Ausgabe 
22.2.1915
 
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Hach!" stöhnte JanDie Schurken! Zackerbomben- undslöh!"

Jan, guter Jan, als ich zum zweitenmal dich gesehn, und du hinter mir gingst undsüßes Fräulein" zu mir sagtest und so treuherzig stehen bliebst, als ich lächelnd bat, mir nicht zu folgen o Jan, damals sagte ich z»u meiner geliebten Marie-Anne:Herzchen, einen sah ich heute, der war gut, ich sübl's, Herzchen/. Und damals schon liebt' ich dich. Denn du mußt wissen, sie hält alle Männer für Verräter und Henker."

Da es Jan von diesen Worten ein wenig unklar im Kops wurde, benutzte er die Zeit, da sie sprach, ihre Händchen abwechselnd zu küssen. Jetzt hob er ihren Kops am Kinn zu sich empor und sagte:

Ich liebte dich vom ersten Blick an!"

Und deine Liebe kann Proben bestehen?"

Jede. Was soll ich tun. Sprich und beginne von vorn, und langsam, denn wie Jos6 Maria behauptet, habe ich einen dicken Schädel."

Joss Maria? Wer ist das?"

Mein Freund, mein Herzbruder."

Ist er furchtlos?"

Jose Maria ? O ich sage dir, er sticht dir so Stöcker sechs ab und ruft dann: das nächste halbe Dutzend!"

Griet schmiegte sich an, als wäre sein Schutz jetzt noch eins so mächtig geworden und lachte:

O das ist herrlich, vielleicht wird noch alles gut. Und nun komm und höre."

Und indessen sie langsam weiter gingen, sie in seinem Arm, im Schatten der Häuser und Gartenmauern, über Gassen fort, an deren geneigtem Ende im spitzbogigen

Sie war als Kind von Köln nach Paris gekommen, war bei vornehmen Damen Kammerzofe getvesen und war schließlich m die Dienste der Gräflich Spaureschen Familie gekommen, deren einzige Tochter Marie-Anne sich an sie wie eine jüngere Schivester angeschlossen hatte. Und wie süß war die kleine Marie-Anne! Erst vor kurzem fünfzehn Jahr geworden, binsenschlank und klug.O Jan, wie süß und gut sie ist."

Eine Französin? dachte er. Pah.

Und die Spaures hatten sich in eine Verschwörung ein­gelassen. Sie, die Griet, verstand von der häßlichen Politik nichts, aber so viel wußte sie doch, daß der junge König, seine leibliche Mutter, die Königin Maria, eingekerkert hatte, aus Drängen des Walfischs, dem sie feindlich gesinnt war. Monsieur, des Königs Bruder, die Spaures und andere Aristokraten hatten beschlossen, die Königin zu befreien mrd den Kardinal zu ermorden, denn aus keine andere Weise konnte er unschädlich gemacht werden. Das Komplott wurde entdeckt; Monsieur vermochte zu fliehen, die Spau­res aber kamen beide aus das Schafott. Marie-Anne, die Waise , wie jämmerlich sie weinte, die Kleine, als die Särge ihrer Eltern von den Schergen des boshaften Wal- sischs nachts aus den Los des Hotel Spaure gestellt wurden ' Marie-Anne bekam den Walfisch zum Vormund und da sie über große Reichtümer dereinst zu verfügen hat, beschloß er, sie einer seiner Kreaturen zu vermählen. Marie-Anne wußte, was ihr bevorstand; die Königin Maria riet ihr zur Flucht, gab ihr Briefe an den Kurfürst von Köln und den Grasen Moritz von Oranien, und die Flucht glückte

Wir kamen hierher. Aber der Kurfürst empfing »ms nicht. Er ließ ihr sagen, daß sie sich nicht aus ihrem Hause rühren solle und eines Tages hinterbrachte man uns, daß der fürchterliche Walfisch auf sein Recht als Vormund be­standen und den Kurfürst aufgesordert hatte, das Kind herauszugeben. Zugleich schickte er die zwei du weißt"

Ha, die zwei! Den einen erkenne ich wieder. Eine Laterne schien gerade in sein Gesicht!"

Und die zwei bewachen uns aus Schritt und Tritt. Wenn ich das Haus verließ ich sah immer ihren finsteren Schatten und nachts hörte ich schleifende Mäntel schleppen über den Gang vor unserer Tür. Und gestern, Jan, gestern hat der Kurfürst uns den Unholden preisgegeben. Wir sollen bereit sein, nach Paris abzureisen, Jan ! Gerade­wegs in den Rachen des Walfischs und wer weiß, was Marie-Anne bestimmt ist. Sie ist nicht die erste Jungfrau, die in diesen Zeiten unter Henkershänden stirbt, llnd ich Kan der Durante einmal flüsterte er mir ins Ohr Worte ! Aber ich verlasse Marie Anne nicht. Mit hun­

dert Schwüren haben wir uns Treue gelobt. Mag ich zu­grunde gehen, aber sie verlasse ich nicht bis zuletzt!"

