Unter den stampfenden Sprüiigen der Fechter krachten die Dielen. Staub stieg auf. Von den Wänden siel Kalk. Plötzlich rief der AbÄ „Halt!" und sagte verletzendkilhl: „Mein Sohn, die steile Terz pariert inan so!" Und das Rapier pfiff in seiner Hand. „Und beim böhmischen Kniff legt man so wieder aus, und dein Gegner zappelt am Degen wie eine Wachtel. Das ist das zweitemal, daß ich dir's zeige! — Weiter!"
Nach einigen Gängen hatte Jan einen Stoß gegen die rechte Schulter. Er ließ das Rapier sinken und lächelte verlegen.
„Das kann jedem passieren," sagte der Abbe, indem er sich eine Locke aus der Stirn strich. „Aber was nur einem geborenen Bauern passiert, ist —" und feine «Stimme nahm einen verteufelt verächtlichen Klang an — „daß er mit einem Stich in der Schulter dasteht und daraus wartet, daß man ilpk absticht. Nimm Rache für den Stich, Kerl, oder ich wers' dir das Rapier ins Gesicht! Los!"
Und wütend stürzte sich Jan auf ihn.
„Piano, piano," ries der andere, indem er weitersocht. „Uebrigens, ein Stich in die Schulter, süßer Heiland, damit kannst du noch drei kalt machen. Piano, Kerl. So So." Und er pfiff, als wenn er ein Pferd beruhigen wollte.
Obgleich Jan wie ein Lastträger schwitzte, rief er zwischen den einzelnen Stößen und Hieben:
„Ich geh' in den Krieg, Zackerbombenundslöh? Ich geh' ins Feld!"
Ter Abb6 mochte in diesem Augenblick wohl ein wenig unaufmerksam sein, denn sein Rapier flog plötzlich schlenkernd an die Decke, lind Jans Eisen rannte ihn vor die Brust.
„Sprich, Jos6 Maria," rief der Sieger, „stehe ich schon meinen Mann?"
Der Abb4 war gerade mit dem Fünfmaßkrug beschäftigt und konnte nicht sofort antworten. Dann sagte er:
„Zweifellos, kleiner Jan. Aber gebrauche die Vorsicht, deinen Mann vorher zu fragen, wie lange er schon dient. Wenn er sagt, zwei, drei Monate, so kannst du es immerhin riskieren. Sonst geb' ich für dein Leben keinen rheinischen Heller."
Jan kratzte sich verlegen am Kopf und machte ein trauriges Gesicht. Aber Jose Maria klopfte ihn derb aus die Backe und sagte warm:
„Dummer Jan, du kannst den Rittmeister vor die Front fordern, kleines Ungetüm, das bu bist."
„Wirtlich?"
Und lachend warf Jan die Arme um den Hals des Freundes und fügte ihn trotz seines Sträubens herzhaft ab Der Abbe machte sich frei, und indem er mit großen Schritten in der Kammer auf und nieder ging, hielt evl Jan folgende kleine Predigt, wenn man des profanen Themas wegen so sagen darf.
t,Nun glaubst du, Sohn und Freund, daß du ein Meister wärest. Dazu, o Jan, fehlt dir viel. Du hast prächtig lange Arme — "
„Das kommt vom Fässer stemmen."
„Schweige. — Und bu weißt, ein Arm, der um' eine Handbreit länger ist, als der eines Menschen von einigem Anstand, setzt deiner Degenlänge eine .Handbreit zu. Du hast also den kürzeren Weg. Ferner hast du die hellen Augen und die rechte Lebendigkeit, die die Absicht des Gegners errät — "
„Das kommt vom Weintrinken."
„Aber du hast auch," uud Jos6 Maria erhob seine Stimme — „zuweilen die blinde Wut, die dreinschlägt ohne Besinnung, und das kommt von deiner bäurischen Abstammung. Außerdem hast du einen dicken Schädel, bu Bauer, und ehe bu den böhmischen Stich, das spanische Ävemaria und jene entzückende Finte, die man den Apfelstich nennt, nicht gelernt hast, bis du kein Meister. Ein Mann von Welt wirst du aber nie werden, sonst ginge dir dein greulicher Fluch nicht so glatt vom Munde, obgleich ich dir mehrere- mal gesagt habe, daß es 8acr6—Nom -de — Dieu heißt"
„Sag' ich doch."
„Sacre—Nom—de—Dieu! Sprich nach."
„Zackerbombenundslöh über dein verdammtes Französisch. Mir wird, als hätte ich jungen Wein im Leibe, wenn ich das spitzmänlige Gewäsch höre!"
