— 182
Kreuz, ihr Barbaren, habt ihr krumm geschossen. Aber die Mantuaner haben einen Bogen der Giorgiobrücke gesprengt, und ihr liegt davor und wünscht, ihr könntet Hüpfen wie die Heuschrecken. Aber ihr könnt es nicht. Eine Notbrücke bauen, wenn zwölf Kanonen hundert Schritt davor stehen? — Also sei dem Herrn Bolletti dankbar."
„Schurke, Verräter, der er ist!"
„Und du kommst an deinen Freund Durante und kannst ihn ein wenig mit der Degenspitze kitzeln."
„Trotzdem Schurke und Verräter."
„Ein zukünftiger Kamerad."
„Und du meinst, Jose Maria, ich leide es?" Er lächelte bösartig.
„Was willst du tun?" ''
„Lies schon heut eine Messe für sein Seelenheil."
Und er drückte den Korb seines Degens herunter und ging davon mit bebendem Schnurrbart. —
Heute war der fünfzehnte Juli. Am nächsten Tag gegen Abend sahen die kaiserlichen Feldgeistlichen lange Reihen von Soldaten zur Beichte kommen. Es gab kein langes Hin- und Herdisputieren. Soldaten waren keine Weiber, die — Gott sei's geklagt — immer Skrupel haben. Frischweg und klar: „Ich bekenne..." und nach zwei Augenblicken ein ebenso frisches und klares: „Ich spreche dich los".
Die Nacht brach an. Wie sonst taten die Geschütze zuweilen ihre leuchtenden Augen auf. Hier und da knatterte eine Musketensalve.
Aber in den Lagergassen traten die Regimenter an, Fahnen bloß, Musketen aus den Fuß gestellt, schweigend, ernst.
Es schlug in Mantua Mitternacht. Da liefen leise Befehle blitzschnell durch die finsteren Reihen, und aus dem Lager stieg cm vages Geräusch auf, wie von fernem Landregen: die Regimenter setzten sich in Bewegung.
Nach und nach verstummte das Geschütz.
Die Sturmius-Dragoner schoben ihre aus Balken gezimmerte Brücke, die bestimmt war, den gesprengten Bogen zu überdecken, auf Walzen heran. Dann hörte man das Plätschern der Ruder im Wasser. Gegen das Castello di Corte rechts und die herzoglichen Gärten links der Brücke fuhren rasch die mit Soldaten besetzten Barken los. Jan rief „Vorwärts!" und lief die Brücke entlang. Erst als die Barken der Kaiserlichen an das mantuanische Ufer stießen, erwachten die Geschütze und Musketen. Nun aber zu spät. Jan hatte mit seinen Dragonern den gesprengten Bogen überbrückt und die im stadtseitigen Brückenkopf zum Schein feuernden Soldaten und Bolini zum Schein gefangengenommen. Und indessen die Hauptmacht der Kaiserlichen sich nun in donnernden Fluten über die Giorgiobrücke ergoß, schwenkte Jan links und griff die Gärten des Herzogs an. Dort wurde nicht zum Schein gefeuert. Da rissen die großen und kleinen Kugeln blutige Bahnen in menschliches Fleisch, aber da die auf Kähnen übergesetzten leichten Fußtruppen die Gartenmauer bereits an verschiedenen Stellen überklettert hatten, war es für Jan, der mit rasender Schnelle vordrang, leicht, ins innere zu kommen. Die Lusthäuser brannten. Ihr schwarzer Qualm mischte sich mit dem schwefelgelben Dampf der Geschütze. In dem wüsten, zuckenden Licht lief Jan, Degen bloß, durch die Gärten und schrie: „Durante! Durante'"
Wo noch ein Widerstand aufflackerte, tauchte er in den knirschenden, keuchenden Knäuel, und als auch die Letzten flohen, brach er mit seinen Dragonern in die Stadt vor und stieß auf die Rückseite des gewaltigen Castello di Corte. Ha, da waren glatte Mauern, die schräg in dem stinkenden Qualm auf- stiegen, da war ein tödlicher Regen von Feuer und Kugeln. „Brände in die Häuser, damit wir Licht haben!" Sie brannten. Erst flatterte ein winziges helles Fähnlein vom Giebel, dann quollen aus den Ziegeln Nester von schwarzen, ineinander sich windenden Rauchschlangen, die sich gegenseitig verschlangen, und plötzlich schlug die Lohe triumphierend und mit hellem, freudigem Lachen aus allen Löchern, schlug zusammen, und über sie hin tanzten die Funken. Und mit Widdern gegen die Tore des Kastells! In die schwarzen Löcher Handbomben, die mit dumpfem Gebrüll platzten! An den Mauern empor wuchsen Pyramiden von Menschen; Scharfschützen, in Deckung aufgestellt, schossen das schreiende, quiekende Gezeu^ weg, das über die Schwalbennester den Kopf erhob, und in diesem rasenden Lärm schrien die Glocken der Stadt „Not! Not!", schrien gellend und wimmernd und dunrpf, aber sie schrien vergeblich. Gegen einhalb zwei Uhr fiel das Kastell.
