Ausgabe 
6.2.1915
 
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Die Botschaft der Brotes.

Bon Martin P r o s k a u e r.

Der langbeinige $>od>Iäiiber gtt,g mit geschultertem Gewehr vor dem Eingang deS Inder-Lagers auf und ab. Schwarz und kalt lag die Nacht über den kahlen Bäumen zwischen den erd­braunen Zellen, und von fern her trug der Wind daS tiefe Dröhnen des Kanonendonners. Plötzlich fuhr der Posten ans und horchte in das Dunkel.

Aber er sah den irrdischen Sergeanten nicht, der f(acl> an den Boden gedrückt im Schatten lag und mit finstern: Gesicht Nach dein Hochländer starrte. Der Posten lauschte einen ?lugen- blick, dann ging er mit langsamen: Schritt beruhigt seinen Wach> gang vor der Lagerpforte lveiter. Ter Jrrder hatte den Sol baten, aus dunkeln Augen starrend, verfolgt, jetzt kroch er ge­räuschlos weiter, kreuzte tut Schatten der Bäume den Weg und verschwaird auf der anderen Seite der Straße. Bald «var er auö der Hörweite deS Postens gekoimnen, halb gebückt richtete er sich auf imd eilte an: Rande des Gehölzes davon, bis e:n§ Reihe spitzer Zelte vor ihm anftauchtc. Vorsichtig ging er weiter toub sab sich suchend um. Ein iirdischer Soldat kam hinter einem Zelt hervor, der Sergeant rief ihn an:

Hollah, Du Sepoy, wo ist das Zelt der Vorgesetzten?"

Ter indische Infanterist richtete sich auf:

,,Dort in den: großen Zelt hinter der Stange wohnen die Offiziere; und da drüben," er zeigte auf ein breites, flach hin- gelagertes Gebäude aus Zelttüchern,ist das Zelt der Korporale!"

Seit wa:ut seid Ihr hier im Faringi-Lande?"

Seit Neumond!"

Ter Sergeant winkte ab:Gut, geht!"

Daun ging er ans das Zelt der Unteroffiziere zu. Bor dem Eingang blieb er stehen uick) bückte sich lauschend, dann schob er den Vorhang zur Seite und trat ein. In dem niederen Raum saßen .auf den Knien hockend etwa dreißig indische Soldaten, aux dem Kopf den Turban, in Kakhi-Uniform gekleidet, alle Mis den: Aermel die Tressen der Urtteroffiziere oder Korporale.

Der Erntreteirde hob grüßend die Hände:

Gute:: Abend, Kameraden! Ich bin der Tuffadar Nihal Singh von den 4. Bengal-Reitern. Heute" nach Sonnenunter­gang kamen wir hier im Lager an, erst seit gestern sind «vir un Lande der Faringi!"

Die bärtigen dunklen Gesichter der Inder wendeten sich den: Sprecher zu, doch alle schwiegen. Endlich sagte ein alter Soldat Mit den: Abzeick^en eines Unteroffiziers, dessen weißgrauer krau­ser Bart seltsam den schwarzbraunen Kopf umrahmte.

Set willkommen, Tuffadar, u:ü> setz' Dich! Warum kommst 5&u in der Nacht?"

Der Bengal-Reiter lachte grimmig:

Weil ich wie ein feiger Hund mich fortschleichen mußte! Weil die Sahib-Offiziere verboten habe::, das; einer von unS Nnren das Lager verläßt und mit Euch spricht!"

Der Alte ließ daS Mundstück der Wasserpfeife, die er, wie fast alle anderen, vor sich stehen hatte, sinken.

Kamerad." sagte er langsam',lvas gibt es Neues in Bengal und Hindostan?"

Nihal Singh, der Tuffadar der Lanzenreiter, stand auf Wtd fragte:

Wie heißt Du, Naik?"

Ich bin Ali Topi von den 23. Sikh-Pionieren; ich bin der älteste Naik im Lager hier!" erwiderte der Alte würdevoll.

Der Sergeant sah sich vorsichtig um:

Sind wir gan- sicher?"

