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schöne, tiefernste Stunden der Aussprache und des gegenseitigen Verstehens. Biel enger als früher haben sich unsere Herzen verbunden.... Sie war weicher, liebevoller, als es sonst in ihrer Art lag, und ich war reiser und ernster geworden. Wie es alten Leuten oft mit dem Nachwuchs ergeht, mochte sie sonst noch immer in dem Mann den kleinen ver wähnten Jungen wiedererkennen, was ihr etwas Ueberlege nes, Sarkastisches gab — dieser Zug war jetzt ganz aus ihrem Wesen verschwunden. Von unfern Toten haben wir viel ge sprochen. —
B erlitt, d e u 2 0. M ä r z. Wie ahnungslos legte ich, nachdem ich diesen Satz niedergeschrieben, das Buch beiseite! Wie frisch und helläugig blickte Tante Lalli mich an, und nichts, gar nichts schien die Möglichkeit anzudeuten, das; sie selbst nur allzubald zu den Toten gehören sollte, von denen wir uns zuletzt noch so viel zu erzählen wußten. Ich bin noch ganz betäubt, ganz fassungslos. . . . Wie ein Blitzstrahl aus heiterem Himmel schlug es ins Hans. Es gibt Menschen, die man sich gar nicht tot denken kann. Ich glaubte ganz deutlich Tantes Stimme, ihren Schritt im Nebenzimmer zu hören, als müsse sie durch die große Tür ihres Schlafzimmers in ihrem grauen weichen Seioentleide hereintreten, mit den runzligen, leicht geröteten Bäckchen, wie sie immer von ihrem Nachmittagsschläfchen so rosig angehaucht zum Kaffee erschien. In dem lleberraschenden, dem Plötzlichen zeigt sich der Tod in seiner ganzen entsetzlichen Tücke.
Heute früh zehn Uhr zwanzig Minuten ist meine liebe Tante Lalli, meine treue zweite Mutter, in meinen Armen gestorben Ein Schlaganfall.
Den 25. März. Ich habe sie zur letzten Ruhe geleitet llnd sitze nun allein, ganz vereinsamt in ihrer großen bunten Wohnstube, an ihrem alten Schreibtisch, den sie von ihrem Vater, meinem Großonkel, noch geerbt hat. Und ich will ihn mm selbst benutzen. Ihr Sterben war nicht leicht.... Was es ihr so erschwerte, schien der Wunsch zu sein, zu sprechen, mir noch etwas zu sagen. Nichts, nichts von ihren Blicken, ihren stummen Zeichen vermochte ich zu deuten. Auch jetzt beim Ordnen ihrer Schreibsachen habe ich nichts gesunden, was mich aus eine Spur ihres letzten dringenden Wunsches leiten könnte. Vielleicht ergibt es sich noch aus lhrem Testament. Justizrat Klinghammer hat sich gleich nach dein Begräbnis mit dem Ersuchen an mich gewendet, mich noch heute sprechen zu können. Das hätte doch wirklich Zert gehabt bis später. Ich bleibe ja hier, bis alles geordnet ist. Ich kann mir denke,!, daß sie eine Menge Legate und dergleichen bestunint hat. Freut mich, wenn andere Menschen auch etwas von ihren, Reichtum haben sollen, selbst wenn es viel ist. Für mich bleibt noch genug. Wie seltsam gleichgültig ich gegen den Gedanken bin, jetzt ein reicher Mann zu sein, „ein freier Mann, ein selbständiger Mann"! Gott se, dank, daß ich den Entschluß faßte, zu ihr zu reisen. Wre leicht^ hatte ich es ohne jede böse Msicht verschieben tonnen! Nur wenige Tage — und es war zu spät, für ewig zu spat. Tie alte Johanne, die mit ihr jung gelvesen und alt geworden ist, war ,norgens sieben Uhr aus dem Schlaf geklingelt worden. ' ’ 1
? ie r vl cf sofort, die schwere Erkrankung erkennend. Ms der Arzt kam, war alles vorüber.
Nun bin ich der letzte Rehn-Trach.
Wenn ich hier mit der Erbschaftsregulierung fertig bin, gedenke ich Betzingslöwens aufznsnchen. Sie sind in San Remo horte ich Ihr soll es gut gehen — gesundheitlich. Mer be, dem Oberst hat sich irgend ein organisches Leiden eingestellt. Eine schlechte Farbe hatte er immer
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Der Justizrat war bei mir. Ob ich Tante Lallis Testament gesunden hätte, war seine erste Frage. Ans dem Gericht sei kems deponiert. Wir haben daraufhin den Schreibtisch be« alten Sekretär in ihrer Schlafstube, Kassetten, Truhen 1 fj?k® er .öt/ was Papiere enthalten konnte, durchsucht, doch nichts gefunden. Wir ließen sogar einen Fach- mann rufen, der den Schreibtisch und den Sekretär ans Ge- yermfacher und doppelte Böden untersuchte, aber keine Spur eines letzten Willens, eines Testamentes fand sich.
