Ausgabe 
10.2.1915
 
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eisernem Willen, wo ich mir auS meinem alten Paradies wenigstens bewahren kann . . .

Gesundheit des Leibes,

Aus dem Rücken der Pferde!"

Apollo bei Gräfin Wanda zu wissen, ist ein sehr be­ruhigender Gedanke. Ich »mißte »vohl, daß sie ihn nehmen und mir doch nicht »vegnehmei» »vollte. Sie ist mir viel ge­wesen und »vird mir immer viel sein! Was habe ich in meinem kleinen Paradies, der kleinen armseligen, lang­weiligen Garnison, für edle Menschen kennen gelernt! Jeder in seiner besonderen Art und doch mit derselben Fähigkeit zur Freundschaft, Liebe, Opferfreudigkeit: der Komman- oeur, seine Gattin, Gräfin Wanda, Poncalet, der sein Leben ließ für seine Freunde, bu - o du, Tatiana. Tatiana, Baron Kallwein und »ver »veiß, »vie viele andere es noch gibt, die ich nur nicht Zeit hatte zu entdecken. Mein guter alter Meier, der im Herbst zur Reserve entlassen »vird, ist von Gräfin Wanda als Stallaufsicht für das Gestüt enga­giert worden und »vird Apollo weiter in Pflege behalten. So einen schlichten Vertrauensmann, der nicht nur seinen gesunden Menschenverstand, sondern auchPferdeverstand" hat, hat sich die Gräfin schon längst gewünscht. Meine Woh­nungseinrichtung, die doch noch aus meinem Elternhause stammt, hat Baron Kallwein ans einem seiner Speicher unterbringen lassen, wo er überreichlich Platz zu haben behauptet. Der Becher meiner Tankbarkert gegen die Men­schen »vird allzu voll!

Lebe wohl, mein Zwielitsch, meine dailkbare Erinnerung »vird dir für immer gehören, denn ein neues Gefühlsleben ist mir in deinen grauen Mauern aufgegangen und das höchste Glück habe ich in dir gesunden. Wie oft wachte ich des Morgens ans mit dem Gedanken:Kann das Leben denn wirklich so schön sein?" Kurz nur »var ja »nein Ber- »veilen l)ier. Aber »ver »veiß, ob es auf die Länge der Zeit so schön geblieben wäre. Zuletzt ka»n ja doch schon der Engel mit dem feurigen Sch»vert und schied mich von dir Ta­tiana! Aber das hat nicht anders sein können, ich sehe es jetzt ganz klar. Und sei's drum:

Einen Augenblick gelebt im Paradiese,

Ist nicht zu teuer mit dein Tod bezahlt!"

*

SilUgsdorf, Juli 1905. Volontär bei Herrn Amt- mann Brssrng.

Ei»» ganzes Jahr lang habe ich dieses Buch nicht ge­öffnet. Ich habe keine Zeit gehabt, mich mit diesem alten Freund zu unterhalten. Wenn ich abends einmal nachtragen wollte, ach, dann hatte sich der Stofs immer schon viel zu sehr angehäuft, und dazu war ich denn doch zu müde. Um neun Uhr abends liebäugle ich schon mit dem Bett, und langer als bis zehn Uhr vermochte ich nicht aus den Schlaf zu verzichten, obwohl mich iin Anfang das Bedürfnis, noch ettvaö zu lesen, um mich zu bilden, noch erhielt. Geschrieben habe ich ja auch im Winter, »vo die Arbeit nicht so sehr aber es handelte sich nur um Fachwissenschastliches, Land»virtschaftl»ches, um Handelswissenschaften und Buch- kldrung Wenn ich im Herbst auf die landwirtschaftliche Hochschule gehe habe ich dann schon einen gute»» Gr»»nd, gelegt. Natürlich habe ich auch hier wieder Leute gefunden, die nur freundschaftlich entgegenkonunen, mir helfe»» und E. ^b»n Arbeiten und Streben zum reinen Vergnügen machen. Das schone, mich ehrende und beglückende Ver­trauen br»»»at man mir auch hier entgegen. Mir sind Ar­beiten und Verantwort«»»^»» übertragen »vorbei», die »nanch anderm, der tven»ger Glück hat, erst nach jahrelanger Er­probung anvertraut »verden.

Ich glaube wirklich, das Paradies der Erde ist a» keinen »«stimmten Ort gebunden, und wenn man's nirgends findet dann steckt es »och am ehesten in fröhlicher, gesunder, gern getaner Arbeit. Aber Tagebuchschrciben war bis hent/nn-

Arbei^rh^rr®!Störte der dringend notwendigen Arbeit. ^,ch will nicht sagen, daß die geivissenhafte ehrliche

eines Tagebuchs nicht auch eine ganz nützliche Ar- lD Ü"" ^ keine Notwendigkeit! Aber dazir SJL K fi r ma " b ? e nicdergeschriebenen Erlebnisse, Gefühle und Gedanken gelegentlich reslektierend wieder durchlieft *l r 9 e l cue zur Nutzanwendung ins Äc° ^.EntS iurüikust. Manches Gute und Liebe, das inan von

ch^ie!? ^1" n,a " sich längst nicht mehr er-

JWhndadurch in unserm Herzen, in unsrer Dankbarkert »vieder auf; »»»auch Versäumnis kommt »»n«^ reuig znin frischen Gedenken und man freut sich, wenn man

nock gutmacben oder nachhvleu kann. Jetzt ab^er »lirnmt mein landwirtschaftliches Tagebuch meinen ganzen Rest an Zeit völlig in Anspruch. Da kommt »»ichts andres hinein, als was der Tag an Erfahrungen und Ereignissen im land- wirtschaftlichen Leben mit den für mich daraus hervorgehen- der» Reflexionen und Folgerungen gerade bringt. Das »st ein außerordentlich gutes Förderungsmittel für »neine Lehrzeit, und der Amtrnann hieß es sogar vortrefflich.

