Ausgabe 
6.2.1915
 
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aus die SchulterMensch, gehen Sie erst mal aus meine Kosten in eine Nervenheilanstalt, und tvenn Sie wieder normal sind, dann heiraten Sie die Tochter vom alten Kallwein. So ein einfaches Auskunftsmittel und das fallt Ihnen nicht von selber ein?"

Weil ich kein Mädchen heirate um ihres Geldes willen, ein Mädchen, das ich iiicfjt liebe, nicht lieben kann," sagte ich scharf.

Warum denn nicht?" fragte er und riß seine großen himmelblauen Augen erstaunt auf.Ein frisches Mädel von siebzehn Jahren - - und eine solche Mitgist, und das Groß- Runow und ein Schwiegervater, wie man ihn sich malen möchte. Und die tadellose Familie nicht daran zu tippell nach allen Richtungen hin und Sie können das.Mädchen nicht lieben!? Nun, Rehn, Sie tun mir lvirklich leid! Großer Himmel, lvaö ist nicht schon alles geheiratet wor den - ohne Liebe, ans allen möglichen Gründen, und die Geschichte ging meist öfter gut und seltener schief als die Heiraten, die mit einer Liebesgeschichte anfangen."

So redete er noch eine ganze Weile, lind ich sagte immer lveiüger und wurde immer stiller; ich hätte ihm doch nie begreiflich gemacht, lvie es tit mir aussah. Und wenn ich ihm gar von Tatiana gesprochen hätte! Ich glaube, er hätte mir ins Gesicht gelacht. Er war mir mit all seiner Liebenswürdigkeit und seinem nicht zu leugnenden Schneid nie sehr sympathisch. Er erinnerte zu sehr all den richtigen Konnnißlelltnant, manchmal nxit einem Stich in dieFlie­genden Blätter".

Endlich stand er aus.Na, wem nicht zu raten ist, dem ist nicht zll helfen," meinte er achselzuckend,und wenn es Ihnen so leicht wird, ben Rock auszuziehen und zu Fuß herumzubummeln, dann schassen Sie sich mal erst ein andres Zivil al«. Ich kann ja lvohl die Briefe da gleich in den Kasten stecken."

Ich nahm sie ihm fort und warf sie in die Schreib- lischlade.

Na, ich denke mich," meinte er lachend,Sie überlegen sich die Sache noch inal. Ich fahre morgeil nach Groß-Runow ouf einen Kapitalen und werde Ihnen .Schritt machen« für das Rernleil."

Ich bin in Gros; Runow und habe die Msicht, ohne Nervensanatorium normal zu handeln und Lilli Kallwein zu heiraten. Mir bleibt eigentlich nichts ailderes übrig. Ich l-abe mich zll überwinden versucht, mir Brenckens Auffassung zll eigen zll machen, und es ist inir, hoffe ich, gelullgen.

Gros; Ruilolv. Wieder bin ich abgelenkt von meinem eigeneil Geschick durch das Schicksal andrer Menschen, die inir sehr nahe stehen. Betzingslöwen ist in San Remo nach schwerem, geduldig getragenem Leiden verschieden. Schon lange lvar er herzleidend gewesen: llachdem er ben Dienst quittiert hatte, verschlimmerte sich das tapfer getragene Nebel bald, um verhältnismäßig rasch zum Ende zu führen. Noch kurz vor feinem Tode bekam ich einen Brief von ihm, worin er mich anredet:Mein lieber junger Freund." -h U nter viel Schönem und Freundlichem, was mich persönlich betrisst, schreibt er, daß er gewußt habe, er würde nicht so lange leben, um hindernd zwischen zlvei jungen Men­schen zll stehen, die sich wahrhaft lieben seine Frau Und Poncalet! Nur deshalb habe er damals das Opfer seiner Frau angenommen, weil er ein vollkommeues Glück, ein reines Glück für sie lvollte und dieses auf natürlichem Wege kommen sah. Er sei schon damals von der nur noch kurz, bemessenen Dauer seines Lebens überzeugt gewesen, und jetzt fühle er, daß es sich wohl nur noch um Tage handeln könne. Wenig Menschen, schreibt er. lväre lvohl ein so lchoner Tod vergönnt, daß sie sich sagen könnten: Mit einem einfachen Sterben hinterläßt dn denell, die bu lieb hast ei» Erbe des Glücks...Helfen Sie mir dazu, daß es auch )o geschieht," bittet er.

Und lvie damals, als anstatt der erwarteten Geliebte Poncalet kam. um inir seinen letzten Willen anzuvertrcmei verdank ulles eigene Weh vor dem Schicksal dieser dr, Menschen. Wo war Poncalet? Tot? Doch wohl, denn c war nicht der Mann, der mit solchem 'Wort und Entschln spaßte und vielleicht monatelang ans eine Gelegenheit wai tete. Ich hatte nichts mehr von ihm gehört. Ec war m niemand im Regiment sonst befreundet Ich wußte, daß e alng, mn zu sterben, und kann kaum an seinem Tode rwe sein. Aber immerhin war es möglich, daß er es vermiet unmittelbar au die Ausführung seines Entschlusses z

gehen. Wäre der Trennuug sein Tod aus dem Fuße gefolgt, lo «hätte dies den Verdacht, der edleu,Frau erregen und sie mn den Frieden bringen müssen, den er ihr geben lvollte.