Der Abb6 schüttelte das Haupt, zog aus der abgrund- ttesen Tasche ferner Soutane ein halbes gebratenes Huhn ^rvor und letzte sich auf einen Stapel Bücher, der in einer E<ke lag. Und iildessen Jan wütend aus uud ab lief, begann
er einen Flügel zu d^eknabbern. Die Knochen besah er liebreich und gedankenvoll und murmelte:
„Er ist ein Barbar. Eine sündhafte Kreatur, die dem Lichte wahrer Bilduna feindlich ist. Soll ich ihn der Verdammnis überlassen, indem ich ihm meine Nähe entziehe? — O Jan, die Sprache, die du so übel beschimpfst, ist die Sprache deS göttlichen Paris. Und ich sehe keine Möglichkeit, drch von dieser Lästerung des Göttlichen zu absolvieren, als mir zu schwören, daß du mit mir nach Daris gehen willst, mit mir, der ich mich entschlossen habe, dieses mnsen- fremde Land mit jenem besseren zu vertauschen."
„Du willst fort?"
„So wie du. Lockt dich das Waffenhandwerk, lockt dich der Mord, das Laster, die Gefahr, der Teufel, das wilde Gebrüll der sieghungrigen Soloaten, Galgen und Rad, was alles du erwählst, wenn dir dem Kalbfell folgst, so kannst du das auch in Frankreich haben. Und mich hindere nicht, nach Paris mich zu sehnen, wo man anl Montag im Salon Serigny sich vereint, am Dienstag jm Salon Mu- song, am Mittwoch — der Himmel öffnet sich! — im Salon Rambouillet, um über die Literatur zu sprechen und die Herren von Balzac, von Boitnre rezitieren zu hören, während der Herr Kardinal Richelieu staatsmännische Weisheit ausspricht. Ich trage, du weißt es, dieses Kleid, um un- estört meinen Studien zu leben, mit Anstand ehelos zu leiben; das einzige Kleid, das ein Mann von Geist, der nicht Revenuen von fünftausend Livres hat, tragen kann. Ich habe aus Frauenliebe verzichtet, ich habe meine Heimat verlassen, esse trockenes Brot, wie du siehst, um mir Bücher lausen zu können. Jetzt aber ist die Zeit gekommen, da ich die Früchte meiner Mühen und Entbehrungen genießen will, in Paris, im göttlichen Paris. Uebrigens ist dieses Huhn zäh. Nirgend als in Paris versteht man zu kochen. Am Tisch der Frau Althuysen in der Gereongasse hat man mir gestern Wildschweinbraten vorgesetzt, der in einer Rosinensauce schwamm. Ich bitte dich, Jan, Wildschwein — da beiüft du an finstere Tannendickichte, wildes Grunzen, an Hunde, die aufgeschlitzt sich überschlagen, und keuchende Jäger. Und zu diesem Heldengericht Rosinensancc? Reich'mir den Krug."
Er trank. Sorgfältig betrachtete er das Ornament des Gesäßes und sagte dann halblaut vor sich hin:
„Denn es gibt auch eine Genialität im Kochen, pfy, wenn ich — !" Und aus tiefem Sinnen heraus murmelte -er: „Zwei, drei Machandelbeeren an Wildschtvein. Ob man in das Feuer unter dem Bratspieß Tannenzweige werfen könnte? — Mer du sprichst nicht, Jan? Schlag ein, mir gehen nach Paris. Was zögern wir? Sofort! — .Halt, du Lasterknecht, du denkst an Frau. Josepha!"
„Nein, nein."
„Stopfe dein Hemd mit Werg aus, setze dem Popanz deine deutsche Nachtmütze ans und leg' ihn in dein Bett. Wenn Tugendjosepha beim ersten Hahnenschrei in dein Kämmerlein schlüpft, um mit einem Kpß dich zu »vccken, so hat dich der Teufel geholt, und der bin ich."
Jan fuhr sich mit beiden Händen durch seinen weißblonden Schopf und- stöhnte.
„Hach, Jose Maria, wenn du wüßtest. Ich kann nicht fort. Jetzt nicht. .Heute uicht. Denn — " Und er erzählte sein Erlebnis mit Griet.
(Fortsetzung folgt.)
Ihr Wunsch.
Skizze. Von einem Offizier im. Felde.
Silbergrauer Morgeureif bedeckte die Ränder des Schützen- grabens. Die Nachtwache war zu Ende. Aus ihren kleinen Höhlen am feiudwarts gelegenen Rande des Grabens krochen die bärtigen Lanowchrmänner, schüttelten den Reif von ihren Mänteln und bewegten die steifgewordenen Glieder. Dann traten sie an die Gewehre heran, säuberten sie mit liebender Sorgfalt und stellten srck schließlich hrnter ihren Schießscharten auf. Den Blick hinüber zum feindlichen Graben gewendet, der sich in naher Entfernung vor ihnen gegeii den grauen Hintergrund abhob. Auch, drüben war maii ckvach geworden, und ab und zu pfiff eine Kugel hart über den Grabcilrand himveg oder klatschte gegeii die Böschung Doch das störte die Landwehr nicht, die während des behäbigen Morgen fruhstucks bisweilen curch ihrerseits einige Grüße hinübersandtc.
Plötzlich wurde bas Feuer von drüben lebhafter, die Geschosse surrten in schneller Folge über den Graben hin weg. Sie schossen auf ein weiteres Ziel. Richtig, an der Straße entlang, die zum Waben, führte, ging ein einzelner Mann vor. Daß sich dopt am


