Ausgabe 
8.2.1915
 
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keberech» Hühnchen im Schützengraben.

Nach Briefen unserer Feldgrauen.

Bon Fritz Mack.

Aus Feldpostbriefen kennen wir die ungeheuren Strapazen, die Ar uns kaum vorstellbaren körperlichen und seelischen Leiden und Entbehrungen, die unsere Tapferen draußen iit den Schützengräben erdulden. Mit einem aus Mitleid und Bewuitdernng gemischten Gefühl lassen wir diese Zeugnisse eines stillen Heldentums, die kür uns zu ergreifenden Dokumenten von der schrankenlose»! Opfer- sreudigkeit unseres Volkes wurden. Demgegenüber gewährt es gerade uns Zurückgebliebenen eine gewisse Beruhigung, wenn wir hie und da rn Briefen aus dein Felde davon hören, »me unsere wackeren Feldgrauen in einer bewunderungswürdigen Anpassung an die Umgebung und an die als notrvendig erkannten Verhält­nisse in ihren Erdhöhlen sich eine gewisse Gemütlichkeit geschaffen haben. Diese Briese, die uns teilweise wie Geschichten eines freund­lichen Märchenerzählers anmuten und die nur ganz seltene Ein­blicke in die wandlungssähige Mcnschennatur gewähren, erwecken die Erinnerung an des Dichters Heinrich meidet unsterblichen Leberecht Hühnchen. Sie künden uns ettvas, das dein ^Gerste dieses liebenswürdigen Philosophen der Zufriedenheit und Selbst­bescheidung verwandt ist, etwas, das der Art dieses Genius der Anspruchslosigkeit gleicht, das aus allen Blüten süßen Honig zu saugen veicktand und die trostlose Gleichförmigkeit des Alltags durch die traft seiner immer festlich gestimmten Seele zu ver­schönen, zu verklären wußte. Geistesverwandte dieses prächtigen Leberecht Hühnchen müssen es in der Tat gewesen sein, die, mit den bescheidensten Mitteln, lediglich aus einem unbestimmten Ge­fühl der Sehnsucht nach dem Schönen heraus, sich und ihren Kame­raden eine Alnwsphäre von Wohnlichkeit uub traulichem Behagen schufen, mitten im Kampseslärm eine Stätte heimeligen Friedens zu errichten. Zeit und Laune fanden.

Da gibt z. B. ein Nürnberger, der im Norden Frankreichs steht, seinem Bruder folgende briefliche Schilderung seines Heims: Wir hier draußen sind zurückgestiegen ins Nomadenzeitalter und weiter zurück ins graue Höhlenmenschentum, und weil die Höhle des zwanzigsten Jahrhundert-Mensclten noch nicht unserem Kopf entfchlvunden ist, erleben wir die Wunder wieder, die der Abstand zwischen Sehnsucht und Wirklichkeit ermöglicht... Es hatte geschneit, durch lauge 3V* Stunden gings übers weite weiße Land Unter dem tiefblauen ausgesternten Firmament. . . . hinunter Zugs in die glitschigen Gräben. Mein Spielmann suchte den Unter- and. während ich meine Wache ansstellte. Daun kam ich selbst s Loch zu kriechen, schicksalsergeben. Eine enge Pforte mit Wachs­luchhang, dann doppelte Zeltbahnportiere und etwas weiter noch eine Leintnchportiere. Und drinnen faß im traulichen Lampen- schein beim strahlenden Ofen mein Spielmops wie der selige Kaiser Barbarossa. Ein Quartierle! Beinr Kriegsgott! lieber schweren Bohlen eine getäfelte Decke aus Türen und Läden, mit Hafer gedeckt. Tic Wände mit Gewebe tapeziert (Leintücher), ein Tisch im Winkel wit Stühlen zwischen Tisch und Ofen, ein behaglicher Rohrsessels der Abzug des Ofens unterstützt durch seitlichen Spielraum im Fenster, durch das am Nachmittag die Sonnenstrahlen schief herein­hingen u»tb die Stube mit heimlichem Halbdunkel füllten, während die Tabaksschwaden sich der Decke entlang wälzten. Tic Matratze im Winkel. An der Wand ein Brett mit Zinntellern, gemalten Tel­lern und nützlichem Hausrat. Aus bem Tisch als Vertreterin der schönen Künste eine Ziehharmonika, die Kirchweihgedanken weckte.

der Heimat" . . . Nachmittags gabsBaches", eine fränkische Na­tionalspeise. Eine Schokoladenkruste hob das Gebäck in eine höhere Sphäre . . ."

