Ausgabe 
15.3.1915
 
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Kameraden, macht'- euch beauem," hatte der blonde junge H-uPtmann gesagt, als er mit seiner Kompagnie diesen vor­geschobenen Posten bezog.Der Schützengraben ist das Ehren- yelm de- Kriegers."

Das hatte man denn auch getan und hatte es im Laufe der Taae zu «neui aennssen Komfort gebracht. Dichte Lagen von Stroh deckten den Boden. Stühle, denen es am Notwendigsten fehlte, lehnten hier und dort an den Wänden, und überall hatten ge­schickte Hände Konsolen in die Tonwände gemeißelt, auf denen mn Abend zahlreich requirierte Lichter standen und die seltsame Umgebung traulich erleuchteten.

Die Höhe des Komforts aber war dort, wo der junge Haupt- Vsarmj, der Stolz seiner Kompagnie, sein Hauptquartier aus­geschlagen hatte; denn eine richtiggehende Petroleumlampe, die auf einer Kiste stand, beleuchtete die Herrlichkeit eines imperti­nent grünen SeidensofaS.

DasKaninchen", das diese Kostbarkeiten fürseinen" Herrn bei Nacht und Nebel herbeigeschleppt hatte, strahlte, wenn cs an dab fast verlegene Lächeln dachte, mit dem der blonde junge Haupt­mann für alle ihm von seiner Kompagnie dargebrachten Liebeö- beweise zu danken pflegte. Und wie ein treuer Hund hockte er auch letzt in möglichster Nähe der grasgrünen Pracht in einer Stellung, die aussah, als hätte man in Arme und Beine einen Knoten ge­schlagen. Aber diese unmögliche Stellung genierte ihn nicht. ES rag im Gegenteil ein Ausdruck befriedigter Behaglichkeit aus seinem baaeren Gesicht; denn er fühlte sich so eins mit seinem Herrn, daß er die Molligkeit des grünen Sofas mitempsand.

Plötzlich richtete er sich aus feiner verknüllten Lage enwor. Schnuppernd streckte er seine Nase in die Luft, indes die abstehen­den Ohren in zitternde Bewegung gerieten eine Eigentümlich­keit, die, verbunden mit übernatürlich scharfen Sinnesorganen, ihn» seinen Spitznamen eingebracht hatten. Mit einer Handbelve-

t ung forderte er seinen Freund, den Latschenaugust, der auf einer lkundharmonika seinen Gefühlen einen schmelzenden Ausdruck gab, zum Schweigen auf, während er sich aus dem schützenden Graben erhob und in die beginnende Nacht hinausstarrte.

Na, Kaninchen, riechst du all wieder den Feind? Komm her, Junge. es is ja nischt zu sehen."

Nein, es war nichts zu sehen, so angestrengt der Spähend« auch seine scharfen Augen in das Dunkel bohrte. Rechts vor ihm stand, in Dunstwellen gehüllt, die schwarze Mauer des schlveigen- ben Waldes. Und daß sich von dort keine Gefahr nähern konnte, dafür sorgte die verstreute Postenkette, die der vorsichtige Haupt­mann überall ausgestellt hatte.

sUnd doch-war es nur der Abendwind gewesen, der dort

in den Kronen klagte-oder war es der Schrei eines schlaf"

trunkenen Vogels, den er zu hören vermeint. . .?

Na, Karnickel, nu komm aber rin in die jute Stube und! mack die Tür zu. Es zieht"

Ohne diese jeder realen Grundlage entbehrenden Einwärrde -st beachten, nahm der Zurückkehrende seinen früheren Platz wieder nn. Aber öfter noch als sonst flogen seine Blicke zu dem blonden Scheitel des jungen Hauptmanns hinüber, der dort auf dem grünen Sofa den tiefen Schlaf der Erschöpfung schlief. Kein Wun­der, hatte man doch fast jeden Tag ein Gefecht gehabt; dazu daS gvige Aufderhutscin bei diesem vorgeschobenen Posten. Und die Nebelwand, die wie eine Mauer auf den Feldern stand, kroch näher und näher heran und hing sich kältend und nässend in die Kleider. Nock einmal stand das Kaninchen auf und legte die braune Decke fester um feinen jungen Herrn hatte dieser doch den eigenen, Mantel einem Kriegsfreiwilligen gegeben, dessen siebzehn Jahre sich in schweren Fiebcrtränmen gegen die ungeheuren Eindrücke dieser ersten Tage wehrten.

