Ausgabe 
11.2.1915
 
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dampfen mib ihm die Heit meiner Ankunft in New ?)ork noch mittels Kabel anzeigen würde.

Ich wollte natürlich zuerst nach Groß-Runow, bekam aber noch einen Brief von Gräfin Wanda, daß die Heilung des etwas komplizierten Bruches in der Behandlung des alten Landarztes keine günstigen Fortschritte bei dem Baron mache. Es scheine sich um einen Knochensplitter zu handeln, der ans operativem Wege entfernt werden müsse, was bei dem Wter des Patienten trotz seiner großen Lebenskraft immerhin eine ernste Sache sei. Ans keinen Fall würde das Bein feine frühere Beweglichkeit wiedererhalten, und da wäre cs gut, wenn der Baron in seinem künstiaen Schwie­gersöhne eine Stütze zur Seite habe. Leiter aber wünsck>e Herr von Brencken nicht, den Dienst zu verlassen, wohl aber Zwielitsch, um in eine größere Garnison zu kommen, lieber kurz ooer lang würde sich dennoch die Notwendigkeit l)erausstellen, daß er Groß-Runow übernähme. Mit Lilli würde sie den Baron zur Stadt begleiten, nach acht Tagen aber, gleich nach der Operation, wieder nach Regenwalde zurückkehren, wo Lilli zunächst bleiben würde. Ich solle noch ein Telegramm erwarten, daß sie sich wieder in Regen­walde befinde. Das Telegramm ist soeben gekommen: alles gut verlausen. Es geht dem Patienten vortrefflich und ich bin willkommen in Regenwalde.

Es war ein lvunderbarer Augustabend. Prachtvolle Farben am Himmel, im Walde fast schon ein leiser Hauch von jenseits der Grenze, wo das Wachsen und Blühen der Jugend in der Natur aufhört und der Abstieg sacht beginnt, das Vergehen, Altern, Sterben. Biele Felder stehen schon in Stoppeln. Aus dem prachtvollen Walde sckMien oie weißen Wunden der gezeichneten Bäume hervor, die. nach der Errite fallen sollen. Hie und da fällt ein herbst­licher Flecken Braun, Gelb- Rot auf, noch sehr verfrüht, aber doch eine Anmeldung: Ich komine so sick-er, wie nur das Scheiden von allem Schönen auf Erden kommt. Und wie ich durch den Wald fuhr, mußte ich immer denkend Deutscher Wald... mein deutscher Laubwald! Bald seh' ich dich nicht mehr, sehe eine fremdartige Baum- und Pflanzen­welt, fremdartiges Wild, fremdartige Menschen. Viel­leicht ebenso gut, ebenso schön aber die Heimat? Die Heimat ist es nicht!

Mir tvar es auf einmal, als werde alles um mich her- trüber, glanzloser, als sähe ich es nur durch einen grauen Spinnn ebschleier, und ich fühlte ein dumpfes, heißes Weh, daß ich ineine Augen einen Moment schließen mußte, um nichts mehr zu sehen, bis wir aus dem Walde, dem geliebten deutschen Laubwalde heraus waren. Da lag das .Haus von Groß Runow, seitwärts am Rege nach Regenwa de, von dem Hintergründe dunkler Eichen- und Lindenkroneu hob es sich freundlich ab, ein sicheres, festes, Jahrhunderte altes Heim seinem Geschlecht. Oh, ferne Wunderwelt, in die ich ziehe, kennst du auch solch stille, festbegründete Heimat- ltziuser, über deren Schnelle schon Urgroßvater und Groß­vater als Knaben gesprungen sind, dessen schützendes Dach sich schon über den Häuptern so vieler gütiger edler Frauen gleichen Namens wölbte? Mir tvar's, als befiel mich jetzt schon Heimweh, dieses unverständliche Weh, wenn man in­mitten der Heimat lebt und wirkt, vielleicht auch leidet und sich sorgt in allerlei Not und Drangsal, denen man in der Fremde zu entgehen denkt. Ach, Not und Sorge, Drangsal und Leid, das alles packen wir doch mit in den Koffer und drüben holen wir es wieder heraus. Nur anders sieht es dort aus unter dem fremden Himmel. Und aus dieser Fahrt durch den abendlichen Wald fiel sacht und leise vom Baum meines Lebens hier ein Blatt, da ein Blatt, verfrüht noch, aber doch eine Mahnung dein ernster und reifer ge­wordenen Herzen: Ich komme, komme so sicher, wie alles Scheiden kommt vom Schönen und Liebgewordenen aus Erden. Es gibt Stunden ich habe sie schon zweimal er­lebt wo man so klar und deutlich das (Gefühl hat, daß unser Leben eine scharfe Kurve nimmt, in einen neuen Weg biegt, den alten weit im Rücken lassend. Wie ein stummes, wehmütiges Zeichen erschien mir die Reihe der verhangenen Fenster des Ruuower Hauses und einen Moment die große dunkle Haustür, fest verschlossen, als solle der .Herr des Hauses nicht wiederkehren.