Ein Artillerist, ein biederer Hesse aus Darurstadt, singt dem dem Leben in den lelbstgebanten Hütten an einem» Bergabhang sol

i iendes Loblied:So grausam das Kriegslcben ist, so hat es auch eine s ch ö n e n Seiten . . . Jedes Geschütz hat sich zwei wunder iorc Häuser errichtet, eine Wohn- und eine Schlafstätte. Am linken Flügel liegt unser Haus. Zunächst kommst Du durch einen Garten, mit Kiefern und Wachholdcrbäumen bepflanzt. Eine Bank mit herr­licher Fernsicht ladt zum Ausruhen ein: nachmittags unrb dort Kaffee getrunken. Durch ein Vestibül, links Garderobe, kommt man in den Wohnraum. Die Wände so hoch, daß man bequem stehen kann haben Stofstapete (Säcke). Oben herum läuft ein Paneel, auf dem unsere Sachen liegen. Wandschränke für Zigarren sind rechts und in der Mlitte der einen Seite des rings mit einer strohgepolsterten Bant eingefaßten Raumes eingelassen. Hinten ein Ofen, in dem Holzscheite dauernd brennen. Durch eine Portiere laus Stroh geflochten) abgearenzt, ist links der Schlafraum: Drei feine Betten aus stehengebliebenem Erdreich siird dick mit Stroh belegt. Die Kopfkissen, mit Federn geschlachteter Hühner gefüllt, mrd gepolsterte Leibbinden. Dicke Wolldecken stehen zur Verfügung. Etwas abseits liegt der Vorrats- mrd Baderaum . . . llnsere Leute lind größtenteils aus dem Rheinland. Da solltet ihr mal alle die Bilder an den Wänden sehen, die sie gemacht haben, ll. a. haben wir einen Maler unter uns. der brillante Militär Karikaturen, und einen Sänger vom DMeldorser Stadttheater, der für Unter­haltung sorat . . Zum Kaffee gibts belegte Brote, dann folgt em zweites Frühstück, Mittagstisch stets warm und Kaffee, abends

oft warm, wenn wir Gesellschaft haben. Wildgans. Hasen, Feldhühner, Damwild schießen »vir selbst . . Man dark es dem Schreiber dieses Briefes aufs Wort glauben, wenn er sagt, daß manche von seinen Kameraden auf diese Weise im Schützen­graben besser leben wie zu Hause.

Auch in den Schützengräben in dem weit unwirtlicheren 0 st e u versteht man sich auf Gemütlichkeit. Da beschreibt ern im Zivil beruf als Journalist durchs Leben wandernder Kavallerist ein Haus zum großen Brummer" benamstes Blockhaus in den Wäl­dern Polens in folgender anschaulicher Schilderung, die denMann vom Bau" unschwer erkennen läßt:Der einsame Wanderer, der etwa aus b'en Gedanken käme, nachts hier im moorigen Dickicht herumzustreifen, würde init Recht erschrecken, wenn er plötzlich vor unserer Behausung stände. In Manneshöhc würde ihm aus einmal ein grelles, rotes Licht entgcgenleuchten und Kinder- crinnerungcn an Irrwische und Nftentänze wachrufen. Erst bei näherer Betrachtung könnte er seststcllen, daß er sich vor einein Blockhaus befindet. Unsere Watdvilla ist es, aus deren einzigem Fenster das Licht einer kleinen Lampe mit rotem Schirm, kunst­gerecht aus gefärbtem Butterbrotpapier gefertigt, leuchtet. Wir steigen vom Gaul und sind im nächsten Augenblick im E m p - sangssalon. Nägel in dm Balken a» der Wand dienen zum Aufhängen der Mäntel und Röcke. Ein großer alter Teppich trennt nach nwrgenländischer Art den dunklen Borraum vom Hanplzrmnrer, das Wohn-, Schlaf- und Sveiseraum zugleich dar- nellt. Fünf Stufen mit Holz bekleide führen in den Salon hinab. Den Besucher empfängt sofort mollige Wärme, erzeugt in einem eisernen Ofen, beffeu langes Rohr durch die Decke führt. In der Mitte befindet sich, auf vier Pfählen in die Erde gerammt, der Tisch. Ein Stück Wachstuch ist daraus genagelt worden und ersetzt das Tischtuch. Die Wände sind sorgsam mit Ouerbretten» verkleidet. Zimmerschmuck ist überreich vorhanden. Die Bilder Kaiser Wilhelms und Kaiser Franz Josefs prangen an der Wand. Ausschnitte aus illustrierten Zeitschriften ersetzen die Tapete; sogar ein Spiegel ist da. In der Ecke, auf einem abgesägten Baumstamm, steht ein Gramntophoti . . . Auf dem Ofen brodelt das heiße Wasser im Tops, das uns zur Bereitung des ostpreußischen Maitrankes" und anderer Getränke dient. Allzeit hilfsbereite Fernsprecher tragen allerlei nette Sachen aus derFreß- kiftc" ans. Die Liebesgabe»: gehören ja wohl allen, unb alle neh­men. an den seltenen Genüssen teil, die ein zarter Lachsschinken und eine prächtige Straßburger Gänseleberpastete zu bieten ver­mögen. Vorher gibt es eine kräftige Erbsensuppe, mit frischem Fleisch gekocht . . . Tann wird eine der Liebesgabenzigarren an­gezündet unb ans später Kommende gewartet. Irgendwo hat man das Granmwphon ausgezogen. Bald klingt die Melodie, die für un­sere Stimmung paßt . . . Ticker ist der Rauch im Zimmer ge­worden. Der Ofen schivält, der- Qualm der Lampe beizt die Lkugen Doch »vir sind glücklich, ein Feuer und ein Licht zu haben . .