Dal Hemd vom Leibe würdder", jloob ick, für seine Mus­ketiere jeden," hatte der Latschenaugust anerkennend gesagt.

Ach. und daS Herz aus dem Leibe würde das Kaninchen für seinen angrbeteten Haupttnann gegeben haben. Und nun sollte er ihn wecken, weil er von irgendwoher Gefahr witterte . . .?

Nein, diese eine Nacht sollte er ungestört schlafen. Die da drüben, unter denen sich seit eilt paar Tagen das raubtierartige, schwarze Gesindel gezeigt, sollten ihm seine Ruhe nicht nehmen. Darüber würde er wachen.

Mit jähem Entschluß sprang er empor. Er meldete sich bei denr dienstttreirden Offizier und trug ihm /eine Bitte vor.

Dieser lächelte:Kaninchen, ich glaube, es regt sich wieder bei Ihnen Ihr sechster Sinn. Trauen Sie den Posten da draußen so wenig? Aber wenn Sie es denn durchaus wollen meinet- wegm, nehmen Sie sich ein paar Freiwillige und gondeln Sie los. Des Menschen Wille ist sein Himmelreich."

Wenige Minuten später schlichen drei Musketiere, unter ihnen der unwillig brnnrnrelnde Latschenaugust, der sich nichtsdestoweni­ger als erster zu dieser Extratour gemeldet, mit dem Gefteüen Rtnrpel /denn das lvar des Kaninchens militärischer Rang und bürgerlicher Name) in die beginnende Nacht hinaus.

DaS Gebrummel des Latschenaugust verstärkte sich, als das Kaninchen am Waldrand« seiner Truppe befahl, von Baum zu

r mi in möglichster Deckung bis zur Lichtung zu schleichen, wo ersten Posten ausgestellt waren.So'n Blödsinn. . . daß die Posten auslachen . . . Karnickel, .haste wenigstens ne Pull« Schnaps bet dir, als Bersöhnungstnmk, wenn sie dir fyeien nächt­licher Ruhestörung belangen

Pst!" DaS Kaninchen legte ihm offne weiteres die Hand auf den Münd. Ein unbestimmtes Geräusch, ähnlich dem Orgeln eine- Hirsches, war an sein Ohr gedrungen-

Nein, der Wald schlief nicht.

Nase und Ohren des gespannt horchenden Kaninchens zuckten krampfhaft. Lautlos schlich man vorwärts. Jeden» raschelnden Blatt, jedem brechenden Zweig lourbe ängstlich nachgehorcht.

Nun mußte man bald die ersten Posten erreichen. Schon sah man auf einer Waldblößc die Umrisse einer primitiven Schutz­hütte.Donnerwetter!" Schliefen die Kerle? Nichts rührte sich.

Plötzlich fühlte sich der Latschenaugust zurückgehalten dicht neben sich sah er das entstellte Gesicht seines Freundes er folgte der Richtung seines Auges und nun sah auch er e--

Dort am Boden, keine zwanzig Schritte von ihnen entfernt, lag ein menschlicher Körper, und, über ihn gebeugt, ein hcll- blinkendes Messer in der Hand, hockte eine Gestalt, in derem dunklen Gesicht nur die Augen leuchteten, als sie sich jetzt auf-« horchend vorneigte. In demselben Augenblick tönte von rechtsher ein erstickter Aufschrei, und die Gestalten der beiden vorschleichen­den Musketiere waren wie von der Erde verschluckt. Zugleich be­kam der Wald ein schreckhaftes Leben. Jeder Baum, jeder Strauch, jeder Stein schien sich zu bewegen. --

Ein helles Aufblitzen, ein Knall, auf den sich ein hunderte stimmiges Geheul ausbaute.

Ohne Besinnen machte das Kaninchen rechtsum kehrt und jagte, gefolgt von Latschenaugust, seiner Truppe zu.

