Ausgabe 
4.2.1915
 
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genommen. Waffen waren nicht Vorhände, der Mann stand, wie r !i ziemlich junge und nicht übel aussehende Bäuerin ver«-

ftcherte, im Felde. Außer ihr befanden sich nur noch ihre zwei ueinen Kinder im .Hause, der Knecht war cingezogen, die Magd davongelausen. Tie Frau war nicht gerade freundlich, aber doch gutwillig und gefällig. Sie schleppte herbei, was sie zu bieten vermochte Es war wenig genug, eine Schüssel Kartoffeln, eine Schale Milch, ein Stück geräucherten Speck mid Salz aber ou* ausgehungerten, total crscksöpften Männer betrachteten das schon als em Götteressen.

Während sie noch beim Essen saßen, kam ein Abgesandter des Offiziers. Mühldorf, der geläufig französisch sprach, sowie Flechscr, der seiner riesigen Körperkräfte wegen in der Schwadron berühmt war, sollten ihn auf einem Rekognoszierungsritt begleiten. Der Unteroffizier solle, falls er Bedenken hege, ein paar andere von den Leuten zu sich ms Haus berufen.

Kirsch war aber sehr müde und bereits am Tisch cingeschlum- mert. auch hielt er diese Vorsicht hier für überflüssig. Es waren ja kaum ein halbes Dutzend alte Männer im Dorfe zurückgeblieben. >lllc anderen Personen männlichen GescUechts lvaren reine Kinder.

Die Frau hatte ihn als den Vorgesetzten in der einzigen Stube cmquartiert, die hierfür geeignet schien; es war ihr und ihres ..lanncs eigenes Schlafgelaß, wie das große zweischläfrige Bett m der Ecke bezeugte. Kirsch unterwarf außerdem die Stube, bevor 55.NA Niederlegte, eurer eingehenden Untersuchung. Ter im ersten ^oMverr belegene Raum war nicht groß und enthielt außer dem Bett nur noch erneu alten, mit Kleidern vollgestopften Schrank, euren drerbemrgen Tisch und zwei hölzerne Stühle. Die einzige von innen verriegelbar. Das Fenster führte in den Vor hinab. per schrank stand an der denr Bett gegenüberliegenden Wand, der Unteroffizier durchforschte ihn genau, es war niemand dann »crftcrft Sogar unter das Bett blickte er, der Neine eiserne vfen konnte ebenfalls niemand verbergen. Kirsch warf seine Sachen und einen der ivtrihlc, seinen Mantel hänqtc er in der an einen Nagel, seinen Karabiner und

neben^da- Ie9tc c - c m Armesbercitschaft ans den Stuhl

«eben da» Bett. Dann wart er sich todmüde in die üppigen Federn.

Zum Verständnis des Folge,rden müssen wir die Situation durch ermge Angaben erläutern.- Das Schlafgemach des Unteroffi- jKf* Fenstern nach der Hausfront. Daneben befand

Äi^°^?"^^bcheu, ur dem die Frau selber mit den Kindern Jsä. gegenüber befand sich die Tür. auf der linken

dicht an der Wand ftand der Schrank, der zwischen sich uitb

«4rf2« d f2? l K emei1 ^aleu Raum ließ. Dort hing der Mantel Kirschs, der den eng.m Spalt fast ausfüllte. Das Bett stand denr Schranke gerade gegenüber an der anderen Seitenwand

wenigen Mmuten fest eingeschlafen. Zwar hatte WprfWM&Vf ^ ei !2 lia I ubei d,e Ereignisse der letzten Tage x zu geben. Er hatte grausige Bilder gesehen, wie sie sonst nur der Kamps zwischen Wilden und Barbaren zeitigt Wie blutdürstige Teufel hatten die belgischen Wallonen die Wchm Soldaten aus dem Hinterhalt überfallen, nicht nur ^^ ^londerri Frauen, sogar Wider hatten sich beteiligt. Zum Glück überwältigte rhu die Erschöpfung, die seine Gedanken schon verwirrte, bevor sie rhm recht zum Bewußtsein kamen.

