Ausgabe 
11.2.1915
 
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und sie sträubte sich auch nicht, sondern war oft vier, manchmal tagelana. Nach oer Berloomrg änderte sich das. Sie wurde verschlossen gegen mich, beinah trotzig. Der Einfluß der Liebe aus sie muß ein total andrer, jedenfalls stärkerer als der meine sein. Wenn ich ihre Mutter wäre- ich wünschte da manches anders... dieses stürmische, säst brutale Hrneinreißen in die Mysterien der Leidenschaft" Sie brach ab.

,F)H," rief ich, höchst peinlich berü-hrt, ..ist das seine Art, aus dem Kinde ein Weib zu machen?"

Sie zurkte die Achseln.Ich glaube es bemerkt zu haben," sagte sie und wechselte das Thema unserer Unter­haltung.

Ein wenig neugierig bin ich nun doch fast aus das Brautpaar. Herr von Brencken wird ebenfalls hier er­wartet, weil Runow doch jetzt leer ist. Gr hält sich augen­blicklich bei seinem Vater in Posen aus.

(Fortsetzung folgt.)

Die beiden Kapitäne.

Bon Rudolf Michael.

Schon seit dem frühen Morgen lag das Unterseeboot auf Vor­posten. Tie Nordsee sang unermüolich ein heiseres, wütendes Lied. Das Boot warrdte sich in leichten Bogen hin mrd her, so daß die unmutigen Wellen bald von Steuerbord, bald von Backbord über das niedrige Panzerdeck fuhren. Helgoland, der dunNe gedrungene Felsen, lag versteckt in leichten, herbstlichen Nebeln. Es war alles farblos grau.

In dem kurzen, gepanzerten Turm zeigte sich dann und wann der Kapitän. Tie Augen kniff er zusammen, denn der harte Wind schnitt ins Gesiäst, zerrte am Mantel und an dein hoch geschlagenen ' Kragen und blies weiter. Blies so scharf, daß die Wellen bisweilen hoch aufspritzten vor Schmerz.

Nun sah die Sonne für eine Weile noch einmal durch den grauen Spätnaclnnitlag. Und die tausend Wellen zitterten und quollen wie fließendes, blutrotes Kupfer.

Die See war sck>ön, groß und schön.

Rings um das Boot quirlte das kupferne Wasser, als siede es über einem unsichtbaren Feuer. Aber der Blick des Kapitäns hing in der Ferne.

Bald versckqvand er ivieder unter Teck, prüfte das Periskop und gab tonlos den Befehl zu halber Fahrt.

Tie Maschine knatterte eine Weile aufgeregt nach der langen Ruhe. Tann schnob das Boot gegen die tanzende See an. Ein Obermatrose stand oben am Ausguck. Tie Heizer vor ihren Hebeln und Griffen an der Glut des Ofens. Der Kapitän ivar über sein Fahrtbuch gebeugt.

Bevor er am nächsten Morgen abgelöst wurde, wollte er noch einen Streiszug machen, und die Dämmerung und die Dunkelheit sollten ihn sck-ützen. Keiner sprach ein Wort; es war eine starke Stille in dem engeir Schiffsraum. Einer sah imr dann und wann in die Mlgen des andereit und las darin denselben Mut, dieselbe Hoffnung.

Da schrillte das Sprachrohr. Der Kapitän stand am Hörer.

Weit vor Backbord ein Wrack!"

Der Kapitän stieg hinauf und sah durch das Glas. Ein Mast, ein Balken, mehr war noch nicht zu sehen. Das Boot cnrderte den Kurs und stampfte darauf zu.

Und schließlich war es klar und deutlich. Der schwarze Leib eines Torpedobootes, vom Wasser gegen eine Sandbank geworfen. Die Wellen gingen breit und schwer darüber himveg. Nur die Spitze des Mastes sah heraus und daran das verworrene Gestänge der drahtlosen Telegraphie. Und hinten, hinten flatterte noch die Flagge. Dicht über dem Wasser, schwer von der Feuchtigkeit klatschte sie mit Hellen Schlägen. Ihrem Schiffe iroch im Tode treu.

Ter Kapitän war seltsam beioegt. Dies Boot hatte der Feind vor "rst zwei Monaten im Nebel hier in den Grund geschossen. Ties kleine, tapfere Boot. Er sah es noch im Geiste vor sich, wie es im graueirden Morgen aus dem Hafen flitzte, schwarz und. kahl, die weißliche Flagge am Heck der einzige Schmuck. Dieselbe Flagge, die hier im Winde klatsctüe, lebendig wie am ersten Tage.

Nun lag der Schisfsleib müde, zerrissen unter den Wellen. Und drinnen der Freund, der Kapitän. Zwei Tage vor der letzten Aus­fahrt des Torpedobootes war es gewesen, ba halten die beiden Ka­pitäne das ersteTu" einander gesagt. Tas lmtte nicht weich und lieb geklungen wie im Frieden, wenn der Wein darüberfließt, son­dern hart und trotzig, wie eine stählerne Trosse, die am Anker knirscht.

Nun dachte der Kapitän des toten Freundes mrd fühlte:Tu freier und starker Mensch . .

Tas Unterseeboot ftrhr in leichten Wendungen die UnfallsteUe ab, um die slatterirde Fahne cinzuziehen. Tas Heck des Torpedoo- bootes staird fast senkrecht in die Höhe. Die dünne, dunkle Wand war Zerfetzt, und das Wasser rollte unablässig in den Leib des Schrffes hrnerm Tann gurgelte cs und stöhnte es in dem wirren Loch, das der ^Lchuß gerissen hatte.

diesem Augenblick stürzte sich eine volle Woge hinein und zerrte wütend an dem Körper des Schiffes. Und da trieb eine Leiche heraus. Ter Obermutrose sah es. Aber der in dunkel­blaues Tuch gekleidete Tote war nur schwer zu erkennen und im Auge zu behalten bei der unruhigen See.

