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auch ihre Gestalt gestreckt hatte, oder dag das lange weiße Faltenneid, das. an die Stelle der furjen Röcke getreten war, darüber täuschte. Gräfin Wandas Einfluß, zunächst in der äußeren Veränderung, war mir klar. Brennen könnte ihr immerhin sehr dankbar sein.
Als sic aus dem Schatten des Ganges heraustrat und ins Licht aus die Plattform zui'ain, erhob ich mich und- ging ihr entgegen. Ich blieb stehen, wie angewurzelt. Ein jäher Schreck durchzuckte mich, denn als sie mich seht sah, flutete ein tiefes Scharlachrot über ihr Gesicht und ihren Hals, und sie blieb auch stehen und sah mich mit einem großen erschrockenen Blick an. Mir kam unwillkürlich ein Ja^dbild in den Sinn, wie ein junges Reh, das zur Abendzert aus dem Walde tritt, zum erstemnal den Jäger äugt.
Tann küßte ich ihre Hand, die kühl und weich in der meinen lag, und redete sie an: „Gestatten Sie mir, mein gnädiges Fräulein, Ihnen meinen gehorsamstell Glückwunsch auszuiprcchen zu Ihrer Verlobung."
„Ich danke sehr, Herr von Rehn," sagte sie freundlich und stieg neben mir die Stufeli der Plattform hinaus. Oben machte sie mir eine kleine Verbeugung, ging inS Haus hinein urld ließ mich stehen. Wie verändert! Wie so gänzlich ver- ändert! . . . Aus dem jungenhaften Backfisch war eine junge Lame geworden.
Uno ich weiß, daß Gräfin Wanda sie für mich hat erziehen, für mich hat bilden wollen, unl von ihr abzu- strelsen, tvas meinen oberflächlichen, nur aus das Aeußer- liche gerichtetell Sinn abgestoßen hat und mich gleichgültig machte für das erwachende Gefühl im Herzen eines unreifen Kindes, dessen Glück oder Unglück mich kält ließ.
Gräfin Wanda trat zu mir auf die Plattform mit einem Telegramm iit der Hand.
„Morgen abend kommt Herr von Brencken. Er hat noch zwei Tage Urlaub und ich lud ihn ein, sie hier Verb ringell zu wollen mit seiner Braut."
„So?" sagte ich.
„Haben Sle — sie gesehen?"
, Ja."
Ae streifte mich mit einem flüchtigen Blick, den ich ernst erwiderte. Dann sahen wir beide eine Weile schweigend in den verdämmernden Abend hinaus. — „Warum mag sie sich nur mit Brencken verlobt haben?" fragte ich endlich stockend, ohne den Blick vom Himmel abzuwenden. „Aus plötzlich erwachter keidenschan sicher Liebe, verblendet durch seine glänzende Aeußerlichkeit?"
„Nein", entgegnen die Gräfin. „Auch nicht in dem stol- zell Rausch, geliebt zu werden, den er wohl in ihr zu erwecken meinte. Es gibt noch ein andres Motiv, aus dein zuweilen unerklärliche Verlobungen herzuleiten sind. Man hat ein französisches Wort dafür: ckepit. amoureux Enttäuschungsschmerz — und das Plötzliche.
„Ja, lieber Rehn, sic hat eben gehört, daß Sie im Be grljs stehen, auszulvanderkl und hier erwartet würden, um Abschied zu nehmen, vielleicht auf immer. Ta hat sie geglaubt, euren Schutzwall zwischen sich und ihrer Liebe zu Ihnen auszurichten durch die Verlobung mit einem andern, in der Hoffnung, daß das Gefühl ihrer Pflicht gegen diesen andern sie von ihrer hoffnungslosen Liebe functen werde, eine häufig vorkommcude Selbsttäuschung unerfahrener junger Herzen."
„Ich mutz gestehen, ich habe inir leinen ylugenblick eingebildet, Gräfin, diesem noch so unreifen Binder herzen inehr zu sein als eine ,crfte 4 Schwärmerei."
„Das glaube ich Ihnen, Rehn," sagte sie ernst.
„Dann bleibt wohl nichts anderes übrig, als daß ich heute abend noch eine Depesche erhalte von irgendwoher, die mich morgen in aller Frühe fortruft, irgendwohin."
Der Tee nmrbc gemeldet und Lillis weißes Meid schim- werte in der Halte. G
Wir standen aus und- traten iirs Haus. Wieder brallnteu die duftenden Wachskerzen auf den hohen Silberleuchtern im großen Speisesaal, der buntleuchtende Herbstblumen- strauß voll rotgoldenem dlhornlaub und' goldenen Georginen stand steif dazwischen und die langen Reihen der toten Wietersbcrg sichen ernsthaft aus uns vier herunter. Zarewitsch, der Barsoi, aber ftaub dicht neben Lilli und wollte nicht gehorchen, als er aus seinen gewohnten Platz vor dem Kamin in der Halle verwiesen tvurde. Er »var jo groß, daß sein schmaler vornehmer Kops il)re Sck)ulter berührte. Sie streichelte ihn mit ihrem schmalen und -arten Händchen', das früher so rot und ungepflegt anssah, und dann stand sie
aus und brachte ihn in die Borhalle. Es war ein ungemein liebliches Bilch »me die schlanke weiße Mädchengestakt, das von dem goldblonden Flechtenkranz gekrönte Haupt zärtlich auf das ihr bereitlvillig folgende edle Tier l)erabgeneigt und mit der Hand liebkosend sein wie lveiße Seide schimmerndes Haar streichelnd, aus dem rotslimmernden Kerzenschein in die abenddännnerige Halle schritt.