Ganz sicher, Kamerad! Nun sprich, was weißt Tu von d>r Heimat?"

Ter Bengal Reiter beugte sich vor u:ü> sagte halblaut:

Am Tage vor unserer Abfahrt kan: ein Mann zu mir und brachte mir eine Botschaft für Euch alle, Kameraden, im Fa- iing:la,ck)e!"

Was für eine Botschaft?" riesen die tiefen Stiunnen der Inder zugleich. Nihal Singh griff au seinen Turban, nahm mit rascher Hand das vielfach gewundene Tuch ab, UndeUe cs <uif und legte es flach auf ben Boden. Mit einem dumpfen Ruf sprangen bxe Soldaten auf und starrten aufgeregt auf das Tur- vantuch, aus dem ein kleines flaches Stück trockenes Brot lag.

Tas Chupatti!" ries jemand.

_ Nihal Singh mit heiserer Stimme,ich soll

Euch dieses Chnpatti-Brot bringen! Brüder aus Hindostan und Bengal, die Zeit ist gekommen!"

Ali Topi, der alte »veißbärtigc Sikh-Unteroffizier, legte dem Sprechenden rasch die Hand auf den Mund, dann sagte er:

/.Bier von uns müssen hinaus und vor dem Zelt wachen, damit kern Sah:b uns überrascht."

Lautlos ginge:: vier Inder zur Tür und verschwand«» im Dunkel. Ter Alte fuhr fort:

Tuffadar Nihal Singh, woher kommt dieses Brot?"

Ter Sergeant von de,: Bengal-Lanzenreitern lachte:

S ./Welche Frage. Ali? Es kommt von Delhi. Und heute acht lauft auch durch jedes Dorf Bengalens ein Bote mit den: hupatt:-Brot, :md in jedem Torf werden «nieder sechs neue Brote gebacken und weiter gesandt als geheimes Zeichen für dtzg Brüder;"

Der Alte lvinkte ben Kameraden, und alle sanken in ihre; Sitzstellnng niederhockend in die Knie. Ter Bengale nahm sei­nen Turban auf und «vand ihn sorafältig um d«t Kopf mit dein straffe:! schwarzen Haarknoten. Tie andern sah«: schweigend zu. Tan«: fragte etner:

Welche Botschaft sagt daS Chupatti?"

Nihal Singh beugte sich vor. Er kreuzte die Hände, als ob er beten wollte, seine schrvarzen Augen leuchteten ans, und er sagte leise und eindringlich: /

Tas Chupatti ist gebacke«: für die Söhne Bengals und Hin- dostans, für die Gläubigen des Propheten und für die Kinder des heiligen Stromes. Ter Rajah in Telhi, den Ihr alle kennt, läßt Euch seinen Gruß sagen. Das Volk der Fremden, das uns be­herrscht und bedrückt, ist in Gefahr, die Sahibs müssen in ihrem eigenen Lande känrpsen, der großer Kaiser von Frankistan und der Sulla«: der Türken sind ihre Feinde!"

Ter Sergeant »var aufgesprungen, seine Stimme klang rauh uird dringend, seine braunen Hände zitterten:

Durch mich. deu Brahminen Nihal Singh, soll Euch das Chupatti Botschaft bringen. Tas »veiße Volk ist in Not und holt nits aus der Heimat zu Hilfe. Wir sind stark und das Sahib-Volk ist schwach !

Das ist die Botschaft!" . . .

Der Bentzale sank zusammen u:ü> hockte sich im Kreise der Kameraden nieder. Schweigend starrten alle aus ihre Wasser­pfeifen, derer: dünne Schläuche »me kriechende Schlangen auf dem Boden lagen. Mi Topi, der Sikh-Unteroffizier. sprach zuerst:

Wir hören die Botschaft, doch wir sind nicht Mle. Laßt uns die andern holen!"

Mehrere Unterosffziere sprangen auf und eilten zur Tür üüu- aus, gleich daraus kehrten sie mit neuen Kaineraden zurück, und bald war tu den: niederen Raum eine Schar von Indern versammelt. Dicht Leib an Leib gerückt, standen sie an-die Zeltwand gedrängt, in duinpsen Wellen «vehte die Wärme der vielen Körper durch den Raum, und heiß klang«: die erregten Atenrzüge.

