Jan von Werth.
No man aus dem Dreißigjährigen Kriege von Franz Herwig.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
„M-ulier, mulier, dacht' ich's doch? Nimm die Jungfer mrt. Sagtest du nicht, es sei deine Schwester? Mir ist es so. Vom Standpunkt der Moral also ist nichts dagegen zu sagen, daß sie mitgeht." a 0
„O Jose Maria, wenn das möglich wäre!"
„Wann, sagtest du, daß du sie treffen solltest?"
„Morgen abend lim dieselbe Stunde."
„Dann frage sie frisch. Sagt sie nein — nun wohl, dann erinnere dich, daß das französische Weib die Kiwne der Schöpfung ist. Vielleicht fiirdest du auch in Paris Verwandte. Und nun geh. Es ist spät und ich will noch ein paar Seiten La BoSthie lesen. Laß den Krug stehen — ich muß mir zuweilen die Lippen anseuchten, daß ich die Gewohnheit habe, laut zu lesen. Uebrigens die einzige Art, die Feinheiten der Sprache recht würdigen zu können. — Eine geruhsame Nacht, Jan."
Jan nahm das Lämpchen auf. Aber er stellte es zögernd noch einmal hin, nahm mit einer gewissen Feierlichkett einen der spanischen Degen von der Wand und besah ihn liebevoll von allen Seiten.
„Es ist kein Rostfleck daran," sagte er.
«,'Hobe ich dir nicht gesagt," env-iderte der Abbe und schlug einen Folioband auf, „daß Hundefett den Stahl am besten in Stand hält? Hundefett mit zehn Tropfen guten Oeles auf einen Tiegel?"
„Gute Nacht, Jos6 Maria."
Aber der antwortete nicht mehr.
Jan kroch vorsichtig die Leiter herab und Sing aus den Zehenspitzen über den »vinzigen, quadratischen Hof. Aber die Hausstiege knarrte, als er darüberaing, und oben auf den Flur fiel plötzlich ein langes Drereck Licht. Da stand Frau Josepha im Nachtgewand und sagte:
„Eine schöne Zeit für einen braven Burschen, ins Bett zu gehen, meiner Treu. Ich sage gewiß nichts gegen die Geistlichkeit. Aber dieser saubere Herr ?lbb6 lel)rt dich nichts weiter als Raufen und Saufen. Saufen besonders, widersprich nicht, du schwankst ja. Und deinetwegen kann ich hier einsam sterben. Denn ich habe heute abend wieder eine so schwere Angst. Immer wenn ich so allein bin, überfällt mich dre. Komm herein, wir wollen noch zusammen den Ro en- kranz beten. Vielleicht wird mir dann besser."
2. Kapitel.
Der Walfisch.
Je näher am nächsten Tage die Stunde rückte, da Jan ferne Griet sehen sollte, begann sich ihm das Herz in der Brust zu klemmen. Er wüßte schließlich, um Frau Josepha
zu entkommen, keine andere Möglichkeit, als l)eimlich zu verschwinden, mochte sie auch zetern hinterher. Denn dann würde er, zuversichtlich hoffte er das, Griet im Arm gehabt haben und was nach diesem Entzücken konunen konnte — < nun, das würde man leicht tragen. — Aber als er schließlich leise hinter der Tonbank hervorgiug lind schon nach der Türe griff, klang es hinter ihm:
,,Jan? Jan! wohin gehst du?!"
„Ich?" machte er bestürzt, „oh — ich soll — zum Pater Andreas kommen. Er trug es mir aus, gestern, in der Beichte."
Ei, dachte Frau Josepha, pfeift es also? Die Melodie gefällt wir! Und sie sagte, indem sie liebevoll auf ihn herunter sah:
„Geh nur Jan, Pater Andreas ist ein gescheiter Manu. Dem kannst du folgen."
Jan entwischte und auf der Gasse murmelte er: O ich will meinem Pater Andreas schon brav folgen, meinen: gescheiten Pater im geblümten Seidenmieder!
Als er eilig um die Ecke gegenüber der Minoritenkirche biegen wollte, rief es aus einem gähnenden Torschlund leise und eindringlich.
„Jan! Jan!"
Er fuhr herum und da streckten sich chm Griets Händchen entgegen, die in seinen harten Fäusten zuckten wie zwei gefangene Vögelchen.
„Komm schnell," flüsterte sie, und zog ihn an der fensterlosen Seitenwand der Kirche entlang, dann eilig in ein Gäßcheu, ging ein anderes im spitzen Winkel zurück, eine feuchte, glitschige Treppe zwischen schwarzen Giebeln herab und blieb dann im Dunkel zweier mächtiger Kastanien stehen. Sie atmete aus.
„Gott und der heiligen Mutter Dank!"
Dann zog sie Jan zu sich und küßte ihn mitten auf den Mund in voller Herzlichkeit.
„Lieber guter Jung, daß du gekominen bist!"
Jan legte seinen rechten Arm rund um ihre Brust, und fragte:
„Verfolgt dich jemand, Poppengriet? Sag's mir."
„O schweige Jan. Niemand darf wissen, daß ich mit dir gesprochen. Sie bringen mich sonst um."
„Wer denn, wer denn, sprich — und — !"
Er preßte sie an sich, daß sie ausstöhnte.
„Die zwei, Jan, die der Walfisch geschickt hat, uns zu holen."
„Der Walfisch, wer ist das?"
„Pscht, Jan, leise -. Der Kardinal von Richelieu."
„Der Kardinal? Und lveshalb heißt er der Walfisch?"
„Weil der Walfisch alle die kleinen Fische verschlingt."
„Und die zwei, die dich verfolgen," ein Gedanke 'blitzte in ihm aus. „Zwei sagst du? In schwarzen Mänteln? Franzosen? Durante heißt der eine?"
Griet hatte zu jeder Frage eifrig geitickt.


