Ausgabe 
25.2.1915
 
Einzelbild herunterladen

Jan von Werth.

Roman aus dem Dreißigjährigen Krieg? von Franz Herwig.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

So lang wie der nächste Tag war Jan noch kein Tag zeit seines Lebens erschienen. Ein wahres Fieber hatte ihn gepackt, das ihn wie einen irrenden Geist imBlauen Hecht" treppauf, treppab trieb. Der Abbe war schon frühzeitig auf den Roßkauf gegangen lind hatte versprochen, am Mittag zurück zu sein, aber Jan wartete vergebens. Er ging die wenigen Schritte nach den: Rheinstapet hinunter, um noch zum letztenmal das Bild der lauten und herzhaften Tätig­keit zu sehen. Da zogen die breiten Koggen, tiefbeladen und ein wenig zur Seite geneigt durch den Druck des großen braunen Segels, den Rhein hinauf. Die Fähren trieben langsam hinüber und herüber und die ängstlichen .Pferde schnaubten und wieherten. Am Ufer lagerten Wälle von Säcken, Mauern von Fässern und Türme von Kisten. Der große Kran, den der Kurfürst hatte bauen lassen, um die Ladegelder allein einzustecken, kreischte unaufhörlich und schwang mit seinem mächtigen Arm neue Güter aus den Schiffen au das Land, und auf der Höhe des geneigten Users zoA sich die Werftmauer hin, mit Pforten und Toren, ge­krönt von winzigen Giebelhäusern, vor deren Fenstern Blu­men blühten, und überragt von den Festungstürmen und der ungeheuren Masse des Turmes Groß Sankt Martin, dessen Schatten den Strom verdunkelte.

Jan gedachte der Tage, da er so oft auf einem Sack mit Reis oder Weizen am Werft gesessen hatte und eine leise Wehmut stieg in ihm auf, daß er dieses alles, was ihm so vertraut war, nun verlassen sollte. Und hier waren auch die Neuigkeiten für ein Blatt Tabak feil, oder für einen kräftigen Schluck Branntweins. Schisser vom Oberrhein er­zählten von Tilly, wie er in der Psal^ dem Mansselder und dem .Halberstädter im Nacken saß und wie ein prachtvolles Ungewitter die Weichenden immer nach Norden trieb. .Hol­länder, die von der Schelde kamen, wußten von den Frei­heitskämpfen ihrer Brüder zu berichten, von den wilden Spaniern, die immer zahlreicher um den eisernen Svinola sich versammelten, tvährend ihrgroote Moriz" Bergen op Zoom und Breda befestigte und schwur, daß er all die spanischen Katzen in den Wallgräben seiner Festungen er­säufen würde.

Es konnte nicht anders sein, als daß Jau diese klirren­den und lärmenden Neuigkeiten mit enrigem Entzücken Härte. Auck in Frankreich regte es sich? Desto besser! Der Kardinal wollte die Spanier auareifen? Vortrefflich! Da lief er ja geradewegs der Furie rn die Arme. Er schlug sich auf die Lxhenkel lind ging vergnügt nach demBlauen .Hecht" zurück, indem er vor sich hin pfiff.

Als er in die Schenkstube trat, stand da Frau Joseph» mit einer Bäuerin und diese sagte gerade:

Materdeis, wenn ich doch von nichts weiß!"

Frau Josepha aber gewahrte Jan:

Jan, komm geschwind her. Was ist dies?"

Und sie deutete auf einen Beutel, den die Bäuerin fest am .halse hielt.

Das?" sagte Jan,scheint ein Beutel zu sein. Ein Geldbeutel, wenn nicht alles trügt."

Das sehe ich wohl. Mer was sollst du damit. Sag eS mir, Jan."

Ich'?" machte er erstaunt.

Bist du der Jan?" fragte die Bäuerin.

Ich möchte fast drauf schwören."

Und dies ist derBlaue Hecht". Und du bist der Jan. Also nimm-. Und vergiß das Kreuz nicht."

Jan wog den Beutel; er war nicht leicht. Von Griet kam er, das war sicher. Aber was sollte er damit? Nun, wenn man reiste, durste man nicht ganz ohne Geld sein.

Die Bäuerin war fort. Frau Josepha faßte ihn am Arm.

Jan ich dächte, du würdest gut tun, mir zu sagen, von wem das Geld ist und wozu?"

O," sagte Jan,wenn Jhr's durchaus wissen wollt: von einer ehrenwerten Dame, die mich besser hält als Ihr, von der ick) Zeit meines Dienstes noch keinen blanken Karolin oder Ferdinandsgulden gesehen habe."

Jan!" rief Frau Josepha,Jan! Was tust du mir an! habe ich das um dich verdient?!"

Es ist schon alles eins, dachte Jan und wollte ent- wischcn, aber sie hielt ihn fest.

Da gellte die Klingel und es trat jemand herein, den Jan zuerst für einen Retter ansah, der aber keiner war, wie sich nur zu bald zeigte. Es war ein Wirt, der Wein kaufen wollte und der Frau Josepha nicht unbekannt war. Jan mußte Rede stehen über die Vorräte und Proben holen und dabei glaubte er nicht lveniger auf glühenden Kohlen zu ehen, wie Frau Josepha auf ihnen zu sitzen. Sie hofften eide, daß das Geschäft endlich abgewickelt sein möchte, und der Mann zog auch schon den Geldbeutel. Aber im Auf­zählen begann er einige Worte zu sagen, die Jan undj Josepha mehr erschreckten als hundert Musketenschüsse vor den Fenstern plötzlich abgefeuert. Er fragte nämlich teil- namsvoll, ob denn Iran Josepha ihren Mieter, den .Herrn AbbL, sie wisse schon, nun ganz verlieren würde, da er­hellte bei ihm zwei Reisepserde gekauft hätte? Denn so­lange derStörrische Ochse" in seiner Familie sei, hätten dort immer die wackersten Gäule zum Verkauf gestanden. Ei, dachte Frau Josepha, und ihre Mienen drückten das deutlich aus, nur allzudeutlich für Jan, ei, da 'kommt mir ein Wind in die Nase, der recht übel riecht. Tenn der Äbb6 stand bei ihr noch, sozusagen, in der Kreide. Jan aber versuchte denStörrischen Ochsen" mit Zeichen zum Schwei­gen zu bringen, aber als er ihn herzlich auf den Fuß trat,