Durante! Wo ist Durante! Herr d'Estre siel in Jans Hände. „Durante hält das Tor Cerese."
„Mir nach! Nach Porta Cerese", rief Jan. Das Tor lag am Ende der Stadt. Im Innern tobte noch der Kampf. „Mir nach!" Die Pferdehalter waren mit den Gäulen herangekommen. Im Funkenregen auf die sich bäumenden Tiere und im Galopp um den Ring der Mauern, von Schüssen begrüßt, wo sich noch auf den Verschanzungen ein Häuflein von Mantuanern hielt. Galopp, dahin, wo das Donnern des Geschützes noch klang. Haufen von fliehenden Italienern karnen ihm entgegen, die er überritt. Vor ihm verstummte das Schießen nach und nach. Endlich sah er das Tor. Aber es war zerbrochen und offen, und kaiserliche Truppen fluteten hinein, über Wälle von Toten und Trümmern.
Jan hielt und wischte sich abwesend die Stirn. Das Tor ist erobert? Wo ist Durante?
Drei Schritte von ihm ließ sich ein junger Leutnant von einem Soldaten den Arm verbinden.
„Herr Kamerad, kennt Ihr jemand, der hier befehligte und Durante hieß?"
Der Leutnant lachte.
„Er hat sich brav geschlagen. Den Hieb habe ich von ihm."
„Was ist aus ihm geworden?"
„Er hat sich ergeben. Sieben Standarten d-azu."
„Ergeben? Wem?"
„Dem General Galeazzo. — Bind fest zu, Kerl, ich bin keine Jungfrau!"
Jan rttt dem General nach. Man hatte ihn da nnd dort gesehen. Er traf ihn, wie er vor einem vornehmen Hause wieder aufs Pferd stieg. Jan fragte ihn.
„Dort drin ist er," sagte der General. „Ein paar Schmarren hat er. Der Feldscher flickt ihn gerade."
„Ich bitte um eine große Gnade, Euer Exzellenz, überlaßt mir diesen Kavalier."
Galeazzo sah ihn groß an.
„Ich habe nicht die Ehre, Euch zu verstehen. Er hat mir seinen Degen gegeben. Nicht Euch."
„Aber —"
„Wenn Euch au dem Herrn so viel liegt — nun gut, schafft mir einen anderen Adligen von seinem Rang."
Trab und fort. O Jan, in Mantua tobt schon der plündernde Soldat. Sollte irgendwo noch ein Oberst stecken, den man noch nicht gefangen? Um die Fortezza raste noch der Kampf Der Herzog war darin, sein Sohn — der ganze Hof.
„Ich muß den Franzosen haben", knirschte Jan und ritt los. Er ritt'mittenhinein in Greuel und Scheußlichkeit. Das gellende Gekreisch gequälter Weiber und das Wiehern der Soldaten, die sich ergötzten, drang nicht in sein Herz. Emem Greis schoß man die Pistolen ins Gesicht ab; er hatte seine Habe verteidigt. — Hält hergeben sollen. Und die Weiber, die da mit in Fetzen gerissenen Kleiderii mit heiserem Geheul wie irrsinnig im Kreise herumliefen, bis zwei Fäuste sie bei den Haaren niederrissen — . Hätten sich in die Kirche retten sollen. Da drängten sie sich jetzt um die Altäre, die Bettler und Adligen, die tugendhaften Nonnen und die leichtfertigen Weibchen, und ihre lauten und sinnlosen Gebete erfüllten die hohen Schiffe. Kriegsrecht und Soldatenbrauch! Jan sah kaum hin. In den Kot getreten lagen silberne Geräte und Goldstücke. Zerlumpte Bettelbuben, in Mauereckcn versteckt, schossen darauf los und lasen aus, was glänzte. In den Magazinen der Stadt, die bis unters Dach mit Ballen kostbarer flandrischer Gewebe vollgepackt waren, in den Bankhäusern des Ghetto, wo Pfandgüter und Goldbarren in erstaunlichen Massen lagerten, waren die kaiserlichen Kom- mmare an der Arbeit. Da hielten Lastwagen, die man belud, und Soldaten mit Musketen im Arm standen dabei Wache.
(Fortsetzung folgt.)
Krühlinqsqlaube und Lrühlingsbräuche.
Kulturgcschickitliche Skizze von Hans Otto Becker.
Aiich heute in der Modernen Zeit der l-ochentwickelten Technik finden »vir tu fast allen Gegenden innerer dentsckien Heimat zahl- veick)? Frühlingsbräuche, die in unseren Tageii noch, fast so mi verändert .gepflegt werden, wie im Mittelalter und wohl mrck, noch viel, viel früher. Die Frühlingsbläu che haben ihren Grund tnr Volksglauben, und wir können geraden einen Frühlingsglauben fcststellen. Volksglauben und -bräuche gehlen weit zrrrück in die heidnisch-gernlanische Vorzeit. Zu den Jahres- zeiteil, an denen wir heute christliche Feste feiern, bestanden schon.


