Ausgabe 
18.2.1915
 
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xMchtS," bekräftigte der Schreiber, ,^itcbt einmal viel!" und dabei schüttelte er den Kopf, um! dom Freunde seine Anteilnahme und sogleich die Zwecklosigkeit weiterer Unterhaltungen über diesen Gegenstand anzndcuten. Dann ging er seiner Wege.

Pawel Semjonow schloß die Tür seines Kontors und setzte sich in tiefem Nachdenken vor das Schreibpnlt. Noch einmal nahm er die Haserlieferungsvorschrift, für die auch er sein Gebot ab­gegeben hatte, in die .Hand. Freilich, 3000 Pud Daser waren keine Kleinigkeit. Der Glückliche, der den Aüstrag von der Inten­dantur bekam, hatte für ein paar Jahre ausgesorgt. Mer wie sollte man darauf rechnen, selbst so glücklich zu werden, wenn der maß­gebende Herr, der neue Oberst, nichts nahm?

Lange blieb der ehrenwerte Kaufmann Pawel Semjonow vor seinem Tisch sitzen und sttitzte den Kopf in die Hände, bis er einen Entschluß faßte. Wenigstens eine Probe wollte er machen. Freund Timofej, der Schreiber-, hatte zwar abgeraten, aber vielleicht nahm der Oberst doch!

Er ging au den Geldschrank und össnete ihn:

,,Mer vorsichtig, Herzchen, vorsichtig," brummte er vor sich hin, ,.nimmt er, ist es sehr schön nimmt er nicht, muß man vorsichtig sein!"

Dann zählte er aus dem Schrank dreißig glatte neue Hunderi- rubelscheine ab und tat das Geld in einen sauberen großen weißen Briefumschlag nrit dem Aufdruck der Firnra: Pawel S. Semjonow, Getreide u. Kommissionen en gros". Wasen gros" war, »vußte Herr Pawel Semjonow allerdings selbst nicht, aber der Drucker hatte es hinzugefugt, und es nahm sich sehr gut aus.

^hm zog er den Pelz an, nahm dein inhaltreichen Umschlag in die .Hand und ging geradenwegs die Straßen entlang zu dem großen grauen Gebäude, in der die Intendantur des Armeekorps untergebracht war.

Ein paar Rubelstücke an den postenstehenden Soldaten halfen nach, und bald stand er im Zinrmer des Oberst, der hinter einem flachen großen Tisch saß und eifrig schrieb. Pawel Semjonow brachte sein Anliegen vor.

Wegen der Haserlieferung?" sagte der Oberst gleichmütig. Da mußt du eben dein Angebot einrerchen wie alle andern auch!"

Zu dienen. Euer Hochwohlgeboren," sagte Semjonow;das habe ich natürlich schon getan, wenn Euer Gnaden gestatten. Mer ich wollte Euer Gnaden selbst auf meinen Hafer auftnerksam machen. So einen Hafer haben Euer Gnaden noch nicht gesehenl"

Na ja, und was soll's?" fragte der Oberst ungeduldig.

Wenn Euer Hochwohlgeboren die Güte hätten, sich zu über­zeugen," sagte der dicke Getreidehändler und drehte den weißen, Briefumschlag in den Händen,mein Hafer ist . .

Das gibt's nicht, Dummkopf," unterbrach ihn der Oberst, der beste Hafer loird gewählt, und damit Schluß!"

Ergebensten Tank, Euer Gnaden," dienerte Semjonow:dann bin ich schon beruhigt, denn mein Hafer ist bestimmt der beste!"

Er legte den Brief auf das Pult, nahm seine Pelzmütze, wäh­rend der Oberst schon längst weiterschrieb, und stolperte zur Tür hinaus. Dann lief er die Treppe hinunter auf die Straße und rannte aus Leibeskräften weiter, bis er im nächsten Polizeibureau verschwand. -

Als die Uhr zwölf schlug, hörte der Oberst mit seiner Arbeit auf und erhob sich. Da fiel sein Blick aus einen großen Brief, der einsam, wie vergessen, auf der Tischkantc lag. Er griff danach, riß ihn ans und fand darin 3000 Rubel in Papiergeld. Erstaunt drehte er das Bündel Scheine in seinen Händen, da sah er den Firmenaufdruck:Pawel S. Semjonow, Getreide- u. Kommissionen en gros."

