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Als er so eine Stunde getrabt war, stieg vor ihm über der Landstraße Staub auf. Er ritt mit den Kameraden in ein dichtes Weidengebüsch am Wege und sah endlich ein halb Dutzend holländischer Reiter daherkommen, die eine vornehme Reisckutsche eskortierten.
Da lachte er übers ganze Gesicht und schrie „Los!"
Los ans die Straße, gespannte Musketen, krach, krach, denn drüben zogen sie; ein paar Pistolen knallten, dann war Jan heran und sein Degen biß herzhaft zu. Ein Kamerad Jans, ein Jülicher, der so fein singen konnte wie ein Mägdlein, siel. Aber von den .Holländern lagen schon vier im' Staub, die anderen rissen aus. Da ritt Jan an den Schlag und drinnen sah er eine Dame mit ihrer Zofe sitzen, die ihm blaß und unter strömenden Tränen die Hände entgegenstreckten.
„Herr Kavalier", ries das Fräulein, „tötet uns nicht. Mein Vater ist der Kommandant von Breda, er zahlt Euch Lösegeld wie Ihr wollt."
„Oh," machte Jan und steckte den Degen ein, „tvas das betrifft, so sind wir keine Wegelagerer. Aber wenn ich Euch raten darf, so steigt ans und macht den kurzen Spaziergang nach Koewarden zu Fuß. Denn wie ich schwören will, gehört diese Kutsche meinem Herrn General Spinola."
„Ihr müßt Euch irren, Herr Kavalier_"
„Zackerbombenundslöh," schrie Jan unb riß die Augen auf.
Sofort gehorchten die Mädchen. Die vier Gäule wendeten und dann ging es im Galopp zurück.
Am Abend kamen sie im Lager von Bergen an. Jan ließ die Kutsche vor das Quartier des Generals fahren. Spinola saß beim Abendessen.
Jan ritt vor, Hand am Helm.
>,Was bringst du da?"
„Die Kutsche für Euer Exzellenz. Die Tochter des Kommandanten von Breda läßt sich Erich empfehlen."
Ein lautes Gelächter brach los, Jan verzo^ keine Miene.
i»,Jan," sagte Spinola. „Bursch, es jst das drittemal, daß du solchen Streich machst. Hüte dich vor oem vierteil, sonst mach ich dich zum Leutnant."
„Bereitet immerhin das Patent vor", sagte Jan und wendete.
„Wohin willst du?"
„Mein Kornett suchen", und ritt davon. —
Mit solchen Streichen war Jan gern bei der Hand. Man sprach im ganzen spanischen Heer von» tollen Hans, und da er immer brav Beute machte und seine Kameraden nicht dürsten ließ, gab es keinen, den man so gern hatte wie ihn.
Aber mit dem Leutnant hatte es gute Weile. Der Sommer klomm aus die Höhe; Regen setzte ein. Regen, der eine Sintflut einzuleiten schien. Das Lager war ein knietiefer Brei, Seen standen in den Gassen und kein Zelt hielt mehr dicht. Wochenlang lag die Armee ohne Feuer, fast ohne Nahrung. Das Pulver konnte nicht mehr trocken gehalten werden. Zwei Ausfälle der Holländer mußten mit der blanken Waffe zurückgeschlaaen werden. Nur die Bergenscheu Kanonen donnerten noch, denn ihr Pulver lag in Kellern wohlverwahrt. Die Bomben schlugen mitten in den spanischen Stellungen ein und warfen wahre Sturzwellen von Schlamm und Schmutz umher. Die Spanier sahen Menschen nicht mehr ähnlich. Sie schienen allmählich sich zu Erde zu wandeln, woraus sie Gott geschaffen. Schließlich brachen Krankheiten im Heer aus.
Als endlich der Regen nach sechs Wochen nachließ und die Sonne zum erstenmal am Abend durch die Wolken schien, sah sie aus bleiche, entkräftete Krieger und eine endlose Reihe nachlässig gehäufter Gräber, aus denen verwesende Glieder, vom Wasser sreigewaschen, starrten.
Es dauerte aber nicht drei Tage, da schmetterten die spanischen Kugeln mit einer Wut, wie nie zuvor, gegeiv die Festung. Ueberall stiegen Brände auf; die halbe Stadt war Trümmer und Schutt und Spinola ritt jeden Tag mehrere Male vor das Lager, um die weiße Fahne zu. sehen, die doch endlich von der Groote Kerk flattern mußte.
Er wartete vergebens.
