dem Wege dahin hatten sein entpsängliches Herz, sein empfängliches Auge entzückt. Als er nun das Schlößlein selbst mit Türmen und Quadern durch Laubgehänge schimmern sah und ihm, als er den Schloßhof durchschritt, wilde Tauben vom Dachrand entgegen- slogen, als er den altertümlichen halb vertrockneten Brunnen erblickte und fern in den Parkwegeil sogar einen hochmütigen Pfau stolzieren sah, hinter sich mit königlicher Würde den aufgespannten gold, blau und grün flimmernden Fächer seiner Federn tragend, glaubte er ein Märchen zu erleben und schnurstracks aus das Schloß des schönen deutschen Dornröschens zuzumarschieren, die die liebste Marchenprinzcssin seiner Kuabenträume gewesen lvar. Und still wie in Dornröschens Schloß lvar es auch drinnen. Nach langeul Harren erschien zwar endlich der Besitzer, der Baron, der den rechtell Arm in der Binde trug und audj den rechten, augenscheinlich von einer Verwundung noch nicht geheilten, dick umwickelten Fuß schleppend' nach sich zog, mit höflicher, aber eisiger Miene, der ihm ein Zimmer inl Erdgeschoß, das sicher das Boudoir einer Dame gewesen, anwies, ihm jedoch auf seine Bitte um Dienstpersonal, das ihm bei der Reinigung und Instandsetzung seiner durch die Strapazen defekt gewordenen Uniform behllslich sein köimte, mit höhnischem Lächeln bedeutete, daß alle Bedienten das Schloß verlassen hätten. Daß dem üicht so lvar, stellte sich allerdings schon in Kürze heraus. NaMein Pslanzner im Keller einen jungen anstelligen Burschen in Tienerkleidung eiitbecft hatte und einer drallen neugierigen, Köchin, die er aus einem Gitterfenster Herauslugen gesehen, höflich aber energisch bedeutet hatte, ihren Thron am Küchenherd wieder einzunehmen, kamen 'allmählich von selbst aus verborgenen Winkeln eine appetitliche Zofe, ein alter Gärtner und ein Stallbursche hervor.
Der Baron registrierte das Wiedererscheiuen seiner verleug- neten Dienerschaft nur mit seinem eisigen Lächeln. Sein Anblick war Pslanzner höchst fatal. Er fühlte den ingrimmigen Haß des Franzosen fast sichtbar auf sich niederstrahlen und gestand sich selbst ein, daß es ein Glück war, daß er erst jetzt im zwanzigsten Jahrhundert die notgedrungene Gastfreundschaft des Edelmannes annehmen mustle. In früheren weniger skrupellosen Zeiten, etwa im dunkelsten Mittelalter hätte sich dieser sonst durchaus ritterliche Baron wahrscheinlich nicht gescheut, den feindlichen Gast für Lebenszeit in einem Kellergewölbe seines Schlosses anzuketten oder ihn sonst durch Gift oder Dolch aus dem Wege zu bringen. Der unheimliche Aufenthalt aber begann für ihn an Schrecken zu verlieren, als er zum erflcnind die Dame des Hauses sah. .Er wußte ich vor-!Staunen schier nicht zu fassen, als er sie erblickte. Er hatte ich die Gattin des Barons als eine pompöse Landedelsrau mit unonischen Formen, etwas vom Glanz der Sonne der Provence n den mütterlichen Augen, vorgestellt. Die mädchenhafte Frau aber mit dem hellbraunen, kranzartig von Flechten umrahmten Kopf, mit dem hellen seinen Antlitz, dem kindlichen Munde und den großen blauen Augen erschien fast wie eine Deutsche, erschien ihm so sehr als eine Deutsche, daß er sich verwunderte, als sie, da er sie unwillkürlich mit ein paar höflichen deutschen Worten, anredete, ihm aus französisch bedeutete, daß sie die Sprache zwar' verstäube, sich aber gar nicht oder doch nur höchst mangelhaft und ungeschickt darin ausdrücken könnte. Weitere Fragen an sie, die er aus der Zunge hatte, vereitelte das Hinzukommen des Barons, der mit einem feindseligen Blick das Zusammensein seiner Frau mit dem deutschen Offizier beobachtete.
„Margot, komm bitte einen Moment zu mir und schreibe einen Gruß an meinen Brief an Henri bei/" sagte er auf Französisch zu seiner Frau und nahm rasch ihrem Arm, sie mit sanfter Gemalt da voi«zuführen.