Ter Oberst warf das Geld auf den Tisch:

Na warte, du verdammter Kerl," knurrte er,das also ver­schaffte mir die Ehre diese Frechheit werde ich dir eintränken!"

Er ging an das Telephon und rief den Borsitzenden des Kriegs­gerichts an. Und da seit .Kriegsbeginn das Standrecht in der Stadt erklärt war, ging das Verhängnis einen schnellen Weg. Eine Stunde spater saß der Kaufmann Semjonow in der Zelle des Militärgefängnisses: und wiederum zwei Stunden später trat er, von Gendarmen geführt, in den kleinen Gerichtssaal, wo auf er­höhten Sitzen die Kriegsgerichtsrätc mit finsteren Minen saßen. Zur Seite stand der Oberst aus der Intendantur.

Aus die Rede des Anklägers hin, die beit Getreidehändler, Kaufmann 2. Gilde Pawel Semjonow der versuchten Bestechung beschuldigte, machte der Angeklagte ein harmlos erstauntes, ja ge­kränktes Gesicht.

Ich, Euer Exzellenz," sagte er entrüstet,ich hätte einen Offizier, einen Beamten unseres Zaren den Gott schützen möge bestechen wollen? Niemals!"

Der Militärrichter fuhr ihn an:

Angeklagter, wollen Sie etwa leugnen, daß Sie die Absicht hatten, den Herrn Oberst hier zu bestechen?"

Semjonow machte in unendlichem Erstannen den Mund weit auf:

Ich ich," stotterte er,ich schwöre bei allen Heiligen!, nie hätte ich das gewagt!"

Ter Richter wandte sich an den Oberst:

Herr Oberst, wollen Sic die Güte haben und dem Ange­klagten selbst den Beweis vorlegen, bannt er ein sieht, daß sein srechcS Leugnen nichts hilft!"

Der Oberst zog einen weißen Brief aus der Tasche, dem' tt langsam ein Bltndel Rubelscheine entnahm. Pawel Semjanow stieß einen Freudenschrei aus:Gott sei gelobt. Euer Gnaden, das ist j!q (mein Geld, mein geliebtes Geld? Euer Hochwohlgeboren sel­ber haben geruht, mein Geld zu finden!"

Ja," sagte der Oberst,du frecher Kerl, auf meinem Schrcib- tisch!"

Semjanow schlug sich mit der .Hand vor den Kopf, daß es knallte:

Ich Esel, ich alter Narr," schrie er,überall habe ich das Geld gesucht, jedes Eckchen in meinem Hause habe ich umgekehrt nach meinen verschwundenen dreitausend Rubeln, zur Polizei bin ich gelaufen, und dabei habe ich cs der Euer Gnaden vergessen!"

Die Richter sahen sich unsicher und erstaunt an.

Angeklagter, ist das wahr?" fragte der Vorsitzende.

So wahr mir Gott Helfe und ich ein rechtgläubiger Russe bin," antwortete Pawel S. Semjonow feierlich und schlug das Kreuz.

Ter Vorsitzende erhob sich.

Sie wollen der Polizei den Verlust gemeldet haben? Wo denn?"

In meinem Bezirk, Euer Exzellenz," sagte der Getreide- Händler-,ans das Amt in der Proknßknaja bin ich wie ein Ver­rückter gelaufen und Hab' den Verlust angczeigt so tvahr ich rechtgläubig bin!"

Der Richter winkte einem der Gendarmen, der zur Tür ging und bald mit dem Bescheid wiederkam, der Herr Polizeikom­missar ließe sagen, daß heute früh der Kaufmann Semjonow er­schienen sei und das Verschwinden von 3000 Rubel Papiergeld! in einem weißen Brief ordnungsgemäß zu Protokoll gegeben habe.