Sie kehrte allein zllrück und saß still unb schüchtern auf ihrem Platz. Nur zuweilen, wie im Traum lächellid, erhob sie die traurigen Blauaugen, die einen feinrötlichen Rand zeigten, als hätten sie heimliche brennende Tränen geweint. Ihr jungenhaftes vorlautes Wesen, ihre burschikos derben Ausdrücke in: Umgang mit bei» Hilnden daheim — »vo waren sie hin? Ich hätte fast gewünscht, sie möchte sich plötzlich vergessen und wieder einmal so täppisch dreist in die Unterhaltung Hineinjahren, »vie sie das vor einem Jahre einem einzigen kürzen Jahre noch getail hatte, um die fast schmerzhafte Beklommenheit in meiner Stimmung loszuwerden. Wie kann man sich nur in so kurzer Zeit so verändern, sich ins gerade Gegenteil umwandeln? Man ist'ja freilich noch sehr lveich, sehr biegsam und bildungsfähig, man muß nur in die rechte Hand kommen. Es müßte ganz schön sein, wenn man eine solche Entwicklung als Mann durch die Liebe bewirken könnte. Mer zu so seiner Arbeit gehören Frauenbünde, und die vornehmsten und zartesten sind nur gerade teil» genug dazu. Oh, Gräfin Wanda! Sie haben beut Bodo- Brencken einen kostbaren Dienst geleistet. — Wie mögen Braut und Bräutigam lvohl zueinander stehen? Ich bin wirklich gespannt. Nun, ich werde ja das Vergnügen haben, beide zusammen zu sehen. Hnr — ein Vergnügen am Ende nicht. Ich muß an Gräfin Wandas Worte denken von dem ,L1neinreißen in die Mysterien der Leidenschaft". Und wie ich das dachte und meine Brauen säst finster zusammen- zuckten, begegnete ich gerade dem Auge des Mädchens. Wieder zog rasch das tiefe Rot über ihr Gesicht und den weißen Hals. — Es ist, als wenn sie sich über irgend etwas vor nrir schämte.
(Fortsetzung folgt.)
Lin LUun-igungsritt an der Schweizer Grenze.
Mm M. Dankler.
In einen» geschützten Waldwinkel liegt ein Trupp Reiter, eine Husarenschar, die in dem schwierigen Gelände den schweren Erkundigungsdienst versteht. Prächtige, sehnige (und vom Wetter gekochte Kerle sind es, oie da am ein matt schwelendes Feuer hocken. Eil» dichtes Dach aus Fichtenzweigen hält den verräterischen Lichtschein zurück.
Die Husaren sind fröhlich und guter Tinge. Sie haben eine mächtige Seildung Liebesgaben erbalten und derart geschmaust, daß der Wachtmeister nur die armen Pferde bedauert, welche in den nächsten Tagen die „Dickwänister" tragen müssen. Und erst der herrliche Tabak! Heute abend aber gibts iwch einen guten Schluck heißen Punsch, da ein Husar irgendwo einige Flaschen Rum „gefunden" hatte. Was aber die Freude vollständig inachte, ist die Anwesenheit ihres Rittmeisters, der mit seinem Leutnant die Einladung der Leute gerne annahm, init in der Reihe sitzt, mit sichtlichem Behagen den heißen Punsch schlürft und den lustigen Erzählungen seiner Husaren lauscht. Aus einem sestgesügten Reiserstalle töut leises Pserdewiehern herüber.
„Es ist doch etwas Schönes um das Kriegsleben,"' schtvärmt der junge Leutnant. „Wohl! Ltzohl!" lächelt der Rittmeister. „Ich komme inir schon lvie ein Zigeuner vor. Daß ich als alter Knabe poch einmal drei Monate bei Mutier Grün schlafen würde, hatte ich doch in meinem Leben nicht gedacht."
Da fährt einer der Husareil, ein Kölner Junge, in die Höhe: „Herr Rittmeister, »ch hörne Päd." Me lauschen! Richtig! Ein gedämpfter Husschlag. Da die Posten nicht schießen, muß es etu Deutscher sein. Noch ein paar Minuten, da springt eil» Adjutant vom Pferde. Ein Befehl des Brigadekommandeurs. Der Ritwleister salutiert, dann tritt er zu feinen Husaren. Diese haben ihre Pfeifen eingesteckt und schnallen um, was das Zeug hält.
„Hungens ein wichtiger, aber gefährlicher Ritt. Zehn Freiwillige vor!" Alle vierzig springen vor. Wie ein Blitz huckt es über das Gesicht des Rittmeisters. „Die zehn jüngeren treten links an." Alle vierzig stehen links angetreten. „Teufelskerls," »vettert der „Alte", ,,meint ifyv,


