Ausgabe 
20.2.1915
 
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Jan von Merth.

Roman aus dein Dreißigjährigen Kriege von Franz Herwig.

(Rachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Aber Jan war eigensinnig. Es waren so wenige Leute in der Kirche, und man konnte doch ein wenig plaudern!

Laß mich wissen, ums dich druckt. Laß mich mit dir gehen und ein wenig bet dir sein."

Nein, nein," flüsterte sie,nicht heute abend. Ich bitte dich, schweig."

Und sie sah sich erschreckt um, als fürchtete sie, daß jemand sie belausche. Ein wenig später drehte auch Jan seinen Kops und blickte sich um. Aber hinter ihnen war niemand, nur ganz hinten, bei dem großen Bronzeengel, standen die zwei Kavaliere, mit denen er aus der Straße zusnmmcngetrosfen war. Pah, die! Und seine rechte Hand riskierte einen kleinen Spaziergang, senkte sich in das Dnnkel uit-b tauchte mit erstaunlicher Sicherheit, obgleich Jan starr nach dem Altar sah, gerade da wieder aus, wo Griets Taille den letzten entzückenden Knick nach vorn machte. Aber in demselben Augenblick erhob sich Griet hastig, seine Hand sank betrübt herunter, und indem Griet so tat, als wenn sie den üblichen Knicks vor dem Altar machte, raunte sie schnell:

Schwörst du, daß du mit' treu bist

Bon Herzen, süße Griet."

Dann komm morgen abend wieder."

Und damit war sie fort. Erst jetzt dachte Jan an Frau Joseph«, aber der Treuschwur war ihm so schnell entschlüpft! Immerhin mußte er es beichten; eine Sünde war es Zweifel los. Und es erstaunte ihn gewal.ig, wie schnell man zu einer Sünde kommen konnte, ucs war dies wieder ein Zeichen dafür, tute wütend der Böse hinter der armen Seele heu war. Und das machte ihn so beklommen, daß er schließlich in die rechte Stimmung kam, um ganz zerknirscht den Gärig nach dem Beichtstuhl autreteu zu können.

Aber noch zerknirschter war er, als er eine Stunde später wieder auf die finstere Straße hinaustrat. Poppen und Pojaz, halte der Pater ihm den Kopf gewaschen! Und er sollte Frau Josepha zu ihm schicken, und sie sollten das Aufgebot bestelle», oder Jan sollte aus Köln heraus. Das wäre ja ein recht christliches Luderleben, Heilige drei Könige?

Jan ließ den Kopf hängen und warf ihn wieder in den Nacken, gerade wie die Gedanken ihn stießen. Ja, ja, ich bin ein Sündenlümmel, und ich muß die Josepha heiraten, und am Hochzeitstag muß ich einen Steingutkrug auf ihrem Kopf zerschlagen, sonst macht sie'S bei mir so. Und Griet, die süße, kleine Griet, das holde Püppchen mit den Rehaiiigeu? Er hatte ihr Treue geschworen» aber der

Josepha auch. Und ich heirate die Josepda nicht, nein!, Ach, war' ich doch bei den Dragonern; die lagerten jetzt schon um schwelende Feuer, und der Krug ging rundum. Die Schildwachen riefen in der Ferne, und im Zelt des Obersten sangeil die Herren Offiziere. Sicher hatte die Josepha ihn mit Absicht zur Beichte geschickt; so schlau war sie, um ihn und seine Gefühle ein loenig in Schwung zu bringen. Schließlich er wurde Wirt imMauen Häht". Er zupfte gedankenvoll an seinem Schnurrbart. Wirt zumBlauen Hecht!" Und es gab einen Menschen, der sich dagegen sträubte, und der Esel, wahrhaftig der Esel, war er, Jan von Habenichts.

llud er tolterte wie trunken durch die Gassen und hatte die Kappe im Eieilick, und es gab keinen Menschen auf Gottes Welt, mit dem er so unzufrieden war wie mit sich selbst.

Er riß die Tür zumBlauen Hecht" auf, daß die Kliugel entsetzt schrie und sich minutenlang nicht beruhigte, und als er den Bürgertabak roch und sie sitzen sah mit dem protzigen Kinn und dein dicken, selbstgefälligen Gerede, da schmiß er seine Kappe hinter die Theke und griff erst einmal nach seinem geliebten böhmischen Humpen, ehe er sich so weit in Gewalt hatte, um störrisch der Josepha einen guten Abend zu wünschen. Da fragte sie ihn schon, ein wenig lächelnd, wie ihm schien, ob er gut davongekommen wäre. Er sah sie nicht an, murrte:So, so," und machte sich an die Arbeit.i

Da, wo die Wendeltreppe im Zwischenstock verschwand, hauste die große Amsterdamer Uhr. Erst kam der Apostel Andreas, und es schlug acht. Dann kam der Apostel Bartho- lomäus, und es schlug neun. Und das war das Zeichen für Frau Josepha, 311 verschwinden, llud dann brachen langsam die Gäste aus, sie gingen paarweise und trampten sckiver- fällig. Als die Letzten gegangen waren, kam der Apostel Johannes, den Jan besonders liebte, einmal, tveil er sein Namenspatron war, rmd ferner, weil es bei seinem Kom­men zehn schlug, das Zeichen für ihn, die Haustür zu schließen und die schwere Eisenstange vorzulegen. Darm ließ er eine Fünfrnaßkanne langsam vollausen, nahm die Lampe und ging leise über die Diele nach hinten und ans den Hof. Ah, Jose Maria war schon daheim; das kleine Fenster- chen über dem .Holzstall war hell. Und zum erstenmal heute lächelte Jan zufrieden und schob sich die Leiter empor.

Er druckte durch die Falltür in der großen Kammer aus, die kein arideres Gerät hatte als eine zerbrochene Bettstatt und einen Stuhl, dessen Schilfsitz zersetzt war. Die Balken an der Decke rvaren mit Spinngeweben ge­schmückt, die wie schwarze Bärte herabinngen und sich, wenn man ging, unwillig bewegten Der .Herr dieses Ge- machs trug die Soutane, war ein schlanker Jüngling von sechsundzwanzig, mit kühlen und schönen Zügen und nahm, als Jan eintrat, sofort zwei Rapiere von der Wand, die dort neben zwei sorgfältig cingesetteten spanischen Degen hingen, und gab Jan das eine. Beide setzten sich schweig­sam dicke Filzhüte auf, stellten ein Bein vor, und der Abvö rief:Los!" Die Eisen rasselten gegeneinander.