindern, die Stäbe mit bunten Bändern und Brezeln ttagen, durch die Straßen zieht.

Mit Ostern selbst ist mancherler Brauch und Glaube ver­knüpft. Abzulerten ist das Wort Ostern sicherlich von der schon erwähnten Frühlmgsgöttin Ostara. Mit dem heidnischen Auf­erstehungsfest der Natur vereinigt sich das christliche Fest der Auferstehung Christi. Mit dem Osterei, das nach fröhlichem Kinderglauben der Osterhase legt, l>at es folgende Bewandt­nis; Der Hase ist ein wegen seiner Fruchtbarkeit der Frühlings­göttin geweihtes Tier, dcö Ei aber das Symbol des neu aus­keimenden Lübens. Durch das Christentum wurde das Er dann auf die Auferstehung Christi gedeutet. Die Farben des Eis waren bei unseren Vorfahren vot uird gelb, das fitib die Fmersarben, die Farben des Donnergottes, dem alles rote in der Natur heilig ist. Mit dem Sonnengott aber steht der Brauch des Feuer- rades in Beziehung, dessen schon gedacht wurde. Am Oster­morgen macht die Sonne beim Aufgang nach allem Glauben drei Freudensprünge. Das O st e r w a s s e r, das unter tiefem Schweigen geschöpft werden mußte, soll den jungen Mädchen, die es zum Waschen benutzten, Schönheit bringen. Osterkuchen wurden und werden noch gebacken in Gestalt von Tieren; wir finden da den heidnischen .Hasen unfi> das christliche Lamm. Den­ken wir noch an das Herumführen des geschmückten O st e r o ch s e n, so haben wir die Erinnerungen an heidnische Opfer von Tieren und Lebensrnitteln beisammen. Heute noch wirft die Jugend auf dem Anger vor dem Dorfe die gefärbten Eier; auch das alte Eierlesen und der Eierritt, letzterer ein Wettspiel zwi­schen einem Läufer oder einem Berittenen imd einem Eierauf- leser, hat sich noch erhalten und wird in manchen Gegenden mit Musik oder Tanz, Gelagen, Aufzügen gefeiert.

Der erste April ist bekannt genug durch die ewig wieder­kehrenden Scherze, mit denen man den lieben Nächsten in den April schickt, um ihn dann als Aprilsnarr oder als Aprilsesel auf seine Leichtgläubigkeit aufmerksam zu machen. Auch unsere Zeitungen leisten sich ja gern dm Spaß, ihrm ganzen Leserkreis durch eine erfundene Mitteilung in den April zu schicken. Die Sitte läßt sich auf dm altm Glauben an bestimmte für den Menschen ver­hängnisvolle Tage zurückführm. Der letzte April bringt uns die Walpurgisnacht, an die sich der Glaube an dm Ritt der Heren zum tmstischm Fest auf dem Blocksberg knüpft. Auch hier haben wir wieder eine Erinnerung an alte heidnische Opferfeste, die das Christentum, um sie zu bekämpfen und auszurotten, mit dem Teufel in Verbindung brachte. Alte Getränkeopfer leben hmte noch fort beim Maiwein das wird sich selten jemand beim Genuß einer dustmden Maibowle träumen lassen und in dein Maiwasser. Der M a i b a u m , der von den Landleuten im Wald geholt und feierlich ins Dorf gebracht wird, hat auch seine Be-! deutung; er macht die Kühe milchreich und vertreibt die bösm Hexen. Er erinnert uns daran, daß im alten beidnischen Glauben Baumgeister und Bäume verehrt wurden. Auf dieselbe Erinnerung ist ein anderer Brauch zurückzusührm, die Umritte und Um­züge, die man mit blumengeschmückten Mädcken oder mit in Laub eingehüllten Burschm veranstaltete. Schließlich können wir eine nicht nur durch dm Gleichklang der Namm Maja und Maria zu erklärende Vereinigung der heidnischen Göttergestalt mit der christ- lichm Muttergottes feststellen: an Stelle der heidnischen Maifeiern traten die in jeder katholischen Landschaft wohlbekannten Mai- a n d a ch t e n auf dein Feld vor dem Dorfe. Ohne Zusammenhang mit einem altm Kultus, vielmehr ein reines Fest der Freuds über die VAderkehr der schönen Jahreszeit, ist der mittelalterliche Maireigen, der: Burschm und Mägde auf dem grünen Anger sprangen, mit Bändern und Blumen geschmückt, bei Tanz, Musik und Ballspiel. i

Wir könnten geradezu einen Kultus der Frühlingsnatur ver­folgen, der um die Fastnacht beginnt und seinen Höhepunkt an Ostem erreicht, sich aber noch bis zur Pfingstzeit fortsetzt. Dis christliche Kirche verstand es, wie gesagt, eine innige Vereinigung von Naturgottesdimst und kirchlichen Festen zu schaffen und diese dadurch ihren Gläubigm vertraut zu machm. Längst ist jeder Ge­danke da rar: im Volk geschwunden, aber wir wollen dock) nicht vergessen, daß zwischen den kirchlichen Frühlingsfciern und der heidnisch germanischen Vorzeit, die weit älter ist als das Cbristen- tuin, sichere Beziehungen bestehen. Noch lebm viele alte Bräuche im Volk, wie sie hier geschildert wurden. Wo sie bestehen und lebenskräftig sind, da soll man sie pflegen als heiliges Vermächtnis der Ahnen, daß sie noch recht lange Trotz bieten dem alles nivel lierenden Einfluß der modernen Kultur. Verkehrt aber, ist es. längst vergessene Bräuche, deren Sinn dem Bolk unverständlich geworden ijt künstlich wieder aufleben zu lassen. Damit dim.l man nicht der Sache, sondern leistet nur einem neuzeitlichen Fcs.-nm^iet Vorichub.

Tiere als Schützen.

Dast die Natur die Lehrerin und die Vorläuferin des Mün­chen in so vielen seiner Fertigkeiten ist. erläutett Willwim Bälsche in einer seiner sckwnen naturwissensckxiftlichen Plaudereien, die er im nächsten Heft der bei der Deutschen Verlags Anstalt in Stutt­gart ersckiein enden Zeitschrift Heber Land und Meer verösfcntlickt, an dein Beispiel der ,,schiessenden Tiere". Nach den Angaben des Vaters der Tierkunde", Konrad Gesner, lebte anno dazumal in Italien ein wahrhaft fürchterliches Geschöpf, dasDorn-