Die Richter steckten die Köpfe zusammen, dann erklärte der Vorsitzende den Angeklagten für sreigesprochen.

Zu dem Oberst gewendet sagte er:

Darf ich um das Geld bitten, Herr Oberst, damit ich es dem Kaufmann Semjonow hier aushändigcn kann/"

Der Oberst überreichte den Umschlag dem Vorsitzenden, der ein Protokoll diktierte und Pawel Semjonow zum Unterschreiben an den Tisch rief. Dann gab er ihm den Umschlag mit dem Geld Und sagte freundlich:

Herr Kaufmann Semjonow, Sie können gehen!"

Und Pawel S. Semjonow ging unter tiefen Verbeugungen, zur Tür, die krachend hinter ihm ins Schloß fiel.-

Aus der Atraße blieb der Getreidehändler stehen, nahm die Pelzmütze ab und kratzte sich den Kops:

Da habe ich mich gut aus der Schlinge gezogen," dachte er zufriedeu,und sogar mein schönes Geld habe ich geckettet!"

Mit stillem Schmunzeln suchte er in den Taschen des Pelz­rocks, bis er in der Innentasche den Brief fand. Er zog ihn heraus und ließ, halb unbewußt zählend, die Huudertrubelscheine durch die Finger gleiten. Plötzlich blieb er stehen, riß die Augen auf, stierte auf den Weg, den gekommen war, und dann aui!

die Fenster des Gerichtsgebäudcs, hinter denen er eben noch ge­standen hatte. Wieder und wieder zählte er das Geld in seinen Händen, schüttelte den Kops und sah sich um. Dann durchwüUte er die Taschen - aber alles Zählen unb Suchen hals nichts. Denn statt der dreitausend Rubel, die er heute früh aus dem Geldschrank genommen hatte, hielt er nur noch zehn Hunderttubelscheine in der Hand!-

Ein neues Brot.

Von den 650 Millionen Zentnern Brotgetreide, die jährlich in Deutschland in die Mühlen zur Mehlbercitung wandern, geben durch den Mehlprozeß ungefähr 25 Prozent für die menschliche Nahrung verloren: das ist die ansehnliche Menge von mehr als 160 Millionen Zentner. Bekanntlich nennt man diese^Nehlabsällc Kleie. Die Bestandteile der Kleie sind Zellulose, Stärke, Fett lund K l e b e r e i lv e i ß (Ale u r o n . Währeud das Vieh Zel­lulose im Darm zu verdauen, zu resorbieren und auszuuutzen imstande ist wesl-alb ja auch die Kleie ein beliebtes Viehsul- ter ist . , vermag der menschliche Darm mit der Zellulose wenig anzufaugen. Der weitaus größte Teil bleibt unverdaut, und an­derseits schädigt sogar die Anwesenheit von Kleie die Ausnutzung der Kohlehydrate im Brote. Trotzdem hat. man aus wisseusciwft- lichen Rücksichten schon lange gewissen Brotsvrten mehr oder we­niger Kiele zugesetzt. Ter topische Vertreter des Kleiebrotes ist das sog. Kommißbrot. Man hat nun vielfach Versuche ge­macht,'die Kleie auszuschließen und so der menschlichen Verdau­ung zugänglich zu machen. Dies kann dadurch erreicht werden, daß man die Kleie sein vermahlt. Mein auch die modernsten Hockmühleu können die Kleie nicht fein genug vermahlen, um sie völlig resorptionsfähig zu Machen. Nach möglichst feiner Ver­mahlung lvurden nur % des Eiweiß und J / 4 Kohlehydrate infl. der Zellulose ansgenutzt. Immerhin hat man sich bei diesen mangelhaften Ergebnissen nicht beruhigt, sondern nach neuen Mitteln und Wegen gesucht. Das antreibende Moment dabei war der Verlust an Eiweißstossen für die menschliche^Nahrnng. Fast das gesamte Eilveiß des Getreides sitzt in der Schalenhaut oeö Korns, eingeschlossen in Waben anS Zellulose. (Verwenden wir die Kleie alS Biehfutttw, so entledige» wir uns eines äußerst wert-