Margot ging. Im Vorwärtsschreiten aber wandte iie noch einmal lächelnd das Haupt zurück. In ihren schöllen blauen Augen glaubte er die Bitte zu lesen, die Unhöflichkeit und Sonderbarkeit des Gatten nicht ungnädig aufzunehmen.
Margot war es allein, die ihm den allmählich unerträglich lverdenden Aufenthalt freundlicher gestaltete. Der Baron mx ia Alt klug und gesellschaftlich zu verbindlich, um direkte Feindseligkeiten gegen ihn oder direkte Beleidigungen zn wagen. Mer Pftanzner spürte ständig seinen heimlichen Haß, seine heimlich knirschende Ohnmacht, die sich nicht befreiend entladen durfte. Wo er dem Gast einen Tort antun, ihn in seinenr Deutschtum kränken vouute, tat er cs. Die Dienerschaft, die ihm zuerst seines höflichen und freundlichen Wesens halber ganz willig und zuvorkommend entgegeugekommen war. begann, aufgestachelt durch den Baron, auch wieder Bockigkeit und Feindseligkeit zu zeigen. Wenn Pslanzner die versteckten Bosheiten uild Kränkungen des Barons mit aleicher Münze heintzahlen ivollte. sahen ihn die blauen Augen Margots mit rührender Bitte an. Tann bezwang er sich, kämpfte seinen Zorn nieder. In seinem Zimmer aber fand er nach solchen Szenen immer einen Gruß, eine stille Aufmerksamkeit, mit der ihm Margot ihren Dank bezeugen wollte. > Entlveder ein Schüssel- Sen mit einem Leckerbissen, den sie. wie er wußte, selbst zubereitet batte, oder eine Kristallkaraffe mtt altem Burguildernnin, eine Base mit ein paar Blumen oder auch ein in Seideudamast gebundenes Büchlein mit alten französischen Volks und Liebesliedern, die ihn sehr interessierten.
Er mußte sich etngestehen, ihm lvar noch nie ein Mädchenbild von fo zarter Schönheit und Holdseligkeit, von solcher Feinheit und Seelengüte begegnet wie die Frau seines Feindes. Die erschien ihnr nebelt dem Uithold lvie eine Lichtgestalt, auf Erden ge
sandt, jedem der litt, Trost zu spenden. Eines Abends aber machte er eine Elttdeckung. die ihn bald überraschte, ihnr andererseits aber die Richtigkeit seines ersten Eiitdrucks zu bestätigen schien. In einer Lade des Damenschreibtisches in seinem Zimmer fattd er, als er beim Briefeschretbcn nach einem Löschblatt suchte, eine Elsenbeinmalerei, die er im ersten Augenblichfür das Bild Margots hielt. Als er genauer Ansatz, bemerkte er allerdings, daß das Bild, so ähnlich es ihr auch war, doch viel fremde Züge hatte. Die Brauen waren höher geschlouugen und lveiter ausetnandcrgcrückt, die Nase gerader, der Mund voller und die Gestalt frauenhafter. Haar und Augen aber waren licht und hell lvie Margots, der Ausdruck des Gesichts lvie der ihre von einer reinelt Güte, lvenn auch von einem schwereren und nachdenklicheren Ernst. Als er aber das Bild umwaltdte, fand er auf dem Karton, der in die Rückwand des Rahmens eingelassen lvar, zu seinem Erstaunen goethesche Verse.
„Wer nie sein Brot mit Tränen aß,
Wer nie die kummervollen Nächte
Auf seinem Bette weinend faß,
Der kennt euch nicht — ihr himmlischen Mächte." war da hineingeschrieben in feiner zierlicher Frauenschrist. Darunter stand Datunt und Jahreszahl und der Name „Margarete".
