Ausgabe 
4.3.1915
 
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..Mitgehracht hat sie alles, den Hund und das Schwein Und das Pony."

Herr von Plorkitten erhob sich und stülpte sich die Pelzmütze über die Ohren. Mit drei Schritten war er draußen aut der stei­nernen Treppe, an deren Fuß eine grauhaarige Frau wartend stand.

Guten Morgen, gnädiges Herrchen," sagte jie.Ich bin nu vier und bringe mein Vieh. Denn ich nmß nach Berlin, wo mein Johannes verwundet liegt. Und soll ick vielleicht warten, bis die Kosaken mir alles lveggestohlcn haben?"

Das derbe, rote Gesicht des Gutsherrn wurde noch röter als er fragte:

Sind sic ganz und gar verrückt geworden, Klamotten? Was soll ich mit Ihrem Viehzeug?"

Na, füttern soll cs das gnädige Herrchen, solange wie ich weg bin. Hat doch der Herr Pfarrer in der Kirche gesagt: der Herr wird für uns sorgen."

Plorkitten hatte Mühe, nicht in ein schallendes Gelächter auszubrechen. Denn er kannte diese wackere Alte unb wußte ganz genau, daß sie absichtlich den guten.Pastor mißverstanden hatte. Ihre dumme Biedernnene täuschte ihn nicht. Wäre sie nicht so unendlich gerissen gewesen, so wurde sie auch nicht zu einem so verhältnismäßig großen Wohlstand gekommen sein. Luise Kla- meit war als Armenhauski ird drüben in Dillkehnen ausgewach­sen und hatte es durch eigene Kraft und Schlauheit zu einem eige­nen Anwesen mit hübschem Inventar gebracht. Eine umfangreiche, rosa Sau stand jetzt geduldig neben ihr. geduldig nicht nur deshalb, lveil sie am rechten Hinterbein einen 'strick fühlte, sondern auch weil ihre Herrin sie wie einen Hund gezähmt hatte. Der kleine, struppige Köter daneben wedelte unaufhörlich mit dem Schwänz chcn und paßte dabei mit einenr Auge auf das ebenso struppige Pony auf, das auf dein Hospflaster nach verstreuten Körnern schnupperte.

Wo haben Sie denn die Hühner gelassen?" fragte Herr von Plorkitten mit mäßigem Hohn.Und die Puten?"

Ach, gnädiges Herrchen weiden nicht böse sein, die habe ich der- Nachbarin gegeben, denn die versieht sie mir besser als die Mamsell hier. Und die Puten ttnll sie mir auch nächstens setzen, damit rch Junge finde, wenn ich zurückkomme."

-Hm Und Sie erwarten, daß ich Ihnen ohire weiteres all das Brehzeug durchsüttern soll? Glauben Sie denn, bei mir fällt der Hafer Uird die Kleie vom Himmel?"

Ei, das fajerft der Herr gar nicht, wenn so ein kleines Szucke! chen mitfnfct! Und macht doch Staat, die Marjell, nich wahr?

So? Eine Marjell ist das also? Sieht mir viel eher aus, als ob Tte m gesegneten . . .

* Pferdchen, gnädiger Herr, das ist zufrieden, wemr

es bloß Kartoffelschalen hat und ein bißchen Heu zwischen dem) Häcksel uird ein bißchen Kleie noch dazu. Und wenn Sie den Fal­ben Mitarbeiten lassen, verdient er sich doch auch sein Futter wohl, und nu muß ich weg, gnädiges Herrchen, sonst komme ich nicht zurecht zum Zuge. Wo ist doch man mein Hündchen. - Na ja, das Hündchen, gnädiges Herrchen, das ist so treu und wachsam, das glauben Sre gar nicht, was das Ihnen für Freude machet wird. Und Gott vergelt's dem gnädigen Herrchen auch tausendmal, wie es doch auch in der Bibel steht, der Gerechte erbarmt ich seines Brehs."

