Jan von Werth.
Roman aus dem Dreißigjährigen KrieM von Franz Herwig.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Es war Stunden später, als Jose Maria Fan wieder fand, allein, und mit den Blicken am Boden. Ringsum war das entfesselte Toben einer lufthungrigen Menge. Es waren nicht mehr Generals und Bürgermeister, Obristen und Handelsherren, Eheweiber und Jungfrauen: es waren nackte Menschen, deren Sinne im Sturm des Weins wie Flammen flackerten. Bänder und Blumen lagen aus dem glatten Estrich. Ein AtlaSschuh schuß, von mutwilligen Füßen gestoßen, kreuz und quer durch das Getümmel. Hie und da protestierte ein trunkener Kavalier dagegen, daß man ihn hinausführen wollte. Einer rutschte seiner Tänzerin aus dem Arm und schlug hin. Sie stand dabei und lachte mit weitgeöffnetem Mund.
„Nun Jan," fragte Jos6 Maria, „wann ist Hochzeit?"
„Ach," erwiderte Jan und sah in die Ferne, „ich wollte, ich hörte unseren Trompeter Reveille blasen. Der Morgen käme gelb und kühl über die Waldberge und man stiege frisch und fröstelnd in den Sattel: Helf uns Gott, junger Morgen zu einem guten Tag!"
„Gehen wir!"
„Ja," sagte Jan und sie gingen Arm in Arm davon.
An der Saaltür war eilt dickes Knäuel von Männern. Obrist Mercy, schwankend, umarmte Jan:
„Du kriegst das Kornett, Herzenskamerad! ^omm morgen zu mir ins Quartier. — Und geh noch nicht! Bleib Gutfreund, jetzt wird's lustig!"
Joss Maria sagte Mercy ins Ohr:
„Laßt ihn gehen! Eine galante Verabredung! Ihr versteht!"
„Hahohoho!" lachte der Oberst. „Laus toller Jan! Ich versteh! Ich versteh!
Und wenn mein Knäblein kommt zur Welt:
Pardibautz und Bum und valdera . . .
Jan schlug die kühle Nachtlust entgegen.
„Hach," machte er und atmete tief.
7. Kapitel.
Guten Tag, Herr Durante!
Wochenlang verschoben die Regimenter ihre Quar* tiere. Die Wäloler, die, halbnackt um» wild, von Ulm her auf ihren riesigen mit Weidenruten verflochtenen Flößen die grüne Donau abwärts schossen, sahen von Neuburg an. über Jnaolstadt, bis über Rogensburg hinaus die kaiserlichen Völker kampieren, deren Lagerfeuer nachts den gurgelnden Strom beschienen. Endlich, als der Schnee schmolz
und man hoffen konnte, im Gebirge passierbare Wege anzufinden, setzte sich das Heer, 35 000 Mann, in Bewegung, Mercys Regiment mit Jan an der Spitze, am äußersten Ende der ungeheuren Schlange das schwere Geschütz. Sie zogen langsam durch Schwaben nach Süden, streiften den Bodensee, der in dieser Frühlingssonne blaßblau und still glänzte und bogen in das Land Arlberg ein. Langsam hob sich der Weg. Die ersten Pässe waren schneefrei. Erst als die Spitze in das Tal des oberen Inn einschwenkte, waren die Wege vereist. Schneestürme überfielen das Heer auf der Malser Heide. Es war ein heimtückischer Schnee, hart wie Sand, sein wie Pulver und dicht wie Wolken, in die man hineintappte, ohne eine Armlänge weit voraussehen zu können. Man mußte das Land schrittweise und keuchend erobern. Der Feind, der ihnen entgegenstand, war nicht zu fassen. Gegen den halfen keine Wursteten und noch so gute Klingen. Und dieser Feind würgte besser wie ein anderer. Er lockte ganze Kornetts und Kompagnien vom Wege ab und stürzte sie in eisige Schluchten. Die Soldaten fühlten Plötzlich vor sich eine gewaltige Lücke im Zuge und nur der Atem des Todes wehte ihnen daraus entgegen. Es sielen eiserne Krieger zu Boden, erfroren wie Wachteln und es gab viele, die lieber unter einem Felshang sich niederhockten und den Tod erwarteten, als daß sie werter marschiert wären. Aber die Hauptmasse, von den Offizieren angefeuert, die ihr die Schätze der lombardischen Städte und den Reichtum des französischen Trosses mit strahlenden Farben schilderten, drängte vorwärts, vorwärts.
Welcher Jubel brach aus und schwang seine donnernden Flügel über das Gebirge und feuerte die Letzten an«, als das Mercysche Regiment endlich ins Tal der Adda niederstieg, in die gesegneten Weingefilde des Valtellins. Langsam schob sich das Heer wieder zusammen. Ltber sein Leidenszug war noch nicht zu Ende. Die Sümpfe der Adda begannen unter der sengenden Sonne, die von gigantischen, kahlen Felsen widerstrahlte, zu kochen und ziu gären. Ein ekelhaftes Gespenst, stinkend und riesengroß, ging um: daö Fieber, und sog gesundes Leben aus blühenden Männern. Dazu war die Wut des Aufruhrs noch nicht erloschen, den der vermaledeite Pfarrer von Scharans, Herr Jenatsch, seit Jahren immer »nieder entfacht hatte. Die Rebellen, bleich vor Haß, vergifteten die Brunnen, und als man das Wasser mied, vergifteten sie den Wein.
Da ritt Jan voraus, ließ die Einwohner wahllos greifen und zwang sie, von dem Wein zu trinken. Er sah wütend zu, wie seine Kerls den Bauern die Zähne ausbrachen und ihnen mit einem Trichter den vergifteten Wein maßweise in den Schlund gossen. Und er sah ungerührt zu, wie .Hunderte sich in Krämpfen zu winden begannen. „Besser ihr, wie wir," sagte er. Die guten Fässer wurden an den Weg gerollt, Posten mit geladenen Musketen dabei und die Soldaten, die voriiberzogen, konnten nun trinken, trinken, was die Kehle hielt.
„Man glaubt es nicht," sagte Jan zu Joss Maria,