Wie viele Stunden hat man als Leutnant in kleiner Garnison in geschäftige»», Müßiggang verbracht, ohne dabei vorwärts zu kommen. Gewiß verlangen die »uilitärischen Pflichten auch ihren ganzen Mann, und sie vertiefen ihn, lv-enn sie ernst anfgesaßt werden, »vie jede Arbeit, die mit Ueberzeugung, »nit Liebe zur Sache getan wird. Aber »vie viel ungenützte Zeit lassen jene Pflichten übrig. Ganz anders verhält es sich bei der Landwirtschaft' Selbst im Winter hockt der Landwirt nicht hinterin Ofen. Auf größeren Gütern gibt es auch in dieser Zeit keinen Stillstand und jede Stunde hat ihre Bestimmung. Da ist das Vieh, die Pferde, der Wald, die Baulichkeiten, die Rechnungsarbeiten, die Schlachtereien, die Verkäufe, die Beobachtung der Felder, die Züchtungsvor­bereitungen. Hier wintert das Getreide in langer Kälte aus, dort schließt der Raps zu dick bei lauher Witterung, da muß umgebrochen und wieder gesät werden. Dann gibt's, »vie bet uns hier die Ziegelei, den Torsbruch. Ich kann »licht sagen, daß ich »in Winter hier zum Faulenzen kornme. Gott sei Dank, mcht. Mit meinen Erinnerungen und Träuinen von einst mich zu beschäktiaen, fehlt's mir oft an Lust und Mut. Ich bin sogar dabei, auf manches Erde u»»d »vieder Erde zu Haufen, mir es ganz zu begraben. Ich war Soldat mit Leib und Seele u»»d hoffte meinem König und Baterlande noch wichtige Dienste zu leisten. Vorbei! Ich liebte das Weib dich, Tatiana, Tatiana! mit Leib und Seele und

irrit ganzer Inbrunst und Kraft..- Vorbei! Eide Erde des Vergessens darauf *u häufen, ist noch immer »nein Be­mühen Wo »nagst du sei»»? ... In dunklen Nächten, tvenn der Wind durch die alten Rüstern des Parkes heult die Eulen und Käuze ihr melancholisch eintöniges Winseln und Rusen hören lassen, dann schrecke ich oft aus bleiernem chla e auf in rasender Sehnsucht nach dir, »vie damals, als » erfuhr, daß es nie ^ein kann nie . . .

Ich bin ein Landkind und hatte schon als Junge viel Interesse an dem Wirtschastsgetriebe. wenn mein Vater mich in den Ferien ein bißchen einweihte. Zum Reiten bin ich hier freilich ln diesem Jahre säst gar nicht gckoninicn. Als Volontär muß man seine Arbeit zu Fuß abmachcn. Nur der Inspektor reitet. Amtmann Vissings Stall ist nicht sehr glanzend mit Luxuspserden versehen. Um so gediegener ist bas Material an Arbeitspferden. Der alte Herr ist ein leuch­tende- Bei,picl Nie ermüdender Tätigkeit. Meine abendlichen Unterhaltungen mil ihm sind die reinste Schule für mich wozu dann noch der praktische Anleitungsunterricht kommt' auf den er sich famos versteht. Er ist Witwer und hat zwei verheiratete Töchter - Ich bin ihm durch Baron Kaliwein empfohlen worden. Der Amtmann wundert sich, daß ich mich gerade für die Landwirtschaft entschieden habe, da ich doch weder Aussichten besitze, ein Gut zu erben, noch Geld, mir eins zu kaufen Güterdirektor wäre dann das Höchste, was sch nt diesem Fach erreichen könnte. Er freute sich, als ich ba J, T!# °'^ntlich Lust und Interesse für die Sache zu dieser Wahl bestimmt hatten, und daß ich möglicher­weise außer Landes gehen würde, wo man vielleicht doch leichter mit der Zeit zu etwas Eigenem kommen könnte.

.. . babc an Baron Kallwcin gelegentlich einmal ge- schrieben, ob er etwas Genaueres über den verabschiedeten Offizier wüßte, von dem er mir unter anderm erzählt hatte, haß er sich in Südamerika eine auskömmliche Existenz ge­gründet habe und ob er es für wahrscheinlich hielte daß ich dort einen Anhalt an ihm finden könne. Er ermutigte mich in seiner Antwort und gab mir die genaue Adresse des Leut- nants von Grassenberg. der,etzt etwa fünfzehn Jahre drüben ser, Er habe noch vor zwei Jahren von ihm gehört und die Geldsumme, mit der er ihn seinerzeit slott gemacht, längst "^?"ru^erha>ten. Er meint. Mima und Boden- beschafienhert erforderten dort eine ganz andere Ausbil­dung des Landwirts als bei uns, doch sei es durchaus richtig hier erst einen gewissen festen Grund zu legen. ;

(Fortsetzung folgt)