Mittwoch, den 10. Zebniar
MPH
Das Mradies der Lrde.
Roman von Ada von Gersdorfs.
Machdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Zwielitsch, „Eldorado", nachts. Ich war in R-egenwalde. Mit Beschämung denke ich daran, das; ich nutzt etwa aus Bescheidenheit, o nein! sondern gerade herausgeiagt aus Feigheit nicht mehr hingegangen war, halb schuldbewußt, halb geniert in einer Sache, die nur in meiner Erinnerung tiefere Bedeutung- gewonnen hatte. Wie einfach schlicht, wie vornehm liebenswürdig kam sie mir entgegen! Freundschaftlich, kameradschaftlich, ohne jede Nuance ins Mütterliche, m der sie sich damals, vielleicht in Anwandlung von zarter Koketterie, gefallen hatte. Warum ich sie so lange gemieden habe, fragte sie gar nicht, aber so eine halbe Heuchelei hatte ihr auch gar nicht ähnlich gesehen, denn sie wußte das doch jedenfalls. In der schweren Schicksalswendung, die über mich gekommen und mit der ich sie bekannt machte, ging ohnehin alles Nebensächliche unter. Weißer, viel weißer schien mir ihr Haar geworden und die scharf ausgeprägten Züge ihres klugen Rassegesichts traten noch herber hervor. — 2 ") (klaube nicht, daß selbst der „Situationszauber" mich jetzt lioch hatte umgarnen können, ganz abgesehen von der Erinnerung an meines Lebens große ewige Liebe. Ich kannte sie letzt, die einzig wahre, die nur einmal im Leben ihr Flammenmeer in eines Mannes Herz ergießen kann — ich war gefeit gegen jede andre Liebe.
Aber sehr wohl fühlte ich mich wieder bei ihr. Alles Kleinliche, Niedrige, alles Eiigherzige und Uiibebeutenbe scheint sich in ihrer Nähe wieder von mir loszulosen. Weit lat sich mein schwergedrücktes Herz auf, als ich ihr wieder gegenübersaß. Nicht in heimlicher Nachtstunde am phantastisch flackernden Kaminfcner, unter den täuschenden Lichtreflexen der großen Fluranrpel, die die Geweihe und gehörnten Häupter, die funkelnden Glasaugen der toten Waldkönige schier unheimlich lebendig aus dem Schatten der braunen Eichendecke hcrvortreten ließ, sondern aus der offenen Terrasse im verglühenden Abendlicht, das still und weich, kaum ein mattes Rot noch in den blaßblauen Himmel sendend, über dem düster ernsten Parke lag. Bor uns eine breite Allee von hohen schwarzgrünen Edeltannen, an deren Ende die weißen Mauern des Mausoleums herttbergrüßteii. Da kam allmählich alles, was tief in meinem Herzen lebte und nicht sterben wollte, alles, was es an Jubel und Qual, an Not und Pein auch in Schuld und Reue erlitten hatte,
über meine Lippen_ Oh, wie das sänftigte, klärte und
aufatmen ließ, sich ohne Rückhalt aussprechen zu dürfen! Und wo das rechte Wort versagte, da fand es meine Zu Hörerin, wo ich ratlos stockte, befangen abbrach, da voll endete ihre schöne leise Altstimme den zaghaft aus meinen Lippen stockenden Satz, Unklares lichtend. Allzugrelles be
schönigend. Endlich kehrte ich dann doch wieder auf die Erde zurück und siel sogar in meinen alten Leutnants von, als ich ans Lilli Kallwein zu sprechen kam, deren individuelle Eigenart für mich jedes weiblichen Reizes entbehrt und von ihrer mir so nnverhüllt, so kindlich gezeigten Vorliebe -h L iebe wollte ich nicht sagen — erzählte. Mich selbst schonte ich freilich auch nicht, wobei sie übrigens meine scharfe Selbstverspottung wegen meiner unbegründeten Befürchtungen, mit Gewalt geheiratet zu werden, ohne Widerspruch passieren ließ. Ein Lächeln vermochte ich ihr durch meinen recht erzwungenen .Humor nicht 511 entlocken, sondern sie sah mich ernst und schweigend dabei an, so daß ich das Thema meiner eigenen Erleichterung bald verließ und auf meine Verehrung und Dankbarkeit für den hochherzigen Freund überging, den ich in Lillis Vater gewonnen hatte. Da nickte sie bestätigend und vertraute mir an, daß sie für diesen Mann einst, vor vielen Jahren, die große Liebe ihres Lebens gefühlt habe, als er schon gebunden lvar, in fcpioec unglücklicher Ehe mit der viele Jahre jüiigeren bildschönen Frau, die erst vor zwei Jahren im Auslände gestorbeii sei.
Es ist schade, daß dem Baron kein Sohn beschieden lvar. Der hätte in ihm die rechte Führung gefunden, um ein ganzer Mann zu werden. „Arme, mutterlose Lilli," sagte sie sinnend, „armes kleines Mädchen mit der verhängnisvollen Erbschaft eines heißen ungebändiaten Herzens! Das Gefühl, lvas sie Ihnen schenkte, ist nur Kinderspiel, ist das erste unbewußte Erwachen des unschuldigen Herzens. Aber wenn einst der Mann kommt, dem dieses durch Sie enoeckte Herz in bewußtein Sehnen jubelnd zufliogen wird, hoffen wir dann nur, daß es der Rechte sein möge, der es versteht, die grüne Hülle von der erblühenden Rose zu streifen. Mit dieser Hülle wird alles fallen, was jetzt als unschön und unweiblich an ihr irritiert..."
Sie schwieg und ich weiß iiicht, warum mein Gesicht so brannte, trotzdem der Abend merklich kühl geworden mar. Ich blickte still in die dunklen Schatten der Totenallee. Der Wind bewegte die Wipfel der schwarzen Tannen und über die weiße Kuppel des Mausoleums stieg langsam eme dunkle Wolkenwand empor.
Gräfin Wanda hat Apollo gekauft. Für dreitausend Mark bares Geld! Und sie hat mir das Rnckkaufsrecht zu jeder Zeit freigestellt. Wie gut wird's mein geliebtes Pferd haben, wie vernünftig und liebevoll Arird es behandelt werden! Ich habe absolut nicht das Gefühl, es verloren zu haben. Nur in Pension habe ich's gegeben, bis rches nur wieder holen kann Und das werde ich, das will ich Das soll mir ein Lichtstrahl sein, wenn ich jetzt hinansziehen werde, mir eine (tzistenz zu gründen. Freilich, lvenn ich nun eine sinde, ivo ich absolut kein Pferd halten nn« brauchen kann, wohl aar eine sitzende, stubenhockende, ungesunde Tätigkeit? Ach, das kann ich mir ja gar nicht denken! Ich muß nach einer suchen mit allen Kräften und


