Sao Paradies der Erde.
Roman von Ada von G e r s d o v f f.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Poncalet ist tot. Wie der von mir beauftragte Kriminal- kommissar nach monatelangen Recherchen von authentischer Seite erfuhr, hatte sich der Graf einer Abteilung russischer Regierungstrnppen angeschlossen, die gegen aufrührerische Kaukasusvölker geschickt worden war. Tort ist er bei einem nächtlichen Gefecht gefallen. Er hatte für den Fall seines Todes einen ihr« befreundeten russischen Offizier mit der Todesmeldung beauftragt, und diese ist wenige Tage nach dem Tode Oberst Behingslöwens an die unglückliche Frau gelangt. Sie ist nach England abgereist und hält sich dort bei entfernten Verwandten auf. Ich habe sie nicht mehr etroffen. Meinen Brief hat sie nicht beantwortet. Ich orte aber, das; ihr Lnngenleiden sich sehr gebessert habe, obwohl ich glaube, der Tod wäre eine Erlösung auch für sie gewesen. Vielleicht sehe ich sie nun doch noch einmal wieder.
Auch mit Gräfin Wanda habe ich zwei oder drei Briese gewechselt. Die ihrigen waren aber innner nur kurz und etwas zurückhaltend, als fehlte ihr irgendwie die Unbefangenheit.
Das darf nicht so bleiben. Ich will und kann diese Frau nicht verlieren und werde nicht ruhen, mir ihre Sympathie, ihre alte Freundschaft aufs neue zu erkämpfen, wenn ich sie mir unbewußt verscherzt haben sollte.
Silliasdors, Juli. Ich habe einen Brief aus Südamerika eryalten von der „Hacienda Grassenberg". Ich hatte dem Leutnant vor einigen Wochen geschrieben, ihm meine Verhältnisse, meine Ideen und Hoffnungen dar- gelegt, mich auf die Empfehlung Baron Kallweins berufend, und hatte ihn um seine Ansicht gebeten, ob sich mir dort wohl Aussichten für die Zukunft öffnen könnten. Die Antwort war außerordentlich liebenswürdig, ja sogar herzlich kameradschaftlich. Er freue sich geradezu über meinen Plan und erwarte mich auf direktem Wege auf seiner ausgedehnten meilengroßen Farm. Tr gäbe es für mich ein kolossales Arbeitsfeld. Er hat viele Hunderte von Arbeitern, zumeist eingewanderte Landsleute, die er allen andern als tüchtige Landarbeiter vorziehe, besonders loenu sie frisch, noch unverdorben ans ihrer Heimat kämen. Der Deutsche würde selten besser durch amerikanische Einflüsse in großen Städten, wohl aber streife er nur 511 leicht seine guten, spezifisch deutschen Eigenschaften ab, um dafür die Fehler der Amerikaner anznnehmen. Aber unmittelbar vom Answan- dererschisf weg engagiert, wie er das durch seine Agenten, bewirken lasse, behalte der deutsche Arbeiter seine Vorzüge. Schon lange fehle ihm eine geeignete Persönlichkeit als Inspektor, der sich Vertrauen und Respekt bei der bunt zusammengewürfelten Menge 51t verschaffen wisse. Nach meinem Briefe und seinen eingehenden .Erkundigungen über
mich schiene ich ihm der Mann zu fein, nach dem er schon lange vergeblich fahnde, denn er würde sehr glücklich sein, in seinem Inspektor auck einen Gesellschafter für sein persönlich sehr einsames Leben zu bekommen, da er seit einem Jahre Witwer und ohne Kinder sei. Besonders würde ihn noch dabei freuen, zugleich dem Kameraden die helfende Hand zu reichen. Er bot mir sofort ein Gehalt, das mein Jahreseinkommen als Leutnant samt Tante Lallis Zuschüssen weit iiberstiog. — Ich solle nur keine Zeit verlieren mit dem Weiterstudieren an einer deutschen landwirtschaftlichen .Hochschule, sondern mich sobald als möglich aus den Weg machen. Die Praxis sei unter allen Umständen dem theoretischen Studium vorzuziehen.
Ich werde reisen, sobald ich hier meine Privatange- legeuheiten, die nicht sehr umfangreich sind, abgewickelt habe. Eigentlich sind das nur Zwei Abschiedsbesuche: Regenwalde uitb Groß-Runow.
lind reiten wird man ja da auf dem meileugroßeu Besitze wohl dürfen und sogar müssen. Famose Pferde givt's sicherlich, sogar wilde. Werde mir eins einsangen und zähmen. Donnerwetter! Das wäre was für mich! Ich habe nach Groß-Rnnow und Regenwalde geschrieben und mich für Mitte August, nach der Ernte, angemeldet.
S i l l i g s 0 0 r s, A u g u st. Ein Brief von Gräfin Wanda! Baronin Kallwein ist mit den: Pferde gestürzt und hat sich einen Bruch des linken Oberschenkels zugezogen, und seine Tochter Lilli har sich verlobt? — Mit Breucken II, über den sie mich vor Jahr ltub Tag aus der ersten Jagd iu Groß-Runow fragte: „Finden Sie Herrn von Breucken nicht auch reizend?" Ich habe ihn nie reizend gefunden. Aber Mädchen haben ihren eigenen Geschmack. Und ein hübscher Kerl ist er ja mit seinem langen blonden Schnurrbart und bou leuchtenden, tiefblauen Äugen. Ist schon so einer, der sich, wenn er's daraus anlegt, so ein ganz junges Mädelherz im ersten Sturme erobert.
So schnell hat dies kleine heiße .Herz mich vergessen und beit „Rechten" gefunden, dem es jubelnd zusliegt, nachdem ich es nur „erweckt" habe, wie Gräfin Wanda dainals sagte, hinzufügend: „Möge es der Rechte sein." Hoffen nur es, aber — ich glaube es nicht. Ob der Vater darüber sehr erfreut ist? Dem hat die Kleine, seine Einzige, wohl ihr Glück einfach über den Kopf weggenommen. Was will er am Ende machen? Krank liegt er dazu auch noch, und überdies ist sie jetzt um ein ganzes Jahr älter, beinah Achtzehn, das macht in dieser Altersstufe bei den Mädchen viel aus! Brenckens Ideal war sie früher nicht. Aber das große Vermögen hat seine Reize, koeun er auch selbst ein reicher Junge ist. Hatte die größte Zulage im ganzen Regiment. Konnte sic in Zwielitsch gar nicht anders vertun als mit dein Jeu. Muß die Kleine also aus Liebe heiraten.
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R e g e n walde, A u g u st. Ich habe meine Hütte iu Silligsdorf abgebrochen und eilten Briej an Graffenbcrg geschickt, daß ich iu zirka acht Tagen von Hamburg ans ab-