Sein weithinhallender Schuß hatte die ganze Umgegend alar­miert. Bon den Schützengräben und von dort hinten, wo das zweite Bataillon lag, brandete cs herüber in vielstimmigen Ge­räuschen, aus denen sich der schritte Ton des Alanns gellend heraushob. Uird wie ein vom Gewitter angeschwelller Strom brach es mit zornigem Brausen aus den: Dunkel hervor allen voran die hünenhafte Gestalt des blonden, jungen Hauptmanns.

Mit keuchenden Lungen gesellte sich das Kaninchen an seine Seite, und mit lautem Hurra, das sich in den grauen Reihen dröhnend sorttrng, ging es mit aufgepflanztem Bajonett in deis belebten Wald hinein. Man kannte nicht die Stärke de- anstürmen­den Feindes, aber man kannte seine Pflicht, und die hieß: einem Durchbruch verhindern um jeden Preis.

Bon Baum zu Baum, von Strauch zu Strauch gina dies wütende Ringen im Dunkeln, bis man an die Waldesgrenze kam einen Augenblick stockte die mutige Schar, die sich unter der Füh­rung des jungen Hauptmanns wie ein Keil auS der beweglichen grauen Masse herauSschob-das war ja eine Schlachtlinie­

oie ihnen dort mit wehender Fahne entgegenkam.

Drauf Kameraden Hurra! Hurra! Hurra!"

Die Maße für die Zeit verschwanden. DaS Hinge sab nichts als den Feind, nur das Ohr sing mit gierigem Entzücken den Donner der Kanonen auf, die jetzt helfend eingrisfen.

Das Kaninchen, das, immer neben seinem Herrn, im dich­testen Kampfgewühl stand, sab noch, ivie sich eine weiße, nervige Hand nach der feindlichen Fahne ausstreckte, dann löschte eine iäh zum Hirn anfsteigende Blutwelle alles Enrpftnden bis auf das eine: der Platz neben ihm ivar leer und das dreifarbige Tuch, das eine jugendliche Gestalt deckte, färbte sich langsam rop.-

Kameraden, wen tragt ihr denn da?" fragte ein hochgestellter Offizier, -dem die beiden Nbuskctiere auffielen, die mit so seltsam schweren Schritten einen Schwerverwundeten auf einer Zeltbahn hinter die Front schleppten. Und mit einem! Zucken des Gesichts wandte er sich ab, als die schlachtgewohnten Soldaten mit tränen - erssicktcr Stimme antworteten:Unfern lieben, lieben .Haupt­mann"

Und so sah er nicht mehr, lvie sich die beiden, wie auf euA Kommando, umdrehten und mit der Faust dorthin drohten, wo das Gewühl des Kampfes langsam abebbte.

lind als der Gefreite Rimpel am nächsten Tage seinen Haupt- inüim im Lazarett besuchte, da lächelte ihn dieser mit dem alten verlegene» Lächeln au und sagte:Kaninchen, ich bin nun emi Krüppel mit denr Eisernen Kreuz erster wird'- nichts mehr werden das müht ihr nun für mich vettnenen."

Und daS hat die zweite Kompagnie als eine Ehren Pf lick-t ersaßt und erftillt.

Lieb Vaterland, magst ruhig sein-

was alle Meister der Nriegrkunft vom Schützengraben hielten.

Wenn auch die systematische Ausbildung des Schützen- grabenkrieges erst eine Errungenschaft der oUerneuesten Zeit

? 1st, so haben doch Feldbefestigungen in den Kriegen aller Epochen eine Rolle gespielt, mit bedeutende Heerführer- oben den Wert solcher Berschanznngcn wohl erkannt. E ä - a r verwendete in ausgedehntem Maße solche Feldverschan- -ungen im gallischen Kmege. besonders in seinem letzten Feld- hnge, bei Mesia. Er ließ hier von seinen Truppen 20 Futz vreite Grübelt auSheben, in die er Löasser leitet«, dahinter Wälle und Pallisaden auftühren und erschwerte den Fein­den den Mlsturm auf jede Weise. Gr kannte auch schon andew Dftltel deS heutigen LchützengrabenkriegeS, so Drahtver-