Sqö Mradies der Lrdr. '
Roman von Ada von Ger-dorll»
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Regeuwalde. August, nachts. Heute ganz früh ritt ich nach dem Gestüt aus dem Vorwerk Losberg, um Apollo und Meier zu besuchen, Kand mein geliebtes Pferd in geradezu prachtvoller Kondition. Meier übrigens auch. Der gute Kerl erfreut sich eines angehenden Embonpoints und sieht in dem eleganten Stalldreß höchst respektabel aus, als ,.Minister des Innern" vom Gestüt. — Ist doch eine Herzensfreude, solch Gestüt, wenn auch nur so klein wie das Re- enwalder, aber dann auch tipptopp! Und alles vernünftig, esonnen; keine kostspieligen Experimente mit großen Risikos, deren Fehlschlagen schon so manch nettes Privatgestüt begraben hat. Dann fuhr ich noch nach dem nahen Walde zum Förster und machte mit diesem eine Rundfahrt. Gräfin Wando batte ihre Begleitung diesmal abgelehnt. Sie mußte ihrer Beschützerpflicht bei der kleinen Braut genügen und sie von Runow abholen, gleichzeitig auch sehen, ob sie die Besorgungen für ihren Vater richtig ausgeführt habe.
Am Spätnachmittag kam ich nach Regenwalde zurück, zog mich um und suchte die Damen auf.
In der Flurhalle, in den Salons, im Gartensaal fand ich niemand. Gräfin Wanda tvar noch nicht aus Runorv zurück. Leer und verlassen lag die weiße Plattform in oem vorn sonnigen Äbendglanz durchslimmerten Grün des Parkes.
Die Hände in den Laschen meines Smokings, schlenderte ich in die ernste dunkle Eichenallee hinein, die schnurgerade ans das Mausoleum zutührt Es muß in jedes Menschen Herz eilt feierlicher Ernst einziehen, wenn er auch noch so heiteren Sinnes diesen Gang betritt, von dessen fernem Ende ihm die weißen Mauern der Wietersbergschen Gruft mit dem im Äbendglanz funkelnden Kreuz aus der Kuppel ent- aeaenblicken. Man braucht nicht ccklzuviel Phantasie zu haben, um sich unter diesen breiten dunklen Baumkronen einerr Sarg und einen schwarzen Trauerzug zu denken, wie
6 manch einer hier schon der letzten Ruhestätte des alten vafengeschlechtes zugegangen ist, das rrunrnehr in seinen letzten beiden Frauen im Stamm erlUcht. Aus den Stufen des Mausoleums saß jemaub, die Wange auf die Hand gestützt. das Gesicht von mir abgeweudet. Eine Frauengestalt war es, in weißem faltigen Kleide, die dicken blonden Flechten kran-artig um den Kopf gelegt. Das Gesicht war unverwandt wie in tiefem Nachdenken auf die Tannen wand gerichtet, die das Mausoleum im Halbrund umgab. - Im ersten Moment war ich garrz konsterniert und fragte mich: Wer ist denn idas? Ms ich ein wenig zur Seite tretend mich in den Schatten des Ganges zurückzog, sah ich das Gesicht von vorn/ ohne bemerkt zu werden: Lilli Kallwein,
BrenckenS Braut! Ich betrachtete sie, als sähe ich sie zrun erstenmal. Mein Himmel, wie verändert! Meine Ueber- raschung war so seltsamer Art, daß ich sie wie einen Stich ins Herz fühlte. Das ehemalige Kindergesicht mit der run- den roten Fülle war gereift und ins Längliche gezogen, die Züge herausgearbeitet aus der verschwommenen Weiche erster Jugend, die Farbe ziemlich blaß, das Mündchen leise chmoNeno verzogen, als habe jemand aus die Kinderlippen tatt der erwarteten süßen eine bittere Mandel gelegt. Das rüher so grelle Himmelblau der immer verwundert sragen- >en Augen schien von irgend etwas verdunkelt zu sein und der starre, aus die düstere Tannenwand gerichtete Blick hatte durchaus nichts Verwundertes, Fragendes inehr, sondern etwas Vorwurfsvolles, wie ihn Kinder manchmal zu einem Erwachsenen erheben, der ihnen ihrer Meinung nach Unrecht getan hat. Und das Haar war schön! Das frühere fade Strohgelb hatte einen sanften Goldschimmer bekommen. Schön war auch die Biegung des sehr feinen Halses, der sick- weiß aus dem abfallenden Kragen des Kleides hob, und sehr verändert erschien mir auch ihre Art sich zu kleiden. Faltiges schlichtes Weiß floß über die zarten Formen der Büste u,w über die schmalen, von einem naturfarbenen Ledergürtel! umschlossenen Hüsten. Der einzige Schmuck war ein dunkles Taxuszweiglein und am kleinen Finger des ausgestützten .Händchens ein grell und bunt aufsunkelnder Brillantring. Wohl der Berlovungsring.
So saß die kleine LiUi Kallwein in tiefem Träumen auf den Stufen »des Totenhauses.
..Was bat man dir, du armes Kind, getan?" dachte ich unwillkürlich und wäre gern hingegangen und batte mich neben sie gesetzt wie ein guter Bruder und hätte das blasse Gesichtchen gestreichelt und das goldige.Haar und das verzogene Äküridchen sacht, saßt geküßt, und pcke ein besorgter Bruder hätte ich fragen mögen: Was fehlt dir- Was stimmt denn nicht? Was'bekümmert dich? Und — ja, dann hätte ich ihr, ohne ihre Antwort zu erwarten, den gleißenden Brillantring vom Finger gezogen. . . . Aber so etwas führt man nicht aus, man suhlt es nur und kehrt um und geht den Weg wieder zurück, in dem sehr ernst gewordenen Gesicht vielleicht den Ausdruck einer bangen, vorwurfsvollen Frage, wenn man auch nicht recht weiß, wonach und*an tuen.
Ich setzte mich auf der Plattform in einen Korbsessel, der dem Baumgange ziM Mausoleum gegenübersiand. und rauchte. Es war ringsum so abendfrledlicki still, nur von fernher aus dem Dorf tarnen die abgebrochenen Töne einer mäßig gehandhabten Ziehharmonika, ans dem Lande an schönen Sommerabenden eine beinahe unvermeidliche Musik, die aber der Stille nichts schadet. Es liegt in diesen bescher denen, primitiven Klängen ein unbewußter, kindlicher Verzicht auf Unerreichbares, nicht nur in der Kunst, auch im Leben. —
Jetzt sah ich die binsenartig schlanke Gestalt im Schatten der Allee austauchen, näher und naher konnnend. Sie erschien größer als früher, sei es, daß sich wie ihr Gesicht, so