. Und während sie diese»» Wortschwall im schönsten, breitesten Oftpreußrsch hcrvorbtubberte »var sie schon am Ausgang des Hofes angewmmen und nrachte sich aus dem Staube, so rasch sie konnte

Wenn Herr von Plorkitten nicht so viel Sinn für derben Hu­mor gehabt hätte, so würde ec die Alte zurückaehatten haben: so aber üverwaltrgte ihn die Sachlage und das Bild der herren­losen Trerc die da vor ihm auf dem Hose standen und offenbar selbst verblüfft waren über die plötzliche Veränderung ihres sonst so beschaulichen Daseins.

Als .Herr von Plorkitten mit seinem dröhnenden Gelächter fertig war, rref er euren Knecht, die Schweinemagv und das Küchen- Mädchen und übergab jedem von ihnen eines der Tiere zur Wartung.

Lange kann es ja nicht dauern," dachte er.denn in Berlin kann die gute Luise auch höchstens ein paar Tage bleiben, da anzunehmen rst, daß sie sich nicht in den Strudel der Weltstadt stürzen lvird. Uebrigens wußte ich gar nicht, daß sie einen Sohn im Felde hat."

Es war ein Glück, daß Herrn von Plorktttens Gut so weit ab von der russischen und so ganz nah an der westprenßischcrr Grenze lag. denn hier brauchte man wirklich kerne Angst zu haben, und man inerkte vom Kriege verhältnismäßig »venig. Am wenig­sten merkten freilich die Arnren im Umkreis von Plorkitten ettvas bavon, wert der Gutsherr, schon im Frieden ein überaus gut- wütiger Graukovf, jcfct in der bösen, harten KriegSzeit sein gol-

t und fernen Belltet weit austat und niemand, der ihn NM Hilfe bat, ungehört fortgchen ließ.-

Es verging eine Woche, es vergingen zwei und vier und sechs.

In dem hübschen, tauberen Backsteinbau. der- als Schweinestall dteirte, war das rosaMarjellchen" von Luise Klameit inzwischen eines rerchlrchen Kindersegens genesen. Dreizehir rosa Ferkelcheir tumUrelten sich auf dem dichtgestreuten Stroh limher, und sie wurden mit allerhand guten Dingen gefüttert, ja, sie bekamen so

viel Kuhmilch mid Klne, dav die Magd zu riksonniereu anfing. Ter gnädrge Herr glaube wohl, sie werde bis in dm Somm« hinein der Klameiten ihre Ferkel fcltfuttern? Eines Tages, als Herr voll Plorkitten auf fernem Rundgang wieder zu der rosa Familie kam, faßte sich die Futtermagd ein Herz und stellte in be- N^glichen Worten die Sachlage dar. Bei den knappen Zeiten war kv denn doch mehr als toll, daß die Ktameiten imrner noch nicht ihre Ferkel hennholte.

^ ./Was?" rief der Gutsherr aus.Die Luise ist doch noch in jonJin. sre hat nur dock einerr Jammerbrief von dorr ge­schrieben und mich sogar gebeten, ob ich ihr nicht das Reisegeld schicken könnte, damit sie nach Hanse komme»» kann."

fa* sie getan? Aber trautstes, gnädiges Herrchen, die

Luise ist doch ein leibhaftiger Satansbraten! Wo kann sic bloß so fürchterlich lügen!"

"Wieso lügen? Was weißt du denn von ihr?" r. ^agd strich sich ihre ebenfalls längst ergrauten Haar­strähnen aus den Angen und zögerte.

Ich sag's nich järn ..." begann sie. w r"us mit die wilden Katzen! Aas weißt du von der

Klanren? Ich weiß, du bist ihr sprirnefeind, aber ich brauche dir ia auch nicht alles zu glauben, rvas du mir erzählen wirst."

Wett entfernt, beleidigt zu sein, erhob die Magd so etwas wie zwei schwurnnger.

. ?"ädiges Herrchen, die Klameiten ist

ia langst »weder zu Hause in Dillkehnen. Bloß, sie versteckt sich!

futtern!" "^ 9Cr ' nalftr * trf,/ mcnn lüic ihr die FarkelchenS

lrotz ihres persönlichen Grimmes streichelte die Magd ihre rosa Pfleglinge.

,/Jh, da soll doch das Donnerwetter... aber warte» Da^ werden wrr doch gleich herausbekommen."