Der Kapitän befahl zwei weitere Matrosen an Teck.

Das Unterseeboot stemmte sich gegen die Flut und legte sich mit der Breitseite vor das gesunkene Schiff, so daß die Wellen nun in doppelten Sprüngen über Wrack und Boot fuhren.

Nach einer halben Stunde schwerer, kalter Arbeit hatte man den Toten gefischt. Nun lag er da auf dein nassen Deck des Unter­seebootes. Der andere, der tote Kapitän. Der Freund.

Die Matrosen bissen die Zähne aufeinander und trugen ihren toten Kameraden unter Teck. Sie zogen ihm das schioere, feuchte Zeug vom eisigen Körper und kleideten ihn in eine alte Jacke.

So lag er da, der tote Kommandant, und fühlte nicht mehr die erlösende Wärme, die von der Maschine her durch den engen Raum ging. Sein Gesicht war häßlich geworden, aber der Tod macht niemanden scUn.

Indessen lag das Boot schwer auf der Seite unter der Wucht der Wellen, ganz nahe an dem Wrack des Torpedobootes. Der Kapitän grift mit jäher Hand hinüber und riß die Fahne vom Stock. Dann wendete das Boot sich ab und stam'pfte mit befreiter Kraft der dämmernden See zu.

Der Kapitän kam mit hastigen Schritten unter das Deck, warf das nasse Flaggentuch zur Seite und stand stumm vor dem toten Freunde, der auf einer Bank an der Schiffswand lag. Die Hände des tapferen Kapitäns fügten sich ineimurder. Auch er fühlte die wohlige Wärme des Raumes nicht. Ml sein Sinnen und Fühlen war nur bei diesem ernsten Toten. Er begriff auch nicht das Wunder dieses Zufalls, daß er den toten Freund hatte bergen können, daß er ihm, den er nur zwei kurze Tage als seinen Freund empfunden hatte, diese letzte Liebe nun erweisen durfte. Er fühlte überhaupt nicht Trauer und nicht Freude.

Wenige Minuten verharrte der Kapitän in dieser Andacht. Dann nahm er das nasse Flaggentuch, trocknete es an der beißen Maschinenwand und breitete es dem toten Freunde über die Brust. Und plötzlich war es so feierlich in dem engen -und kahlen Schiffs­raum wie in einer Kirche mit Gesang und Orgel. Man hörte nur von draußen die Wellen hart gegen das Boot sich werfen und drinneu in trotzigem Takt die Maschine stampfen. Und diese ein­tönigen Geräusch waren wie Musik.

Dann riß sich der Kapitän mit einem Ruck zusammen, wandte sich um und gab seinen Leuten einige Befehle.

Die Fahrt ging weiter im Schutze der Nacht, immer tiefer auf die See hinauf.

Der Kapitän rückte sich einen Stuhl neben den toten Freund und ließ sich milde darauf nieder. Er war voll wunderlicher Ge­danken und mußte sich erst eine Weile Ruhe gönneir.

Er empfand etwas Dumpfes wie Rache, mit Haß und Stolz gemischt. War er es nicht auch dem toten Freunde schuldig? Mußte er nicht auch das Leben dieses guten und starken Mannes rächen mit allen Mitteln, die er anwenden konnte? Für eine Weile wollte er es nicht fassen, daß der Freund so füll und ungerächt von ihm gegangen war. Durfte er sich dann noch Freund nennen?

Aber nein! Das ging nicht?

Der Kapitän blickte mit klaren Augen vor sich hin.

Er hatte keine Zeit für Rache und für Freundschaft. Er durfte sie gar nicht haben. Er hatte etwas, das stand dagegen wie eine eiserne Wand. Seine Pflicht. Seine kurze. klare Pflicht.

Der Kapitän stand auf und sah auf das bleiche Angesicht des Toten nieder. Seine Lippen beivcgten sich in unverständlichen Worten. Und der Tote schien ihm Freiheit und Kraft zu geben. Denn fast heiter wandte der Kapitän sich um, dehnte sich und schritt schnell ivieder nach oben, um den Matrosen dort zu be­fragen.

Kein Mondschein ivar. Nur Nacht. Auch das Wasser sah man nicht. Man hörte es nur, aber es klang nun frisch und lebendig.

Der Kapitän prüfte den Kompaß und die anderen Apparate.

Und plötzlich l-atte er einen Entschluß. Er nmßte kaum woher. Er sprang hinunter in den Maschinenranm und rief auch von den Torpedorohren die Matrosen zu sich. Die standen nun alle still, wie Säulen vor ihm. * /

Der Kapitän atmete tief und ivarf den Kops zurück.

Kameraden! Wir wollen vorwärts bis zum Morgen! Ich denke, nur werden sie fassen, irgendwo. Ihr wißt, ums ich euch damit sagen will! Wer irgendwelche Bedenken hat. sott vortreten."

Die Matrosen standen unbeweglich uub starrten ihren Kapitän an. Leblos. >

Ich danke euch!"

Alle Worte des Kapitäns ivaren liart, grausam beinahe. Mer seine Leute hatten ihn verstandet!. Er lvandte sich stumm von ihnen und ging. Und ging hinein zu dem Toten, faßte die beiden starren Hände und küßte sie lange.

Das Boot ivühlte in dem Wasser, als sei es voll neuer Kraft. Jeder einzelne stand an seinem engen, ammviesenen Platz und ermüdete nicht. Keiner fühlte es. daß dieses Schiff einen Toten mit sich führte. Hier war kein Gedanke an Grab und Nacht Nur