Ausgabe 
4.2.1915
 
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Bas Paradies der Lrdr.

Ronmn von Ada von G e r s d o r f f.

(Nachdruck verbaten.)

(Fortsetzung.)

Ich stand am Fenster in meiner dunklen Stube und starrte ans die dunkle Gasse hinaus. Ter Wind spielte mit dem alten Schilde drüben, daß es klang wie fernes Hämmern, als würde irgendwo etwas zugenagelt. Die verbogene Laterne an der Ecke lies; den Wind ein, der die sich 1 vehrende Flamme Niederdrücken wollte, und ein roter Streifen zitterte auf dem Teppich in meiner Stube, auf Balers und Kaiser Friedrichs Bild und auf den blanken Pistolentäufen an der Wand über dem Sofa...

Ich stellte mich davor. Da streifte etwas meine Hand und siel zu Boden. Ah der graue Brief. Mechanisch zündete ich ein Streichholz an und besah die Adresse miß dem geschäftlichen Aufdruck. Aber die Handschrift das mußte die ihrige sein. Ich riß das Kuvert ans. Es war eine Zeile... ich las sie bei dem verlöschenden Flammchen des Streichholzes:Vergib mir und vergiß mich. Es kann nicht sein. Es war ein Traum... ein Traum im Paradiese. Ter­tiana."

Ich ließ das Blatt zur Erde fallen.

Sekundenlang stand ich starr aufgereckt mit geballten Händen und ungehaltenem Atem, als sei dieser rasende Schmerz ein wildes Tier, das mir die Pranken in die Brust geschlagen hatte dann stürzte ich taumelnd lang über das Sofa und wühlte, inein Gesicht in die Kissen, bis alles sich löste und eine dumpfe schwere Müdigkeit über mich kam.

Februar. Vier Wochen sind vergangen. Ich tue Frontdienst. BrenckenII ist Adjutant bei dem neuen Kom- mandenr. Für mich lvar das auch kein Dienst, viel Stuben sitzen. Ich reite meine Pferde und andrer Leute Pferde je tückischer und schwieriger, je lieber. Der neue Komman­deur ist unverheiratet, Streber sehr gut angeschrieben oben Brencken, der von Natur faul ist, stöhut.» Ich habe, au Tante Lalli nicht geschrieben. Sie hat nur auch nicht ge­schrieben. Am Ersten kam die Zulage von ihrem Banklnrnse direkt, ohne Begleitschreiben von ihr, was sonst immer dabei war, mit Ermahnungen, Ratschlägen und so weiter.

Ja, es ist ans! Ich lveiß glicht, ob ich ein schlappeg Kerl bin, dein es an Kraft und Schneidigkeit fehlt, um fest- zuhalten, lvas er besaß, das liebste Frauenherz, das er sich im Sturm genommen unb gewonnen, mit oder ohne Recht. Oder ob er es nicht sesthalten will. Vielleicht beides, gleich unbegreiflich für manch andern. Aber ich verzichte ans so eine Art Hindernisrennen mit dem da in Posen, den; Doktor, dem freien, selbständigen Mann", den sie vor mir, kurz vor mir geliebt... ltub geküßt... Ah ekelhaft? Mir steig b es bis an die. Lippen und würgt mich im Hals ich muß den Kragen anfretßen itnb stürze im Zimmer umher und werfe mich auf hie (Häule immer einen nach dem andern

ohne Panse und rase durchs Gelände. Hilst nicht immer das Reiten. Manchmal wird's noch schlimmer, wenn das Blut wie toll durch alle Adern schießt. Müde wird man wohl, aber ruhig nicht. Und das ist furchtbar! Wenn man halb totgehetzt ins Bett fällt und der müde Körper liegt da wie ein Stein und nun geht's los im Geist, im Gemüt ein wahrer Hexensabbat.... Schreien könnt' ich manchmal! Wenn ich sie hier hätte... hier in Zwielitsch in meinen Ar­men! Gott gnade ihr! IhrTraum im Paradiese" könnte ein furchtbares Ende nehmen! Und dann eine von den blanken koketten Dingern da von der Wand reißen und die. liebe Seele hat Ruh' imParadiese". Aber Hinfahrt» zu dem Doktor:Hier! Sie oder ich * der Ueberlebende ist der Sieger?" Rein, diese Rolle liegt mir nicht. Wenn sie ge­schrieben hätte:Komm zu mir, ich gehöre dir? Rette mich vor dem andern?" Sie hätte nicht vergebens gerufen? Aber nichts als dieses erbärmliche:Agien. Es war' zu schön ge­wesen, es hat nicht sollen sein. Ich nehme meinen Doktor das ist sicherer, reeller!" Nein, für mich ist von solch einer Frau nichts mehr zu wollen! Ich muß an meinen lieben, teuren Kommandeur denken, an jenen furchtbaren Morgen, wo er von dem Recht auf ein geliebtes Weib sprach, das man sich mit bewassneter Hand zurücknimmt, und an das stolze Lächeln, mit dem er sagte:Ich verzichte."

«Ich auch! Aber in ganz andern: Sinne?

Ich habe meine Wohnung gekündigt. Das Gegenüber ging über meine Nerven. Ich bin zunächst insEldorado" gezogen. In meinem Stall sind Ratten und fressen meinen Pferden das Futter weg, da begreift jeder, daß ich so plötzlich losgehe

Zwielitsch. den 2. März. Zum zweitenmal nur das kalte (öcld, kein Wort dabei von Tante Lalli? Sie ist ja ebenso steisnackig nnd stolz ivie ich. Aber sie ist alt und ich bin iung, und ich habe ihr so viel zu danken alles,, was mein Leben bis jetzt schon und leben Elvert machte. Es ist doch eine große Sache um eine kluge und vornehme Frau da mag man kommen in Freud' oder Leid... man findet ein Echo aus das, was man meint. Ich habe Urlaub genoinmen aus vierzehn Tage nach Berlin. Ich bin wirklich ruhiger. Und der Ortswechsel wird nur auch gut tun, überhaupt Berlin. In meinem alten Regiment will ich auch gern mal ivieder verkehren. Ich reise l-ente abend. Meine Pferde sind bei Meier gut aufgehoben. Und Brencken II., unser bester Reiter im Regiment, will Apollo in spezielle Sbhut nehmen und bewegen. Soll mir Postkarten schicken. Ich habe ihm alle adressiert, er braucht bloß zu schreibet-:Pferde gesund." Hoffentlich nichts andres!

Berlin, den 1b. März. Tante Lalli und ich sind versöhnt!jJch freue mich so von Herzen, daß ich hergekommen bin nnd ihr alles, alles erzählt habe. Und welche nage- wohnte Wohltat für mich war das Aussprechen'.

Das einzige Herz, was mir auf Erden so treu gehört, zu versöhnen, ist mir leicht und ganz gelungen. Es waren