Tiefer schälende, insbesondere kulturhistorisch geschulte Leser »»lögen aus den mannigfachen Nebereinstimmungen in der Einrich­tung und im Bau dieser Erdvillen Schlüsse aus etwaige atavistische, vom Höhlemnenschen uns überkommene Anlagen schließen. Der gewöhnliche Betrachter »vird diese Briese lediglich nrit dem Gefühl der Genugtuung lesen, die »vir über die gute Nachricht von einem Freunde zu empfinden pflegen.

* Vom Tabak des russischen S v t b a t c u. Der Tabak spielt nicht nur bei unseren tapfern Truppen eine große Rolle, sonder»» auch die Stimmung der feindlichen Soldaten wird durch das narkottsck»e Kraut sehr beeinflußt. Besonders der rus­sische Soldat raucht mit Leidenschaft, imb immer lauter und dringender »vird der Ruf nach Tabak in den Heeren des Zaren. Verwöhnt ist er ja nickst, imb von welcher Dualität die Ziga retten sind, die aus Rußland an die Front gesandt »verden. geht ans der Tatsackn hervor, daß diese Zigaretten pro Tausend nur sieben Mark kosten. Aber dieser Zigarrentabak ist noch vorzüglich gegenüber dem ge»vöhnlichen Pfeifentabak, dem sogen. Machorka, der dem Gaumen des russisck>en Streiters am meisten zu sagt. Dieser Machorka, den die Soldaten des Zaren in sehr kleinen Pfeifen rauchen, sieht aus »vie Vogelfutter uird hak einen Ge schinack-, von dem eil» nicht russischer Berichterstatter mitteilt, nur eine mvskvwrlische Zunge könne ihn vertragen. An diesem Machorka hängen die russischen Soldaten nun mit einer Leiden schuft, die zur Verachtung jeder andern Tabaksorte führt. Der Erzähler besuchte ein russisches Lazarett und dot den kranken Soldaten ägyptische Zigaretten und gute.Havanna Zigarren aus seiner Zigarrentasche an. Die Leute nahmen dankend, denn die Höflichkeit verbot es ihnen, eine so wohlgemeinte Gabe abzulehnen Mer »vie »vcnig diese teuren Zigarren und Zigaretten vo»l ihnen geschätzt »mirbfli, ergab sich daraus, daß sie sie »vegwarsen. als eilte Schlvefter mit einigen Paketen des geliebten Machorka er schien. Eifrig stopften sre dai»n die schmutzigen Körner in Ihre kleinen Pfeifen. Welch groß»' Rolle der Tabak auch in Rnszland im Kriege spielt, bannt wird man aus Schritt u»td Tritt /;if den Straßen, von Petersburg gemahnt. Ueberau finde»» Samm lungen statt, un» Tabak an die Front gt schicken In den Theatern Anmnen die Schauspieler und Schauspielerinnen in