Der Fund erregte ihn aufs höchste. In einer Mendstunde gelang es ihm^der Baronin auf den Wegen des Parkes zu begegnen. Langsamen Schrittes, bleicher und schwermütiger als sonst, lvie ihm schien, lvaitdelte sie durch die Alleen, begleitet von ihrem großen, prachtvollen Hund. Selbst das Tier knurrte ihn feindlich an. als er herantrat. Er lächelte ein wenig spöttisch. Das einzige Licht in diesem Lande, das freundlich aus ihn ntederglänzte, war der Strahl aus Margots güttgeit Mtgen. Glücklich^ neben ihr herschreiten zu können, ging er au ihrer Seite. Sie näherten sich schon dem^Hause, als er erst den Mut fand, von seinem Fund zu sprechen. Sie neigte traurig das feine Haupt. Ein paar Sekunden schwattg zwischen ihnen ein fretndes ttnd sonderbares Schweigen. Ta standen sie an der Terrasse. Sie schlattg den violetten Seidenschal über ihren Schultern fester zusamuten, als fröstelte es sie. Sie reichte ihm die kleine tiihle Hand. Tränen schimmerten in ihren Augen. Dann sagte sie leise: „Das Bild, das Sie fanden, ist das Bild meiner Mutter. Sie war eine Deutsche, sie liebte ihr Heimatland, das sie nach ihrer Heirat niemals lviedersah, mit ihrem ganzen Herzen! Hier lvar immer die Fremde für sie! Sie hat viel gelitten — mehr noch als ich!" Bevor er etlvas entgegnen konnte, hatte sie sich schon von ihnr gewandt. Ms hätte sie zuviel gesagt, floh sie angstvoll die Terrasse hinab. Der Hund stürmte ihr in langen Sätzen nach.
Pflanzners Herz schlug plötzlich mit raschem und glückhaftem Schlag. Nu« war sie also im Grunde eine Rose seines Landes, die Frau seines Feindes, die er verehrte. Was hatte sie ihm an- gedeutet? Was hatte sie verschwiegen? Geheimnisse, die sie nicht enthüllen durfte, schienen ihm auf dein Grunde ihrer tränenschim- mernden Augen, ihrem wehmutsvollen Lächeln gelegen zu hadert. Er ging noch lange träumend umher in den dunklen Alleen. Er war viel erregt, um schlafen zu können. O, dürfte er mit vorsichtigen Händen die deritsche Rose aus dem fremden Erdreich lösen, sie einsenken in Hcimatboden! Wie würde die blasse erglühen und wacküen und mit Begierde den Atem der deittschen Luft in sich trinken.
Er begrüßte am anderen Morgen ungeduldig den neuen Tag. Er mußte Margot sprachen. Mußte mehr hören von dem Schicksal der schönen Deutschen, die an der Seite eines reichen Gatten in Frankreich lebte und doch nicht die Sehnsucht nach der Heimat überwand, doch unglückselig lvar! Es durchschanerte ihn, lvie er jetzt in der Morgensonne noch einmal niedersah auf die zitternde Schrift der Worte: „Wer me sein Brot mit Tränen aß . .
Die Baronin aber kam den ganzen Tag nicht zum Vorschein. Auch in den folgenden Tagen gelang es ihm nicht, sie auch nur von ferne zu erspähen. Auch der Baron blieb unsichtbar. Nach ihm wagte er schließlich den Gärtner zu fragen. Der streifte ihn mit einem mißtrauischen Blick. „Der Herr wäre verreist," brummte er. „Würde aber in jedetn Augenblick zurückerwartet."
Am Meud saß ihm der Baron auch lvieder beim Mendessen gegenüber mit einein noch böhnischeren und fataleren Lächeln als sonst. Bald wußte sich Pslanzner die Eigentümlichkeit dieses Lächelns zu deuten. Die Baronin sah er nicht mehr lvieder. Von der Dienerschaft erfuhr er. daß der Baron mit ihr in erster Morgenfrühe zur Station gefahren war. Die Zofe flüsterte ihm sogar mit mitleidigen Blicken zu, daß die junge Frau sehr geweint hätte, als sie ihr das Reisekleid geschlossen habe. Was geschehen lvar, erfuhr Pslanzner nicht. Hatte der Baron gemerkt, daß Margot dem Deutschen, den er haßte, mit Güte entgegenkam. daß sie sich vielleicht schützeitd vor ihn stellte, lvenn er Böses gegen ihn tm Schilde führte? Hatte er Angst, die deutsche Rose »volle sich lösen auS der blutigen Erde Frankreichs, die das Lebensblut der Söhne ihres eigentlichen Heimatlandes purpurn färbte?
PslanznerS Aufenthalt in dem Doritröschenschloß lvar zu Ende. Weiter ging eS inS Land hinein. In Schützenaräben brachte er das Leben hin. Das forderte die ganze Kraft seiner Sinn.^ seiner Nerven. Selbst zum Träumen wurden die Gedanken zu matt. Als Schwer verwundeter lvurde er, als eine Kugel ihn getroffen. inS Lazarett gebracht. Die Aerzte gaben ihn verloren, aber seine junge und gesunde Nattir rang sich zum Leben durch.


