Jan van Werth.
Roman aus dem Dreißigjährigen Kriege von Franz Herwig.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Es war eine Lust, zu sehen, wie die kaiserlichen Kanonen von drei Seiten der winzigen Festung zusetzten. Sie schossen ihr die Zinnen weg und die Dächer. Ihre Mauern stürzten wie Lehmwände und füllten die Gräben. Sie rissen gewaltige Löcher in das Gemäuer, mit keinem anderen Resultat, als das; mantuanische Musketen sich durch die Oesfnüngen schoben und erbittert feuerten. Schließlich aber war der ganze Brückenkopf nicht viel anderes mehr als ein Haufen von Geröll und Trümmern, und eines Abends schrie Jan mit einer Stimme, die allen durch Mark und Bein ging:
„Mir nach! Siefliehen!"
Und er warf sich mit. einer Handvoll Leute auf die Trümmer, aus denen noch immer Schüsse blitzten, und sprang von Mauerblöcken in Löcher und war wieder hoch und hatte endlick) die Brücke, auf deren letztem Ende die Verteidiger sich hindrängten der schützenden Stadt zu. Er lief hinterher, den Degen in der Faust, ihm nach ein Dutzend seiner Musketiere, hinter ihnen quollen in Massen die Regimenter aus dem zerschossenen Brückenkopf. Es gab ein wildes Gedränge auf der schmalen und langen Brücke. Jetzt waren die Mantuaner kaum fünfzig Schritt vor Jan am anderen User, sie spritzten nach allen Seiten auseinander und da sah Jan gerade in die schwarzen Mäuler zweier Kanonen hinein, die Rad neben Rad mit scheußlicher Gelassenheit dastanden, ein paar verwegene Kerls und Durante, Durante hinter sich.
Erstarrt blieb Jan stehen. Er sah, wie Durante die Hand hob, zwei Luutenflämmchen senkten sich nieder und plötzlich war die Brücke mit einem ungeheuren Krachen wie gefegt. Jan aber fiel vornüber und stürzte in abgrundtiefe Finsternis.
*
In diese Finsternis fiel nur selten ein Strahl des Tageslichts, ein Laut der Menschenwelt. Jan sah nichts davon, daß seine toten Musketiere in Haufen tagelang auf der Giorgiobrücke lagen, da niemand es wagte, in dem Feuer der Besatzung die Leichen ans andere Ufer zu holen. Die wenigen Ueberlebenden hatte;; den leblosen Jan in jener Schreckensnacht mit sich zurückgeschleppt. Er wußte nichts davon, daß mitten in; kaiserlichen Heer den Mantuanern schreckliche Verbündete erstanden, das Fieber, das aus den Minciosümpfen stieg und die Pest, die mit den schrecklichen Regengüssen über das Land kam. Er lvußte nichts davon, daß General Collalto die Belagerung aufheben ließ und nach Süden zurückwich, nur einmal erwachte er für Augenblicke und fühlte sich auf einen; Wagen liegen, der vorwärtsrollte, auf Stroh gebettet. Mer die Stöße der Räder waren so hart, daß er über den Schmerzen von neuem das.Bewußtsein verlor. Weihnachten
1629 ging vorüber, und wenn Jan auch in jener Zeit die Augen aufschlug, so schien es für ihn von lächerlich geringem Belang zu sein, zu wissen, wo er war. Erst nach drei Wochen hörte er einmal im Halbschlaf, wie der Ort, wo er lag, mit Guastalla bezeichnet wurde, und er hörte ganz fern die Stimme Jose Marias, die sagte:
„Er wird aus italienischer Erde sterben, fürchte ich."
Jan glaubte innerlich zu lächeln: lieber Gott, wie grenzenlos gleichgültig war ihm die ganze Sache. Schlafen. Ha. Schlafen.
Lange nachher war es ihm, als schiene helle und warme Sonne auf sein Bett. Irgendwo sang ein Vogel. Ich muß aufstehen, dachte er. Meine Kerls lümmeln sich sicher faul herum. Ausrichten. Teufel ja. Bin ich festgebunden? Endlich saß er. Blinzelte mit unklaren Augen ins Licht und sah dann einen fremden Mann am Fenster auf einem Stuhl sitzen.
„Holla," sagte Jan. „Was ist mit mir?"
„Je nun," sagte der. „Man hatte Euch gut zugerichtet."
Ah, so. Die Kanonen. Durante. Gewiß. Und dabei iiber- kam ihn wieder die zackermentsche Schwäche. Ec legte sich nieder.
„Wo sind wir hier?"
„In Guastalla, wie sich das Nest heißen läßt. Ein gottverfluchtes Nest."
„Wo ist Jose Maria?"
„Wer—?"
„Der Feldkaplan. Jose Maria."
Der Mann schupfte die Schulter.
„Weiß nicht. Im übrigen braucht Ihr keinen Kaplan. Es geht nicht mehr zum Sterben. Ihr habt zwei Kugeln gehabt. Eine in der Brust, die andere im Bein. Musketon- kugeln, denn die Briganten aus der Brücke hatten ihre zwei Blasrohre mit Musketenkugeln geladen."
Jan schlief schon wieder. Aber im Traum hatte er es mit Josö Maria zu tun, der verschwunden !var und den er suchte. Immer wenn er ihn von ferne sah, verschwand er wie ein Gespenst. Als er am anderen Morgen aufwachte, verlangte er zu essen.
Er aß elf gebratene Eier und eine kalte Schöpsenkeule. Er rief nach Wein, aber er bekam nur ein Quart.
Dann schwang er seine dürren Beine aus dem Bett und sagte:
„Meine Montur! Und Jose Maria soll kommen. Seinetwegen kann ich sterben und er künnnert sich nicht um mich. Was stehst du da, dickköpfiger Esel? Ruf den Kaplan."
„Hier ist kein Kaplan!"
„Ha? — Frage, wo er ist."
Er stand aus, wankte und schlich mit zitternden Knien und ausaestreckten Armen zun; Fenster wie ein Seiltänzer. Der Soldat trat wieder ein.
„Der Kaplan, von dem Ihr spracht, war pestkrank und ist irgendwo liegen geblieben."
Da stand Jan plötzlich ganz sicher.
„Kerl! Hund! Und inan hat ihn liegen lassen?!"