Ter Tuffadar Nihal Singh trat in die Mitte des Raumes und wieherholte seine Botschaft. Mle Augen starrten auf ihn, das heiße Schweigen durchglühte alle Gesichter, als er den Turban abnahm.' und das Eliupatti-Brot hervorholte. Tann brach ein Sturm vo«t Rusen und Fratzen aus, die Stimmen erhoben sich leidenschaftlich, bis Mi Top: Schweigen gebot. Er griff an seine Seite, «vo daS kurze breite Messer hing, und zerschnitt das Stück Brot in viele kleine Teile. Jeden der Inder rief er mit Namen und gab ihm ein Stückchen: dann beugten sich die beturbanten Köpfe wieder zusammen. Heiser flüsterten die aufgeregten Stimmen, und aus den kransbärtigen schwarten Gesichtern glühten leidenschaftlich und feindlich die Augen der Sprechenden.

Plötzlich zeigte ein Pfiff der Wachen vor dein Zellhaus die Morgenstunde an, und leise und einzeln schlichen die Soldaten zu ihren Ateilungen zurück.

*

Zwei Tage später »virbelten die Trouttneli: durch das Laaer der Inder. Tic Mannschaften rannt«: zu de«: Gewehren, um bem weichen tierartig einknickenden Trab der Halbwilden eilten GurtdaS vorbei, noch im Laus die breiten Lendenrieinerl zuschnallend, und rasch standen die indischen Regimenter, den: Mann gehorchend, marschbereit da. Hinter den Bäumen leuchtete ein frostartiaer fahler Winterhimmel, von der Straße her rasselten Geschütze und klangen Kommandoruse.

Tann ritt«: die englischen Führer heran. Die Eingeborenen- Ossiziere machten ihre Meldungen; ein kurzes Befehlswort, viel­fach «vetter-gegeben, tönte über den Platz, und die Regim«ltcr mar­schierten in Reih«: ab. Ter Kanonendonner, dessen Schall den ganzen Tag «vie eine dichte Decke zitternd über den: Lande gehangen hatte, imtrbe stärker. Man unterschied das Aufbrüllen der scywcren Geschütze und den Heller«: Knall der Feldkanon«:. Auf d«: Stras;cn trabten Wagen mit Verwundeten den Indern entgegen, Autos jag­ten vorüber, uiib einmal schoß ein PuLrouillenfahrer aus einem knatternden Motorrad wie ein Teufel blitzschnell mit schreiendem Warnuugssignal vorbei, daß die Kolmmeu erschreckt vur Seite fuhren.

Nun tauchte«: die erst«: Infantcriestellungen au:', Meldereiter galoppierten her, hielten die sc, witzend«: Pferde kurz an und jagte,^ zurück. Jetzt kanten die Befehle für die frischen Truppen. Zwei Re­gimenter gingen vor. In kurzem Trab, das Gewehr in der Hand, liefen die Inder rechts und lints u«u die Stellungen der Franzosen und Engländer und tauchten^:«: den breiten Waldsau«::, bessert ?lusläuse: sich dicht vor den Schützengräben hinzogen. M(aifct>inb fuhren die Kugeln der Deutschen in die Bäume oder pfiffen mit kurzem Rascheln durch das welke Laub, die Signalpfeifen der Off: ziere trillerten, und flach, «vie mit einem Ruck hingeworsen, lagen die Inder am Boden.

Ein englischer Adjutant kroch von hinten ans den Stellungen zu den Führern heran:

^Befehl des Generals! Die Eingeborenen-Truppen sollen sofort im Sturmangriff gegen die Deutschen Vorgehen, je «veiler vor, desto besser. Die englischen Regimenter rücken sofort als Reserve nach!"

« Neben dem Obersten der Sikh-Pioniere lag Ali Topi, der alte Unteroffiz,er. Er verstand sehr gut Englisch, wenn er es auch den Vorgesetzten gegenilber nie zugab. Sein Gesicht wurde finster. Er