Daaegen begannen, wie es gegen den September ging, beunruhigende Nachrichten aus Deutschland und Frankreich -u kommen. Zwar hatte Tilly, der Feldherr der Liga, den tollen Christian und den Mansselder, die beide allern noch -um Winterkönig Friedrich hielten, bei Wimpfen und Höchst geschlagen. Mer diese verwegeireu Reiterführer hatten ge
sammelt was reiten konnte, und rückten in wilden Märschen den Rhein herunter, brannten im Kölnischen und Trierschen, brannten in Lothringen und eine französische Armee bildete sich, niemand wußte wozu. Es gab wohlunterrichtete Leute, die meinten, Richelieu und Ludwig, getreu ihrem alten, Haß gegen Spanien, sähen mit Vergnügen Spinola vor Bergen festliegen und wollten gemeinsame Sache mit den Holländern machen. Jan hörte das mit Entzücken. Ginge es doch nach Frankreich! Nur heraus aus diesem stinkenden Käseland! Aber plötzlich kam sichere Kunde: der Mausfeldcr und Braunschweiger rückten in Eilmärschen in Brabant ein, im Dienst des Oraniers.
Da ließ Spinola 5000 Mann anssitzen, rosste an leichten Geschützen zusammen, was da war und ritt nach Süden, indem er das Kommando der Belagerung dem' Oberst Wessenberg übergab.
Sie ritten in unerhörter Eile- tvas die Gaule hergaben, vierzig Stunden mit dreimaliger Rast, denn es galt, den: Feind den Uebergang über die Maas zu verlegen.
Am Nachmittag des 6. September kam die Botschaft, daß Mansfeld und Christian schon über den Fluß feien* und aus Fleurns zogen.
Da rasteten die Spanier, und am Morgen sahen sie auf den Höhen, die die Maas begleiten, die feindliche Borhut.
Tie Spanier zogen sich eilig auseinander und standen lautlos, in fünf eisernen Reihen. Die Gäule ein wenig unruhig, die Soldaten mit starren, nach vorn gerichteten Gesichtern. Ueber die Hügel drüben quollen Wolken regelloser Reiterei, die stutzend hin und her wogten, verschwanden und in Ordnung tvieder auftauchten. Sie schoben sich langsam hügelab, hielten und verdichteten sich; die Sonne schien auf ihren Helmen und Kürassen. Spielende Blitze zuckten ans. Und immer war eilte große Stille.
Plötzlich stieß eine Trompete drüben einen gellenden, langanhaltenden Schrei ans.
Dann schmetterte es hundertfach.
Die Lawine kam ins Gleiten, Sausen, Brausen und ergoß sich tobend, indes sechstausend krieggewohnte Männer aus vollen Kehlen ein rasendes Geschrei ausstießen, bergab, bergab.
Da bliesen auch bei den Spaniern die Trompeten. Die Degen kreischten ans den Stahlscheiden und suukelten, erhoben wie Speereisen, über den Helmen.
„Attackier, attackier, heute kommt der Tod zu dir!" bliesen die Trompeten.
Und die Eisenmasse brach los, Standarten hoch, Jans Regiment am linken Flügel, Mordio, mordio!
Rasseln, Klirren. Geschrei, Getobe, Schenkel ran, Zähne verbissen, so rasten die Linien auseinander los. Das Geschütz regte sich nicht.
Auf einer Wiese krachten die Massen zusammen, im Ru in Hunderte. Tausende von Knäueln verbissen, die sich umeinander drehten.
Hier ein Gaul, drei — Dutzende jagten reitertos umher, trabten im Kreis, oder, gewohnt der Zucht, galoppierten in das Gewühl zurück.
Der linke spanisch Flügel drückte durch, warf den Gegner und knickte seine Linie ein. Jan mit gesträubtem Schnurrbart, seinen Stachel, an dem das Blut lief, ins dickste Getümmel tauchend. Mordio! Mordio!
(Fortsetzung folgt.)
Die Fra» des Feindes.
Skizze von G. D r o s s e l.
Es war schließlich nur ein unbedeutendes Erlebnis, das Ulrich Pslanzner begegnet war. Dutzenden von anderen Menschen wäre es geschehen, ohne daß sie einen Gedanken daran verschwendet oder ein Erinnern dafür gehabt hätten. Ulrich Pslanzner war aber ein Dichter, und was die Seele eines Poeten streift, weht nicht vorüber und sinkt ins Dunkel, es hakt sich mit feinen Wurzeln ins Gartenrcich der Träume, es blüht ans und erhält Dust und Glanz.
Ulrich Pslanzner hatte eines Tages, nachdem er mit seiner Kompagnie schon alle die Mißhelligkeiten und Sonderbarkeiten! der Einquartierung in vernachlässigten und verlotterten sranzösd- scheu Dörfern erlebt, in denen die grundlosen Wege und die hinter den Häusern aufgestapelten Unrathausen zu den harmlosesten Unbehaglichkeiten gehötten. das Glück gehabt, ein nobles Quartier in einem alten französischen Schloß, zu den, man durch lveite Land- strecken einst blühender und jetzt verwüsteter Weinpslanzungen gelangte, zu erhalten. Schon die landschaftlichen Schönheiten aut


