Saa Oarlidiks der Lrde.
Roman von Ada von Gersdorsf.
(d!achdrruk verboten.)
(Fortsetzung.)
ZWiel Lisch, „Eldorado", April. Heut früh besam ich die Nachricht aus Berlin von Justizrat Klinghammer, daß sich schon nach dem ersten Aufruf in den englischen Blättern der gewisse Edmund von Rehn als lebend und gesund gemeldet habe, in Tonking angesessen als wohlhabender Mann und Besitzer eines Teehauses, vulgo Opium- tneipe. Er habe zwei Berliner Anwälte mit seiner Vertretung betraut. Die Beweise, daß er der Gesuchte sei, würden vorgelegt werden...
Eben war der Groß-Rnrwwer hier. Nicht zum erstenmal. Er hat mich fast jedesnral ausgesucht, wenn er in Geschäften zur Stadt kam, und ich bin auch öfter draußen gewesen.
Ich sprach mit ihm über meine Erbschastöangclegenheit. Er schmieg eine lange Weile, am Fenster stehend.
„Wenn dieser Kerl wirklich mit dem Bruder Ihrer Darrte identisch ist, Rehn," klang es endlich von dorther, „dann stehen Sie vis-ä-vis de rien. Ihre Tante ist mir unverständlich. Wenn sie nicht die Beweise seines Todes hatte, na — ich will Sie nun endlich allein lassen. Sie wissen ja, wo ich zu finden bin. In Groß-Runow sind Sie jederzeit lviltkommen; beim alten Kaltwein finden Sie Rat und Tat. Aber erst mal mit sich selbst ins reine kommen — mit dem, was man so Schicksal nennt. Kopf hoch, Mann?"
Er gab mir die Hand und ging.
Ja. Ein Freund M Rat und Tat, ein väterlicher Freund, den ich stolz bin zu besitzen, stolz wie ich war auf Gräfin Waudas Freundschaft. Und dennoch — keine reine Freude dran? Ein bitter peinvolles Gefühl schiebt sich zwischen den Runower und rnich. Ich weiß von mehr als einer Seite, wie gern er nur mehr noch sein würde als väterlicher Freund, wie gern wirklich Vater. Er hat keinen Sohn und das soll oer Schmerz seines Lebens gewesen sein. Aber selbst wenn ich ihn verlieren müßte — ich kann nicht ihm zuliebe seine Tochter heiraten. Umgekehrt den Schwiegervater um der Frau willen in den Kauf nehme,!, ist kein so schweres Opfer, aber eine Frau wegen des Schwiegervaters heiraten — nein! Gewiß, nrir sitzt das Messer an der Kehle wie wenigen, und manche wurden nicht verstehen, daß ich nicht zngreife mit beiden Händen, aber ich kann mich nicht übertvinden, ich deute noch genau so wie an jenem Jagdtaae in Groß-Runow. Eben überlas ich wieder die Stelle in diesem Buch: „Es muß furchtbar sein, wenn einem das Messer derart an der Kehle sitzt, daß er in diesen sauren grünen Apfel beißen nmß." Ich kann mir von ihm, der sonst so klug und so vornehm von Gesinnung ist, nur das eine nickt recht denken, daß er nrir das Mädchen geben würde, wenn ich jetzt oder bald um sie anhtelte, rvo er sich doch sagen müßte, weshalb ich's täte! Mir hat'- Tante
Lalti noch kurz vor ihrem Tode, Gräfin Wietersberg aus dem Basarball, Poncalet, sogar Betzingslöwen ein mal aus einem unserer Ritte gesagt, der Baron habe sich ziemlicli unumwunden geäußert, daß ich ihnr als Schwiegersohn willkommen wäre. Man weiß ja schließlich nicht, wie alles kommt, und Poncalet meinte bei seinem letzten Besuch, man solle gerade, »vas verlieben und verloben betrifft, nie etwas verschrvören, denn eben da geschähe meistens das Gegenteil von dem, was man erwartet habe Tie große heiße Wunde meines Herzens ist noch so frisch, daß mir der Gedanke überhaupt an irgend eine Beziehung zu einer anderen Frau einen seelischen und physischen Widerwillen erregt.
Ich bin oft in Groß -Runow und fühle mich unbeschreib lich wohl dort, so vieles erinnert mich an mein liebes altes Elternhaus. Auch das war so friedlich, so ein bißchen alt- väterlich vornehm, so gemütlich. Selbst die Dienstleute, der alte Diener Lüttich und die freurrdlich rundliche Mamsell, erinnern mich an unsere Leute zu Hause. Ich würde gern, wenn hier alles geregelt ist, einige Wochen dort weilen^ um wieder zu mir selbst zu kommen: aber dgnn ist die Kleine wieder zurück. Jetzt ist sie nämlich nickt da, sondern in Berlin, zum Besuch bei einer verheirateten Eousine. Ich habe das dunkle Gefühl, daß sie da etwas dressiert) werden soll, ob indirekt für mich? Es tut mir zu leid um den Vater, daß ich ihm den Gefallen nicht tun kann. Ich fahre heute abend znm letztenrnal hinaus.
„Eldorado", April. Auf dein Tische liegt mein Abschiedsgesuch und ein Inserat fürs Kreisblatt, um Apollo zu verkaufen. —
Ta liegen die beiden Schreiben schon seit heute nacht und sind nicht abgeschickt, und jetzt ist's wieder Nacht. Mick hat's gepackt ... ich fühle jetzt, rvas es sagen will: Uniform ausziehen, Slpollo hergeben, heraus auö dem Beruf, der nrir der einzige tvar von klein auf — der einzige * Herunter vom Pferde! Zivil! Zu Fuß. Und tvas dann? Wohin? Zum .Hinsetzen und Ueberlegen habe ick nicht einmal Zeit. Geld borgen, um irgend etwas anzufangeu? Von wem? Wann wieder geben können? Der Baron Kallwein würde wohl Rat wissen . . . Gräfin Wanda auch. Tie sind aber beide ausgeschlossen, da kann ich nicht hingehen und sagen: Borgt nrir Geld und gebt mir Rat! Manche Dinge sind unmöglich. Ich grüble und denke und . . .
EÄen tvar BrenckenII hier, der jetzt Adjutant ist bei Rackwitz. Ich rvar dock anfangs etwas frappiert und verletzt, daß er meine Mitteilnug von dem endgültigen Abschluß meiner bisherigen Laufbahn so heiler gleichgültig anfnahm, bis er auf einmal die beiden adressierten Briefe liegen sah und danach griff. Dann faßte er, rnich mit einem Blick ansehend, alS hielte er rnich für nicht ganz normal: „Sie sind wohl krank, Rehn? Sie »vollen den Rock ausziehen? Born Pferd 'runter? — Sie!? Versicherungsagent, Wenireisender werden, Ztgarrenfritze an der Ecke bet Löser bc Wolfs! Meine Kundschaft'ist Ihnen sicher." Er lachte und schlug mir derb