Der ^ustizrat nahm die Sache sehr ernst, meu, ia u a P Ade nicht so wichtig, ob ein Testa-
dackup m J! K?*uV ie ' Überhaupt kems gemacht*hat. Sie nnh LÄr hatte ja noch Zeit, sie war so kerngesund
die Rehnschen Frauen sind sonst alle uralt geworden," d?? wÄ.?^^bount vom suchen und wehmütig bewegt durch die vielen Erinnerungen au ineiue lieben guten Eltern, auf
die w,r dabei gestoßen waren. „Tantes Dienstleute und- einige ihrer Bekannten hier werde ich in ihrem Sinne schon bedenken. Es tut mir nur herzlich leid, daß ich nickst lveiß, lvein sie sonst etlva, vielleicht wohltätigen Anstalten, etwas zuwenden wollte. Aber ich glaube selbst, sie hat eben kein Testament geniacht, weil sie sich nicht dazu entschließen konnte. Ihr Universalerbe bin ich ja doch."
„Sind Sie dessen ganz sicher?" fragte der Justizrat nach einer Pause.
„Unbedingt," sagte ich überrascht. „Wie kommen Sie auf diese Frage, Herr Justizrat?"
„Ihre verstorbene Tante hatte einen Bruder — Edmund von Rehn."
„Der vor dreißig Jahren ins Ausland ging ilnd von dein sich meine Tante losgesagt hat."
„Gestorben ist er aber nicht?"
„Nein. Im Gegenteil. Ich habe vor einigen Wochen sogar ein Lebenszeichen von ihm gehabt."
Die alte Johanna, die als Bertrauensperson zugegen war, fiel mir bestätigend ins Wort, daß auch die Tante vor kurzem von ihin gehört, sogar eineii Brief von ihm erhalten habe. „Damals sprach sie sehr ernsthaft vom Testamentmachen," fügte Johanna hinzu.
Ich konnte mir denken warum. „Die überraschende Gewißheit, daß der Totgeglaubte noch am Leben sei," saats ich, „mochte ihr eine dringende Mahnung gelvesen sein, mir die Erbschaft testamentarisch zu sichern und alle Ansprüche des unwürdigen Bruders ausznschließen. Nun sind mir ihre verzweifelten Anstrengungen, mir in ihren letzteil Augenblicken noch etwas zu sagen, nicht mehr rätselhaft, wenn ich annehme, daß es zu jener Vorsichtsmaßregel, durch die sie mich hat schützen wollen, nicht gekommen ist."
"2a," sagte der Justizrat mit gefurchter Stirn, „dann ist ev sehr fraglich, ob Sie überhailpt als Erbe in Betracht kommen können. Ich habe zu Ihrer Tante nur rein geschäftliche Beziehungen gehabt, dabei handelte es sich um die Anlage ihrer Kapitalien und so weiter, aber nie um Testa- rnentsangelegenheitett. Ihr energischer Charakter und ihre praktische Ausfassung in allen geschäftlichen Fragen ließen mich vermuten, daß eine letztwillige Verfügung über ihre Hinterlassenschaft gesetzlich festgelegt sei. Es kommt aber durckiaus nicht so selten vor, wie man allgemein glaubt, daß Personen, die rm Leben sehr weitschauend und fürsorglich waren, aber eines plötzlichen Todes starben, zum Erstaunen der Hinterbliebenen kein Testament gemacht haben "
Wir sprachen noch längere Zeit hierüber. Ich erinnerte mich an viele kleine Züge von Tante Lalli, die mich mehr und mehr darauf brachten, daß sie wirklich kein Testament gemacht, vielleicht es immer wieder ausgeschoben habe im Gefühl ihrer Gesundheit und Frische. Die natürliche Scheu vieler alten Leute, wenn sie ein gewisses Alter überschritten haben, nicht gern an den Tod zu denken, hatte sie in be- deutendem Maße geteilt. Trotz allem vernünftigen Ernst ihres Wesens, war sie auch iiicht ganz frei von Aberglauben gewesen. Der Justizrat meinte znstimmend.- es gäbe m dem Gefüge jedes Charakters, auch des festesten, irgend- ivie eme Lucke ivo er gleichsam sich selbst uiitreu wurde, und es wäre oft auf die schlaue Erforschung solcher Lücken zu schieben, wenn zuweilen ganz minderwertige Menschen einen überlegenen Charakter an einem Fädchen zu lenke,t verstanden haben.
(Fortsetzung folgt.)
Lin Traum.
Skizze von F r i e d r i ch T h i e m e
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Ile.ne belgische, Dürschen cm, als eine Abteilung deutscher Husaren gleich crner Windsbraut daherfegte imb im Nu davon Besitz ergriff Die Trnppe ivar »,cht zahlreich, aber das Dorf war von seinen Bewohnern ,ast verlasle», und Feinde standen sicherem Erk „de ÄÄ" 1 ^»brluhcr Whe, Gatt cs-doch auch nur. bis zum nächsten Morgen hier zu rasten und aul das Regiment zu warten, das nur wenige Sttmden entfernt lag. Alle Vorsichtsmaßregeln welche schmerzliche Erfahrung in diesem Lande des tückischen Verrats unseren Soldaten gelehrt, wurden getroffen. Der Führer
deö «L Se x* n ™V a " M , C f - eil L c Mannschaften in alle Sä„R P' ?»V>" ,cn b \, Waffen abzusordern und vor allen Dingen »ach den Männern Umschau zu halte». Erst dann bezogen die Leute ihre Quartiere. ;
Unteroffizier Gottwald Kirsch hatte mii zwei anderen Feldgrauen, dem Reservisten Mühldors und seinem Burschen Flechser, m einem nicht nmmsehnlicheii Bonernhänschen
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