.. f totenstille herrschte in der Stube, nur unterbrochen von den tiefen, regelmäßigen Atemzügen des Schläfers. Er hatte sich zeitig niedergelegt. Vom Kirchturm des Torfes schlug die alte, rostige Uhr ^?rer unangenehmen, heisernen Stimme erst zehn, dann elf Uhr Mletzt Mitternacht. So still wie in dem Stübchen war es auch im

Das war die rechte Zeit für den Traumgott. Unsichtbar, I^eunlich st,eg er herab, seine wundersamen Bilder über den müden Schläfer ausstreuend. gute und böse, freundliche und schreckliche durcheinaiider, wie s,e die Geisterhand den, nie sich erschöpfenden Füllhorn entnahm. Da zauberte das Bild der Heimat, dort das- lenige der Geliebten em verNärtes Lächeln auf die Lippen, dort ächzte und stöhnte der Träumer in gualooller Pein u,id rang und kaniptte mit chrchtbaren Schatten. Der Unterofsizier gehörte heute zu der letzteren Gruppe. Zu mächtig hatten die Eiiidrücke der letzten Tage aus ihn emgewirkt. Die Gestalt des armen Teufels ^/L vor chm auf. den er gestern erblickt; er trat ihm entgegen und streckte die blutüberströmten Arme nach ihm aus noch schlimmer- m nnem Augenblick »var er selber der Mann, ein Haufen toild- schreiender Männer und Werber drang aus ihn ein, ungestüm, tapfer setzte er sich zur Wehr; aber die Menge war zu groß .slck) überwältigt, zu Boden geworfen, Hände und Füße b'Ken sie ihm fest, auf seine Brust warfen sie sich, daß er zu ersticken drohte. Eine der Fünen zuckte den blitzenden Dolch über

Da wachte er ans, mühsam Atem holend, über und über in Schlveiß gebadet!

Es geht uns allen seltsam nach solchem Traum. Erst be­finden wir uns noch völlig im Bann der fiirchterlicheu Vision, langsam nur reifet sich der Geist aus der Verwirrung los. Dann entringt sich ein tiefer Atemzug der gequälten Brust: Gott sei

es ^war nur ein Traum! Aber lauge noch vermögen wir nullt abzuschütteln. Der Tapferste ftihlt eine unbestimmte furcht und zieht schaudernd die Decke über den Kopf

Unheimliche Nacht, unheimliche Situation! Auch wer sonst

u'Lt enipfindsam ist, glaubt doch Geräusche zu vernehmen. Vor­sichtig lüftet er das Ohr und lauscht.

So auch unser Unteroffizier.

Auch er glaubte ettvas zu hören aber die Aufregung ist eine trugenfche Vermittlerin.

Es war nur die Nachwirkung des schrecklichen Traumes, die ihn betörte... Vielleicht hörte er sein eigenes Blut in den Ohren rauschen ...

Nein, doch nicht! Das Geräusch war Wirklichkeit, und kam aus der Gegend, wo der große Schrank stand.

Nun war unser Unteroffizier kein Manu, der leicht Zitter- sedern auffteckte. Mit einem Ruck hob er den Kopf aus den rc( f* c das L)hr der Richtung entgegen und spannte seine Gehörnerven zu äußerster Tätigkeit, während seine scl>arfen Augen das valbdunkel des Raumes zu durchdringen versuchten. Aber das ungewisse Licht, das der Mond durch die Fenster warf, war nicht Klarheit zu verschaffen. Es füllte im Gegenteil oas Zimmer mit allerhand beweglichen Schatten und Gestalten.

u Aber das Geräusch glaubte er, wenn auch durch Pausen unter­brochen, deutlich zu vernehmen.

Sein erster Griff war nach denr Karabiner; erst als er diesen vand fühlte, glitt er, den letzten Rest von Erschlaffung und Schlaf runkenhett absckKttelud. leise und hastig aus dem Bett und schlüpfte in seine Beinkleider.

ni.ä ^'^uke war. zur Tür hinaus zu springen und

aus dem. Hcnrsc auf die Straße zu fliehen, um seine Kameraden zu

^ ba i tc . cr ouch schon getan, da hielt

ihn der Gedanke zurnck, daß doch vielleicht alles nur Einbildung Win chm sei, entstanden durch den grauenvollen Traum und die Erzahlun^n, die im Regiment herumgingen. und daß er möglicher­weise rm Begriff stehe, sich im höchsten Grade lächerlich zu machen.

b" Stube war niemand, das sta»rd fest. Auch den Schrank hatte er auf das sorgfältigste durchsucht, es hätte ihm keine Maus ""d das Geräusch- Befand sich nicht auf der ^0 der schrank stand, noch ein anderes Gelaß, und war es

tblcht denkbar, daß die dann schlaserrden Personen ihre An­wesenheit und vielleicht Schlaflosigkeit durch Geräusch kundgaben?