Groß-Runow, Juli. Es ist Abend, ein klarer, friedvoller Samstagabend. Ich sitze am Fenster und schreibe. Die milde Luft voll Blnmeudüste, besonders der Rosen unter meinem Fenster, kommt ab und zu weich zu inir herein. Die hohen, fast schwarzen Tore drüben am Parkgitter stehen beinahe lvie drohend da in ihrer starren Unbeweglich keit, als müßten sie den Frieden dieses Hauses bewachen. Vor wem? Vor mir vielleicht? Um Gott nicht! Ich habe den festesten reinsten Willen, diesen Frieden bewahren zu helfen, meine äußersten Kräfte anzuspannen, die Tochter dieses Hanfes glücklich zu machen, ihre Wünsche zu erfüllen, ihr durch Güte, Geduld-and heitere Freundlichkeit zu er­setzen, lvas ich all Liebe Liebe, wie sie der Mann zum Weibe seiner Wahl fühlt, lvie ich sie gekannt und gefühlt habe, ihr nun doch einmal nicht geben kann. Ich will ein Studium daraus machen, und lvas oft der heißesten Liebe nicht gelingt, einer Frau ein friedvolles Eheglück zu geben, das wirb und muß der Dankbarkeit, dem Gefühl heiligster Verpflichtung getingen. Mzu schwer wird cs nicht sein. Sie selbst weiß ja, nmß ja doch wissen, daß mich'keine un- bezwingliche Leidenschaft zu ihr zieht.

Ich habe ihr nie dergleicyen geheuchelt. Sie will mich eben. Warum weiß ich nicht. Ich habe so gar nichts vom schönen Mann", vom verführerischen Ton Juan an mir, sonst doch so beliebte Eigenschaften sehr jungen Mädchen gegenüber. Mein Gesicht ist eigentlich ein Dutzenbgeslcht aus einer langen Reihe von Rehns. So ähnlich haben sie alle ansgesehen, schmale braune Gesichter, fast bartlos bis auf einen dunklen Flaum über den Lippen. Also nicht einmal die berühmte Maunesnerde, ein flotter Schnurrbart, ward mir von der Natur zuteil, wie überhaupt keinem Rehu. Ich habe auch nicht Poncalets stolzschöne Figur, bin nur sehr groß, ja, und sehr schlank, um nicht zu sagen knochig. Bären­horst bemerkte einmal, ich hätte etwas von einem englischen Vollblüter, aber schon trainiert, dicht vorm Start. Der Vergleich gefiel mir ganz gut. Aber daß das nun gerade aus so viel Verständnis bei der siebzehnjährigen Lilli Kall- wein stößt, begreife ich nicht. Und gerstrg, seelisch kann die Bezauberung auch nicht vor sich gegangen sein. Was ich allenfalls darin bieten kann, habe ich erst in unsrer kleinen Garnison durch Langweile, Einsamkeit, Mangel an Zer­streuungen gelernt und in freundschaftlichem Verkehr mit Poncalet und Gräfin Wanda, mir also eigentlich von an­dern Leuten angeeignet. Aber um es in der Unterhaltung mit der Kleinen anznwenden, habe ich weder Gelegenheit gehabt noch gesucht.

Ich werde morgen um das Fräulein von Kaltlvein bei ihrem Pater anhalten. Und mit der Hochzeit werde ich dann nicht lange warten. Es ist ja alles so einfach, so schreck­lich nüchtern für alle Beteiligten, daß man ruhig dev kür­zesten Wea zum Ziel einschlagen darf, ohne Befremden zu erregen. Das ist übrigens ein wahres Geschenk für mich, ich nehme es an, weil der sonst unausbleibliche Zusammen­bruch meines Lebens mich dazu drängt, wie so viele andere. Die Mädchen heiraten doch jo oft und so selbstverständlich lvie wir auch nur aus reellen Gründen. Und da sie nach absoluter Gleichheit mit uns Männern streben, kann die Initiative ja zur Abwechslung auch von ihnen ausgeheu. Es würde manchem ganz bequem sein, wenn er nur zu. warten braucht, bis ihn eine fragt: Willst du mich hei­raten ? Sehr oft liegt das Schwierige darin, daß der An­stoß vom Manne aixsgehen muß, daß er handeln und die Schisse hinter sich verbrennen mutz. Davon ist schon mancher kopfscheu gelvorden und hat hier gezögert und hat da ge­zögert, bis er den rechten Augenblick verpaßte.' Ich selbst kenne manchen, der vor lauter Bedenken und Ueberlegen und egoistisch pekuniären Aengslen nie zur Bewerbung kommt und von ganzem Herzen ja sagen würde, wenn ein nettes Mädel ihn einfach fragen würde. Daher plädiere ich für freies Wahlrecht der Frauen, wenigstens in dieser Be- - ziehung. Es ist heute eine große Ruhe und Sicherheit über mich gekommen. Ich habe keine Wahl und das ist viel­leicht gnt.

Morgen mit zwölf Uhr mittags werde ich um Lilli Kall­wern anhalten. Umform und Helm habe ich auf jeden Fall schon hergebracht. "

(Fortsetzung folgt.)