Herr von Plorkitten ließ sich seinen schweren Braiinen satteln und ntt vom Hofe. Dillkehnen war gar nicht weit, und er kannte reden stall und fedes Haus dort. Auch brauchte er gor nicht erst ganz dicht hcranzureiten au das niedliche Häuschen, das sich einer ebenso rosa Farbe erfreute wie die lebendigen Spröß- ttnge desMarfellchens"; er sah schon von weitem, daß wirk­lich die Besitzerin wieder da war.

Wieder? Und »venu sic anl Ende ^ar nicht fortgciuefcn war? Zuzntranen war cs ihr schon, der guten Luise!

Er ritt näher heran, stieg dann srn der Giebelwand ab und inachte den Brannen an einem Pfosten fest.

Himmel!" schrie die Klanieiteii auf. als plötzlich die Hünen­gestalt des gnädigen Herrchens über die Schwelle ihrer Stube trat.

Ja, da faß sie am foohlgeloärmten Ösen und stippte Kriegs­brot in ihr Kasfetopfchen und ließ beinah das Töpfchen fallen, als so unerwartet dieser Besuch erschien.

so, so!^ machte Herr von Plorkitten, ^,,also Sie sürd Iviedcr angelangt? Seit wann sind Sic denn zurück aus Berlins

ertappter Sünder, wemr er nicht gar zu hartgesotten ist. verliert leicht die (Geistesgegenwart. Uird so platzte denn die 5!???" J mt ganzen, fürchterlichen Wahrheit heraus, ehe sie selbst noch recht wußte, wie ihr geschah.

Ach Gott, trautstes, giiädiges Herrchen!" winselte sie,seien Sre man nrch gar zu schlecht zu mir! Ich war ja gar »nicht bis Berlrn -- »nerne Schalster hat den Brief von da geschrieben meine Schwester ,s auch man 'ne arrne Frmi. gnädiges Herrchen und ich wußt ia urcht mehr wohin vor Angst vor die Mrissen Ach was Sie sagen! Ist denn hier schon mal ein Russe gewesen,? Und ^vhr Sohn Johannes ist natürlich auch gar mckt verwundet, was? Uild das ganze Viehzeug sollte ich Ihnen bloß durch de», Winter futtern?"

Ach, gnädiges Herrchen, itu sind Sie doch wirklich so schlecht zu nur!" und Lmse fing an zu schluchzen.

Herr von Plorkitten blieb ungerührt. «

-Holen Sie sich sofort Ihr Vieh ivieder." sagte er. ohne daß er auch nur im mindesten die Stimme erhob.Das Pferd und den Köter und die San und auch die drei Ferkel."

. Jetzt aber sprang die Klameiten auf, daß der Kaffee über- spritzte.

~ ? lreiscktc sie.Was sagte der gnädige Herr?

Dr" Ferkel? Dreizehn sind es. und dreizehn will ich wiederhaben!"

, A* L c ^ef mit »naßlvsem Erstalinen der Herr,woher wol- len sre beim das so genau wissen? Glauben Sie, ich war so dumm und habe Ihnen dreizehn Ferkel fett gemacht? Nee. meine Gute, so wert grng denn doch »«eine Freigebigkeit nicht? Drei von den rosa Tingerchen will ich Ihnen meinetwegen gratts gefuttert haben c -. stuo letzt ganz stramme Kerlchen geworden. Aber eine ganze rosa Farnrlre von vierzehn Stück ach nein. Klainriten. dafür mocht ick nnch doch ergebenst bedankt haben!"

Und sein dröhnelidcs Gelächter erfüllte das kleine Haus und den Hof und die halbe Dorfsttaße und zog einige Dutzend neu- gienge und schadenfrohe Nachbarn an, die nichts wußten von tx-m betrügerischen Geschäft, das die gute Luise unternommen hatte Und lachend ritt er hei,n. schlug sich mttenve^s noch ein paarmal auf den Schenkel vor Verglülgen und freute sich über die Portion Galle, dre fetzt wohl der geschäftstüchtigen Men ins Blut treten würde.

eine ^tniide daheim, als auch schon keuchend die ..«lisetäteriii ankam. >.>hr erster Gang galt dem Schweinestall, wo