Und dort lag Zwielitsch,das Paradies der Erde", ver­borgen vom Gebüsch des Schießstandes dort der ab- aebrochene ruinenhaste Turm des Klosters und dort schrägüber, hinter dem Rathausidach mit seinen! hohen Giebel und den leuchtendroten Flecken der letzten Ausbesserung j

mußte meine alte Wohimng liegen. Wer wohl jetzt da wohnte und hinübersah nach der Rarttätenbude mit dem Schilde: Wladzio Korrolewski? Ach. das war wohl gar nicht mehr da. Wie heißt es doch in dem Liede?

Vorüber, ihr Schafe, vorüber

Dem Schäfer ist gar so weh . .

Und nun Regemvalde. Beide Gräfinnen standen auf der Terrasse. Der Empfang war herzlich.

Jetzt sitze ich wieder in dem alten Zimmer von damals und schreibe und ordne meine Eindrücke. Es tut mir zu leid, daß ich das in Silligsdors unterließ. Die große Lücke be­rührt mich unangenehm, wenn ich mich in Stimmungen, Wünsche, Gedankengänge zurückversetzen will und das Tage­buch zeigt mir nur leere Blätter. Tatsachen sind am Ende das wenigste bei so einem Buch, die vergißt man ohnebin nicht. Aber all das Kleine und Kleinste, der Uranfang, die geheime Wurzel, woraus das größte hervorgeht, das ist lehrreich und läßt den Denkenden Ursache und Wirkung in ihren Zusammenhängen erkennen. Die Nacht ist sommer­lich warn!. Mein Fenster steht weit offen und ich sitze dickt davor und schreibe. Der Schein meiner Lampe fällt gelb aus die stillen schwarzen Bäume aus dem Rasenrondell und den mädchenhaft seinen Oberkörper der Diana. Es ist ein hübscher Anblick.

Abends haben wir wieder aus der Plattform nach den! Park zu gesessen. Die frischgebackene Braut war erfreulicher­weise nicht dabei. Ich habe sie noch gar nicht in ihrem Lievessrühling gesehen. Sie war nach Groß-Runow gefahren, um da irgend etwas zu besorgen, was ihr Vater nach- geschickt haben wollte. So saß ich mit den Gräfinnen allein. Ich fragte etwas eingehender nach der Verlobung Lilli Kallweins, was mir vorher bei Tisch, Auge in Auge mit Gräfin Wanda, aus einem mir selbst nicht klaren Grunde ein bißchen peinlich gewesen wäre. Meine Vermutung, daß die Sacke ziemlich rasch gekommen sein müsse, be­jahte sie. Alle Welt wäre überrascht gewesen. Nach dem roßen Urlaub im Frühling, den Brencken in Italien ver­rucht habe, sei er viel öfter nach Groß-Runow gekommen wie sonst. Die Kleine habe sich anfänglich äußerst ab­lehnend verhalten, sei geradezu kindisch unartig g'gen ihn gewesen, wie das so ihre Art war. bis sie sich endlich doch von seiner sichtlichen Liebe überwunden gesuhlt habe. Er war wohl der erste, der ihr solche Gefühle entgegenbrachte und sie ernst nahm. In so heißem Sonnenschein siel dann endlich die grüne Blatthälle von der Knospe.

^.Sie hat sich also zum Vorteil verändert urtter dem Einfuisse der Liebe?" fragte ich

Verändert wohl..." sagte Gräfin Wanda zögernd, aber nicht unter dem Einfluß ihrer Brautschaft. Ob sich daraus viel Vorteilhaftes entwickelt, muß sich erst zeigen. Sie wissen ja, Herr von Brenckens Art ist etwas laut, stürmisch, temperamentvoll, sein Wüsteres glänzend und blendend. Wer ob.nicht etwas mehr stille Innigkeit, ernst- liebevoll-s Niederbeugen zu dem halben Kinde ich möchte nicht hinzusügen, etwas mehr Tcefe, denn die mag er ja. noch verbergen besser für sie wäre? Nun, Sie »verden sie ja morgen sehen als junge Braut."

Ten Eindruck macht sie wohl gar nicht?" fragte ich lächelnd.

Nein."

Ich kann' sie mir auch absolut nicht in diesem zarten Zustande weiblick)en Erblühens denken," meinte ich lachend. Hat sich denn Brencken ihrer Reitkunst etwas ange­nommen ?"

Ach, sie ist auf kein Pferd mehr zu bekommen.' Sie sagt, sie fürchte sich und habe sich immer gefürchtet, habe es nur nicht gestehen wollen. Brencken hat ihr dann das Fahren beibringen wollen. Ws Äava.leristensrau müsse sie mit Pferden umgehen können. Aber auch da widersetzte sie s!ch. Sie fürchte sich vor Pferden und damit gut. Viel hat der böse Sturz ihres Vaters, den sie mit angesehen hat, dazu bergetragen. Da hat sie tagelang gezittert, geschluchzt und man dachte schon, sie könnte davon hysterisch werden Wenn Brencken Mut und Schneid an seiner Frau bewundern will, dann konnnt er nicht ans seine Kosten."

Jedenfalls," meinte ich,ist sie nicht nur unter dem Ecnsluß ihres Bräutigams, sondern sie hat auch das Glück dem Ihrigen, Gräfin, nicht fernzustehen."

Sie antwortete nicht gleich und im klaren Wendlicht sah !ch ein rasches schmerzliches Zucken in ihrem Gesicht. Tann sagte sie:Nun, ich habe wenigstens vor einiger !t versucht, sie mehr an mich zu ziehen, recht nah