Und Griet brach in Weinen aus. Vor Jan war der Vor­hang von einer erstaunlichen Welt fortgerissen. Er gewahrte Fürsten und Könige, die miteinander stritten, nicht anders als Seildreher und Rheinschisfer, nur mit weniger Mut und Ehrlichkeit. Er sah verbannte Mütter und verfolgte Waisen und sein empfindsames Herz schwoll von Mitleid. Aber er der kleine Jan, was konnte er tun? Einstweilen nichts als der Griet den Arm drücken, was er freilich herzhaft besorgte. Endlich aber kam ihm ein Gedanke.

Wenn man den Durante umbrächte und seinen Kum­pan dazu?"

Und vom Kursürst als Mörder gehängt würde? Nein, Jan. Es gibt eine Rettung für uns und die heißt Flucht, Flucht nach Holland. Und wenn du mich liebst, guter Jan, daun hilfst du uns."

Jan strahlte breit, seine Brust hob sich.

Oh," sagte er,wenn es das ist. Helsen will ich. Sage mir, wie."

Höre mich an."

Aber ehe sie begann, hatte sie sich, nach alter Gewohn­heit sozusagen, umgedreht und am Ende der Gasse einen Schatten gewahrt, der jetzt plötzlich verschwand. Sie zuckte zusammen und raunte erschreckt:

l,,'Jan, Jan, mir ist sie find wieder hinter nns'. Vorhin l)atteu sie mich verloren. Jan, o Jan."

Aber Jan ließ sie plötzlich stehen und fies so schnell eine Füße ihn trugen, die Gasse zurück. Sein Schnurrbart träubte sich wie bei einem Kater; aber als er an die Ecke kam, war weder Mensch noch Schatten zu sehen.

Nieinand war hinter uns," sagte er, als er wieder bei Griet war, die am ganzen Leibe zitterte. Er beruhigte sie vorerst ein wenig und als sie sich endlich schlveratmend von ihm losmachte und das Busentuch glatt strich, rieb er sich die Hände und rief:

Nun weiter mit unserem Geschäft."

Höre also. Eine Bauernfrau, die uns Hühner und Milch verkauft, will uns ihren Karren lassen, der mit einem Esel bespannt ist. Da sie immer des Nachts zurückfährt^ kömmt sie durchs Tor. Sie bringt uns auf die Landstraße nach Zons. Von da kommen wir leicht über den Rhein und nach Holland. Und dein Freund? Würde der mit dir gehen? Ja? Dann müßt ihr morgen um Mitternacht an unsernl Garten sein. Denn daö Haus liegt ties in einem dichten Garten und eine Mauer ist herum. Durante nimmt jeden Abend die Schlüssel an sich, aber wir können leicht aus dem Fenster, und an einer Stelle der Mauer stehtj schräg ein Birnbaum. Du erkennst die Stelle, denn aus der Gassenseite ist ein großes schwarzes Kreuz gemalt, weil dort einmal jemand erstochen wurde. Dort müßtet ihr stehen. Von dem Baum sind wir leicht auf der Mauer und ihr müßt uns Herunterhelsen."

Du kannst in meine Arme springen und Jose Maria kann die Kleine besorgen."

O Jan, wenn es möglich wäre daß ; o wie sehr würde ich dir dankbar sein!"

Sie wollte noch mehr sagen, aber ans ihren Lippen lag plötzlich ein festes Siegel, das sich gar nicht ivieder lösen zu wollen schien.

(Fortsetzung folgt.)

3n letzter Stunde.

Bon Max Schievelkarnp.

Graf Behlen verhielt den Gaul und hob beit rechten Arm seinen Ulanen zur Vorsicht mahnend. Noch wenige Schritte, dann hielt die Osfizierspatronillc. Ter Füller suchte mit dem Feld­stecher das Gelcnrde ab, das sich int Morgennebel weithin fahl und grau erstreckte, wie ein wogendes Meer, unendlich, unüberseh­bar. Leise klirrte ein Bügel gegen die Lanze: der Braune des Oberleutnants senkte tief den Kops und schnob in den Morgen, daß weißer Dampf aus den bebenden Nüstern aufstieg; ein schar­fer Ruck in die Kandare brachte ihn zur Ruhe.

Tie Reiter horchten in den Morgen hinaus. Wie eherne Sta­tuen saßen sie, wie verwachsen mit ihren Pferden, bemüht, auch das gerrngste Geräusch zu vermeiden. Von lveither klang im Winde verwehend das Wiehern eines Pferdes herüber. Enger le.sten sich die Schenkel der Reiter an, fester umklammerten die Hände die Lanzen, und schärfer bohrten sich die Blicke unter der granüber-- zogenen Czapka in den Nebel.