Venimtlich schlief dort die Frau mit den Kiudenl. Ein Kind üinnte krank geworden sein und die Mutter auf den knarrenden T-ielen hm und her gehen.

den Fußspitzen schlich der Unteroffizier an den Schrank heran und legte sem Ohr an die Tür. Eine Zeitlang blieb alles still, dann unterschied er deutlich wieder einen knarrenden Ton. Kein Zwersel, der Laut drcurg aus der anstoßenden Sttibe zu ihm, fast sckren es gar, als kanch er aus dem Innern des Schrankes; denn an der Wand neben dem Schranke selber lauschte, ward das Geräusch, als es wieder veruehnchar wurde, dumpfer und leiser, r a ^ ir '$ ,botte zum Glück die Schranktür, als er darin Nack>- wamng hielt, nicht wieder zugeischlossen. Sie war nur angelehnt So i^rmochte er sie unhörbar zu öffnen. Tami stellte er. immer m der Rechten, mir der linken Hand eine Lücke Klechem her. indem er solche rechts und links zur

>chob Ta traf plötzlich ern matter Lickftschimmer sein Auge Was bedeutet das? . » .

Der Unteroffizier war sich sofort über den Ursprung klar

drang durch einen ganz schmalen Spalt in drr Rückwand des Schrankes.

Wenn das aber, möglich war, so nmßte die Rückwand uir- Mittelbar Mit der anstoßenden Stube in Verbnrdimg stehen, in der das Licht doch allem brennen konnte. Ta nun nicht anzunehmen war, daß hier em Stück der Wand fehlte und der Schrank die Stelle derselben ersetzte, so verdeckte derselbe offenbar eine Tür, durch welche sem Schlamemach mit dem Nachbarrmim in Verbindung stand. Und diese Tür war geöffnet wordeii!

Zu ivelchem Zlveck? Das konnte kaum zsveifelhaft sein Der Laufckser erkannte deutlich, daß jemand an der Hinteren Lvand des Klei^rspiudes arbeitete, so sehr er sich auch bemühte, jedes Ge­räusch dabn zu vermeiden. Sogar leises Geftüster glaubte er nnmal zu vernehmen.

Ganz geunß hatte man cs auf einen Ucbcrfall abqeselsen Es war weder der erste, noch würde es der letzte sein. Die Schurken versuchten, geräuschlos die Bretter der Rückwand zu entfernen, um durch diese Oeffiiung zu ihm hereinzudringen. Sie hofften ihn natürlich m festem Schlaf zu finden, und das »oäre ohne den grausigen Traum auch sicher der Fall gesyeseu. Kirsch erftcute sich m der Regel eines gesunden Schlafes, und da morgen früh keme dienstlichen Rücksichten dem eutgcgeustanden, hätte er ohne das pemliche Alpdiücken ohne Zweifel bis in den lichten Morgen geschlaseu. '

Rasch trat er zurück, griff noch feinen Säbel aus und eilte auf den Zehen nach der Tür. Der Riegel ,var noch vorgeschoben, er zog ihn leise zurück. Trotzdein gelang es ihm nicht, zu öffnen

Die Halunken haben von außen zugeschlvssen." sagte er sich bestürzt. Jetzt blieb ihm nichts anderes übrig, als zum Fenster lünaus nach L)ilfe zu schreien. Ob man es freilich hören würdet Oder wenigstens rechtzeitig hören?

. Schon drehte seine Hand den Wirbel des einen Fensters, da durchftlhr den tapferen Deutschen plötzlich ein anderer Gedanke

Sobald er seine Stimme erschallen ließ, würden die meuchel- mordenschen Buben sicher die Flucht ergreifen dann entgingen